11. September 2018 Ausstellungseröffnung im MARKK „Erste Dinge – Rückblick für Ausblick“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung im MARKK „Erste Dinge – Rückblick für Ausblick“

 

Sehr geehrte Prof. Plankensteiner,
sehr geehrte Frau Vollmer de Maduro,
sehr geehrter Herr von Eben-Worlée,
sehr geehrte Dr. Kokott,
sehr geehrte Frau Takayanagi,
sehr geehrte Mitglieder des Konsularischen Korps,
liebe weit angereiste Gäste,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Wenn Du in die Vergangenheit siehst, erkennst Du die Zukunft.“
Die Weisheit dieses alten westafrikanischen Sprichworts findet auch in der Programmatik der Ausstellung ihren Widerhall, die wir heute hier im Museum am Rothenbaum eröffnen.

„Rückblick für Ausblick“, lautet der Untertitel der Schau, die uns zu den „ersten Dingen“ und damit zu den Anfängen der ethnographischen Sammlung der Freien und Hansestadt Hamburg führt. Der Blick zurück ist stets ein Blick nach vorn. 

Denn im Rückblick begegnen wir unserem historischen Erbe, zu dem wir im Hier und Jetzt eine Haltung entwickeln müssen, die uns in die Zukunft führt. In diesem Sinne begreift auch das MARKK die neue Ausstellung ausdrücklich als Baustein in der Neupositionierung des Hauses an der Rothenbaumchaussee, dessen neue Programmatik bereits in der Umbenennung zum „Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt“ – kurz: MARKK – ihren Ausdruck findet. 

Die Klarheit des neuen Corporate Designs des Museums, das wir zur heutigen Eröffnung zum ersten Mal sehen können, gibt der Neuausrichtung ein deutlich wiedererkennbares Gesicht. Ähnlich wie das Musée du quai Branly in Paris oder das Museum aan de Stroom in Antwerpen vermeidet der neue Name die Zeitgeistigkeit begrifflicher Moden und Konjunkturen und verankert damit das Haus langfristig an seinem Ort im Herzen Hamburgs. 

Die Ausstellung „Erste Dinge“ führt uns zurück in die Gründungsphase des Museums.
Wie in vielen anderen europäischen Städten entstand auch in Hamburg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein so genanntes „Museum für Völkerkunde“. 

Im Jahr 1849 regte die Hamburger Museumskommission, die damals mit der Verwaltung der vielfältigen Sammlungsgebiete der Hansestadt betraut war, die Einrichtung einer ethnographischen Sammlung an. Der Vorschlag stieß offenbar auf große Bereitschaft, denn bereits ein Jahr später findet die ethnographische Sammlung im Tätigkeitsbericht des akademischen Gymnasiums Erwähnung. Zunächst als Teil der naturkundlichen Sammlungen geführt – die kolonialistischen Implikationen sprechen Bände –, wurde die Sammlung 1871 als „Culturhistorisches Museum“ in die Eigenständigkeit überführt. 

In Abgrenzung zum in Gründung befindlichen „Museum für Kunst und Gewerbe“ erfolgte 1879 der Namenswechsel zum „Museum für Völkerkunde“. Sie sehen, auch Umbenennungen sind nichts Neues. Und so wie heute war auch damals die Umbenennung ein Signal für eine Neuausrichtung. Es galt, das ursprünglich universell angelegte Sammlungsprofil zu schärfen und den Fokus auf Gegenstände zu legen „welche auf die Cultur der fremdländischen Völker Bezug haben“. Gemeint waren die außer-europäischen Kulturen.

„Völkerkundemuseen“ waren zunächst Orte der Neugier, die das vermeintlich Andere, Fremde und Exotische in den Mittelpunkt stellten. Tatsächlich erinnern die frühen Sammlungsbestände des MARKKs an eine Wunderkammer oder ein Kuriositätenkabinett. 
Erst später fand eine wissenschaftliche Systematisierung statt, die in der Folgezeit immer wieder aufs Neue Gegenstand kritischer Reflektionen wurde. 

An dieser Stelle sei auf den ersten Direktor des „Hamburger Museums für Völkerkunde“, Georg Thilenius, hingewiesen, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts die damals übliche zeitlose Kategorisierung von so genannten Naturvölkern hinterfragte. In seinen Überlegungen verwies er auf die Tatsache des historischen Kulturwandels, dessen Verflechtungen und Dynamik es zu untersuchen gelte. 
Thilenius war sicher kein Vorreiter der „Post Colonial Studies“, aber seine Äußerungen zeugen von dem fortlaufenden Diskurs, in dem sich jede Wissenschaft bewegt. Hier zeigt sich bereits jene Verflüssigung traditioneller Wahrheitsansprüche, mit der wir heute umgehen müssen, ohne in Beliebigkeit zu fallen.

Die frühen „Völkerkundemuseen“ waren jedoch keinesfalls bloß Orte des Wissensdursts und der Schaulust. „Völkerkundemuseen“ trugen streckenweise maßgeblich zur Legitimierung und Popularisierung des kolonialen Weltbilds mit seinen stereotypen Ansichten über die Bewohner der Länder und Kulturen des Globalen Südens bei. 

In ihren Sammlungen, Ausstellungen und Publikationen wurde Disparates und Heterogenes homogenisiert, die Dichotomie zwischen dem Eigenen und Anderen konstruiert und die Ideologie von der „Überlegenheit der europäischen Zivilisation“ untermauert. An dieser Stelle spiegelt sich in den ersten Dingen der ethnographischen Sammlung des MARKK auch die Hamburger Stadtgeschichte. Sie zeigen aber zugleich faszinierende hybride Bezüge zwischen den Kulturen und wie der Handel den kulturellen Austausch befeuert hat.

Kim Todzi, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstellen „Hamburgs (post-) koloniales Erbe“ beschreibt im Katalog zur Ausstellung kenntnisreich, wie nach dem Ende der französischen Besatzung im 19. Jahrhundert Hamburgs eigentlicher Aufstieg zu einem wichtigen Knotenpunkt des Welthandels begann und sich die Hansestadt schließlich als koloniale Handelsmetropole des Kaiserreichs etablierte. 

Hamburger Kaufleute und Reeder entwickelten weltumspannende Handelsbeziehungen, zunächst mit Süd- und Mittelamerika, dann auch mit Nordamerika, Asien und Australien und ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Afrika. 

Die „Global Players“ der hanseatischen Wirtschaft waren eng verzahnt mit den Netzwerken der Schenkerinnen und Schenker, die damals zum Aufbau der ethnographischen Sammlung beitrugen und den Grundstein für die regionale Ordnungspraxis mit den Schwerpunkten Amerika, Asien, Australien und Afrika legten.

Damit führen uns die „Ersten Dinge“ mitten hinein in die hochaktuelle Debatte über kulturelle Vielfalt, Globalisierung, Migration, Rassismus und den Umgang mit dem kolonialen Erbe. 

In der ethnographischen Museumslandschaft spiegelt sich die Debatte in der kontroversen Auseinandersetzung um das „Humboldt-Forum“ in Berlin wider sowie in der vielbeachteten Ankündigung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, in den kommenden fünf Jahren eine zeitweilige oder dauerhafte Rückgabe von afrikanischen Kulturgütern aus staatlichen französischen Sammlungen nach Afrika zu ermöglichen. 

Die Erklärung im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD, die die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte erstmals zum „demokratischen Grundkonsens in Deutschland“ zählt, ist ein ebenso klares Bekenntnis zu diesem erinnerungspolitisch so wichtigen gesellschaftlichen Diskurs. 

Gleiches gilt für den Hamburger Senatsbeschluss von 2014, in dem sich die Hansestadt – als erste Metropole in Deutschland überhaupt – zur Aufarbeitung ihres kolonialen Erbes verpflichtet hat.

Tatsächlich erleben wir zurzeit einen tiefgreifenden Umbruch in der Kulturlandschaft, der längst nicht mehr allein die ethnographischen Museen betrifft, in dem aber die ethnographischen Museen mehr und mehr eine Vorreiterrolle übernehmen. 

Sie wandeln sich, wie Prof. Zimmerer es in einem Beitrag zur kolonialen Provenienzforschung ausdrückt, „von Agenten des Kolonialismus zu Agenten der Aufarbeitung des Kolonialismus“.

In diesem Zusammenhang stellen sich ethnographische Museen neuen Fragen der wissenschaftlichen Repräsentation, der transkulturellen Verflechtungen, der historischen Kontextualisierung und der postkolonialen Provenienzforschung. Es geht ihnen nicht mehr um die abgrenzende Konstruktion von „Völkern“ oder „Ethnien“, sondern um ein komplexes Verständnis von kulturellen Zusammenhängen, Gemeinsamkeiten und Unterschieden sowie globalen Verflechtungen und Austauschprozessen. 

Dieses neue Selbstverständnis erfordert die Offenheit für Perspektivwechsel und die integrale Beteiligung von Vertreterinnen und Vertretern der heutigen Herkunftsgesellschaften und Diaspora-Gemeinschaften. 
Vor diesem Hintergrund war der Abschied vom alten Begriff der „Völkerkunde“ auch für das „Museum am Rothenbaum“ zwingend. 
Der Begriff „Völkerkunde“ klingt nicht nur verstaubt, er bezeichnet vielmehr eine Wissenschaft, die es heute nicht mehr gibt. Wir verabschieden uns mit der Namensänderung endgültig von Herders Kugelmodell, nach der „jede Nation (…) ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich hat wie jede Kugel ihren Schwerpunkt“. Kulturen sind aber keine in sich fest geschlossenen, statischen Systeme, die sich wie Billardkugeln treffen und wieder abstoßen. Unterschiedliche Kulturen kommunizieren miteinander und durchdringen einander – sie sind also nicht homogen, sondern transkulturell aufeinander bezogen. 

Der Rückblick auf die ersten Dinge der Sammlung und damit auf die Entstehungsgeschichte des MARKKs bildet nun den Auftakt für einen Aufbruch, der das Museum künftig als einen Ort des Dialogs und der Begegnung auf Augenhöhe etablieren will, als ein Haus für Debatten und für kritische Reflexion, als ein offenes Archiv des Weltwissens. 

Auf diesem Weg soll die Schausammlung neu aufgestellt, die Provenienzen und kolonialen Verflechtungen der Sammlungsbestände erforscht und neue Wege der Zirkulation und des Austauschs von Wissen und Objekten erprobt werden. 

Ich bin mir sicher, dass das MARKK mit seiner Neuausrichtung einen wichtigen Beitrag zu einem besseren Zusammenleben in unserer von Migrations­ und Globalisierungsprozessen geprägten Hamburger Stadtgesellschaft beitragen wird. 

In diesem Sinne bin ich gespannt auf die „ersten Dinge“ und den Ausblick, den sie uns eröffnen.

Schönen Dank.

 

 


 

 


 


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