8. Januar 2018 Nationale Eröffnungsveranstaltung zum Europäischen Kulturerbejahr 2018

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Sehr geehrte Frau Staatsministerin,
sehr geehrte Frau Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmal-schutz,
sehr geehrte Mitglieder des Europäischen Parlamentes,
sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages,
sehr geehrter Herr Erster Vizepräsident der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter des diplomatischen und konsulari-schen Korps,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, Sie heute im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg zum Auftakt des Europäischen Kulturerbejahres 2018 zu begrüßen.

Unter dem Motto „Sharing Heritage“ soll das Kulturerbejahr Lust machen auf Eu-ropas reiche Geschichte. Es geht darum, das einst Fremde im Eigenen quasi vor der Haustür spielerisch zu entdecken.

Und dazu gibt es auch hier in Hamburg – in Deutschlands Tor zur Welt – reich-lich Gelegenheit. Denn diese Stadt hat es immer verstanden, kulturelle Einflüsse aufzunehmen. Wir finden davon bis heute vielfältige Spuren in unserem Alltag:

• Die Deichanlagen und die längs abgetragenen, aber im Stadtplan noch er-kennbaren Befestigungsbauwerke sind holländischen Ursprungs.

• Der Jüdische Friedhof Hamburg-Altona erinnert an die portugiesisch-jüdischen Glaubensflüchtlinge, die als zwangsgetaufte Katholiken kamen, sich hier als bedeutende Kaufleute etablierten und zum Judentum zurück-fanden. 

• Die Infrastrukturen der Stadt aus dem 19. Jahrhundert sind ein Import aus England. Der Londoner Ingenieur William Lindley wirkte hier über 25 Jahre. Auf ihn gehen nicht nur das Trinkwasser-, das Abwasser- und das Gaslei-tungssystem zurück, sondern auch die erste Eisenbahnlinie nach Bergedorf – der Ausgangspunkt der Strecke Hamburg-Berlin – sowie Teile der Stadt- und Hafenerweiterung. 

• Weiter heißt es, das Franzbrötchen – eine Hamburger Gebäck-Spezialität – gehe auf die Franzosenzeit zurück und stelle den Versuch eines Hamburger Bäckers dar, das Croissant nachzuempfinden. Den auswärtigen Gästen unter Ihnen, die über Nacht bleiben, kann ich nur empfehlen, morgen zum Früh-stück ein echtes Hamburger Franzbrötchen – oder soll ich besser sagen: eine französisch-hamburgische Kulturmelange – zu probieren. 

Spannungsfrei waren diese wichtigen europäischen Bezüge damals nicht. Des-halb muss auch im Kulturerbejahr unser Blick zurück auf dieses reiche Erbe frei sein von falscher Romantik:

• Die Sepharden durften ihre Religion hier nicht ausüben und mussten ihre Toten vor den Toren der Stadt begraben. Deshalb liegt der jüdische Friedhof auch in Altona, das damals außerhalb der Hamburger Stadtmauern lag.

• Es ist dokumentiert, dass Lindley und andere Engländer damals von Ham-burgern angefeindet wurde – und das, obwohl Hamburg schon im 19. Jahr-hundert als die anglophilste Stadt des Kontinents galt.

• Die Franzosenzeit hat uns vielleicht das Franzbrötchen gebracht, aber davon abgesehen war die Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts von viel Leid ge-prägt.

Die Kraft, ohne Angst verschieden sein zu können, mussten wir alle in Europa erst miteinander lernen aufzubringen. Auch im Wissen darum begehen wir die-ses Europäische Kulturerbejahr:

Vielfalt in der Einheit lautet der kluge und mutige Anspruch Europas. Verschie-dene Staaten, Sprachen, Religionen und Kulturen unter einem europäischen Dach zu vereinen – das erfordert Verbindlichkeit und Autonomie, das Bewusst-sein der eigenen Kultur ebenso wie Neugier auf die Kultur der anderen. 

Das Kulturerbejahr ruft uns dazu auf, dieser Neugier zu folgen. Es ruft uns auf, die Spuren der Geschichte und unserer Gegenwart zu lesen und zu erkennen, was uns verbindet, und das, was uns unterscheidet.

Dabei versteht es Kultur in einem breiten Sinne als die Lebenspraktiken einer Gesellschaft. Kultur – sei es Sprache oder Musik, sei es Kochkunst oder Bau-kunst – kann uns ganz anschaulich, ganz konkret und sinnlich etwas erzählen über die Menschen, ihre Zeit und ihre Werte. 

Sie führt uns vor Augen, wie ähnlich wir uns selbst in unseren Differenzen sind.

Auf Reisen durch Europa finden wir gerade in Denkmälern Wiederholungen und Adaptionen vertrauter Motive – Aneignungen, Umdeutungen, Wiederverwen-dungen. Vielleicht ohne Details benennen zu können, erfassen wir Gemeinsam-keiten und Unterschiede zwischen italienischer, französischer und Weser-Renaissance oder zwischen süddeutschem, preußischem und dänischem Klas-sizismus. 

Jeder Dreiecksgiebel – egal ob hochgezogen oder flachgedrückt, ob aus Natur-stein, Backstein, weiß verputzt oder farbig gefasst – spricht dann zu uns als Ver-weis auf die alten Griechen und zugleich als Ausdruck ganz spezifischer lokaler Gegebenheiten zu einer ganz bestimmten Zeit. 

Diese Gleichzeitigkeit des Vergangenen und des Gegenwärtigen aller Unter-schiede und Gemeinsamkeiten unseres kulturellen Erbes bildet ein stabiles Fundament unserer gemeinsamen Zukunft in Vielfalt.

Zu diesem zukunftsweisenden kulturellen Erbe gehören auch die gemeinsamen Werte der europäischen Aufklärung: liberale Demokratie, individuelle Freiheit, soziale Sicherheit. 

Ihr Quell ist die menschliche Begabung zur Vernunft. 

Und das Wissen darum, dass diese Vernunft sich nicht im Einzelnen manifes-tiert, sondern in der Vielheit der Stimmen des gesellschaftlichen Gesprächs buchstäblich zwischen uns liegt. 

Deshalb sind wir überzeugt, dass es sich hier um universelle Werte handelt, für die Europa mit besonderem Nachdruck und in einer spezifischen Tradition ein-tritt. 

Wer Europa stärken will, der darf diese Werte nicht bloß abstrakt beschwören, sondern muss konkret sagen, wie sie in Politik übersetzt werden. Auch das ist ein Grund dafür, dass sich Deutschland – von den Kommunen über die Länder bis hin zum Bund – so sehr für dieses Europäische Kulturerbejahr stark gemacht hat.

Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Und selbst als Schalker kenne ich den Dort-munder Fußballer Adi Preißler und seinen Spruch: 

„Grau is‘ alle Theorie – entscheidend is‘ auf‘m Platz.“

Mit dem Europäischen Kulturerbejahr haben wir eine große Chance, der grauen Theorie zu entkommen und mit Lust und Leidenschaft auf den Platz zu gehen.

Wir haben die Chance, eine Geschichte weiter zu erzählen, die als Friedenspro-jekt begann und sich längst zu dem atemberaubend kühnen Versuch ausgewei-tet hat, die tragfähige Architektur einer lebendigen deliberativen Demokratie jen-seits der Nationalstaaten zu errichten.

Geschichtsbewusstsein und Heimatgefühl können, ja müssen, dabei mit einem kosmopolitischen Geist einhergehen. Hamburg ist ein gutes Beispiel: Hier bildet ein starkes lokales Bewusstsein – das hanseatische Selbstverständnis – quasi eine Wesenseinheit mit Weltoffenheit.

Die Kühnheit, der Welt und dem Fremden zugewandt zu sein, ist Teil der zivilen Identität unserer „Arrival City“, die wie Europa insgesamt zu einem Hoffnungsort vieler Menschen auf der ganzen Welt geworden ist. Wir dürfen diese Menschen nicht enttäuschen, sondern sollten die Kraft ihrer Hoffnung und ihres Strebens nach Glück auch für uns nutzbar machen.

Sie werden künftig unsere Kultur und unser kulturelles Erbe mit prägen und be-reichern.

Das Europäische Kulturerbejahr kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem nicht nur Fragen nach dem sozialen Zusammenhalt, sondern auch nach dem kulturellen Zusammenhang, dem Sinn, unserer Gesellschaften wieder drängender werden. Wir wissen aus soziologischen Krisentypologien, dass es eine Spirale gibt, in der aus ökonomischen Krisen, politische, gesellschaftliche und letztlich kulturelle Krisen werden können. Und wer würde bestreiten, dass wir solche Krisen derzeit in der EU erleben?

Das Kulturerbejahr bietet daher Gelegenheit, sich einerseits der Festigkeit unse-res kulturellen Fundaments zu versichern und andererseits seine dynamische Flexibilität zu prüfen.

Es sollte uns anspornen, auch unsere politische Kultur weiter zu entwickeln, damit das nächste Europäische Kulturerbejahr die begeisterte Besichtigung der starken Fundamente einer enger gewachsenen und mit europäischem Bürger-sinn belebten Union werden möge.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein erfolgreiches Europäisches Kultur-erbejahr 2018. 

Lassen Sie es uns als Chance nutzen, hinauszugehen auf die Plätze Europas und die im politischen Alltag manchmal graue Theorie dieses großen Vorhabens mit buntem, alltäglichem, selbstverständlichem Leben zu füllen.

Im Film eingangs hieß es:

„Nothing has to be perfect, yet“.

Aber dem Versuch, gemeinsam etwas zu erschaffen, wohnt etwas Großartiges inne. 

Diesen Geist sollten wir uns in Europa bewahren.


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