1. Juli 2016 40. Jubiläum der Kulturpolitischen Gesellschaft

Grußwort des Staatsrats Dr. Carsten Brosda

40. Jubiläum der Kulturpolitischen Gesellschaft

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Scheytt, 
sehr geehrter Herr Schwencke,
liebe Mitglieder des Vorstands, 
sehr geehrter Herr Wendt,
meine sehr verehrten Damen und Herren, 

die 70er Jahre haben so einiges hervorgebracht, 
an Esprit:    „Anarchie ist machbar, Herr Nachbar!“, 
an Imperativen:   „No Atomstrom in my Wohnhome!”, 
und eine Forderung, die Ihnen allen bekannt sein wird:  „Kultur für Alle!“ . 

Hilmar Hoffmann spielte damit auf die Notwendigkeit einer Kulturpolitik an, die breiten Schichten der Gesellschaft den Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht – sowohl inhaltlich als auch finanziell. So war diese Forderung nicht nur ein Satz, sondern ein Ansatz, den Sinn von Kultur neu zu denken: Kultur als Mittel und Zweck, als Mittel zum Zweck; Kultur, zugänglich für alle, inhaltlich und finanziell. 

Um diese Forderung in die Tat um zu setzen, wurde am 11. Januar 1976 in Hamburg die Kulturpolitische Gesellschaft gegründet; als Ideenschmiede  einer Reihe engagierter Kulturpolitiker, mit Olaf Schwencke als Gründungspräsidenten.

Es lohnt ein genauerer Blick auf diese Gründungszeit, die der unsrigen heute zumindest auf den zweiten Blick weniger fern ist, als man zunächst meinen mag. „Kultur für alle“ bedeutete nämlich mehr als die – schon für sich genommen sinnvolle – soziokulturell begründete Öffnung ehemals elitärer Angebote für weitere breite Schichten der Bevölkerung.

Angesichts der damaligen Debatten über die Systemfunktionalisierung komplexer Gesellschaften und über die immer drängenderen Legitimationsprobleme des Spätkapitalismus ging es immer auch um die ganz grundsätzlichen Möglichkeiten der Produktion gesellschaftlichen Sinns, mithin um die Gewährleistung jener kulturellen und sozialen Ressourcen, ohne die eine moderne, demokratische und soziale Gesellschaft nicht denkbar ist.

Kultur ist eben immer auch das, was wir voraussetzen müssen, ohne es voraussetzen zu können. Neben der wirtschaftlichen Gewährleistung materieller Ressourcen und der politischen Produktion von allgemeinverbindlichen Entscheidungen braucht es eben auch das alltägliche Ringen um Kohäsion und Kohärenz, um Zusammenhalt und Zusammenhang, unseres Alltags. Das ist gerade keine harmonische Veranstaltung, sondern bedarf unabdingbar auch künstlerischer Interventionen und Irritation, die uns immer wieder zwingen, uns zu begründen und zu hinterfragen.

Es überrascht daher nicht, dass die Debatte über Kultur für alle und in der Folge die Gründung der Kulturpolitischen Gesellschaft im Schatten der ersten Weltwirtschaftskrisen stattfand – mithin in Zeiten, in denen schon einmal von Grenzen des Wachstums und vom Ende des Kapitalismus die Rede war und in denen die Integrationskraft politischer und wirtschaftlicher Institutionen an ihre Grenzen kam.

Die Analogien zur heutigen Situation sind frappierend: Wir müssen uns mindestens seit dem Ende des letzten Jahrzehnts fragen, ob die westliche Prosperitätskonstellation des 20. Jahrhunderts klammheimlich an Stabilität verloren hat und wir ein neues Fundament benötigen: die weltweite Finanzkrise, die europäische Währungs- und Schuldenkrise, die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten, die Flüchtlingsströme nach Europa und nun die Destabilisierung der Europäischen Union nach dem Brexit sind nur einige der Rahmenbedingungen, in denen wir den Zusammenhalt unserer offenen Gesellschaft sichern müssen. Ohne eine besondere Sensibilität für die lebensweltlichen und damit die kulturellen Ressourcen wird das kaum gelingen. 

Wer die vielen Projekte sieht, die derzeit neu entstehen, der bekommt eine Ahnung davon, welche Kraft in dem alten Schlachtruf „Kultur für alle“ noch steckt. Nach dem Ende eines falsch, weil einseitig ökonomisch verkürzten Liberalismus verbirgt sich hier die unbändige Kraft einer Gesellschaft auf der Suche nach neuem solidarischen Sinn. Wir leben ins spannenden Zeiten – und ich werde das Gefühl nicht los, dass in den damals Anfang der 1980er Jahre abgerissenen Diskursen der 1970er Jahre viel ungehobenes Potenzial liegt, dessen Wiederbesichtigung lohnen könnte. Aber dafür bräuchte es einen anderen Anlass und deutlich mehr Zeit, als wir jetzt und hier alle miteinander haben.

Meine Damen und Herren,

heute wollen wir vor allem feiern und die Kulturpolitische Gesellschaft hochleben lassen.

Zwölf Regionalgruppen und rund 1.500 Mitglieder aus der ganzen Bundesrepublik haben wichtige Prozesse ins Laufen gebracht und Vieles bewegt, das uns heute als selbstverständlich erscheint, tatsächlich aber Ergebnisse langer Jahre gemeinsamer Arbeit ist.

Die KuPoGe hat es geschafft, einen verbindenden Platz zwischen Staat, Institutionen und Künstlerinnen und Künstlern einzunehmen. Dass Olaf Schwencke in den 80er Jahren Mitglied im Europäischen Parlament war, kam hinzu und sehr gelegen und brachte viele Diskurse mit europäischen Impulsen auf die nationale Ebene. Ein essenzieller Punkt, der die KuPoGe auszeichnet: der Blick über den Tellerrand. 

Der „Creative Europe Desk Kultur“ und die „Kontaktstelle Deutschland Europa für Bürgerinnen und Bürger“ sind rechtlich an die KuPoGe angedockt und sitzen im gleichen Haus – das schafft sinnvolle Konvergenzen und schärft den Blick nach Europa, der gerade im Kulturbereich so wichtig ist: Wie sonst sollen wir zu einer europäischen Gemeinschaft wachsen, wie soll eine europäische Identität, eine europäische Öffentlichkeit entstehen, wenn nicht über kulturellen Austausch? 

Meine Damen und Herren,

die Verwirklichung des Programms Kultur für alle steht immer noch aus: Wir müssen bis heute feststellen, dass der Anteil derer, die regelmäßig kulturelle Angebote im engeren Sinne nutzen, sich nur marginal erhöht hat. Erst kürzlich hat Deutschlandradio Kultur einen Beitrag über die „Nicht-Besucher“ von Kulturveranstaltungen gesendet (18.6.2016; Thomas Renz im Gespräch mit Ute Welty), demzufolge „etwa 50% der deutschen Bevölkerung […] überhaupt niemals eine öffentlich geförderte Kulturveranstaltung wir Theater, Museen oder Konzerthäuser“ besucht. Nun darf man Kultur keinesfalls auf diese Einrichtungen verengen, aber es sollte uns nachdenklich stimmen, dass hier offensichtlich immer noch Barrieren existieren, von denen wir wissen, dass sie vor allem in Kindheit und Jugend gebaut oder geschliffen werden können.  

Das unmittelbare Anliegen der KuPoGe bleibt also nach wie vor brandaktuell: Teilhabe ermöglichen, kulturelle Bildung stärken, Vernetzungsarbeit leisten. Immer wieder aufs Neue diskutieren müssen wir, wie das am besten umgesetzt werden kann. Das muss jede Zeit und Generation für sich neu ausverhandeln und bestimmen.

Wir können das auf einem soliden Fundament tun:

  • Unsere Theater agieren bereits aktiv als Orte, in denen eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung erfolgt;
  • unser Erster Bürgermeister Olaf Scholz hat seine Grundsatzrede zur Flüchtlingspolitik im Thalia Theater gehalten; 
  • die Spielpläne der Häuser greifen aktuelle Themen auf: Fukushima, Integration, Globalisierung, Digitalisierung;
  • Theaterstücke werden englisch Untertitelt;
  • fast jedes großes Haus hat einen Bereich, in dem mit Jugendlichen und auch mit Flüchtlingen gearbeitet wird. 

Das sind nur einige wenige Beispiele aus den Theatern, was Kultur für alle heute gesellschaftspolitisch bedeuten und wie diese Programmatik mit Leben gefüllt werden kann.

Wir befinden uns an einem Punkt, an dem die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen einer, damals, neuartigen Kulturpolitik, heute, vor Umbrüchen und Modernisierungsaufgaben stehen:

  • Unsere Gesellschaft wird immer bunter: In Hamburg hatte vor zwei Jahren bereits jeder zweite junge Mensch einen Migrationshintergrund (Statistikamt Nord, 2014). Das heißt natürlich, dass etwas auf die Spielpläne oder in die Museen muss, das unsere kulturell immer vielfältigere Bevölkerung auch in zehn, zwanzig Jahren noch interessiert – sonst drohen die Besucherzahlen drastisch zurückzugehen, und zwar nicht aus Desinteresse an Kunst und Kultur, sondern aus dem Abriss der Relevanz klassischer Formen in neuen Kontexten. 
  • Die Digitalisierung verändert Kommunikation und Öffentlichkeit. Die Politik ist derzeit noch ein großes Stück davon entfernt, bei diesen schnellen Entwicklungen mitzuhalten. Das gilt für unsere eigenen Angebote genauso wie für die Rahmenbedingungen, die wir gestalten. Und natürlich müssen auch Kultureinrichtungen sich Gedanken machen, wie Angebote für eine Gesellschaft aussehen, in der jeder jederzeit und „always on“ ist. Wir erleben fundamentale Umbrüche, die wir verarbeiten müssen. Ich bin gleichzeitig Staatsrat für Medien und Digitales in Hamburg und kann Ihnen zumindest versichern – wir arbeiten dran! 
  • Unsere Gesellschaft wird älter: Im Zuge des demographischen Wandels ist es ebenfalls sinnvoll, Stadtentwicklung und Kultur verstärkt zusammenzudenken. Hier liegt eine schöne Herausforderung, der wir uns mit Blick auf die Landflucht und die vielen Menschen, die in die große Stadt kommen, um ihr Glück zu machen, verstärkt annehmen sollten. Wir brauchen nämlich keine Angst vor der Attraktivität unserer Stadt haben, wie es in der vergangenen Woche in der Zeit hieß, sondern sollten uns freuen, dass wir mit Problemen des Wachstums, des Aufbruchs und der Hoffnung zu tun haben. Kultur ist hier im Übrigen wieder kein weicher Faktor des Standortmarketings nach dem Motto: Baut Konzerthäuser, damit Manager abends irgendwo schick ausgehen können, sondern es berührt eine Stadtgesellschaft und ihre Kultur im Kern, wenn so viele zu uns kommen, die ihr Leben verbessern wollen. Diese Kraft, die gerade in den Viertel zu finden ist, auf die wir nicht als erstes zeigen, wenn wir die Attraktivität unserer Stadt beschreiben wollen, ist etwas ganz besonderes. 

Eine sich so dynamisch wandelnde Gesellschaft stellt natürlich auch die Kultur und ihre Einrichtungen vor Herausforderungen. Angesichts des Konsolidierungskurses im Lichte der Schuldenbremse müssen wir dafür sorgen, dass die Einrichtungen auch betriebswirtschaftlich gut aufgestellt bleiben, um die Mittel zu haben, die wir für die Entwicklung kultureller Angebote unabdingbar brauchen. Sowohl in den staatlich geförderten als auch in den freien Projekten steckt eine kulturelle und künstlerische Kraft, die wir manches Mal ein wenig zu selbstverständlich nehmen und die wir dringend schützen, bewahren und bestärken müssen. Dazu müssen wir auch Spielräume schaffen, um Neues, Gewagtes, Experimentelles zu fördern und die produktive Irritation des Gewohnten wieder etwas wahrscheinlicher zu machen.

Eng damit verknüpft ist die Frage nach den erreichten und erreichbaren Zielgruppen dieser Angebote. Auch sie sind schließlich ein Maßstab der Sinnhaftigkeit unseres Tuns. Wenn nur wenige eine Kultur für alle nutzen, dann begeben wir uns zumindest in einen Widerspruch, der nicht immer leicht auszuhalten ist. Auch deshalb haben wir beispielsweise immer gesagt, dass die Elbphilharmonie ein Haus für alle sein muss und unternehmen derzeit viele Anstrengung, genau diese Öffnung mit besonderen Angeboten wie den Konzerten für Hamburg, einem breiten pädagogischen Angebot und vielen anderen guten Ideen zu ermöglichen.

All diese Themen werden auch auf Ihrem Symposium diese Wochenende angesprochen. Ich bin gespannt auf die Antworten, die Sie erarbeiten werden…  

Meine Damen und Herren, 
dass heute auch noch die Eröffnung der altonale ansteht, passt aus zweierlei Gründen gut zum heutigen Jubiläum der KuPoGe: Die altonale ist das Hamburger Fest der kulturellen Teilhabe:

  • Ein Straßenfest, mit Hinterhof-Theater gespielt von Anwohnern.
  • Ein Festival, das Kreativität ernst nimmt und Raum gibt, in dem verschiedene Kulturkreise miteinander feiern.

Diese Nähe tut gut.

Im Altonaer Rathaus feiern wir überdies auch, weil der ehemalige Vize-Präsident der KuPoGe, Walter Seeler, der Sanierungsbeauftrage von Hamburg Altona war. Also gibt es schon seit 40 Jahren Verbindungen der KuPoGe ins Altonaer Rathaus. Herr Seeler hatte damals auch die Verbindung zu Horst Dietrich hergestellt, dem verstorbenen Geschäftsführer der FABRIK, dem bundesweit bekannten soziokulturellen Zentrum, aus dem sich später wiederum die MOTTE abgespalten hat, aus der die Idee der altonale geboren ist – so schließt sich der Kreis wieder… 

An dieser Stelle ist möchte ich die MOTTE unbedingt erwähnen, die mit Michael Wendt und Team dieses Wochenende maßgeblich gestaltet und organisiert hat. Auch sie feiert hier ihr 40. Jubiläum. Im Namen des Hamburger Senats darf ich herzlich gratulieren!
 
KuPoGe und Motte verbindet im Rahmen des Jubiläums die Rolle, als Pioniere im damals neu erschlossenen Feld der Soziokultur neues, kulturpolitisches Terrain sondiert zu haben. Für die konkrete stadtteilkulturelle Arbeit der Motte heißt das, in einem Spannungsfeld von aktiver Nachbarschaft, künstlerisch-kultureller Projekt- und Bildungsarbeit bis hin zu überregionalen Netzwerken und internationalen Austauschprojekten zu arbeiten.

Stadtteilkultur ist ein Möglichkeitsraum für Initiativgruppen aus dem Stadtteil, Künstlerinnen und Künstler und eine Vielzahl von – auch internationalen – Partnern aus Kultur-, Bildungs- und Sozialeinrichtungen, der ebenfalls immer wieder neu definiert und mit kreativen Impulsen ausgestaltet werden muss. Nutzen Sie die Gelegenheit, Details zur konkreten Arbeit der Motte im Rahmen des Fachaustausches der nächsten Tage kennenzulernen.

Sie merken, liebe Gäste, es macht es mich schlussendlich schon ein wenig stolz, dass wir die Gründung der Kulturpolitischen Gesellschaft in Hamburg feiern dürfen. Und so bleibt mir noch, mich bei der Kulturpolitischen Gesellschaft für ihre bisherige Arbeit zu danken. Für ihre weitreichende Vernetzungsarbeit, für ihre Durchsetzungskraft und vor allem dafür, dass Sie damals in den 1970er Jahren den Satz Helmut Schmidts – „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ – gnadenlos ignoriert haben. Ganz im Gegenteil, Sie haben sich an die Arbeit gemacht, Ihre Visionen umgesetzt und stetig neue entwickelt.
Und letztlich hat ja auch Helmut Schmidt zugegeben, dass es sich bei diesem beinahe zu Tode zitierten Bonmot lediglich um eine patzige Antwort auf eine dumme Frage gehandelt habe.

In diese Gefahr kommen Sie in den kommenden Tagen nicht. Die Kulturpolitische Gesellschaft und ihre Mitglieder stellen kluge und notwendige Fragen. Und wir alle sind gefordert, gemeinsam Antworten zu geben. Kultur für alle ist nämlich nicht nur ein Versprechen von Teilhabe, sondern appelliert auch an die eigene Verantwortung dafür am Haben und am Sagen teilhaben zu wollen.
 
In diesem Sinne wünsche ich alles Gute, ein erfolgreiches Wochenende mit einer anregenden altonale und ganz nebenbei auch noch viele neue Vereinsmitglieder aus Hamburg!   

Schönen Dank. 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

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