25.02.2018 „Der Kanzler als Pianist“ – Musikalische Matinee zum 99. Geburtstag von Helmut Schmidt

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter Herr Lampson,
lieber Herrmann Rauhe,
sehr geehrter Herr Dr. Nevermann,
sehr geehrter Herr Herms,
sehr geehrter Herr Dr. Rexroth,
meine Damen und Herren,

Musik und Politik werden gemeinhin als zwei grundverschiedene, voneinander völlig unabhängige Sphären wahrgenommen. 

Auf der einen Seite das Schöne und Seelenvolle. 

Auf der anderen Seite Vernunft und Gesetz. 

Beides, sowohl die Musik als auch die Politik, geht selbstverständlich nicht in diesen Polen auf. Die Musik kennt zum Beispiel kompositorische Gesetze, und sie kann außerdem auch als schrill, nüchtern oder hässlich empfunden werden. Die Politik wiederum kennt beispielsweise auch die Empathie und den Drang, sich effektvoll und emotional in Szene zu setzen.

Zudem gibt es auch ganz konkrete Berührungspunkte und wechselseitige Durchdringungen von Musik und Politik. Die Wirkkraft der Musik wurde – im Positiven wie im Negativen – immer wieder von Staat und auch Kirche zur Vermittlung, Stärkung oder Durchsetzung ihrer Ziele eingesetzt. Und umgekehrt kann Musik auch Ausdruck von Ideen, Ideologien und Utopien sein. 

Wir haben zum Beispiel die Nationalhymnen – im Besonderen die französische Marseilleise als Sinnbild einer bürgerlichen Revolution. 

Wir haben Wagners Vision der „Götterdämmerung“, an der er im Revolutionsjahr 1848 zu arbeiten begann und in der die Grenzen zwischen „Theorie, Kunst und Agitation“ verschwimmen – und das, was die Nazis später daraus machten.

Wir haben Beethovens „Neunte“, dessen „Ode an die Freude“ seit 1972 die offizielle Hymne des Europarates ist und seit 1985 in der von Herbert von Karajan arrangierten Instrumentalversion die Hymne für die EU. Am 17. Februar 2008, am Tag der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, wurde die Europahymne als provisorische Nationalhymne gespielt. In Westdeutschland hatte man bereits in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg in Ermangelung einer offiziellen Nationalhymne zu offiziellen Anlässen die „Ode an die Freude“, also die spätere Europahymne, erklingen lassen. 

Auch beim G20-Gipfel im vergangenen Jahr gab es ein Konzert mit Beethovens Sinfonie. Heftig diskutiert in den Feuilletons, ob das angemessen sei, wenn im Publikum auch Staatsmänner wie Putin, Erdogan und Trump sitzen. Die ZEIT schrieb damals, man dürfe Beethovens „Neunte“ nicht solchen Autokraten zu Füßen werfen, „bloß weil sie festlich ist“. 

Aber wird das dem Werk, seiner Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte gerecht? 

Schauen wir zunächst auf den Komponisten selbst: Beethoven wollte mit dieser Symphonie im Jahr 1824 ein Zeichen gegen die Restauration setzen. Gleichzeitig widmete er das Werk aber dem preußischen König, der für diese Restauration ja mit verantwortlich war. Das Werk steht somit auch in der Tradition der Staatsmusiken – und ist zugleich voller Freiheits- und Revolutionspathos.

Dieser Widerspruch, der sich damals schon manifestierte, setzte sich in der Folgezeit fort: Stalin schätzte die Komposition als „richtige Musik für die Massen“ und Gerhard Hauptmann lobte sie als „göttlich tönende Kuppel über dem Tempel der Menschheit“.

Ich bin überzeugt vom zivilisierenden Geist großer Kunst und kann nichts Schlechtes daran finden, auch versierte politische Seelen diesem Genuss auszusetzen.

Die Idee dazu ist alt. Schon Platon mahnte in seiner Schrift über den idealen Staat, dass „Rhythmen und Töne am tiefsten in die Seele eindringen und sie am gewaltigsten erschüttern.“ Musik mache daher „bei richtiger Erziehung den Menschen gut, andernfalls schlecht“. Er plädierte deswegen auch für eine Kopplung der Musik an die Sprache. So könne noch mehr als ein unspezifisches Gefühl und somit die Befähigung der Menschen zu einem harmonischen Miteinander erreicht werden. 

Komponisten selbst nutzen das Medium, um gesellschaftliche oder politische Entwicklungen konkret zu kommentieren und zu kritisieren oder zu unterstützen und zu verbreiten. Das finden wir beispielsweise bei Guiseppe Verdi und der kritisch dargestellten „Ketzer“-Verbrennung“ im „Don Carlos“. Das finden wir auch in den Liedern von Bob Dylan, Joan Baez, Phil Ochs und vielen anderen aus den 1960er Jahren. Auch bei Wolf Biermann, der sich mit seinen Liedern gegen die DDR auflehnte, oder bei Hannes Wader und bei Franz Josef Degenhardt. Hier waren es jeweils die Texte, die der Politisierung dienten, aber auch die Musik an sich kann solche Wirkung haben.

Der Politiker Helmut Schmidt betonte bereits 1985 die Wichtigkeit der Musikerziehung für Kinder und Jugendliche. Als musizierender Staatsmann hielt er es mit dem von ihm so sehr verehrten Johann Sebastian Bach. Der sagte einst, die Musik diene der „Recreation des Gemüths“ und „wo dies nicht in Acht genommen ist, ist (es) keine recht eigentliche Musik."

Helmut Schmidt wusste um diese Wirkung und das ganz praktisch. Er spielte ausgezeichnet Klavier. Mit namhaften Musikern wie Christoph Eschenbach, Gerhard Opitz, Justus Frantz, Londoner Philharmoniker, Hamburger Philharmoniker nahm er verschiedene Schallplatten mit Werken von Mozart und Bach auf. Fast jeden Abend setzte er sich noch zu Hause ans Klavier und spielte. 

Als Bundesverteidigungsminister rief er die Big Band der Bundeswehr ins Leben. Der Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Hamburgischen Staatsoper Kent Nagano interviewte Helmut Schmidt für sein Buch. Und seine Plattensammlung umfasste 2.500 Schallplatten, die er noch zu Lebzeiten der „Hochschule für Musik und Theater“ vermachte. Herr Lampson hat sie eigenhändig mit seinen Kindern ins Auto geladen, nachdem sie mit Ehepaar Schmidt bei Kaffee und Kuchen über Musik, Gott und die Welt gesprochen hatten.

Aber war die Musik ein reines Privatvergnügen für Schmidt? Gab die Musik dem pflichtbewussten Politiker bloß die Rückzugsmöglichkeit und den mystischen Zauber, für die in einem Politikerleben wenig Platz ist? So mutmaßte die Süddeutsche Zeitung. Ich glaube ja nicht, dass das alles gewesen ist. 

Natürlich helfen die Schmidt‘schen Tugenden der Disziplin, Konzentration und Beharrlichkeit auch beim Musizieren. Hier kann der Musiker profitieren von dem, was in der Politik erlernt wurde. Aber die Parallelen gehen weiter.

Scherzhaft könnte man sagen, dass die Politik vielleicht so etwas wie die säkulare Variante der barocken Variationskunst ist, wie wir sie zum Beispiel in den von Schmidt hoch geschätzten Goldberg-Variationen von Bach finden. Denn als Politiker muss man ja seine Argumente auch unermüdlich wiederholen und immer wieder aufs Neue für seine Grundüberzeugungen und Ziele kämpfen. 

Politik machen ist in diesem Sinne eine ins Unendliche fortgesetzte Variation – mit Melodie- und Basslinien, wir finden Kanons und imitierende Polyphonie, Stilisierungen, Bravourstücke und Moll-Variationen, und manchmal finden wir uns plötzlich in einem Quodlibet wieder – also in einem mehrstimmigen, scherzhaften Gesangsstück aus verschiedenen gleichzeitig gesungenen Liedern.

Helmut Schmidt liebte insbesondere die Musik von Bach. Eine Musik, in der – so sagte Burkhard Reinartz im Deutschlandfunk – die Versöhnung von „geistlicher und weltlicher Dimension, von Instrumentalmusik und Gesang, lebhaftem Ausdruck und strenger Ordnung, kosmischer Weite und Präzision im Detail“ gelang.

Für Helmut Schmidt war die Politik mit ihrer Notwendigkeit zu Kompromissen kein Gegenentwurf zu dieser musikalischen Welt. Vielmehr findet er durchaus Strukturanalogien. Er sagte einmal über den Komponisten:

„Bach (…) war durchaus selbstbewusst. Gleichwohl hat er sich mit einer gewissen Demut in die Ordnung eingefügt. Er wollte nicht etwas kolossal Neues schaffen – trotzdem aber war seine Musik in einem Sinne progressiv, nämlich in die Zukunft weisend.“

Darin erkenne ich eine Ähnlichkeit zu Schmidts Auffassung über das Gelingen von Demokratie, deren Erfolge nicht in einem Ad hoc-Verfahren zu erringen sind. „Das Schneckentempo ist das normale Tempo jeder Demokratie“ – so lautet ein bekanntes Schmidt’sches Bonmot. Eines, das wir uns heute wieder ins Gedächtnis rufen müssen, wenn wir der grassierenden Demokratieverachtung entgegentreten wollen.

Helmut Schmidt war ein leidenschaftlicher Verfechter von Kompromissen. Demokratische Entscheidungen, wie zum Beispiel parlamentarische Gesetzgebung, werden in der Regel von einer Vielzahl von Personen gemeinsam getroffen. Ohne eine grundsätzliche Kompromissbereitschaft aller Beteiligten könnte kein Konsens erreicht werden. 

Innere wie auch auswärtige Politik lebt von notwendigen und sinnvollen Kompromissen, „um den Frieden zwischen den Staaten zu wahren“ (Schmidt). Für Schmidt hieß Kompromisse machen daher nicht „klein beigeben“. Ganz im Gegenteil war er der Grundüberzeugung, dass „Kompromisse machen“ heißt: Verantwortung zu übernehmen, abzuwägen, vorwärts zu gehen und das Leben der Menschen zu verbessern, wenn auch manchmal in kleinen Schritten. Dieser Politikstil der kleinen Schritte prägt bis heute Regierungen unterschiedlicher Couleur und unterschiedlicher Länder.

Er konnte sich enorm darüber echauffieren, dass ein Kompromiss meist automatisch dem Tatbestand „fauler Kompromiss“ zugerechnet wird, der ja reiner Opportunismus wäre. Schmidt trat daher immer wieder, auch in seinen Ansprachen, vehement dafür ein, dass das Prinzip des Kompromisses die Bedingung für das Prinzip der Demokratie ist. 

Der Erfolg seiner Politik gab ihm Recht.

Schmidt stand zeitlebens für diesen lebensklugen politischen Pragmatismus – gepaart mit einer Verantwortungsethik, die ihn zu einer moralischen Instanz weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus werden ließ. Politik sei „pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken“ hat er geschrieben, als sein an Karl Popper geschulter Pragmatismus als theorielos und wertfrei kritisiert wurde. Angefasst reagierte er mit einem selbst geschriebenen Aufsatz, der zum Manifest geriet. Mit Max Weber ließ er sich dabei insbesondere von drei Maximen leiten, die einen guten Politiker ausmachen: 

  1. Leidenschaft bzw. Engagement und Überzeugung für die Sache, 
  2. Vernunft statt Gesinnung: also die rationale Analyse und Abwägung der Dinge (bei Weber heißt es „Augenmaß“),
  3. und schlussendlich Verantwortungsbewusstsein – also das Gewissen als Instanz für die Richtigkeit des Handelns, nach Kant „das Bewusstsein eines inneren Gerichtshofes im Menschen“. 

Immer plädierte er dafür, die „real existierende Demokratie“ nicht zu einem reinen Ideal zu erheben – aber mit großer Zähigkeit an ihr festzuhalten und sie immer wieder zu erneuern.

Die Kraft zu dieser Zähigkeit holte sich Helmut Schmidt immer wieder auch in der Rekreation durch die Musik. Welche schöne Idee, diese Verbindung von Kunst und Politik im Leben eines herausragenden Staatsmannes in dieser Matinee zu feiern.

Vielen Dank.

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