15. Februar 2018 Symposium der Körber-Stiftung “The Art of Music Education” 

Keynote des Senators Dr. Carsten Brosda: »Gesellschaftlicher Zusammenhalt als Ziel von Kulturpolitik?«

Symposium der Körber-Stiftung “The Art of Music Education” 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Kunstproduktion (und zwar aller künstlerischen Sparten) entsteht immer auch durch den Kontakt und den Austausch mit anderen Kulturen. Schon immer haben sich Künstler nicht nur den ganz ureigenen Traditionen und Ideen verschrieben, sondern sich von anderen Kulturen und anderen Ästhetiken zu Neuem inspirieren lassen. Denken Sie zum Beispiel an die Italiensehnsucht deutscher Künstler im 19. Jahrhundert (kein Geringerer als Goethe ist darunter zu finden). Oder an den Einfluss japanischer Kunst auf den Impressionismus. Oder an die künstlerische Entdeckung Afrikas durch Pablo Picasso, der in seiner Malerei Anregungen aus der afrikanischen Skulptur aufnahm. 

Und was wären Debussy oder Messiaen ohne die indonesische Gamelanmusik? Was der Jazz ohne die afrikanische Musik? 

Aber das, was in der Kunst durch die Jahrhunderte hindurch immer schon praktiziert wurde, scheint uns im Alltag oft schwerer zu fallen: zu akzeptieren, dass Kultur nichts Statisches ist, sondern etwas sehr Veränderliches. Anknüpfend an immer dünner werdende Traditionslinien entsteht sie täglich neu.

Hamburg hat mit seiner langen Tradition als Hafenstadt ganz gute Voraussetzungen, mit dieser Dynamik umzugehen. Die Stadt versteht sich als „Tor zur Welt“, als Tor, das von den Menschen in beide Richtungen passiert werden kann. In der Hamburger Tradition liegt somit ein besonderes Geschenk, das uns seit je her besonders dafür prädestiniert, Verschiedenheit gut leben zu können: Das Heimatgefühl der Hamburger geht traditionell mit einem der Zukunft zugewandten kosmopolitischen Geist einher. Unser hanseatisches Selbstverständnis ist ohne Weltoffenheit nicht denkbar. Das ist ein starkes Fundament, um die Herausforderungen unserer Zeit anzugehen – in einer bunten Gesellschaft, in Europa und in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt.

Denn es ist schon längst keine Selbstverständlichkeit mehr, kulturelle Gewissheiten aus regionalen Traditionen zu ziehen. Vielmehr müssen moderne, offene und vielfältige Gesellschaften die Bedingungen ihres Gelingens immer aus sich selbst heraus schaffen und gewährleisten. Sie müssen sich – einem rationalen Münchhausen gleich – am eigenen Schopf emporziehen. Es gehört zu den großen, immer wieder beschriebenen und diskutierten Paradoxien der Modernen, dass unser Streben nach Vernunft und vernünftigem Handeln genau das auch immer wieder möglich macht. Wir können es nur eben niemals voraussetzen. Es bleibt eine Sisyphos-Arbeit und wir tun gut daran, Camus zu folgen und sie jeden Tag aufs Neue frohen Mutes und vollen Herzens anzugehen.

Moderne Gesellschaften brauchen schließlich auch etwas Verbindendes, um auf dieser Grundlage jedem Einzelnen zu ermöglichen, ohne Angst verschieden zu sein. Sie brauchen einen Konsens darüber, wie sie friedlich mit ihren immanenten Konflikten umgehen. In dem Maße, in dem sich zunächst Schichten, dann Milieus und Habitusfragen und heutzutage letztlich persönliche Distinktionsstile ausdifferenzieren, wird die Gewährleistung dieser notwendigen Gemeinsamkeiten komplexer. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum heutzutage wieder vermehrt in Richtung Kultur geschaut wird.

Die empirische Lage jedenfalls ist eindrücklich: Die Körber-Stiftung hat jüngst mit dem infas-Institut eine Studie zur Diversität der Hamburger Stadtteile vorgelegt – und kommt zu dem Schluss, dass Hamburg das vielfältigste aller deutschen Bundesländer ist. Hamburg rangiert damit noch vor Bremen an zweiter und Berlin an dritter Stelle. 

In Hamburger Grundschulen hat schon jetzt jedes zweite Kind einen sogenannten Migrationshintergrund. Tendenz weiter steigend. Und dabei ist dieser vielzitierte Migrationshintergrund nur eine Dimension der Diversität, die in der Studie zugrunde gelegt wird. Daneben gilt es auch auf Alter, Kaufkraft, Religion, Parteipräferenzen und vieles weitere zu schauen. Ganz zu schweigen von den immer weiter auseinanderdriftenden Lebensästhetiken, zwischen denen heute selbst bei ähnlichen soziokulturellen Merkmalen Welten liegen können.

Die infas-Studie nimmt etliche dieser Kriterien mit auf und weitet so den Blick auf vieles von dem, was uns unterscheidet. Also auch auf das, was gesellschaftlichen Zündstoff bieten kann und manchem - unberechtigter Weise - Sorge bereitet.

Meine Damen und Herren, 

die Frage, die mir heute mit dem Titel des Vortrags („Gesellschaftlicher Zusammenhalt als Ziel von Kulturpolitik“) gestellt wurde, lautet also zugespitzt eigentlich: Was kann Kultur dazu beitragen, diesen potenziellen gesellschaftlichen Sprengstoff zu entschärfen?

Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten: Sollen Kultur und Kunst diese Aufgabe wirklich übernehmen und die „Feuerwehr“ in gesellschaftlichen Krisen- und Konfliktsituationen spielen? Können Sie das überhaupt?

Ich denke, dass wir mit einer solchen funktionalistischen Erwartung die Kunst nicht nur überfrachten, sondern ihr damit auch einen Bärendienst erweisen. Nicht umsonst steht in unserem Grundgesetz Artikel 5 Absatz 3:

„Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“

Das heißt nicht, dass Kultur und Kunst vollkommen losgelöst von gesellschaftlichen Realitäten agieren. Und es gibt viele Künstlerinnen und Künstler, die aus Eigeninitiative und intrinsisch hoch motiviert Projekte initiieren, die sich an der Schnittstelle zum Sozialen bewegen. Das gilt es durchaus zu unterstützen. Aber wir dürfen das nicht erwarten. Kunst darf nicht zu einem Instrument werden, das externen Zwecken dienen soll. Wir sollten auch Förderbedingungen keinesfalls ausschließlich daran knüpfen, dass Kunstprojekte einen direkten, nachvollziehbaren Nutzen vorweisen können. Wir müssen Kunst und Kultur an sich fördern und nicht für irgendetwas.

Denn Kunst stiftet ganz aus sich selbst heraus Sinn. Allzu oft aber ist irreführender Weise die Rede von der Kultur als „Kitt der Gesellschaft“. Hier liegt ein folgenschweres Missverständnis vor, das umso gravierendere Auswirkungen hat, je weitreichender ein ästhetischer und ein sozialer oder gar anthropologischer Kulturbegriff durcheinander gehen. Kulturelle Angebote können nämlich nicht kitten, was andere Mechanismen auseinander getrieben oder zerbrochen haben. Sie können lediglich auf die Bruchkanten hinweisen und dazu auffordern, an ihnen zu arbeiten. So verstehe ich jedenfalls das jüngste, sehr lesenswerte Plädoyer des Kritikers Terry Eagleton, der vollkommen berechtigt vor dem Hang zur übermäßigen Kulturalisierung sozialer Konfliktformationen warnt. 

Was Kunst und Kultur leisten können, ist jene mimetische Inspiration und Irritation, die Themen anstößt und uns miteinander ins Gespräch bringen kann. Oftmals entstehen genau diese Erlebnisse aus der Bearbeitung jener Diversität, die sie dann wiederum dialektisch zusammenhalten können. Die multidiverse Stadtgesellschaft kann insofern je nach Blickwinkel immer entweder als Herausforderung oder als Chance für die Kultur einer Stadt oder als beides gleichermaßen verstanden werden. Vor allem aber ist sie eine Realität. 

Meine Damen und Herren,

ich will keinen Hehl daraus machen, dass ich den 2017 von der Initiative kulturelle Integration vorgelegten “15 Thesen zu kultureller Integration und Zusammenhalt“ in einem Aspekt jedenfalls uneingeschränkt zustimme: „Kulturelle Vielfalt ist eine Stärke“!

Ich muss allerdings gestehen, dass ich mich mit dem Begriff der Integration in diesem Kontext ein wenig schwer tue. Ich möchte ihn nicht im Rahmen einer Wertedebatte lediglich als „die Aufnahme von Immigranten in ein bestehendes, aber nicht statisches, Kultur-, Arbeits- und Sozialgefüge“ enggeführt verstehen, wie der Geschäftsführer des Kulturrats Olaf Zimmermann schreibt.


Den Anstoß für die Formulierung der 15 Thesen des Kulturrates war ja der Umstand, dass Thomas de Maizière den unseligen Begriff der „Leitkultur“ wieder einmal aufwärmen wollte und damit Kurs nahm auf ein recht statisches Kulturverständnis, das der Diversität und Dynamik unserer Gesellschaft ein eher kanonisches und traditionelles Verständnis entgegenzusetzen versuchte. 

Wir kommen nicht nur kulturpolitisch in sehr kabbeliges Wasser, wenn Integration zu einer vorrangig kulturellen Aufgabe stilisiert wird und klandestin kulturelle Assimilation der Neuen angestrebt wird, statt beherzt den Diskurs über die Entwicklung von etwas gemeinsamen Neuen zu suchen. Denn natürlich ist es sinnvoll, nach Antworten darauf zu suchen, wie wir unsere Gesellschaft zusammenhalten. Allerdings gelingt uns das nicht, wenn wir von der Idee der einen, genuinen, unverrückbaren Kultur ausgehen, deren Teil „die anderen“ werden müssen. Kulturelle Integration bedeutet schließlich nicht, dass Teile der Gesellschaft mit ihren je kulturellen Eigenheiten einfach „geschluckt“ werden. 

Es wird also künftig noch stärker darum gehen, das was uns unsere Gesellschaft ausmacht und zusammenhält, im täglichen Miteinander beständig neu zu erschaffen – erst recht in einer Stadtgesellschaft, die so vielfältig und bunt ist wie in Hamburg. Dazu gehört es, gemeinsame Werte und Normen zu identifizieren, die allgemeine Gültigkeit haben. Aber in allen weiteren kulturellen Überformungen sollten wir uns von der Vorstellung eines Ordnungsmusters oder kanonischen Definition dessen lösen, was Kultur ist oder sein soll und auch, wie sie zu vermitteln ist. Kurz: Wenn Vielfalt schlichte Realität ist, dann ist es sinnvoll, sie innerhalb eines gemeinsam verabredeten Rahmens auch zu leben.

Die Grundvoraussetzungen, dass diese Vielfalt Einzug in das tägliche Handeln nehmen kann, sind:

· der wertschätzende Umgang mit der Vielfalt 

· das Aushalten von Unterschieden, und das ist ja manchmal keine leichte Aufgabe

· sowie die Bereitschaft, zur Begegnung und zur Auseinandersetzung.

Politik kann und muss dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen dafür stimmen. Dass jeder ein Dach über dem Kopf hat, dass niemand Armut leiden muss, dass jedem Bildung zu Teil wird, dass Teilhabe durch Arbeit möglich ist – diese sozialen Errungenschaften legen das Fundament gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Die Kultur und damit auch die Kulturpolitik schürft an anderer Stelle noch ein klein wenig tiefer und fragt auch nach dem Zusammenhang des Ganzen, mithin nach dem wertbezogenen Sinn und seinen strukturellen Konsequenzen für unserer Zusammenleben. Auch diese Fragen gewinnen an neuer Brisanz.

Die Soziologie beschreibt ja schon seit den 1970er Jahren spiralhafte gesellschaftliche Krisenverläufe, in denen sich aus ökonomischen Krisen zunächst politische, dann gesellschaftliche und schlussendlich kulturelle Krisen entwickeln können. 

Anschaulich hat Jürgen Habermas vor über 40 Jahren in dem Suhrkamp-Bändchen „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ dargestellt, wie sich Fragen nach dem Zusammenhang und dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft herunterfressen bis hin zu ganz grundlegenden Fragen nach dem kulturellen Sinn. Wenn das geschieht, dann erreicht der gesellschaftliche Diskurs jene Fragen, die immer schon im Zentrum der künstlerischen Beschäftigung und Auseinandersetzung standen und stehen. In bestimmten Bereichen erleben wir aktuell genau diesen Prozess. Und wenn kulturelle Fragen an Bedeutung gewinnen, dann werden natürlich auch kulturpolitische Akzente plötzlich ganz anders wahrgenommen.

In diesen Zeiten ein Haus der Kunst, die Elbphilharmonie, mitten in Hamburg, sozusagen an einem Akkupunkturpunkt der Stadt zu bauen – ist ein Statement, dessen Kraft wir nicht unterschätzen sollten. Es ist ein Statement, das die Kunst – und hier insbesondere die Musik – als das Symbol einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft feiert. Und ein Symbol, das Verantwortungsbereitschaft signalisiert.

Umso wichtiger war es uns, die Elbphilharmonie als ein „Haus für alle“ zu etablieren und es so mit einer ausdrücklichen Einladung zur Teilhabe zu verbinden. 4,8 Millionen Menschen auf der Plaza, 800.000 in den Konzerten, 60.000 in den Musikvermittlungsprogrammen – diese Zahlen zum ersten Geburtstag vor einem Monat zeigen, wie überwältigend das gelungen ist. Hinzukommen spezielle Programme wie die Babykonzerte in Stadtteilzentren, die Konzerte für Hamburg, das Mitmachensemble oder der Chor zur Welt, der aus dem Festival Salaam Syria heraus entstanden ist. 

Natürlich entsteht aus einer solchen Öffnung auch Reibung. Aber ich fand es großartig, dass ein Teil des Publikums offenbar mit den Regeln des klassischen Konzertbetriebs nicht vertraut war – und zwischen den Sätzen klatschte. Das zeigt doch, dass es gelungen ist, neue Milieus für klassische Musik zu begeistern. Manchen diesbezüglich naserümpfenden Kommentar fand ich ehrlicherweise reichlich borniert. In ihnen zeigte sich auf umgedrehte Weise jener Distinktionswahn unserer von Andreas Reckwitz anschaulich beschriebenen „Gesellschaft der Singularitäten“: Die bedrohte Möglichkeit zur Abgrenzung der in die kulturellen Codes wird verteidigt. 

Ein schwieriges Rückzugsgefecht, da wir uns doch eigentlich jenen öffnen müssten, deren soziales Kapital zum Aufbau eigener Reputation vermeintlich nicht ausreicht und die sich deshalb in den muffig warmen Schoß vermeintlich gesicherter Gruppengewissheiten flüchten, wie sie von Pegida oder AfD in kleiner Münze vertrieben werden. Hier liegt eine mindestens ebenso dringliche Aufgabe der Aufklärung und danach der Re-Integration in den freiheitlich-demokratischen Grundkonsens unserer Gesellschaft.

Kultur ist aus sich selbst heraus ein wichtiges Gegengift: Wenn wir Kultureinrichtungen als Orte der Begegnung verstehen, dann sind sie zwangsläufig auch Kristallisationspunkte von Unterschieden sein. Kulturelle Angebote schaffen Orte und Räume, in denen jenes spontane Aufeinanderzugehen und Miteinandersprechen möglich wird, das in unserer Gesellschaft eben nicht mehr selbstverständlich ist. Deshalb nehmen die Themen „Teilhabe“ und „Zugänglichkeit“ bei den Kulturinstitutionen einen großen Stellenwert ein. 

Natürlich ist das kein Selbstzweck, sondern zielt darauf ab, ein Publikum zu interessieren und damit Räume zu öffnen, in denen sich eine vielfältige Stadtgesellschaft nicht nur begegnen, sondern auch erkennen kann. Dabei wird zunehmend deutlich, dass zielgruppenspezifische Angebote zwar hilfreich, aber kein Allheilmittel sind. Wichtiger ist vielmehr das Schaffen von kulturellen Erlebnisräumen, die einen weiten gesellschaftlichen, ja gemeinwohlorientierten Anspruch formulieren. Denn durch kulturelle Begegnungsräume eröffnen wir Möglichkeiten die Sichtweisen anderer kennenzulernen. Dies ist – nach Hannah Arendt – die Voraussetzung dafür, die Anonymität zu verlassen, die ursprüngliche Fremdheit zu überwinden und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. 

Wenn die Vernunft heutzutage tatsächlich in der Vielheit ihrer Stimmen liegt, dann müssen wir diese Vielstimmigkeit zusammenbringen. Deshalb müssen sich Kultureinrichtungen systematisch bemühen, Schwellenängste abzubauen und Zugangsmöglichkeiten zu schaffen – und das eben auch ganz konkret im Sinne von Barrierefreiheit und bezahlbaren Ticketpreisen. Wenn heute gut die Hälfte aller Bürgerinnen und Bürger keine öffentlich geförderten Kulturangebote wahrnehmen, wie wir aus den Untersuchungen des so genannten audience flows wissen, dann haben wir hier alle ein Thema. Hier greifen Angebote wie das Hamburger Programm „inscene“, mit dem wir dabei helfen wollen, Kultureinrichtungen diverser oder mindestens diversitätssensibler zu organisieren.

Denn auch wenn ich in die Mitarbeiterschaft gucke – oder in diesen Saal – dann sehen wir, dass sich die kulturelle Landschaft unseres Landes aus wenigen Milieus heraus speist und auch wir noch vielfältiger werden müssen, um neues Publikum zu erreichen. Dass am Ohnsorg-Theater ab der nächsten Saison mit Murat Yeginer ein Oberspielleiter mit türkischen Wurzeln das Programm prägen wird, das sie um das plattdeutsche Erbe in unserer Stadt kümmert, ist ein schöner Beleg dafür, was alles gehen kann, wenn man will.

Meine Damen und Herren,

es sind diese Begegnungen in der Vielfalt, im Großen wie im Kleinen, die unsere Gesellschaft nicht nur offen und bunt, sondern auch lebenswert machen. Hier liegen Chancen auf neue Perspektiven. Denn schon Goethe wusste: „Man gewinnt immer, wenn man erfährt, was andere von uns denken.“ 

Kulturpolitik – und damit komme ich zum Kern des Themas zurück – hat vor diesem Hintergrund die Aufgabe, einen Beitrag zur Gestaltung des in vielerlei Hinsicht vielfältigen Lebens einer Stadt zu leisten. Und dazu gehört an erster Stelle zunächst die Förderung der Kunst. Denn: Kunst ist per se interkulturell, international, grenzüberschreitend und lebt davon, Verbindungen zu suchen und herzustellen. Ob sie dabei immer zwingend integrativ oder interkulturell sein will, sei mal dahingestellt. Aber ihre Wirkungen öffnen die entsprechenden Räume. Gerade die Musik kann in ihrer Übersprachlichkeit dabei ganz besonders helfen.

Wir begreifen es daher kulturpolitisch ganz explizit als unsere Aufgabe, unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen zu fördern. Und zwar sowohl mit Blick auf sogenannte „Minderheiten“ als auch in der Selbstvergewisserung der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, auch indem für Teilgesellschaften Räume für das „Eigene“ geschaffen werden, die dann mit anderen verbunden werden, indem der Austausch gefördert wird. Im September letzten Jahres wurde außerdem das umfangreiche fortgeschriebene „Hamburger Integrationskonzept 2017: Teilhabe, Interkulturelle Öffnung und Zusammenhalt“ vorgelegt. Eine besondere Aufgabe ist es hierbei, eine Verbindung zwischen unterschiedlichen ethnisch-nationalen Gruppen herzustellen, was besonders in Stadteil- und Quartiersprojekten, soziokulturelle Zentren und mittels Künstleraufenthaltsstipendien gelingt. Auch unsere Öffentlichen Bücherhallen leisten als Dritte Orte in den Quartieren wertvolle und nachhaltige kulturelle Begegnungs- und Bildungsarbeit.

Zahlreiche weitere Hamburger Kulturinstitutionen befassen sich in höchst unterschiedlichen Formaten mit den gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen, so auch die Elbphilharmonie. Im Laufe des Vormittags werden Sie noch davon erfahren. Die Hamburger Behörde für Kultur und Medien fördert viele dieser Institutionen und Projekte. Dahinter steht die Überzeugung, dass sich mit Kunst und Kultur sinnstiftende Fragen unseres Zusammenlebens in besonderem Maße bewegen lassen. 

Meine Damen und Herren, 

Kulturpolitik und auf Interkulturalität abzielende Kulturarbeit sind ohne Zweifel ein vitaler Teil unserer Strategie zur Mitgestaltung einer multidiversen Stadtgesellschaft.

Denn – und ich möchte mit einem Zitat aus dem Bürgerlied von Adalbert Harnisch von 1845 schließen: 

„Ob wir rote, gelbe Kragen,
Helme oder Hüte tragen,
Stiefel tragen oder Schuh,[…]
das tut nichts dazu. […]
was auch jeder von uns tu – […]
das tut was dazu.“

Schon das zeigt: Der vermeintliche Umweg über den kulturellen Zusammenhang stärkt auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es hat Sinn, Kultur zu fördern. Und wenn man keine Zweckerfüllung von ihr erwartet, kann sie erstaunliche Wirkungen in einer und für eine Gesellschaft entfalten.

Schönen Dank!

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien