25. Mai 2017 Eröffnung des Festivals „Theater der Welt“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung des Festivals „Theater der Welt“

Sehr geehrte Frau Deuflhard,
sehr geehrter Herr Siebold,
sehr geehrter Herr Lux,
sehr geehrte Frau Küpper,
meine sehr verehrten Damen und Herren von Welt, 

ich begrüße Sie ganz herzlich zum abendlichen Auftakt des Festivals „Theater der Welt“.

Heute Morgen eröffnete Achille Mbembe aus Kamerun bereits das Festival im Thalia Theater mit aufrüttelnden Worten. Er beobachte, so sagte Mmbembe heute Morgen, überall auf der Welt vom Armenviertel bis hin zum Silicon Valley, dass sich das Gefühl in die Menschen hineinschleiche, die Welt könne jederzeit endgültig zu Ende gehen.
Die Zukunft öffne sich dem Nichts und bereite so den Weg für einen negativen Messianismus, der entweder in einen dürren Überlebenskampf oder aber in den kollektiven Selbstmord kurz vor der Apokalypse führe.

Und in der Tat: Wir leben ins ernsten Zeiten. Gerade in diesen Zeiten aber finde ich, sollten wir uns nicht dem Defätismus hingeben, sondern sollten all unsere Kraft zur anthropologischen Zuversicht zusammennehmen.

Denn warum machen wir Theater? Weil wir auf Erkenntnis und auf Erkennen hoffen. Weil wir uns fallen lassen wollen, um aufgefangen zu werden. Weil wir vertrauen und Verantwortung übernehmen.

Und weil wir uns eben jene Geschichten erzählen lassen wollen, die der Autor Robert KcKee zu Recht als „die Währung menschlicher Beziehungen“ bezeichnet hat.

Genau um diese Beziehungen, um die Vernunft, die zwischen uns liegt und die eben erst im Miteinander erreichbar und adressierbar wird, geht es im „Theater der Welt“.

Ivan Nagel, der das Festival 1979 in Hamburg erfunden hat, formulierte später einen wesentlichen Leitgedanken:
„Nicht, weil die Städte und Regierungen nach Schau und Luxus dürsten, sondern weil es unerträglich wäre, wenn Menschen und Völker voreinander verstummten, gibt es Theater der Welt“.

Das Festival ermöglicht die Kommunikation verschiedener Länder und Kontinente an einem Ort. Es versteht sich als Botschafter einer friedlichen Kommunikation einer international vernetzten Welt, in der durch die Mittel der Kunst aus und von der Welt erzählt wird. 

Theater der Welt ist natürlich ein Festival der Sinne. Aber es ist eben auch ein Festival der Vernunft, das unterstellt, dass wir uns verstehen und verständigen können, wenn wir denn nur wollen.

Theater der Welt setzt auf die Vernunft des Menschen und damit auf die gleiche Ressource wie auch das G 20 – Gipfeltreffen Anfang Juli hier in Hamburg.

Dass beide hier in Hamburg stattfinden, hat etwas mit dem Selbstverständnis unserer modernen Stadt zu tun, wie es schon im ersten Absatz unserer Verfassung zum Ausdruck gebracht wird, in dem sich Hamburg selbst dazu verpflichtet, „im Geiste des Friedens eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt (zu) sein.“

In diesem Sinne setzt Theater der Welt dem negativen Messianismus unserer Zeit eine zutiefst diesseitige und säkulare Botschaft der Hoffnung entgegen.
Es setzt auf die sinnliche Überwältigung durch theatrale Ganzkörpererlebnisse ebenso wie auf jenen merkwürdig zwanglosen Zwang des besseren Arguments, der unsere Gesellschaften im innersten Kern zusammenhält.

Meine Damen und Herren,

nach den obligatorischen Reden geht es damit endlich los: Schließlich gilt auch im Theater die alte böse Weisheit: Eine auf’s Auge ist besser als acht aufs Ohr.

Gleich fünf Vorstellungen geben an unterschiedlichen Spielorten des künstlerischen Startschuss.
In der Halle der K 6 kommt dieser Startschuss heute Abend von Ishvara von Tianzhuochen aus China. 

Seit 45 Jahren unterhalten Deutschland und China diplomatische Beziehungen, seit 31 Jahren sind Hamburg und Shanghai Partnerstädte. Nicht nur die wirtschaftlichen, sondern auch die kulturellen Beziehungen sind eng. Und der Dialog wird offener, so wie es in einer offenen Welt sein muss.
Im Thalia Theater, auf der Stubnitz und im Festivalzentrum am Baakenhöft finden weitere Veranstaltungen statt. Sie sehen schon jetzt: Für Theater der Welt werden Sie sich zerreißen müssen.

Ich möchte mich bei all denen bedanken, die genau das schon getan haben und die sich mit einer Überportion an Elan für dieses Festival eingesetzt haben:

Allen voran den vier kreativen Köpfen der Veranstalterinnen und Veranstalter Joachim Lux, Amelie Deuflhard, Sandra Küpper und Andras Siebold und dem gesamten Festival-Team.

Dass solch ein Festival gemeinsam von einem Stadttheater und einer freien Produktionsstätte veranstaltet wird, ist ein großartiges Signal der Kooperationsfähigkeit, das gleich ganz viele weitere Partnerinnen und Partner in der Stadt von der Stubnitz bis zum Ohnsorg-Theater angestiftet hat, auch mitzumachen.

In den nächsten 18 Tagen werden 45 internationale Produktionen an insgesamt 16 Spielorten aufgeführt, darunter viele Deutschlandpremieren, Europapremieren und Weltpremieren. 

Alle 5 Kontinente sind mit Stücken vertreten. Die ganze Stadt taucht ein in Theater, Schauspiel, Performance, Tanz, Literatur, bildende Kunst, Film und Musik aus allen Weltgegenden. 

Sie alle sind getragen von dem unbedingten Willen, auf eine bessere Welt hoffen zu dürfen. Sie machen das Theater zur Versuchsanordnung über die Möglichkeit, das richtige Leben im Richtigen zu leben.

„Theater misst die Temperatur unseres Lebens“ sagte Lemi Ponifasio kürzlich in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“; seine spartenübergreifende Eröffnungsproduktion „Die Gabe der Kinder“ wird in wenigen Stunden im „Kakaospeicher“ starten. 

In seiner Beobachtung wird die Zeitgenossenschaft des Theaters sichtbar. Theater orientiert sich an der Gesellschaft, in der es stattfindet, prüft und kritisiert sie und motiviert sie zum Nachdenken und zum Handeln.

Diese Leistung vollbringen die vielen Theater in unserer Stadt jeden Abend, aber durch Theater der Welt kommen weitere Facetten und Perspektiven hinzu.

Mit dem Festival haben wir die Theaterwelt zu Gast. Das bedeutet, dass wir ganz unterschiedliche Sichtweisen kennenlernen und so die eigenen Seh- und Hör- und Denkhorizonte erweitern können.

Die einzelnen Produktionen sind natürlich nur bedingt Stellvertreter des Landes, in dem sie produziert wurden. Wer sie sieht, der hat danach nicht die Kultur eines Landes kennen gelernt. Das Kugelmodell der in sich glückselig ruhenden Kultur, das uns Herder hinterlassen hat, stimmte nie und heute noch weniger. Nähme man es ernst, dann würden Kulturen aufeinanderprallen und sich abstoßen, bis sie wieder ganz bei sich wären. Kulturaustausch als Billardspiel…

Tatsächlich aber weben Kulturen in ihrer alltäglichen Begegnung transkulturelle Netzwerke, die so vielfach miteinander verknüpft sind, dass man sie nicht trennen könnte, ohne ihren Sinn zu zerstören.
Hafen- und Hafenstädte sind seit jeher wichtige Knotenpunkte in diesen Netzen. Hier entstehen aus der Verwobenheit neue Perspektiven und neuer Sinn.

Theater der Welt findet nach 28 Jahren nun zum dritten Mal in der Hafen- und Hansestadt Hamburg statt. Und jedes Mal ist unsere Stadt durch das Festival etwas reicher geworden.

Neben der Eröffnung der Elbphilharmonie im Januar ist Theater der Welt der zweite kulturelle Kraftakt, den wir in diesem Jahr leisten und mit dem wir in Hamburg zeigen, wie wichtig und wertvoll kulturelle Impulse für unsere Gesellschaft sind. Barbara Kisseler hat dafür die Grundlagen geschaffen. Wir stehen sicher und werden sie weiter festigen.

Die kommenden 18 Tage bieten Ihnen, liebes Publikum, die Chance, sich mittels der einzelnen Veranstaltungen mit der Welt auseinanderzusetzen; mit ihr zu kommunizieren – sie zu nutzen stärkt den Gedanken und den Willen einer internationalen zusammenarbeitenden Gemeinschaft.

Ich wünsche Ihnen eine 18-tägige Entdeckungsreise voller Energie und Spannung und weltbewegenden Momenten.

Vielen Dank.

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