1. September 2018 3. Hamburger Buchhandlungspreis

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

3. Hamburger Buchhandlungspreis

 

Sehr geehrter Herr Kölle,
lieber Herr Professor Moritz, 
liebe Frau Hoffmeister, 
sehr geehrte Buchhändlerinnen und Buchhändler, 
liebe Autorinnen und Autoren,
liebe Jury, 
liebe Leserinnen und Leser,

wir sind alle krank. Wir haben uns schon vor langer Zeit infiziert mit einer unheilbaren Krankheit. Die Symptome: horten, ansammeln, stapeln. Wir horten Bücher, kaum ist eines ausgelesen, brauchen wir schon drei neue, um unsere Begierde zu stillen. Und unsere Krankheit hat sogar einen Namen: „Tsundoku“ steht im Japanischen für das Stapeln („tsumu“) von zu Lesendem („doku“) – und wurde soeben wissenschaftlich untermauert: 

Die BBC hat mit Professor Andrew Gerstle von der University of London gesprochen, der dort japanische Literatur unterrichtet und herausgefunden hat, dass der Begriff „tsundoku“ erstmals in einem japanischen Text von 1879 auftaucht. 

Im Deutschen sprechen wir häufig etwas profaner vom „SUB“, dem „Stapel ungelesener Bücher“. Einen Büchermenschen erkennt man an diesen Stapeln in der Wohnung, die liebevoll gehegt werden und langsam, aber unaufhörlich wachsen. 

Und am Funkeln in den Augen, wenn wieder ein neues Buch angeschafft wurde.
Doch wie sagte schon Arthur Schopenhauer: 
„Es wäre gut, Bücher zu kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte.“ 

Bei mir zu Hause liegen derzeit beispielsweise: „Underground Railroad“ von Carlson Whitehead und “Wie frei ist die Kunst?“ von Hanno Rauterberg auf dem Stapel und gerade ist noch „Time of our Singing“ von Richard Powers hinzugekommen, den mir Joachim Lux jüngst empfohlen hat.

Immerhin habe ich im Urlaub diesen Sommer endlich Nino Haratischwilis „Das achte Leben“ geschafft. Das entlastet meinen SUB erheblich. 

Etwas erschrocken war ich nur von der Nachricht, dass die wunderbare Hamburger Autorin gerade schon ihr nächstes Opus herausgebracht hat: „Die Katze und der General“. Immerhin „nur“ 760 Seiten lang ist dieser neue Roman – und wieder eine opulente Saga über die jüngere osteuropäische Geschichte, die sich von Moskau bis nach Tschetschenien spannt. 

Drücken wir ihr die Daumen für den Deutschen Buchpreis. 
Es wäre doch wunderbar, würde er an eine junge, engagierte und ungeheuer talentierte Autorin wie Nino Haratischwili gehen – und dann auch noch nach Hamburg!

Ich weiß nicht genau, wie viele Titel auf Nino Haratischwilis „SUB“ liegen, aber einer, der sich definitiv mit „Tsundoku“ angesteckt hatte, war der US-amerikanische Autor, Illustrator und Bühnenbildner Edward Gorey. 
25.000 Bände und 700 Videos zählte seine Bibliothek. 

Von ihm stammt ein wunderbares Bonmot, das man heutigen Staatenlenkern – und nicht nur denen! – gerne ins Poesiealbum schreiben möchte: 
„The helpful thought for which you look / Is written somewhere in a book.”

Sie, liebe Buchhändlerinnen und Buchhändler, sind allesamt angetreten, um dieses Credo Edward Goreys ihren Kundinnen und Kunden mit auf den Weg zu geben. Damit handeln Sie im Auftrag all jener, denen das Lesen eine Herzensangelegenheit ist. 

Wie viele das sind, zeigt nicht zuletzt der überwältigende Zuspruch auf die „Hamburger Erklärung“ zur verstärkten Leseförderung an Grundschulen, die von der Hamburger Kinderbuchautorin Kirsten Boie initiiert und binnen weniger Tage fast 50.000 Menschen unterzeichnet wurde. 

Die Stadt Hamburg setzt sich in vielfältiger Weise für Lese- und Literaturförderung ein. Das Kinderlesefest „Seiteneinsteiger“, „Hamburger Märchentage“, der „Schulhausroman“ im Literaturhaus, die HOEB4You, die „Leseclubs“ in den Stadtteilzentren, um nur einige zu nennen. Die Initiativen in unserem Hamburger „Lesenetz“ sind vielfältig und können und müssen gestärkt werden.

Auch der 2014 von meiner Vorgängerin Senatorin Barbara Kisseler initiierte „Hamburger Buchhandlungspreis“ gehört dazu. 
Nach der „Buchhandlung Christiansen“ gibt nun die „Buchhandlung Lüders“ den Staffelstab weiter an die nächste Preisträgerin. 
Und auch dem KiBuLa folgt ein neuer Preisträger des Spezialpreises nach. 

Meine Damen und Herren, 

die Behörde für Kultur und Medien zeichnet heute Abend jedoch nicht die beste Buchhandlung Hamburgs aus. 

Wir ehren eine von mehr als 80 engagierten inhabergeführten Buchhandlungen, um deren Vision zu unterstützen und uns für ihren täglichen Einsatz zu bedanken. 
Für Helmut Schmidt waren die Buchhandlungen „geistige Tankstellen“, ein Bild, das mir gefällt. 

Wir in Hamburg können uns glücklich schätzen, noch über ein so großes, gut funktionierendes Netz an „Zapfsäulen“ für den Kopf zu verfügen, über das wir an unseren literarischen Treibstoff gelangen. 

Durch fleißiges Konsumieren und das Hegen unserer Büchersucht können wir alle dazu beitragen, dass die Hamburger Buchhandlungen florieren. 

Vergangene Woche kam ein positives Signal aus Dresden, wo eine Buchhandlung neu eröffnet hat, die ausschließlich Bücher von unabhängigen Verlagen im Angebot hat. „Shakespeares Enkel“ heißt sie. 

In Hamburg gibt es seit dem Frühjahr mit dem neuen „Lesesaal“ einen attraktiven Ort für Literatur, der – wenn alles fertig ist – Geschichte und Literatur vereinen wird. Wenn Sie noch nicht dort waren: Schauen Sie sich den „Lesesaal“ unbedingt einmal an, es ist bemerkenswert, was Stephanie Krawehl dort leistet. 

Und wenn die „Monopol-Kommission“ Ende Mai den „kulturpolitischen Wert“ der Buchpreisbindung in Frage stellte, können und werden wir dem nicht tatenlos gegenüber stehen. 

In dem aufschlussreichen Dokumentarfilm „Kulenkampffs Schuhe“ von Regina Schilling, der im August in der ARD lief, konnte man eindrucksvoll sehen, wie in den 70er Jahren ein ganzer Berufszweig darnieder ging, als 1974 die Preisbindung auf Drogerieartikel aufgehoben wurde. 

Bücher, meine Damen und Herren, sind weder Hautcrème noch Zahnpasta: „Bücher sind Nahrung der Seele.“

Aber nun habe ich Sie lange genug auf die Folter gespannt. Wir verleihen zunächst den Spezialpreis zum „Hamburger Buchhandlungspreis“ – dotiert mit 2.000 Euro. 

Wir zeichnen damit heute Abend den Buchladen „Strips & Stories“ aus, der ausschließlich Comics und Graphic Novels im Angebot hat. Ich bitte Gesine Claus und Hans Ebert zu mir auf die Bühne.

Herzlichen Glückwunsch zum sehr verdienten „Spezialpreis“, liebe Frau Claus, lieber Herr Ebert! 

„Strips & Stories“ an seinem neuen Standort in der Wohlwillstraße ist eine Oase für alle, die mit gezeichneten Gestalten wie dem französischen „Gaston“ und der argentinischen „Mafalda“ aufgewachsen sind. 

Doch das Angebot dieser Buchhandlung geht weit darüber hinaus. „Strips & Stories“ verbindet Begeisterung für die gezeichnete Literatur mit politisch-gesellschaftlichem Engagement. Gesine Claus und Hans Ebert offerieren nicht nur einen Ort für lokale Künstler, sondern bieten dem Comic eine große, internationale Plattform. 

Der Comic als Kunstform thematisiert längst alle Lebensbereiche – und wenn Sie einmal herausragende Reportagen über die Situation in Irak, Inguschetien, Indien oder Palästina lesen möchten, dann empfehle ich Ihnen die Bücher des US-Amerikaners Joe Sacco. Seine Arbeiten gehen vom Auge direkt ins Hirn. Seine und viele, viele weitere Künstlerinnen und Künstler können Sie bei „Strips & Stories“ entdecken. 

Wie wichtig den Hamburgerinnen und Hamburgern „ihr“ „Strips & Stories“ ist, zeigte eine Crowdfunding-Aktion Ende 2016. Da waren Hans Ebert und Gesine Claus kurz vorm Aufgeben, weil der alte Ort in der Seilerstraße nicht mehr funktionierte. Das Crowdfunding brachte dann binnen weniger Tage den benötigten Zuschuss, um den Umzug an einen vorteilhafteren Standort anzugehen.

Was mich besonders freut: Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Strips & Stories auch den Deutschen Buchhandlungspreis des BKM erhalten wird. Sie werden also in jedem Fall weitere mindestens 7.000 Euro, vielleicht sogar 15.000 Euro oder 25.000 Euro erhalten – wir drücken die Daumen!

Weiter geht es mit den Preisen, wir kommen zum Hauptpreis, dotiert mit 10.000 Euro. 

Buchhändler, meine Damen und Herren, vereinen mindestens drei Eigenschaften:
Kenntnisreichtum, Empathie, Geschäftssinn. 

Im Falle unserer heutigen Preisträgerin geben wir noch einmal Enthusiasmus, Begeisterungsfähigkeit und Elan obendrauf. Ohne sie gäbe es kein „Books&Breakfast“ und kein „Brot und Spiele“, und schon gar keine „Lange Nacht der Literatur“: 

Der „3. Hamburger Buchhandlungspreis“ geht an das „Büchereck Niendorf Nord“.
Ich möchte die Inhaberin Christiane Hoffmeister und ihr „Dreamteam“ von ganzem Herzen beglückwünschen und hier zu mir auf die Bühne bitten. 

Vor einem Jahr habe ich gesagt, durch ihre Adern fließe Optimismus und Red Bull, ich spekuliere nun auf Begeisterung und Champagner…

Herzlichen Glückwunsch, liebe Frau Hoffmeister, und einen großen Dank für Ihr nimmermüdes Engagement für den Hamburger Buchhandel!

Der Hamburger Buchhandlungspreis ist auch ein virtueller Wanderpokal, der nun für die nächsten zwei Jahre in Niendorf stehen wird – und sich von dort wieder auf die Reise begibt, vielleicht nach Blankenese, vielleicht nach Wilhelmsburg, vielleicht nach Duvenstedt. 

Wir möchten mit dem Hamburger Buchhandlungspreis ein Zeichen setzen und die wichtige Arbeit würdigen, die jede und jeder von Ihnen täglich leistet – ob in der Beratung, als Sortimenter, als Auszubildende, an der Kasse, bei der Organisation von Lesungen oder als schlicht und einfach als kulturelle Drehscheibe ihrer Stadtteile. Stellvertretend dafür zeichnen wir heute das „Büchereck Niendorf Nord“ aus.

Ich darf nun die Vertreterinnen und Vertreter aller nominierten Buchhandlungen auf die Bühne bitten. 

Meine Damen und Herren, 
dies sind:
Felix Jud Buchhandlung Antiquariat Kunsthandel, 
der Buchladen in der Osterstraße, 
die Buchhandlung Samtleben, Stories! 
Die Buchhandlung, cohen + dobernigg Buchhandel, 
die Buchhandlung Seitenweise, 
die Buchhandlung Lüdemann,
Sautter + Lackmann Fachbuchhandlung, 
die Buchhandlung am Sand 
sowie die Buchhandlung HafenFuchs und Jussi – Mein skandinavisches Krimi-Buch-Café. 
Einen herzlichen Applaus für alle Nominierten!

Ich danke der Jury sehr für Ihren Einsatz und bitte Sie ebenfalls nach vorn: 
Thomas Andre, Thomas Bleitner und Ragna Lüders, 
Antje Flemming, Carola Markwa, 
Rainer Moritz und Rita Schmitt.
In zwei Jahren wird eine andere Buchhandlung den Wanderpokal in Empfang nehmen, bis dahin gibt es zwei Preisträger und jede Menge „Buchhandlungen der Herzen“.

Und nun machen wir diese „Lange Nacht“ zu einer kurzen: 
Bevor Rainer Moritz Ihnen sagt, wie es weiter geht, wünsche ich Ihnen einen literarischen Herbst, der so farbenprächtig bleibt, wie er heute begonnen hat. 

Feiern Sie schön!


 

 


 


 

 


 

 


 


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