9. September 2018 Abschlussempfang Tag des offenen Denkmals 2018

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Abschlussempfang Tag des offenen Denkmals 2018

 

Liebe Frau von Jagow,
liebe Denkmalengagierte,
sehr geehrte Damen und Herren, 

der diesjährige „Tag des offenen Denkmals“ fügt sich ganz wunderbar ein in die Dramaturgie des „Europäischen Kulturerbejahres 2018“, das unter dem Motto „Sharing Heritage“ steht.

Ich erinnere daran, dass am 8. Januar die nationale Auftaktveranstaltung zu diesem europäischen Kulturerbejahr im Hamburger Rathaus stattfand. Es war durchaus ein bedeutsamer Akt, dass wir mit allen Akteurinnen und Akteuren aus ganz Deutschland die Bedeutung des Europäischen Kulturerbes und insbesondere des baukulturellen Erbes betonen konnten.

Wir haben danach mehrere inhaltliche Impulse in der denkmalpflegerischen Debatte in diesem Jahr erlebt. Wir haben zum einen die „Davos-Declaration“ – eine Selbstverpflichtung der europäischen Politik, der Baukultur einen anderen Stellenwert beizumessen –, die sicher für die nächsten Jahre ein bedeutender Impuls sein wird, diese Debatte weiter sinnvoll zu gestalten. 

Wir haben, das aufgreifend, in Berlin im Juni den „Berlin Call to Action“ vorgestellt, der ein Appell ist, das was in Davos beschlossen worden ist,  nicht nur bei einem Bekenntnis zu belassen, sondern auch in konkretes Handeln vor Ort in die Praxis zu übersetzen.
 
Wir haben jetzt den „Tag des offenen Denkmals“ und wir werden im November in Leipzig noch die Denkmalmesse haben, die sicher auch noch einmal einen markanten Punkt darstellen wird in der Dramaturgie dieses gesamten Jahres.

Es ist eine wunderbare Idee gewesen, dass – ausgehend insbesondere von den Ländern der Bundesrepublik Deutschland und von den denjenigen, die sich für die Denkmalpflege und die Bewahrung des baukulturellen Erbes einsetzen – ein Impuls für ein solches europäisches Kulturerbejahr gekommen ist. 

Wir veranstalten dieses Europäische Kulturerbejahr zu einem Zeitpunkt in Europa, zu dem es nicht wichtiger sein könnte, sich in Erinnerung zu rufen, was die grundlegenden normativen, aber auch praktischen Übereinkünfte sind, auf denen dieses Projekt Europa beruht. 

Und zwar nicht nur in den abstrakten philosophischen Erörterungen, die man dazu führen kann, und auch nicht nur in den kleinteiligen Richtlinien, Regularien und Verordnungen, mit denen man sich dann in Trilogen und Komitees in Brüssel wunderbar jahrelang beschäftigen kann, sondern auch ganz praktisch im Alltag der Bürgerinnen und Bürger. 

Wir leben in Europa in einer merkwürdigen, aber auch einzigartigen und beglückenden Kombination von einerseits dem Bewusstsein für Differenz innerhalb eines sehr heterogenen Kulturraums, der trotzdem sich entschlossen hat, gemeinsam seine Zukunft zu gestalten, und andererseits im Wissen um den jahrhundertelangen Austausch zwischen diesen verschiedenen kulturellen Traditionen und im Wissen um die Hybride, die daraus entstanden sind. 

Das ist ein Ansatzpunkt, aus dem wir die Zukunft und zwar die friedliche Zukunft eines Kontinents gestalten wollen, der in der Vergangenheit leider immer wieder bewiesen hat, dass er die Differenz auch in Krieg, Gewalt, Hass und Zerstörung münden  lassen kann. 
Der Begriff „Sharing Heritage“ macht sehr deutlich, dass wir das nicht noch einmal wollen. Diesen Impuls des „Europäischen Kulturerbejahres“ sollten wir alle nicht nur in diesem Jahr, sondern auch darüber hinausgehend immer wieder in unseren Alltag bringen. 

Dabei hilft der präzise Blick für die Hinterlassenschaften des kulturellen Austauschs, mit denen wir jeden Tag leben in unseren jeweiligen Städten. Ich glaube, wenn Sie sich mehrere der Denkmäler, die heute geöffnet sind, angesehen haben, dann werden Sie festgestellt haben, dass dort immer auch internationale Bezüge aus anderen kulturellen Traditionen eine Rolle spielen, teils bewusst, teils unbewusst, teils assoziativ, teils sehr präzise durch die damaligen Bauherren vorgestaltet. Das betrifft nicht nur den dänischen Klassizismus unserer Villen entlang der Elbchaussee oder die vielfältigen britischen Bezüge wie bei der Villa Mutzenbecher und Teilen der Infrastruktur. 

Wir haben eine App mit William Lindley konzipiert, der als Brite dafür zuständig war, dass viele der Hamburger Infrastrukturen entstanden sind, insbesondere die Kanalisation als eine der ersten und bedeutendsten auf dem europäischen Kontinent.

Viele dieser kulturellen Fußabdrücke anderer Nationen und anderer kultureller Traditionen kommen in Städten zusammen. Vielleicht ganz besonders in einer Stadt wie Hamburg, die sich seit Jahrhunderten als das „Tor zur Welt“ begreift, das einerseits dazu einlädt, andere kulturelle Traditionen in sich aufzunehmen und miteinander zu verbinden, und andererseits auch Hamburgerinnen und Hamburger dazu ermuntert, in die Welt hinaus zu gehen.
 
Es ist bedeutsam für die Zukunft, dass wir uns das europäische Projekt nicht durch die Finger rinnen lassen. Wenn jetzt einige europäische Staaten ihre Sprache sprechenden Minderheiten oder Mehrheiten anderer Länder ihre Staatsbürgerschaft anbieten, dann kann einen das schon mindestens verdutzen. Ob das der richtige Umgang mit Differenz ist, darf bezweifelt werden, da es doch um das selbstverständliche Miteinanderleben in noch 28 Staaten der EU gehen sollte und um die wechselseitige Gastfreundschaft und das wechselseitige Wissen um die kulturellen Verbindungen, die man über Jahrhunderte erlebt hat. Es geht also um das Schaffen einer gemeinsamen Erzählung aus der gemeinsames Handeln erwachsen kann. 

Wir haben mittlerweile über 30 Projekte aus Hamburg auf unserer Plattform zu „Sharing Heritage“, die von Vereinen, Kirchen, Verbänden, Stiftungen oder Schulen auf den Weg gebracht wurden, um die kulturellen Ankerpunkte eines gemeinsamen kulturellen Erbes vor Ort zu erkunden. Viele dieser Projekte haben sich auch am „Tag des offenen Denkmals“ präsentiert. 

Ich möchte mich ausdrücklich bedanken für die großartige Arbeit, die vielerorts geleistet wird, und die den Funken und die Begeisterung weckt, sich auch im Alltag mit diesen Themen zu beschäftigen. Wir brauchen die Fokussierung an solchen öffentlichkeitswirksamen Tagen wie dem heutigen, aber wir brauchen auch die Beharrlichkeit in der Mühsal der Ebene. Dafür meinen herzlichen Dank.
 
Sie gestalten damit auch einen Diskurs, den wir in unserer Gesellschaft momentan beginnen, von dem ich noch nicht so genau weiß, wohin er führen wird. Das ist die Debatte rund um den Begriff Heimat. Es ist ziemlich offensichtlich, dass ein Baudenkmal, das Sichtbarwerden bestimmter markanter Gebäude oder Stadtansichten oder auch die spezifische Atmosphäre einer Stadt, einer Gemeinde oder einer Kommune etwas ganz Besonderes sind und immer auch etwas damit zu tun haben, dass sie das Gefühl vermitteln, zu Hause zu sein.

Dieses behagliche oder auch irritierende Gefühl von „hier gehöre ich hin“ ist etwas, das maßgeblich mit Heimat zu tun hat und etwas, woran wir auch gemeinsam an den Denkmälern arbeiten und das wir erhalten und weiter entwickeln. Das gehört dazu, wenn wir Bürgerinnen und Bürgern einen Sinn geben wollen für den Ort und für die Gemeinschaft, die sich an diesem Ort entwickeln kann.

Dazu gehören dann auch die Gebäude, die uns nicht nur an schöne Zeiten, an aufklärerische Elemente, an infrastrukturelle Errungenschaften unserer Stadt erinnern, sondern auch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der Hannoversche Bahnhof oder die Zwangsarbeiterbaracken, die die Willi-Bredel-Gesellschaft wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. 

Und auch hier im Museum am Rothenbaum, das einerseits kulturelle Schätze der Welt beheimatet, andererseits aber natürlich auch die Frage aufwirft, wie diese kulturellen Schätze der Welt nach Hamburg und in dieses Haus gekommen sind. Nicht jeder der über 200.000 Gegenstände in den Depots und Ausstellungen dieses Hauses ist vollständig freiwillig auf Grundlage einer Transaktion auf Augenhöhe in dieser Sammlung gelandet, sondern ist möglicherweise das Ergebnis kolonial geprägter Machtverhältnisse der Welt. 

Auch darüber kann ich mich in dieser Sammlung informieren, aber dazu muss man das transparent machen. Man muss die diskursive Bearbeitung und die gesellschaftlichen Schlussfolgerungen daraus ermöglichen. Es geht darum, nicht nur an der Oberfläche stehen zu bleiben, sondern auch die tieferen, dahinter liegenden Bezüge miteinander zu erarbeiten. Aus diesem Grund freue ich mich sehr über die Veränderungsprozesse hier im Haus.

Beim Denkmalschutz ist es ähnlich wie bei einem Museum wie diesem. Es geht darum, regelmäßig so etwas wie einen urbanen Reset zu machen, eine Neubetrachtung oder um eine Umnutzung. Neu bauen ist nicht immer besser. Es muss uns gelingen, das, was uns übergeblieben ist aus früheren Epochen, heute nutzbar zu machen und heute einzubinden und unter Umständen in völlig neue Nutzungskontexte zu stellen. 

Wir haben gerade eine Diskussion zu der Frage, wie wir mit den Bauten der Nachkriegsmoderne umgehen. Wir stellen fest, dass die Nachkriegsmoderne auf einem Verständnis von Stadt basiert, das ganz stark zu tun hat mit funktionaler Differenziertheit. Heute entwickeln und bauen wir Städte in einer viel kleinteiligeren Mischung. Das spricht gar nicht gegen die Bauten der Nachkriegsmoderne, aber diese Bauten sind ursprünglich nicht dafür gemacht worden. 

Die spannende Frage ist: Wie schaffen wir es, solche Solitäre in eine Stadtstruktur einzubinden, an die mittlerweile völlig andere Anforderungen und Erwartungen gestellt werden. Amerikanische Stadtsoziologen sprechen von „the walkable city“ oder „the bikable city“, also er begehbaren oder der mit dem Fahrrad befahrbaren Stadt. Wir wollen in unserem Alltag in einem Umkreis von 1,5 oder 2 Kilometern alle Funktionen unseres Lebens erfüllen können; da wollen wir arbeiten, da wollen wir leben, da wollen die Kinder zur Schule gehen, da wollen wir einkaufen, da wollen wir unsere Freizeiteinrichtungen haben. Vor 50 Jahren haben wir Städte gebaut, in denen das alles deutlich voneinander getrennt stattfand. Da hat sich also etwas verändert.

Wie wir mit unserem baukulturellen Erbe umgehen in einer dynamisch sich entwickelnden Stadt, ist eine hochspannende Frage. Eine Frage, bei der wir gerade diejenigen brauchen, die den Blick haben auf das, was schon ist, und auf das, was bewahrenswert ist und einen kulturellen Wert hat. 

Wir brauchen Ihre laute Stimme in diesen Debatten, die in der Stadt immer auch etwas damit zu tun haben, dass Interessen aufeinander prallen. Die aber vor allem etwas damit zu tun haben müssen, dass wir ein gemeinsames Verständnis davon entwickeln, wie wir uns unsere Stadt eigentlich wünschen, in der wir gemeinsam gut leben wollen und die wir gemeinsam als Heimat empfinden wollen. Das ist etwas, das ich nicht kleinreden möchte, sondern das ganz bedeutsam ist.

Sie alle hier im Raum haben auf die ein oder andere Art und Weise am heutigen Tag mitgewirkt, dafür möchte ich Danke sagen und ich möchte insbesondere denen Danke sagen, die sich selbst um ein Denkmal kümmern. Das ist eine schöne, verantwortungsvolle, aber manchmal eben auch mühsame Aufgabe, wenn jemand ein Denkmal erhält und pflegt und vielleicht sogar der Öffentlichkeit zugänglich macht an Tagen wie diesen. Menschen kommen vorbei, schauen sich das Gebäude an, staunen, machen ein Selfie mit dem Denkmal und gehen dann wieder. Sie müssen sich jeden Tag darum kümmern, dass es auch in Zukunft denkmalgerecht bleibt. Sie haben damit, unterstützt von den Kolleginnen und Kollegen im Denkmalschutzamt, eine enorme Aufgabe übernommen – nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gesellschaft. 

Für dieses Engagement danke ich Ihnen sehr herzlich. Lassen Sie nicht nach, machen Sie weiter und nutzen und stärken Sie Institutionen wie die Stiftung Denkmalpflege, die seit 40 Jahren aktiv dabei ist und sicherlich auch in den nächsten Jahrzehnten viel dazu beitragen wird, dass wir alle miteinander sagen können: Wir fühlen uns hier in Hamburg wohl, das ist unsere Heimat und das sehen wir auch am Stadtbild.

Vielen Dank.

 


 


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