25. März 2018 50 Jahre Theater für Kinder

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Sehr geehrter Herr Deeken, 
sehr geehrte Frau Hass, 
Sehr geehrter Herr Adam, 
sehr geehrter Herr Dr. Hoffmann, 
sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

das Gebäude, in dem sich dieses Theater befindet, ist von 1876. Es hat kein Fundament, wurde auf Schotter gebaut und wird seit dem letzten Jahr liebevoll umgebaut und renoviert. Das kann man auch als eine Metapher für die Privattheater verstehen: ohne stabiles finanzielles Fundament und sie stehen trotzdem. Erst recht die für Kinder.

Am 19. Februar 1968 erteilte das Bezirksamt Altona eine Genehmigung dafür, „ein Kindertheater zur Veranstaltung von Singspielen, Gesangsvorführungen, deklamatorischen Vorträgen, theatralischen Vorstellungen sowie Schaustellungen von Personen zu betreiben.“ 
50 Jahre später versammeln wir uns hier, um diese Gründung und was seitdem auf den Weg gebracht wurde, gemeinsam zu feiern.

Geradezu erleichtert konstatierte der Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland Gerd Taube erst vor wenigen Jahren:
„Zu Beginn des zweiten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert (…) wurde aus dem Spezialtheater zunehmend der Normallfall. (…) Theater für junge Zuschauer ist ein anerkannter Teil der Theaterkultur in Deutschland geworden.“

Es war ein langer Weg bis dahin. Dass es gelungen ist, Theater für Kinder und Jugendliche im öffentlichen Bewusstsein sowie auch auf den Spielplänen als eine großartige Kunstform mit einem eigenen Repertoire und einer eigenen ästhetischen Formensprache zu etablieren – das verdanken wir auch solchen engagierten Pionieren wie Uwe Deeken einer ist.

Der fragte sich nämlich bereits im Jahr 1968, warum Kinder nur zur Vorweihnachtszeit ins Theater gehen können, wenn die Bühnen die Weihnachtsmärchen zeigen. So gründete er kurzentschlossen ein Theater ausschließlich für Kinder, als hier in der Max-Brauer-Allee das alte Kino seine Pforten schloss. 

Es war das erste privat geführte Theater in der Bundesrepublik Deutschland, das ganzjährig und ausschließlich Kindertheater zeigte. Und Uwe Deeken wurde – mit 26 Jahren und als Kameramann damals noch ganz ohne Theatererfahrung – zum jüngsten Theaterdirektor. Das ist eine wahrlich unerschrockene Pionierleistung.

Ich bin mir sicher, dass der eine oder andere Herrn Deeken damals allzu großen Übermut bescheinigte und nicht so recht an den Erfolg des Vorhabens glauben mochte. Aber davon ließ er sich nicht beirren. „Das kriege ich hin“ – war sein Motto. Und er hat es hingekriegt. Und zwar ziemlich gut.

Am 27. Februar 1968 ging der erste Vorhang hoch. Gezeigt wurde die Geschichte eines großen Idols aller Kinder: Pippi Langstrumpf. Auch die lässt sich ja nicht so schnell ins Bockshorn jagen, sondern macht sich die Welt, so wie es ihr gefällt. Wie passend also, das Theater mit diesem Stück zu eröffnen.
Mit großem Elan und großem Einsatz – persönlichem und auch monetären – haben Sie, lieber Herr Deeken, damals etwas auf den Weg gebracht, das auch die Entwicklung eines eigenständigen, professionellen Kindertheaters in Deutschland beförderte. Dessen Anfänge liegen in den späten 1960er Jahren. Und die Akteure grenzten sich bewusst zum damaligen Laientheater für Kinder und vom Theater für Erwachsene ab. 

Sie gründeten Ihr Theater also just zu einer Zeit, in der Aufbruchsstimmung in der Szene herrschte. Und die sich auf den Weg gemacht hatte, sich künstlerische Reputation zu erarbeiten. Da kamen Sie gerade richtig.

Hier im „Theater für Kinder“ wurden viele Stücke nach Werken von Astrid Lindgren, Christine Nöstlinger, Paul Maar, Michael Ende, Ottfried Preußler und James Krüss aus der Taufe gehoben. Herausragende, zeitgenössische Kinderbücher für die Bühne spielbar zu machen, ist zwar – soweit ich weiß – nicht Ihre Erfindung, lieber Herr Deeken. Aber an Ihrem Haus haben so viele spannende Uraufführungen stattgefunden, dass dies dennoch unbedingt erwähnt werden muss. 

Sie waren aber – so liest man in der Welt 2008 zum 40. Jubiläum – der erste, der hierzulande Kinderopern aufführte. Ein Genre, das es heute leider immer noch etwas schwer hat. Hier ist vielerorts noch Aufbau- und Überzeugungsarbeit nötig, wie die Stellvertretende Chefdramaturgin der Deutschen Oper Berlin, Dorothee Hartmann, vor nicht allzu langer Zeit betonte.

Ob Zauberflöte, Freischütz, Orpheus in der Unterwelt, oder Wagners Ring: In kindgerechten Bühnenfassungen werden auch anspruchsvolle Themen gezeigt. Immer gemäß dem Motto, dass auch ein Erwachsener zum Beispiel eine Samuel Beckett-Inszenierung nicht immer sofort und auch nicht immer alles versteht. Dieses Privileg der „inspirierenden Überforderung“, das das Theater auszeichnet, muss auch Kindern zugestanden werden. 

Kinder werden hier als Publikum ernst genommen. 
Und zwar nicht als das Publikum von morgen, sondern als das Publikum von heute. 

Mit der Gründung der „Hamburger Kammeroper“ im Jahr 1996, zusammen mit Ihrer Frau Barbara Hass, haben Sie dann die Bühnenkunst für Kinder und die für Erwachsene unter einem Dach und mit einem gemeinsamen Ensemble vereint. „Eine Bühne, zwei Welten“ lautet der Leitspruch der Dachmarke, dem „Allee Theater“. 

Auf dieser gemeinsamen Bühne, das erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer bei ihren Theaterbesuchen, entstehen allerdings viele mehr als nur zwei Welten. 
Die Darstellerinnen und Darsteller nehmen uns mit in die verschiedensten Geschichten – in diesem familiär intimen Theatersaal immer zum Greifen nah, was dem Theatererlebnis eine besonders große Intensität verleiht.

Mit Ihrem Optimismus und Ihrem erfrischendem Ehrgeiz, lieber Herr Deeken, hauchten Sie dem Theater spritzige Lebendigkeit ein und setzten sogar international Maßstäbe: Die Oper „Die kleine Zauberflöte“ war sogar schon im Opernhaus von Shanghai zu Gast und die Konzerttheater-Revue „Mozart als Kind“ ging ebenfalls auf China-Tournee.

Natürlich passierte das alles nicht im Alleingang, sondern mit einem eifrigen Team an Ihrer Seite und mit Ihrer Ehefrau und grande dame der Textbearbeitungen und der Kostüme: Barbara Hass.

Lieber Herr Deeken, 
über 48 Jahre leiteten Sie das Theater für Kinder. Und viele der Mitwirkenden auf und hinter der Bühne sind ebenfalls bereits seit vielen Jahren hier am Haus tätig. 
Einer von ihnen ist Marius Adam, der 1998 als Bariton in das Ensemble aufgenommen wurde und seit Mitte der vergangenen Spielzeit nun das Amt des Intendanten bekleidet.

Lieber Herr Adam,
durch Ihr überaus großes Engagement macht das Theater für Kinder weiterhin Furore. Und auch die „Kammeroper“ hat wieder deutlich Oberwasser bekommen. Das freut mich wirklich sehr, und vermutlich auch alle anderen hier im Raum. Ab nächster Spielzeit 2018/19 erhalten Sie wieder institutionelle Förderung. Zusätzlich gibt es eine Projektförderung. 

Man spürt, wie sehr sie dem Haus verbunden sind und alles daran setzen, die Tradition einerseits fortzuführen und andererseits in Manchem auch behutsam neue Wege zu suchen. So sind Sie beispielsweise dabei, den Kontakt zu den Schulen wieder zu intensivieren. Das ist kein leichtes Unterfangen in heutiger Zeit, aber es richtig und wichtig, dass Theater in den Angeboten der Schulen einen festen Platz erhält. Und wer könnte überzeugender für das „Theater für Kinder“ werben als jemand, der von sich sagt, er sei geradezu süchtig nach der Kinderoper „Der Sängerkrieg der Heidehasen“…

Dass die Lehrkräfte, wenn sie einen Schulbesuch im „Theater für Kinder“ planen, nicht nur theaterpädagogisches Begleitmaterial zur Verfügung gestellt bekommen, sondern im Vorwege sogar bei Theaterproben mit dabei sein dürfen, ist ein wirklich ausgezeichnetes Angebot. Es ermöglicht den Lehrerinnen und Lehrern eine bessere Vorbereitung des Theaterbesuchs. 

Kinder sind aber in diesem Theater nicht immer nur Zuschauer. Sie dürfen auch mal Instrumente ausprobieren oder hinter die Kulissen schauen, Bühnenbilder gestalten oder sogar selbst auf der Bühne stehen wie beim „Altonaer Schultheater Festival“, das in diesem Jahr zum zweiten Mal hier gastieren wird.

„Lebendiges Theater besteht immer aus Versuchen, Experimenten und Abenteuern“ – schrieb die Autorin Marilen Andrist in der wirklich schönen Festpublikation zum Jubiläum vor 25 Jahren. 

Auch heute – 25 Jahre später – zeichnet sich das „Theater für Kinder“ immer noch und immer wieder durch eine große Lebendigkeit und immer neue Experimente aus. Ob „Hotzenplotz“ oder „Dodo“, „Konrad aus der Konservenbüchse“ oder „Lupinchen und Robert“ – ein spielfreudiges tolles Ensemble, faszinierende Bühnenbilder und zauberhafte Kostüme begeistern nach wie vor Kinder und Erwachsene.

Eine junge Zuschauerin oder ein junger Zuschauer schrieb in einem Brief an das Theater: 
„Ich weiß nicht, was ich gut und was ich nicht so gut fand, ich fand alles dufte.“

Dem kann ich nur zustimmen. 

Oder um es mit Goethe zu sagen: 
„Für Kinder ist das Beste gerade gut genug.“

Damit dieses wunderbare Theater und seine lebendigen, abenteuerlichen Stücke nicht nur einem kleinen Teil der Gesellschaft vorbehalten bleibt, gibt es einen hoch engagierten Freundeskreis, den „Verein Freunde des Theaters für Kinder“.

Ganz herzlich möchte ich mich an dieser Stelle bei der Vorsitzenden Birgit Nilsson bedanken, die sich mit dem Verein dafür einsetzt, auch sozial benachteiligten Kindern einen Theaterbesuch zu ermöglichen.

Der größte Dank gebührt an diesem Jubiläumsabend natürlich den Visionären Barbara Hass und Uwe Deeken und dem aktuellen Intendanten Marius Adam. 
Vielen Dank, dass Sie so viel bewegen und seit 50 Jahren Kinder und Erwachsene mit einer fantastischen Bühnenkunst begeistern.

Meines Wissens steht allerdings ein vor 25 Jahren geäußerter Kinderwunsch noch immer aus: 
„Könnt ihr auch mal Jens Bont spielen?“

Ein kindgerechter James, oder Jens, Bond – das wäre doch mal was! Vielleicht ja in den nächsten 50 Jahren?!

Ob mit oder ohne Bond, ich wünsche Ihnen für die nächsten 50 Jahre alles Gute und weiterhin viel Erfolg! 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien