12. September 2018 10. Harbour Front Literaturfestival

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

10. Harbour Front Literaturfestival


Sehr geehrter Herr Professor Kühne,

lieber Niko Hansen,

liebe Nino Haratischwili,

liebe Karin von Welck,

liebes Team des Harbour Front Literaturfestivals,

sehr verehrte Gäste,


Franz Kafka soll ein lausiger Vorleser gewesen sein. Außerhalb des Privaten war er beim Vortrag hektisch und verklemmt, las viel zu leise und viel zu schnell. 

Ein Albtraum für jeden Zuhörer. Überhaupt hat Kafka nur eine einzige Lesung außerhalb Prags „absolviert“, im November 1916 in der Münchner Galerie Goltz. 

Er trug aus der damals noch unveröffentlichten Erzählung „In der Strafkolonie“ vor. Seine Noch-Verlobte Felice Bauer war anwesend und auch Rainer Maria Rilke. 

Einer der Besucher, der Dramatiker Max Pulver, schildert das Erlebte so: 

„Kafka saß auf einer Rampe am Vortragspult, schattenhaft, dunkelhaarig, bleich, eine Gestalt, die ihre Verlegenheit über die eigene Erscheinung nicht wirklich zu bannen wusste. Wie er sprach, habe ich vergessen. Mit den ersten Worten schien sich ein fader Blutgeruch auszubreiten. 

Seine Stimme mochte entschuldigend klingen, aber messerscharf drangen seine Bilder in mich ein. Eisnadeln voll abgründiger Quälerei. Ein dumpfer Fall, Verwirrung im Saal, man trug eine ohnmächtige Dame hinaus. Niemals habe ich eine ähnliche Wirkung von gesprochenen Worten beobachtet.“

Literatur, meine Damen und Herren, kann einschlagende Wirkung haben. Auch aus dem Hamburger Literaturhaus heißt es, dass eine besonders blutige Passage aus Matthias Polityckis „Herr der Hörner“ einst den Buchhändler zu Fall brachte. 

Vom Harbour Front Literaturfestival sind mir ähnliche Vorfälle noch nicht bekannt, aber dass die stille Kunst der Literatur beim Vortrag ihre ganze Wucht entfaltet, haben wir alle schon erlebt: 

Manchmal erwacht ein Buch, mit dem man sich bei der Lektüre schwer getan hat, zum Leben, wenn man Verfasser oder Verfasserin daraus vortragen hört. Oft vernimmt man beim Weiterlesen dann die Stimme des Autors oder der Autorin im Kopf.

Vielleicht ist diese Faszination Ursache dafür, dass Lesungen und Literatur derzeit immensen Zulauf haben, während der Buchhandel in Deutschland zwischen 2012 und 2016 dramatische 6 Mio. Käufer verloren hat, vor allem jüngere. Nur noch 46 % der Bevölkerung kauft regelmäßig Bücher. 

Dass wir alle hier im Saal Verbündete sind im „Kampf“ für das Lesen, setze ich als selbstverständlich voraus. 

Schließlich finden sich die Antworten auf viele uns derzeit umtreibende Fragen zuallererst in Büchern. Sie sind bis heute eine Quelle der Information und Inspiration, der Orientierung und Irritation. Sie schaffen die Grundlage dafür, dass wir uns als Bürgerinnen und Bürger über das austauschen können, was uns wichtig ist. 

Lektüre und Lesungen sind dafür wichtige, ja unerlässliche Kristallisationspunkte der Vernunft, die wir in unserer Gesellschaft verteidigen müssen. Es ist deshalb wichtig, dass wir auch die Rahmenbedingungen für Verlage und Kreative angemessen gestalten.

So ist es sehr zu begrüßen, dass mit der heutigen Entscheidung des Europäischen Parlaments der Weg für ein zukunftsfähiges europäisches Urheberrecht geebnet wurde. Das wird insbesondere den Verlagen dabei helfen können, ihre wichtige Rolle im Literaturbetrieb noch besser ausfüllen zu können.

Ich hoffe, dass die Verhandlungen nun zügig vorangehen, so dass die Richtlinie bald beschlossen werden kann.

Mein großer Dank an diesem heutigen Abend gilt dem „Harbour Front Literaturfestival“ im Allgemeinen, und im Besonderen für sein sorgfältig kuratiertes Programm für junge Leser. 

Leseförderung fängt bei den Jüngsten an. Hamburg ist ein wichtiger Standort der Kinder- und Jugendliteratur, und so erscheint es nur folgerichtig, dass im vergangenen Monat die vielfach ausgezeichnete Kinderbuchautorin Kirsten Boie die „Hamburger Erklärung: Jedes Kind muss lesen lernen“ initiierte.

Heute, knapp einen Monat später, sind bereits mehr als 58.000 Menschen  ihrem Aufruf gefolgt.

Das „Harbour Front Literaturfestival“, dessen Höhepunkte der vergangenen Jahre Professor Kühne bereits angerissen hat, feiert heute Abend seine zehnte Ausgabe.

Wer seit 2009 einmal auf den schwankenden Planken der „Cap San Diego“ den Autorinnen und Autoren aus aller Welt gelauscht hat, weiß, wie wichtig der richtige Ort, die richtige Stimmung für das Gelingen einer Literaturveranstaltung sein kann. 

Dafür hatten Nikolas Hansen, Peter Lohmann und Heinz Lehmann stets ein sicheres Gespür. Von Anfang an haben Sie es auch verstanden, die literarischen Akteure unserer Stadt miteinander ins Gespräch zu bringen: Für die Veranstalter, Kulturinstitute, Buchhandlungen und Literaturinitiativen Hamburgs ist Harbour Front ihr Festival. Daraus erklärt sich auch die große Akzeptanz und Begeisterung für die Veranstaltungen. Harbour Front und Hamburg, das gehört einfach zusammen. 

Und wenn in den vergangenen zehn Jahren 887 Autoren aus 39 Ländern bei 807 Veranstaltungen mit 190.000 Besuchern an 71 Orten gelesen haben, dann sind das Ergebnisse auf die wir, fernab von Ziel- und Leistungsvereinbarungen, stolz sein können.

Begegnungen, Erkenntnisse und Sternstunden stehen auch beim 10. Harbour Front Literaturfestival wieder auf dem Spielplan. 

Ein Unterfangen von dieser Größe kann nur gemeinsam gestemmt werden: 

Ich möchte mich bei Professor Klaus-Michael Kühne bedanken, ohne dessen Klaus-Michael-Kühne-Stiftung wir den heutigen Festival-Geburtstag nicht feiern würden. 

Bedanken möchte ich mich auch bei der Programmleitung des Festivals und bei allen helfenden Händen, denen es jedes Jahr wieder gelingt, mit Überblick und Gastfreundschaft die Literatur im Hamburger Hafen andocken zu lassen. 

Gastfreundlichkeit ist auch eines der hervorstechendsten Merkmale der georgischen Kultur, das berichten alle, die das Land mit seinen 3,7 Mio. Einwohnern zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus schon einmal bereist haben. Gastfreundschaft und eine überbordende Kultur. 

Begonnen mit Tamar, dem „weiblichen König“ von Saqartvelo – wie die Georgier ihr Land nennen. Sie gab vor 900 Jahren das Epos „Der Recke im Tigerfell“ bei Schota Rustaweli in Auftrag und verhalf der georgischen Literatur so zu ihrer ersten Blüte. In Georgien, dem Land, in dem Medea mit Jason das Goldene Vlies raubte und Prometheus an den Fels geschmiedet wurde, heißt es: 

„Wissen ist wertvoller als Geld, schärfer als ein Säbel und mächtiger als eine Kanone.“ 

Das literarische Georgien reist im Oktober als Ehrengast auf die Frankfurter Buchmesse. Der Aufbau im Gastland-Pavillon ist seit Wochen in vollem Gange. „Georgia – made by characters“: Der Gastlandauftritt basiert auf den 33 Buchstaben – oder „characters“ – des georgischen Alphabets „anbani“ und auf den mannigfaltigen Geschichten, die damit erzählt werden.

Mehr als 150 Titel wurden in jüngster Vergangenheit aus dem Georgischen ins Deutsche übersetzt, 70 Autoren kommen nach Frankfurt und in 30 andere Städte. 

Beim Harbour Front Literaturfestival wird beispielsweise Fatma Aydemir – die Klaus-Michael-Kühne-Preisträgerin des vergangenen Jahres – mit der Autorin Lucy Fricke die georgischen Schriftstellerinnen Nestan Nene Kwinikadse und Tamta Melaschwili präsentieren. Gemeinsam haben sie das Buch „Georgien – eine literarische Reise“ herausgegeben. 

Georgien sichert sich seinen Platz auf der literarischen Landkarte, einen Platz im Herzen vieler Leserinnen und Leser hat es längst, dafür hat Nino Haratischwili gesorgt. „Ein Mensch ist solange nicht tot, wie sich noch jemand an ihn erinnert“: Dieses georgische Sprichwort könnte man über das Schaffen der Künstlerin stellen, die heute unser Festival einläutet. 

Als relativ unbekannte Dramatikerin machte Nino Haratischwili 2010 mit ihrem Romandebüt „Juja“ im Verbrecher Verlag von sich reden. Das Buch der damals 27-Jährigen stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 

Auf „Juja“ folgten „Mein sanfter Zwilling“ und dann, 2014, der große Durchbruch, „Das achte Leben (Für Brilka)“: Ein Buch, das keinen, wirklich keinen, der sich einmal auf das 1.300-Seiten-starke Unterfangen einließ, unberührt gelassen hat – mich eingeschlossen. Viele von Ihnen werden auch Jette Steckels kongeniale Inszenierung am „Thalia Theater“ gesehen haben, mit der einzigartigen Barbara Nüsse als Stasia.

Inzwischen hat Nino Haratischwili neben ihren vier preisgekrönten Romanen 19 Theaterstücke und zahlreiche Regie- und Dramaturgie-arbeiten vorgelegt. Diese Auszeichnungen folgten:

Anna-Seghers-Preis, Brecht-Preis und im Januar 2018 das Stipendium zum Lessing-Preis ihrer Wahlheimat, der Freien und Hansestadt Hamburg. 

Ich zitiere die Laudatorin Julia Lochte, Chefdramaturgin am Thalia Theater: 

„Nino Haratischwili ist eine der eigenwilligsten, sprachmächtigsten, welthaltigsten und unerschrockensten Stimmen der zeitgenössischen Literatur. Warum? 

Weil sie etwas zu erzählen hat. Und: Weil sie meisterhaft erzählen kann.“ 

Und gestern wurde bekannt, dass ihr aktueller, vor knapp zwei Wochen erschienener neuer Roman „Die Katze und der General“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises ist. Ähnlich wie bei dem in den achtziger Jahren populären Zauberwürfel versucht sie darin, die Teile der zerfallenen Sowjetunion miteinander in Einklang zu bringen. 

Nino Haratischwili wirbt für Neugier, Respekt und Verständnis. 

Ich bin der festen Überzeugung, dass die steil ansteigenden Zahlen deutscher Touristen in Georgien vor allem dem „Achten Leben“ zu verdanken sind. 

„Supra“, ihre Regiearbeit für die Elbphilharmonie, wird auch beim „Harbour Front Literaturfestival“ zu sehen sein – darüber freue ich mich sehr. 

Wir Hamburger, liebe Nino Haratischwili, drücken Ihnen die Daumen: Holen Sie den Deutschen Buchpreis nach Hamburg!

„Die Erde ist ein großes Buch, das von der Sonne und dem Mond angestrahlt und von zahllosen lebenden Geschichten bewohnt wird“, sagte der georgische Dichter des 19. Jahrhunderts Ilia Chavchavadze.

Das 10. Harbour Front Literaturfestival lädt dazu ein, diese Geschichten zu entdecken – mindestens 80 davon, vermutlich aber viele, viele mehr. 

Dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen!


Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien