5. Juli 2017 10 Jahre Auswanderermuseum BallinStadt

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

10 Jahre Auswanderermuseum BallinStadt

Sehr geehrter Herr Reimers,
sehr geehrter Herr Nitschke,
sehr geehrte Frau Kodua,
sehr geehrter Herr Behlmer,
sehr geehrter Herr Wietbrok,
sehr geehrte Frau Pauschert,
sehr geehrte Damen und Herren.


“Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“ – die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika (1776) formuliert die Sehnsucht der Menschen nach Sicherheit, Freiheit und der Chance auf Glück als ein Versprechen.

Wo wir unser Glück suchen und wie wir es suchen, ist wohl zu allen Zeiten anders gewesen. Unzweifelhaft lässt sich aber an der Geschichte ablesen, dass zu bestimmten Zeiten in bestimmten Regionen das Glück nicht oder nur sehr schwer zu finden war. Kriege, Armut, politische oder religiöse Verfolgung sind nur einige der Gründe, aus denen Menschen ihre Heimat verlassen, um an einen anderen Ort zu gehen. Manchmal ist es auch nur die Verheißung, dass das eigene Leben anderswo besser und erfüllter sein kann.

Im 19. Jahrhundert hieß das Sehnsuchtsland Amerika. Zwischen 1845 und den 1920er Jahren verließen rund 5 Millionen Menschen Europa in Richtung Amerika. Die meisten um der Armut zu entkommen und vielleicht ihr Glück zu machen.Nach der gescheiterten Märzrevolution 1848/49 waren auch viele Intellektuelle darunter. Alle in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Es gab zwar Einreiseeinschränkungen für bestimmte Personengruppen – wie beispielsweise Kriminelle, Menschen mit ansteckenden Krankheiten, Prostituierte, Alkoholiker, Anarchisten – ansonsten aber konnte jeder sein Glück versuchen. Problematischer war es unter Umständen, die Auswanderungsgenehmigung in der Heimat zu bekommen. In Preußen beispielsweise musste ab 1842 jeder seine Auswanderung genehmigen lassen, da man die Abwanderung von vermögenden Personen und Arbeitskräften verhindern wollte.

Hamburg war neben Bremerhaven der wohl bedeutendste Auswandererhafen der damaligen Zeit. Hier begann die Schiffsreise in eine ungewisse, aber verheißungsvolle Zukunft. Was für die Auswanderer die Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben war, war für andere ein Geschäft, und ehrlich gesagt kein schlechtes. Die großen Reedereien warben in ganz Deutschland und Osteuropa für den Transport in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

In der Person Albert Ballin (Generaldirektor der HAPAG) verband sich wohl Kaufmannsgeist mit Humanität. Er ließ in den Passagierschiffen Zwischendecks einziehen, um eine preiswerte Möglichkeit für die Überschiffung anbieten zu können, die sich mehr Menschen leisten konnten. Und er kümmerte sich um hygienische Standards, damit die Passagiere gesund blieben. 
Und so ganz neben bei erfand Ballin auch die Kreuzfahrt: Um in den kühleren Monaten die Auslastung seiner Schiffe zu erhöhen, schickte er sie statt nach Amerika zu Vergnügungsfahrten ins Mittelmeer.

Als 1898 die städtischen Auswandererbaracken abgerissen wurden, baute Ballin die sehr viel größeren Auswandererhallen: Es gab nun Unterkünfte, Verpflegung und medizinische Versorgung für 5.000 Menschen; eine Kirche und eine Synagoge; und für die Wohlhabenderen ein Unterhaltungsprogramm mit Konzerten, damit sie sich die Zeit vertreiben konnten, während sie auf ihre Passage warteten. 

Heute sind diese Hallen – zum Teil original, zum Teil als rekonstruierter Nachbau – zentrales bauliches Element des Museums. Das ist gut, denn den historischen Ort zu erleben, das hat einen ganz eigenen Wert. Das Auswanderermuseum BallinStadt macht die Zeit der großen Wanderungsbewegungen von Europa nach Amerika wieder für uns erfahrbar. 

Und das ist in diesen Zeiten, in denen wir leben, wichtiger denn je. Das Museum zeigt uns, dass Geschichte immer auch die Geschichten von Menschen sind; dass Wahrheiten unter Umständen eine Frage des Blickwinkels sind und wir manchmal einen anderen gedanklichen Standort einnehmen müssen, um zu verstehen; und es lehrt uns Empathie.

Seit einigen Jahren erleben wir eine sehr starke umgekehrte Migrationsbewegung: nicht von Europa weg, sondern nach Europa hinein. Ende 2015 waren weltweit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht, die Hälfte von Ihnen waren Kinder unter 18 Jahren. Rund 16.000 Geflüchtete kamen im Jahr 2016 nach Hamburg, davon blieben 9.500. Im Jahr 2015 waren es sogar 41.000 Menschen, von denen etwa die Hälfte in andere Bundesländer ging und die Hälfte in Hamburg blieb.Derzeit leben über 50.000 Geflüchtete – Männer, Frauen, Kinder – in Hamburger Erstaufnahme-Einrichtungen und Folgeunterkünften (Stand April 2017). 

Tagtäglich erreichen uns Meldungen über Flucht und Verfolgung, über Zuwanderung und Asyl, über offene und geschlossene Grenzen, über Integration und Fremdenfeindlichkeit und – zum Glück auch immer wieder – über Gastfreundschaft, Toleranz, Humanität und kulturellen Austausch.

Dass so viele Menschen hierher kommen, zeigt uns, dass Deutschland zu einem Sehnsuchtsort, zu einem „Hoffnungsland“ geworden ist, wie Bürgermeister Olaf Scholz schrieb. Hamburg ist eine „Arrival City“ geworden, eine Ankunftsstadt, in der die Aufnahme in einen neuen kulturellen Kontext ihren Anfang nimmt und alle miteinander – hoffentlich – in einer neuen Gemeinschaft zueinander finden und nachhaltig voneinander lernen.
Unsere Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen: politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen. 

Wandel ist immer auch ein Vexierbild zwischen Verheißung und Bedrohung. Bürgermeister Olaf Scholz ermutigt uns, damit respektvoll und couragiert umzugehen:

„Unsere liberale, demokratische und offene Gesellschaft ist zu einem Vorbild geworden, wie kulturelle, ethnische und religiöse Unterschiede aufgehen können in einer gemeinsamen Vorstellung des friedlichen Zusammenlebens in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, (ohne sich darin zu verlieren).Unsere Gesellschaften sind in der Lage, auch scharfe Widersprüche auszuhalten. Deshalb sollten wir weniger mit Sorge als mit Selbstbewusstsein auf die aktuellen Entwicklungen reagieren, sie nicht als Bedrohung, sondern als Auszeichnung für unsere offene Gesellschaft betrachten.“

Das Auswanderermuseum BallinStadt verdeutlicht in seinen Ausstellungen, dass das Phänomen Auswanderung jenseits seiner drängenden Aktualität eine lange Geschichte hat. Und dass die Gründe für Migration über die Jahrhunderte die gleichen geblieben sind: Der Traum vom besseren Leben, der Menschen seit jeher dazu bewogen hat, aus wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, demografischen oder ökologischen Gründen ihre Heimat zu verlassen, um woanders neu anzufangen. 

Sie, lieber Herr Reimers, lieber Herr Nitschke, erzählen diese Geschichte seit nunmehr 10 Jahren hier in der BallinStadt. Anschaulich, informativ, unterhaltsam und bewegend – gemeinsam mit Ihrem Team machen Sie hier Museumsarbeit in allerbester Weise.

Zu Ihrem Jubiläum und dem kontinuierlichen Erfolg Ihrer Arbeit möchte ich auch im Namen der Freien und Hansestadt Hamburg ganz herzlich gratulieren!

Von Anfang an setzten Sie auf das Konzept des Erlebnismuseums. Für Ihre Philosophie, Menschen durch lebendige Inszenierungen für die Faszination der Geschichte zu begeistern, wurden sie von der traditionellen Museumswelt zunächst etwas skeptisch beäugt. 

Dabei war zum Zeitpunkt der Eröffnung der BallinStadt die Museumswelt längst im Umbruch. Insbesondere aus dem anglo-amerikanischen Raum schwappten immer mehr innovative Ansätze der Szenographie, Living History sowie des Storytelling und Edutainment in die deutschen Museen und Ausstellungshäuser. 

Auf einmal ging es um Atmosphären, Emotionen und Erfahrungen und nicht mehr bloß um blanke Fakten und wertvolle Objekte in Glasvitrinen. Es galt, Geschichte mit ihren Geschichten lebendig zu erzählen, und sie nicht nur vermeintlich objektiv zu präsentieren.

Nach der museumspädagogischen Wende der 1970er Jahre wurde mit der szenographischen Öffnung der Nuller-Jahre dem Musentempel ein weiteres Stück seines Elitarismus genommen. Ausstellungen wurden auf einmal populär – und durften unterhalten und Spaß machen.

Der Erfolg Ihres Hauses gibt Ihnen Recht. Durchschnittlich besuchen jährlich bis zu 100.000 Menschen die BallinStadt. Das Auswandermuseum ist eine beliebte Touristenattraktion, fast 80 Prozent Ihrer Besucher reisen von außerhalb Hamburgs an. 

Damit beweisen Sie, dass der viel beschworene „Sprung über die Elbe“ auf die Veddel durchaus gelingen kann. Und Sie beweisen, dass Sie als privat betriebene Einrichtung auf einem soliden Fundament stehen, das ohne laufende öffentliche Zuschüsse auskommt. 

Mit Freude haben wir daher den Betreibervertrag mit Ihnen im vergangenen Jahr um weitere zehn Jahre verlängert, um unsere erfolgreiche privat-öffentliche Partnerschaft fortzusetzen.

Lieber Herr Reimers, lieber Herr Nitschke,

„Menschen wandern, seitdem sie leben“, heißt es zum Auftakt in ihrer Hauptausstellung über die „Geschichte der Migration“ im Haus 2. 

Das zentrale Thema Ihres Hauses ist Bewegung. Sie bleiben mit Ihrem Haus zwar stets am gleichen Ort – aber trotzdem immer in Bewegung!

Während uns in Museen manchmal durchaus Ausstellungen begegnen, die fünfzehn Jahre und mehr „auf dem Buckel“ haben, hatten Sie sich schon im vergangenen Jahr dazu entschieden, die BallinStadt inhaltlich neu aufzustellen. 

Zu Ihrem zehnten Geburtstag präsentieren Sie sich auf diese Weise nun rundum erneuert, modernisiert und vergrößert.

Ihre Neukonzeption nimmt diesen historischen Ort als Ausgangspunkt, um uns dann durch die verschiedenen Epochen der Geschichte der Auswanderung vom 16. Jahrhundert bis heute zu führen. 

Sie erzählen diese Geschichte nicht als chronologische Entwicklung, sondern parallel anhand von Einzelschicksalen, die in zahlreichen Zitaten aus Briefen, Berichten und Interviews lebendig werden. 

Auf diese Weise gelingt Ihnen ein Brückenschlag, der die Bewegungen von Aus- und Einwanderungen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Und der – hoffentlich – die Besucherinnen und Besucher für unsere gesellschaftliche Verantwortung im Umgang mit Flucht, Migration und Integration sensibilisiert. 

Der Museumsstandort Veddel steht wie kaum ein anderes Viertel in Hamburg für das Weggehen und das Ankommen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war hier der Startpunkt für die Auswanderer. Und heute haben 71 Prozent der Menschen, die hier leben, einen Migrationshintergrund – und haben auf der Veddel eine neue Heimat gefunden.
Die Hoffnung der Menschen beruft sich aus das Grundversprechen der Moderne: Die Zukunft kann besser werden. Blicken wir also mit kühner Hoffnung in diese Zukunft.

Das Auswanderermuseum BallinStadt trägt mit seinen Ausstellungen, seinen Rechercheangeboten zur Familienforschung sowie seinen Partnerschaften zu über 80 wissenschaftlichen Einrichtungen und Organisationen maßgeblich zu einer Verständigung zwischen Nationen und zwischen Menschen bei. 

Das Auswanderermuseum BallinStadt trägt somit schon Heute zu einer hoffnungsvollen Zukunft bei.

Ich danke Ihnen für Ihre hervorragende Arbeit und wünsche Ihnen für die nächsten zehn Jahre weiterhin viel Erfolg und vor allem zahlreiche interessierte Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt! 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

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