7. September 2018 Spielzeiteröffnung Thalia Theater

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Spielzeiteröffnung Thalia Theater

 

Lieber Joachim Lux,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

die Eröffnungsproduktion der neuen Saison lockt uns ein bisschen auf die falsche Fährte. Denn wir haben es beim „Orpheus“ mit einer Sage zu tun, die den Blick zurück als Beginn einer großen Lebenskatastrophe markiert. In der Jubiläumsspielzeit des Thalia Theaters wollen wir aber lieber nach vorne blicken, daher bin ich schon ganz gespannt auf die neue Spielzeit, die unter dem Motto „175 Jahre Thalia Theater – 175 Jahre Gegenwart“ steht. 

Wir sehen in diesem Motto den Anspruch, das Zeitgenössische und das in die Zukunft gerichtete zum Gegenstand des Theaters zu machen. Und das in einem Haus, das nach der Muse der Komödie benannt ist. Heute geht es in diesem Haus nicht nur, aber immer wieder auch um das Lachen – und immer wieder darum, die Aufklärung herbei zu lachen. Denn wir wissen aus vielerlei Kontexten, dass es ohne das Lachen gar nicht geht. Und dass das Lachen unter Umständen auch die gefährlichste Waffe ist, die wir haben, um denjenigen, die uns den Spaß in unserer Gesellschaft und das Freie und das Offene nehmen wollen, auch etwas entgegen setzen zu können.

Ich möchte heute einen etwas ernsthafteren Ton anschlagen und ein paar Gedanken zum Thema Wahrheit mit Ihnen teilen, weil auch das eine Kategorie ist, mit der wir sowohl im Theater als auch in unserer Gesellschaft auf die eine oder andere Art und Weise zu tun haben. 

Im Sommerurlaub habe ich ein kleines Büchlein gelesen mit dem Titel „The death of truth“, das von Michiko Kakutani, der Literaturkritikerin der New York Times, geschrieben worden ist. In diesem Buch setzt sie sich mit der besonderen Situation in den USA auseinander, hat aber auch eine sehr interessante Beobachtung gemacht, die mitten hinein ins Herz vieler Diskussionen führt, die wir auch hier in unserem Land miteinander erleben. 

Kakutani beschreibt, wie die Ideen der Postmoderne in den 1960er, 70er und 80er Jahren eine befreiende Wirkung auf Kunst und Kultur gehabt haben, weil sie ehemals eherne, vermeintlich objektive und in Stein gemeißelte Wahrheitsansprüche verflüssigt haben und darauf aufmerksam gemacht haben, dass es unterschiedliche Erzählungen, unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Biographien gibt, die zu unterschiedlichen Zugriffen auf Wirklichkeit führen können. 

Wir alle haben insbesondere in der Kunst diese Verflüssigung der Perspektiven auf das, was uns eigentlich ausmacht, als einen großen Gewinn erfahren. Kakutani schreibt aber weiterhin, dass in dem Moment, in dem dieses Verflüssigen in Gesellschaft und dann noch weiter in Politik hineindringt und sich mit Narzissmus und Beliebigkeit verbindet, die Gefahr besteht, dass sich Zusammenhänge auflösen. Wir gestehen zwar jedem Einzelnen zu, seinen eigenen Zugriff auf die Wirklichkeit zu haben, sind aber nicht mehr in der Lage, das in einer kohärenten Form so zusammen zu bringen, dass wir als Gesellschaft noch handlungsfähig sind. 

Das, was aufklärerisch begonnen hat, kehrt sich, wenn es in die falschen Hände an der falschen Stelle gerät, auf einmal in das Gegenteil. Insofern ist es eine dringliche Bitte auch an diejenigen, die diese „Waffen der Aufklärung“ als erste in der Hand gehabt haben und am besten genutzt haben – und das sind Künstlerinnen und Künstler –, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir das wieder zusammen bekommen. Wie wir es schaffen, aus der Beliebigkeit des Nebeneinanderher, der Vielfalt der unterschiedlichen Perspektiven und unserer unterschiedlichen vernünftigen Positionen wieder in einen Prozess des sich miteinander Verständigens zu kommen. 

Das ist eine Aufgabe, die gerade jetzt in diesen Tagen wieder ins Herz unserer Institutionen zielt. Nicht im Sinne eines volkspädagogischen Aufklärens über eine scheinbar objektiv gesetzte Wahrheit, sondern im Sinne des Ermöglichens der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Perspektiven in unserer Gesellschaft.  Und in dem Versuch, aus dem Gespräch und dem gemeinschaftlichen Erleben wieder etwas zu erschaffen, dass das Gefühl von gemeinsamer Aufgabe, gemeinsamem Sinn und gemeinsamer Notwendigkeit innerhalb eines Gemeinwesens ermöglicht. 

Das ist ein wichtiges, sehr aktuelles Thema und ich bin sehr gespannt, was das Thalia Theater, das seine Saison unter das anspruchsvolle Motto „Identität“ gestellt hat, an Impulsen in diese Debatte hinein geben wird. 

Meine Damen und Herren, das Schöne an der Kunst ist, dass sie jenseits des Diskurses in der Lage ist, auch unmittelbar emotional und direkt in den Bauch zu wirken und unter Umständen ein plötzliches Erkennen einer Wahrheit hervorrufen kann. Ganz anders als in der Politik, wo wir uns immer mit Argumenten abmühen, die mal mehr und mal weniger stichhaltig sind, gibt es in der Kunst diese mimetische Kraft, die auch anders überzeugen kann und uns manches Mal etwas erkennen lässt, was wir vorher nicht erkannt haben. 

Wir müssen aber daran arbeiten, dass wir, die wir hier versammelt sind, es uns nicht gemütlich machen in diesem geschützten behaglichen Theaterraum, sondern dass wir rausgehen und das Gespräch über die unterschiedlichen Perspektiven in unserer Gesellschaft organisieren und führen. Und dass wir es schaffen, eine gemeinsame Perspektive auf das zu ermöglichen, was unsere Gesellschaft offen, frei, demokratisch und vielfältig macht. Das ist eine Aufgabe, die sich uns allen stellt und die wir auch nicht an einzelne Kultureinrichtungen delegieren können. Ich hoffe sehr, dass uns das gelingt – im Sinne einer neu zu entdeckenden Wahrheit, die wir auf keinen Fall aufgeben sollten, die aber nicht apodiktisch fest steht, sondern die wir jeden Tag neu verhandeln müssen. Das ist eine Aufgabe, die anstrengend ist, aber alternativlos, wenn ich das böse Wort hier einmal verwenden darf.

Herr Lux schreibt in seinem Vorwort zur Spielzeitbroschüre, dass in Zeiten zupackender Machertugenden, in Zeiten der Egomanen, die sich inszenieren, als ob sie in der Lage wären, komplexe Verhältnisse durch einfaches schieres Wollen bewegen zu können, dass in solchen Zeiten Künstlerinnen und Künstler die Skeptiker, Melancholiker und Gaukler seien, deren Misstrauen „gegen die Grandiosität des eigenen Ichs oder selbstgefällige Kollektive, die nur über Exklusionsfantasien funktionieren“ gesellschaftlich wirken kann. Das Misstrauen, die Skepsis von Künstlerinnen und Künstlern gegen die narzisstischen Ansprüche einer weniger können ein wohl dosiertes Gegengift sein, das uns als Gesellschaft dabei hilft, miteinander besser mit den Herausforderungen klarzukommen, vor denen wir stehen. 

Ich hoffe inständig auf ganz viel von dieser Skepsis, auf ganz viel von diesen Gegengiften in den nächsten Monaten und Jahren aus unseren kulturellen Einrichtungen, in denen wir immer wieder gemeinsam verhandeln, was uns als Gesellschaft eigentlich ausmacht.

Nun bleibt mir noch Danke zu sagen. 
Danke an Joachim Lux, der dieses Jahr bereits in der 10. Spielzeit  als Intendant das „Thalia Theaters“ leitet und noch einige weitere vor sich hat, was mich sehr freut. 

Mein Dank geht ausdrücklich auch an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Thalia Theaters, die vor der Bühne und hinter der Bühne Theater überhaupt erst möglich machen.

Ich möchte mich auch bedanken bei denen, die sich dem Wagnis im Zuschauerraum aussetzen – weil man auch da nicht immer weiß, was einen erwartet.

Und ich bedanke mich bei der Architektin Anna Nicolas und ihrem Team, die diese gelungene Foyer-Neugestaltung hinbekommen haben, in dem sie zwei unterschiedliche Zeitschichten miteinander kontrastiert, sehr sensibel denkmalpflegerisch zueinander in Beziehung gesetzt und auch gleich noch die Modernisierungsimpulse ins Jetzt gelegt haben. 

Ich wünsche dem Thalia Theater eine streitbare Saison, eine Saison, in der man immer wieder auf die Bühne tritt und sagt, das ist meine Wahrheit, lasst uns darüber reden.

Schönen Dank.

 


 


 

 


 

 


 


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