24. August 2018 Verleihung der Hamburger Kinopreise 2018

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Verleihung der Hamburger Kinopreise 2018

Sehr geehrter Herr Jansen,
liebe Frau Köpf,
sehr geehrte Mitglieder der Jury: Frau Baukrowitz, Herr Kleingers, Frau Schütte,
liebe Kinobetreiber,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

„Hier rundet sich das Weltbild. Der Mensch, der sich bloß fragmentarisch spürt, hat den Drang, des Daseins Anfang und Ende in seiner Hand zusammenzubiegen, auf dem Nabel der Welt zu stehen.“

Das schrieb im Jahr 1920 der SPD-Politiker Carlo Mierendorff in einem radikaldemokratischen Essay mit dem Titel „Hätte ich das Kino!!“ – mit zwei Ausrufezeichen.

Zwei Grundannahmen lassen sich aus diesem expressionistisch formulierten Plädoyer für das Kino herauslesen.

Erstens ein kulturrevolutionärer Anspruch: Das Kino sei das beste Medium, um die Massen zu erreichen.

Und zweitens eine rezeptionsästhetische Hoffnung: dass das Kino „die Welt aushebeln“ könne, indem es „Menschtum“ aufzeigt und „Blitzlichte gegen die Zeit“ wirft. 

Was beides verbindet, ist die Idee der lustvoll vermittelten Erkenntnis. 

„Das Dasein gestalten“ – so lautet das Credo Mierendorffs. Das Kino erschien ihm dabei als der geeignetste Partner. 

Und lange war es tatsächlich das Kino, das als „Lesesaal der Moderne“ nicht nur ein Ort der Unterhaltung, sondern auch ein Lernort war. 

Wir lernten in „Spur der Steine“ (Frank Beyer, 1966), wie das Leben in der DDR war und was ziviler Ungehorsam ist. 

„Lola rennt“ (Tom Tykwer, 2008) zeigte uns, dass wir nicht einfach einem Schicksal ausgeliefert sind, sondern dass unser Handeln Einfluss auf unser Leben hat.

Und „Aus dem Nichts“ (Fatih Akin, 2017) legt den Finger auf offene Wunden und aktuelle Fragen unserer Gesellschaften.

In Zeiten von DVD, Streaming und mobilem Filmkonsum drängt sich jedoch die Frage auf, ob wir alle zwar immer häufiger Filme und Serien gucken, aber immer seltener ins Kino gehen…

Wie ist die Lage?

Laut einer Statistik der Filmförderanstalt (FFA) waren im ersten Halbjahr 2018 rund 51 Mio. Menschen in Deutschland im Kino; das sind gut 9 Mio. weniger als im Vorjahreszeitraum. 

Der Zenit war im Jahr 2002 mit knapp 164 Mio. Zuschauern erreicht, seitdem sind die Zahlen rückläufig.

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass insbesondere bei jungen Menschen die Freude am Kinobesuch seit Jahren stetig und spürbar sinkt – im Gegensatz zum Filmkonsum an sich, der sich ganz offensichtlich immer größerer Beliebtheit erfreut, auch wenn das Film-Bild auf dem Smartphone nur einige Quadratzentimeter und nicht wie im Kino Quadratmeter misst. 

Der Medien- und Marketing-Wissenschaftler Thorsten Hennig-Thurau von der Universität Münster hat kürzlich die Frage gestellt, was diesen „Trend weg vom Kino“ umkehren könnte – insbesondere beim jüngeren Publikum.

Er stellt fest: 

„Wenn man sich die anderen Freizeitaktivitäten [als den Kinobesuch], zu denen sich die jungen Leute hinwenden, näher anschaut, dann ist da bei aller Unterschiedlichkeit eine Gemeinsamkeit: die Veränderung nämlich“.

Heißt: das Kino muss bei den Jungen das Bedürfnis nach Veränderung stillen. Und, so fragt der Wissenschaftler weiter, was macht das Kino dagegen, was der Spielfilm? 

Ich zitiere nochmals Thorsten Hennig-Thurau:

„Die haben sich statt auf Veränderung auf das Verfeinern und Variieren vorhandener (Erfolgs)Rezepte konzentriert (…) Es fehlt an Vielfalt, und unsere Zahlen zeigen, dass Einheitlichkeit und Vorhersehbarkeit in der Summe auf verlorenem Posten stehen gegen Medienkonkurrenten, die kontinuierlich Neues hervorbringen.

Das Streben nach Abwechslung ist tief in der menschlichen DNA verwurzelt. Das Kino und der Film müssen sich etwas einfallen lassen“.

Der Wissenschaftler skizziert auch kurz, was das sein könnte: Angebote wie „neue Formate, Erzählweisen, Bilderwelten“. 

So weit, so gut.

Merkwürdig finde ich allerdings, dass eben derselbe Wissenschaftler vor einigen Jahren auch eine Formel erfunden hat, die den Erfolg von Filmen prophezeien soll. Und diese Formel besagt, dass ein Film umso erfolgreicher sei, je lehrbuchhafter und damit auch vorhersehbarer er ist. 

Ich glaube, dass er mit seinem aktuellen Plädoyer für Veränderung näher dran ist am Kern. 

Es braucht Wagemut, Überzeugungen, ein Anliegen, Menschlichkeit und Neugier, um gute Filme zu machen – und um gutes Kino zu machen.

Mit Carlo Mierendorff sollten wir daran festhalten, dass „Kino ein Lebensmittel ist, kein Tennisball für kapitalistische Interessen“. 

Und dennoch können wir nicht alles dem Zufall überlassen und geringe Zuschauerzahlen einfach mit dem künstlerischen Anspruch begründen.

Wir müssen uns immer wieder fragen, wo wir den Blick weiten und neue Wege gehen müssen.

Denn es lohnt sich, am Kino als Institution festzuhalten. 

Es ist ein Ort, an dem sich alle Bevölkerungsschichten und Milieus treffen. 

Es ist ein Ort, an dem wir auch die Mitmenschen erleben, die wir nicht persönlich kennen, und feststellen können, ob sie zum Beispiel an den gleichen Stellen lachen oder nicht.

Das Kino ist auch ein Ort, an dem wir die Alltagswelt ausblenden, um uns für zwei Stunden einer Phantasiewelt zuzuwenden – die uns so manches Mal markanter zeigen kann, worum es im Leben eigentlich geht.

Und es ist ein Ort, an dem die flüchtige Wahrnehmung unserer Hochgeschwindigkeitswelt ersetzt wird durch eine Art Kontemplation.

Was können wir Filmbegeisterten tun, um das zu erhalten?

Wir in der Behörde und in der Filmförderung hoffen, dass zum Beispiel Preisvergaben helfen können, die Vielfalt zu stärken und im Kino- und Filmangebot Impulse zu setzen, Impulse, die junge Kinobesucher überraschen und aufregen – so, dass das Kino auch für sie ein so wirkungsvoller und mächtiger Raum wird und bleibt.

Ein Raum, in den sie sich immer wieder begeben, weil er ihnen nicht einfach nur einen Film zeigt, den sie kurze Zeit später auch streamen können – sondern weil das Kino einen Erfahrungsraum über den eigentlichen Film hinaus bietet: einen sozialen Raum, einen Raum der kulturellen Begegnung.

Das ist lebendiges Kino, weil es im Leben des Einzelnen lebendig bleibt – und allein deshalb schon überlebt.

Von unseren Juroren – Frau Baukrowitz, Frau Schütte und Herrn Kleingers – wissen wir sicher, dass das Kino und der Film in ihrem Leben eine unersetzbare Rolle spielen.

Sie haben intensiv diskutiert darüber, wer 2018 ausgezeichnet werden sollte, immerhin waren insgesamt 100.000 Euro zu vergeben. Sie haben sich abgemüht mit umfangreichen Anträgen, mit Selbstbeschreibungen, Zahlen, Programmen.

Ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich – ehrenamtlich! – gemacht haben.

Ich bin sicher, Sie haben die würdigsten Preisträger gefunden, die uns – wie Mierendorff es formulierte – jeden Tag aufs Neue „irdische Phantasie von rasender Aktualität“ zeigen.


Schönen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien