21. Januar 2018 Lessingtage

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
liebe Seyran Ates,
sehr geehrter Herr Lux, 
sehr geehrter Herr Dündar, 
meine sehr verehrten Damen und Herren aus aller Welt, 

“The basis of our government being the opinion of the people, the very first object should be to keep that right; and were it left to me to decide whether we should have a government without newspapers, or newspapers without a government, I should not hesitate a moment to prefer the latter. But I should mean that every man should receive those papers and be capable of reading them.”

Diese Zeilen schrieb Thomas Jefferson im Januar 1787 und formulierte damit eine grundlegende Erkenntnis demokratischer Gesellschaften.
Ich zitiere sie nicht nur, weil wir derzeit einen US-Präsidenten haben, der sich offenbar die Abschaffung der Presse wünscht, Fake News Awards vergibt und seine Verlautbarungen als die Quelle unverfälschter Information betrachtet…

Und ich will damit angesichts der parallelen Debatten auf dem SPD-Parteitag auch nicht dafür plädieren, dass wir nicht auch eine Regierung bräuchten…

Wir brauchen aber auf jeden Fall öffentlich zugängliche Information und öffentliche Räume, darüber zu debattieren und das Gemeinsame auch gemeinsam und gemeinwohlorientiert zu regeln. Zeitungen und Theater sind zwei der herausragenden Orte, an denen sich eine solche Öffentlichkeit kristallisieren kann.

Dass der Journalist Can Dündar heute im Thalia Theater die Eröffnungsrede der diesjährigen Lessingtage sprechen wird, setzt ein deutliches, ein wichtiges Zeichen. Denn die Akteure und Institutionen einer vielfältigen und demokratischen Öffentlichkeit bedürfen unseres besonderen Schutzes.

Journalisten müssen sich in vielen Teilen der Welt gegen verschiedene, zum Teil massive, wenn nicht gar bedrohliche Angriffe verteidigen. Die Pressefreiheit ist weltweit so stark bedroht wie seit Langem nicht. Nur noch 13 Prozent der Weltbevölkerung haben dem Jahresbericht der NGO Freedom House ("Freedom of the Press 2016") zufolge Zugang zu freien, unabhängigen Medien.
Die Arbeitsbedingungen für Journalisten sind vielerorts zunehmend schlecht, in manchen Teilen der Welt sogar dramatisch. Sie werden bedroht, drangsaliert, eingeschüchtert, verfolgt und getötet.

Das braucht unsere deutliche Gegenwehr. Und es ist gut, dass in Hamburg – mit seiner langen Tradition der großen Presseverlage und einer Jahrhunderte zurückreichenden Tradition kommunikativer Freiheiten – der Kampf für die Pressefreiheit eine wachsende Bedeutung bekommt.

Hamburg ist immer wieder Ort großer Journalistentreffen – zuletzt der Kongress der IPI – International Press Institute in 2017. Ich denke außerdem an die Arbeit der Stiftung für politisch Verfolgte, die immer wieder gerade Journalisten und Künstlern hilft.
Und die Freie und Hansestadt Hamburg unterstützt unter anderem das gemeinnützige „Netzwerk Recherche“, das sich um Qualitätsjournalismus, Medienkultur und investigativen Journalismus bemüht. 
2016 verlieh das Netzwerk Recherche bei ihrem Jahrestreffen beim NDR in Hamburg Can Dündar den „Leuchtturm 2016“.

Mit seinen Auftritten und seinen Veröffentlichungen in deutschen Medien ist Dündar zu einer wichtigen Stimme auch im deutschen Diskurs zur Presse- und Meinungsfreiheit geworden. Can Dündar kann hier sprechen, während andere – vorerst – zum Schweigen gebracht wurden. Noch immer warten wir etwa auf die Freilassung des WELT-Korrespondenten Deniz Yücel aus türkischer Haft. Neben ihm sitzen nach Angaben der türkischen Oppositionspartei CHP 170 weitere Journalisten im Gefängnis – mehr als in jedem anderen Land.

Auch in europäischen Ländern gerät die freie Presse unter Druck – mal offen und unverhohlen, aber häufiger subtil und kaum öffentlich merkbar. Wir haben hier die Verantwortung, sehr genau hinzuschauen, wenn nötig die Einschränkungen der Pressefreiheit und die Bedrohung von Journalisten deutlich zu verurteilen und die betroffenen Journalisten zu unterstützen.

Denn was wäre die Demokratie ohne die Pressefreiheit? 
Man könnte die Presse- und Meinungsfreiheit vielleicht sogar als „Supergrundrecht“ bezeichnen, weil sie die Voraussetzung für viele andere Freiheiten ist, die unsere demokratischen Verfassungen garantieren sollen. Entsprechend sollten wir uns ihren Wert immer wieder vergegenwärtigen.

Die „Lessingtage“ sind in diesem Jahr all jenen Künstlerinnen und Künstlern und Intellektuellen gewidmet, die sich deutlich positionieren und damit ein großes persönliches Risiko auf sich nehmen, weil ihre Kunst und ihre Meinung sich keiner staatlichen Doktrin unterwerfen, sondern weil sie umgekehrt die Staatsmacht mit Argusaugen beobachten und Missstände immer wieder deutlich benennen. 

Sie liefern damit jene notwendige Inspiration und Irritation, an der sich gesellschaftliche Verständigungsprozesse entzünden können. 
Aber eigentlich dürfte es Ihren Mut gar nicht geben müssen. Eine freie und offene Gesellschaft hält Kritik und Widerspruch nicht nur aus, sondern lädt dazu ein, um besser zu werden.
Der Weg ist noch lang!

Meine Damen und Herren,

in einer freien und offenen Gesellschaft sind wir alle immer wieder aufgefordert, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Es ist ja ein grundlegendes Charakteristikum der Moderne, dass alles kontingent ist und in Zweifel gezogen werden kann. 

Es bedarf dann der Diskussion und einer neuerlichen Übereinkunft. Daher ist in unseren Gesellschaften nichts so wichtig, wie das gemeinsam miteinander Sprechen, mithin das gesellschaftliche Gespräch zur Zeit. In ihm werden jene unabdingbaren Voraussetzungen und jener notwendige Sinn geschaffen, den wir nicht mehr einfach als gegeben unterstellen können. Die damit verbundenen Anstrengungen und Risiken sind janusköpfig mit den immanenten Freiheiten verbunden, die wir in modernen, offenen Gesellschaften leben können. 

Journalisten können – wie auch Künstler – entscheidend zu solchen gesellschaftlichen Diskussionen beitragen. Das Risiko ihres Schaffens liegt in seiner Öffentlichkeit. Gerade journalistisches Schaffen ist auf Öffentlichkeit bezogen. Es veröffentlicht Dinge, die im Verborgenen bleiben sollen und ermöglicht so unseren rationalen Umgang damit. Journalismus entzieht Verschwörungstheorien den Boden und ist deshalb aus der Sicht mancher so gefährlich, dass sie ihn bekämpfen.

Der Journalist Can Dündar ist einer von diesen mutigen Menschen.
Der ehemalige Chefredakteur der (regierungskritischen) türkischen Tageszeitung Cumhuriyet wurde im Mai 2016 wegen des angeblichen Verrats von Staatsgeheimnissen verurteilt – es ging dabei insbesondere um einen Artikel über Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien.

Nach seiner Freilassung aus der Untersuchungshaft und der anschließenden Aufhebung seines Ausreiseverbots, ist er von seiner Europareise nicht in die Türkei zurückgekehrt und lebt nun seit über einem Jahr in Berlin im Exil. 

Er ist Mitgründer des Portals und gemeinnützigen Recherchezentrums „correctiv“, das sich für investigativen Journalismus einsetzt. Özgürüz heißt sein zweisprachiges Exilmagazin – das heißt übersetzt: Wir sind frei. 

Frei, aber heimatlos – dieses Schicksal hat immer wieder viele Künstler und Intellektuelle getroffen, Menschen, die sich nicht scheuten, die Wahrheit zu sagen. „Haymatloz“ - geschrieben mit ay und am Ende mit einem z – ist ein Wort, das Eingang in die türkische Sprache gefunden hat.

Der Grund dafür war eine große Fluchtbewegung zahlreicher verfolgter Intellektueller aus dem nationalsozialistischen Deutschland – unter anderem in die Türkei. Dieser Begriff wird nun wieder in die entgegengesetzte Richtung getragen, wenn türkische Journalisten bei uns in Deutschland Zuflucht suchen und finden.

Lieber Herr Dündar, ich freue mich sehr darüber, dass Sie heute hier sind und mit Ihrer Präsenz und Ihrer Stimme ein Zeichen setzen. 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

für das Theater ist die kritische Beschäftigung mit gesellschaftspolitischen Themen zunehmend eine wesentliche Schubkraft künstlerischer Produktion geworden. 

Das können wir hier bei den Lessingtagen in hoch konzentrierter Form erleben. Die Stücke fordern uns zum Nachdenken auf, zum Perspektivenwechsel und damit auch zur Empathie. Theater schafft Provokation statt Propaganda und verwehrt sich in seiner Vielfältigkeit und Multiperspektivität einem totalitären Blickwinkel. Das macht Theater so bedeutsam für unsere Demokratie. 

Das Autorentrio Per Leo, Max Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn schreibt in dem Buch „Mit Rechten reden“: 

„Wenn man die Literatur als das nimmt, was sie ist, bietet sie Mittel, die dem rationalen Diskurs nicht zur Verfügung stehen. (…) Das Literarische hat gegenüber dem Sachlichen den großen Vorzug, dass der Autor etwas zeigen kann, ohne es zu sagen. Und der Leser kann etwas erkennen, bestenfalls sogar sich selbst, ohne, dass etwas über ihn behauptet worden wäre.“

Was die Autoren hier als Stärke der Literatur herausheben, gilt ebenso für das Theater. Es hat die Möglichkeit, den Zuschauer mitzunehmen auf eine abenteuerliche Reise in verschiedene Identitäten und Ereignisse. Wir können uns im Theater identifizieren, uns distanzieren, von außen auf etwas drauf schauen oder uns etwas zu Herzen nehmen. Diese spielerische Erprobung von Welt und Weltwahrnehmung war und ist seit jeher eine der ganz großen Stärken des Theaters.

In Anlehnung an das Zitat von Leo, Steinbeis und Zorn kann das Theater also mit künstlerischen Mitteln sowohl auf staatliche als auch auf gesellschaftliche Missstände oder gar Repressionen aufmerksam machen. Theater muss dies nicht immer explizit tun. Es ist dem Medium inhärent, uns den Perspektivwechsel zu lehren. An den Zuschauer wird dabei eine Bedingung geknüpft und im Theater vorausgesetzt: wir müssen Hinschauen und Zuhören, sehr genau sogar. 
Im echten Leben müssen wir dann noch einen Schritt weiter gehen: Wir müssen uns einmischen. 

Ich möchte mich ausdrücklich bei Joachim Lux, dem Intendanten des Thalia Theaters und Festivalleiter, für dieses wertvolle Festival bedanken, sowie auch bei der Chefdramaturgin Julia Lochte, die es zusammen mit ihm kuratiert hat und beim ganzen Team des Theaters – Sie alle machen dieses Festival Jahr für Jahr mit großem Kraftaufwand möglich.

Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich, dass Sie heute hier sind – als konzentrierte, offene Zuschauerinnen und Zuschauer, Zuhörerinnen und Zuhörer eines Festivals, das für die Hamburger Theaterlandschaft und darüber hinaus als Verkörperung der Demokratie von elementarer Bedeutung ist. 

Danke. 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien