2. September 2018 Eröffnung der Ausstellung „Inky Bytes – Tuschespuren im Digitalzeitalter“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung der Ausstellung „Inky Bytes – Tuschespuren im Digitalzeitalter“


Liebe Frau Prof. Schulze, 
sehr geehrter Herr Direktor Ying,
sehr geehrte Frau Schrape,
sehr geehrte Damen und Herren,

bei der Vorbereitung zur heutigen Veranstaltung habe ich gelernt, dass man in der chinesischen Tuschemalerei zwei Hauptrichtungen unterscheidet: 
Zum einen Gongbi, was man vielleicht in etwa mit „fleißiger Pinsel“ übersetzen könnte, und Xieyi, frei übersetzt könnte man das den „skizzierten Gedanken“ nennen.

Was sie eint, ist die Verknüpfung von realistischer Naturdarstellung und individuellem Bewusstsein. 

„Schweifenden Denkens das Schöne treffen“ hat das mal jemand genannt. 

Dieses dialektische Verhältnis von Wirklichkeit und Subjektivität, das wir in der jahrhundertealten Tradition der Tuschemalerei finden, erscheint mir hochaktuell zu sein. Nicht im Sinne eines romantischen Naturverständnisses, sondern vielmehr vor dem Hintergrund von Urbanisierung und Digitalisierung – den Schwerpunktthemen dieser Ausstellung und der ganzen diesjährigen „China Time“. 

Dabei geht es nicht nur um einen zeitgemäßen Wandel der Motive – Stadtlandschaften anstelle von Natur – oder einen Wandel der Techniken – vom Rollbild zur Videoinstallation. Dabei geht es vor allem auch um das Verhältnis des Menschen zur Welt. 

In Zeiten, die immer komplexer und immer unübersichtlicher werden, sind wir umso mehr aufgefordert, die weltlichen Zusammenhänge zu begreifen, andererseits aber sind wir auch umso mehr zurückgeworfen auf eine sehr ausschnitthafte und damit subjektive Wahrnehmung der Welt.

In der chinesischen Tuschemalerei gibt es nicht die eine, für alle gültige Zentralperspektive. Und es gibt sie auch in unserem Leben nicht mehr, wenn es sie denn je gegeben hat…

Urbanisierung und Digitalisierung haben gerade in China Veränderungen mit einer Schnelligkeit und einer Konsequenz bewirkt, die aus unserer Sicht neben allen bahnbrechenden und rekordträchtigen Erfolgen nicht nur unproblematisch sind. 

Der preisgekrönte und international gefeierte Schriftsteller Yu Hua hat in seinem Werk „China in Zehn Wörtern“ im Jahr 2009 diese Veränderung so beschrieben: 

„[…] Wenn ich das kulturrevolutionäre und das heutige China auf der einen Seite und das europäische Mittelalter sowie das Europa von heute auf der anderen Seite miteinander vergleiche, muss ich immer wieder sagen: 
Ein Europäer hätte vierhundert Jahre leben müssen, um die gewaltigen Veränderungen zwischen Mittelalter und Jetztzeit am eigenen Leibe zu erleben, wohingegen ein Chinese diese Entwicklung innerhalb von lediglich vier Jahrzehnten erlebt hat.“ 

Chinas Städte wachsen in rasendem Tempo und sie wachsen dabei auch digital, ihr Wachstum ist real und digital und was wo beginnt und wo endet, wird zunehmend schwieriger zu bestimmen. 

Dass wir diesen Wandel aus verschiedenen Positionen betrachten können, sie von allen Seiten einsehen und ein differenziertes Bild entstehen lassen können, verdanken wir Ausstellungen und Kulturprojekten wie diesen. 

Dialogisch ist diese Ausstellung also in vielerlei Hinsicht: 
Sie betrachtet die Kunst Chinas in ihrer traditionellen wie in ihrer zeitgenössischen Ausprägung. 
Die Künstlerinnen, Künstler und Künstlergruppen aus Deutschland und China arbeiten analog und digital, sie beschäftigen sich mit Stadt und Natur und sie nehmen die kritische Distanz ein, die Kunst so wertvoll macht. 

Dass bei einer solchen Betrachtung ambivalente Haltungen entstehen, ist natürlich. Besonders auf den Punkt bringt eine solche Haltung Yang Yongliang, ein Shanghaier Künstler der Ausstellung: 

„Ich pflege einen mir liebgewonnenen, vertrauten, ja intimen Umgang mit meiner Stadt. Aber ich hasse die rasende Ausbreitung der Stadt, ihr vielfräßiges, nimmersattes Gehabe, mit dem sie stetig alles, was sie umgibt, schluckt. Ich liebe die spirituelle Tiefe und den Reichtum der traditionellen chinesischen Kultur. 
Aber ich hasse ihre trotzige Unbeweglichkeit, dieses verharrende Auf-der-Stelle-Treten.“

Und damit sind wir bei einem der Punkte, die mich an dieser Ausstellung besonders freuen: 

Yang Yongliang hat diese Sätze nicht 2018 und nicht im Katalog dieser Ausstellung geschrieben, sondern 2008, im Katalog der Ausstellung „Shanghai Urban Public Space“, die damals ebenfalls im Rahmen der „CHINA TIME“ im Lands End in der Stockmeyerstraße gezeigt wurde. 
Dass Yang Yongliang nun 10 Jahre später in einem ganz anderen Kontext erneut Gast unserer Stadt ist, freut mich sehr. 

Ein anderer Punkt ist die Entstehungsgeschichte der Ausstellung. In Vorbereitung der „CHINA TIME“ veranstalten wir in unserer Behörde regelmäßige Kulturrunden, zu denen wir alle Akteure aus dem Kulturbereich einladen, die Projekte mit China planen. 

Ein Wunsch unsererseits dabei ist, die Vernetzung der Akteure untereinander zu ermöglichen und das ist in diesem Fall auf wunderbare Weise geschehen. 
Als Frau Schrape in einer unserer Runden vorstellte, sie wolle etwas zu den Themen Urbanisierung und Digitalisierung machen, sei aber noch offen für Anregungen, entstand eine ganz eigene Dynamik: 
Schnell brachten sich Anwesende wie die Künstlerin Dagmar Rauwald und der Künstler Shan Fan in die Diskussion ein, separate Vorbereitungsrunden wurden einberufen und gemeinsam ist diese tolle Ausstellung entwickelt worden. 

Dem „Museum für Kunst und Gewerbe“, namentlich Frau Prof. Schulze und Frau Schrape, und allen Beteiligten möchte ich herzlich danken, dass Sie sich mit dieser Ausstellung bei CHINA TIME engagieren und zugleich für die Sammlung Ostasien ein Fenster in die zeitgenössische Kunstwelt öffnen. 

Generell hat sich Frau Schrape – seit Ende letzten Jahres neue Leiterin der Sammlung Ostasien – Spannendes vorgenommen. Die wissenschaftliche Erschließung und Digitalisierung der Sammlung ist ihr ebenso ein Anliegen wie eine stärkere Fokussierung auf die zeitgenössische Kunst Ostasiens. 

Als wichtigen ersten Schritt in diese Richtung konnte das MKG die „ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius“ dazu gewinnen, für zwei Jahre eine Digitalisierung wichtiger Bereiche der Sammlung zu fördern. Dafür sei auch der Stiftung mein herzlicher Dank ausgesprochen. 

Diese grundsätzliche Neuausrichtung wird in Frau Schrapes ersten großen Ausstellung deutlich spürbar und ich bin mir sicher, die Intervention zwischen Tradition und Gegenwart ist für beide Seiten bereichernd. 

Dass die eindrückliche Videoarbeit „Rising Mist“ von Yang Yongliang in dieser Ausstellung gezeigt werden kann, wurde ermöglicht mit dem Ankauf des Werkes durch die „Stiftung Hamburger Kunstsammlungen“, denen ich an dieser Stelle ebenfalls herzlich danken möchte. 

Abschließend möchte ich Sie alle einladen, sich das Programm der diesjährigen „CHINA TIME“ anzusehen, analog auch hier ausliegend oder digital unter chinatime.hamburg.de. 
Vom 1. bis zum 23. September werden mehr als 150 Veranstaltungen zu erleben sein, 110 davon aus den Bereichen Kunst, Kultur und Bildung. 
Vorgestern hat unser Erster Bürgermeister die „CHINA TIME“ feierlich im Rathaus eröffnet und bereits das anschließende Eröffnungskonzert im „Mojo Club“ hat wirklich Lust auf mehr gemacht. 

Vielen Dank.


 

 


 


 

 


 

 


 


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