7. September 2018 Aktionstag der Bücherhallen und der Volkshochschule Hamburg

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Aktionstag der Bücherhallen und der Volkshochschule Hamburg

 

Sehr geehrte, liebe Frau Schwemer-Martienßen,
sehr geehrte Frau Schnoor,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

auf den ersten flüchtigen Blick könnte man glauben, dass das Thema Ihres Aktionstages an Bedeutung verliert…

Mitte der 1990er Jahre prophezeiten der amerikanische Literaturwissenschaftler William Mitchell und der deutsche Kunsthistoriker Gottfried Boehm den sogenannten „iconic turn“: die Wende von einem Zeitalter der gesprochenen und geschriebenen Sprache hin zu einem Zeitalter der visuellen Kommunikation. 
Medien- und kulturwissenschaftlich beobachten wir diese Entwicklung schon länger. Bilder kehren zurück und ihre Wirkung verdrängt die der Sprache nachdrücklich.

Wir alle erleben dies täglich, denn die digitale Entwicklung hat die Bildkommunikation mobil gemacht und dazu geführt, dass Bilder und Videos von jedem jederzeit produziert und genutzt und (vermeintlich) verstanden werden können. Dieses bedeutet aber noch lange nicht, dass die Schriftsprache tatsächlich an Bedeutung verliert. Ganz und gar nicht!

Denn für differenzierte Sachverhalte und Diskussionen, aber auch für alltägliche Orientierung in unserer komplexen Welt ist das Lesen und Schreiben unverzichtbar. Auch unsere Vorstellungen von Rationalität und Logik orientieren sich in der Struktur unserer Sprache.

Wer diese Kulturtechniken nicht zuverlässig beherrscht, ist von wichtigen Informationen und Kommunikationszusammenhängen ausgeschlossen. Hinzu kommt oft die eigene Scham oder die Stigmatisierung durch andere. Beides kann dazu führen, dass die betroffenen Einzelnen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen. 

Um diesem Problem von klein auf entgegenzuwirken, haben Wissenschaftler, Künstler und Vertreter der Zivilgesellschaft pünktlich zum Hamburger Schulbeginn mit der sogenannten „Hamburger Erklärung“ auf die Bedeutung der Leseförderung für Kinder hingewiesen. 

Sie fordern außerdem die Bildungspolitik zur Intensivierung ihrer Aktivitäten auf, um den in der bundesweiten IGLU-Studie belegten Defiziten in der Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern wirkungsvoll zu begegnen. 

Die breite Resonanz und Unterstützung der Initiative zeigt, dass es hierfür ein breites Bewusstsein in der Gesellschaft gibt. Deshalb sollte das Handeln dann auch leicht fallen…

Es ist sicher kein Zufall, dass die Initiative für dieses Thema aus Hamburg kommt. 
Schließlich gibt es in unserer Stadt eine langjährig bewährte Kooperation vieler verschiedener Akteure, die mit Engagement, Fachkompetenz und viel Kreativität dafür sorgen, dass Kinder und Eltern in der Sprach- und Lesekompetenzentwicklung unterstützt werden. Sie arbeiten engagiert darauf hin, dass Lesen und Schreiben als Bereicherung des Lebens verstanden und genutzt wird. 

Trotz dieser bundesweit vorbildlichen Angebote müssen wir leider feststellen, dass wir nicht alle Kinder erreichen und ausreichend unterstützen können. 
Dies wird eine Herausforderung bleiben – auch für Hamburg. 

Doch betrifft das Thema „Schreib- und Leseförderung“ bei weitem nicht nur die Zielgruppe der Kinder. Die sogenannte „Leo-Level One“-Studie der Universität Hamburg kam 2012 zu dem erschreckenden Ergebnis, dass rund 7,5 Mio. Menschen in Deutschland – das sind etwa 14,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung – zu den sogenannten „funktionalen Analphabeten“ zählen. Viele von ihnen sind Muttersprachler, viele haben einen Schulabschluss und stehen im Berufsleben.

Aber ihre schriftlichen Kompetenzen reichen nicht aus, um sie „in ihren persönlichen Lebenswelten funktional zu nutzen“ und so „an relevanten gesellschaftlichen Prozessen in voller Breite zu partizipieren“. 
4,4 Prozent der Studienteilnehmer offenbarten, dass sie maximal Wörter, aber keine Sätze lesen konnte; weitere 10 Prozent konnten zwar kurze Sätze, nicht aber Texte lesen. 

Grund genug, mit dem heutigen „Aktionstag der Bücherhallen Hamburg und der Volkshochschule“ auf dieses Problem aufmerksam zu machen – so wie es die UNESCO bereits seit 52 Jahren mit dem „Welttag der Alphabetisierung“ am 8. September tut. 

Denn die Erfahrung zeigt: Um die Betroffenen bei der Bewältigung der Hürden in vielen Lebensbereichen zu unterstützen – und mehr noch: es gar nicht dazu kommen zu lassen – dazu bedarf es der Aufmerksamkeit und Unterstützung vieler Beteiligter.

Und es ist wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass „Analphabetismus“ viele verschiedene Ursachen haben kann – mangelnde Intelligenz ist aber ganz sicher keiner davon. Viel öfter geht es um äußere, gesellschaftliche Umstände oder manches Mal auch um eine Dysfunktion des Gehörs. 

Das gleich folgende Podiumsgespräch wird die vielfältigen Ursachen und Probleme noch ausführlich thematisieren und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. 
Entscheidend ist, dass wir das Entstehen von Analphabetismus verhindern und dass wir es zugleich schaffen, funktionalen Analphabeten zu ermöglichen, ohne Stigmatisierung und ohne Ausgrenzung die nötigen schriftsprachlichen Kompetenzen zu erwerben. 

Denn dass man es auch als Erwachsener schaffen kann, lesen und schreiben zu lernen, zeigen solch hoffnungsvolle, starke Beispiele wie Tim-Thilo Fellmer, der heute Kinderbuchautor ist und sich selbst als „Leseratte“ bezeichnet. 

Wir reden in diesen Tagen viel über Information, Integration, Orientierung und vor allem immer wieder über Teilhabe. Für die aber braucht es kommunikative Kompetenz – sie ermöglicht es, über Sprache Wahrheit und Richtigkeit von Aussagen zu verhandeln und so gleichzeitig noch soziale Beziehungen aufzubauen.

Die Grundvoraussetzung dafür ist die Beherrschung der Sprache in Wort und Schrift. Die linguistische Kompetenz.

Insofern ist Ihrer aller Arbeit in letzter Konsequenz ein Werk der Aufklärung und eine Stärkung der Grundlagen unserer freiheitlichen Demokratie – und natürlich eine Befreiung zur individuellen Freiheit und zur Autorschaft des eigenen Lebens! Das ist wichtig!

Ich danke allen Mitwirkenden für Ihr Engagement!

 

 


 


 

 


 

 


 


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