27. September 2018 Preisverleihung des scoop Award an Jochen Wegner beim scoopcamp

Laudatio des Senators Dr. Carsten Brosda

Preisverleihung des scoop Award an Jochen Wegner beim scoopcamp

Lieber Meinolf Ellers,
lieber Jochen Wegner,
sehr geehrte Damen und Herren,


Meinolf Ellers hat vorhin das idealtypische Bild desjenigen beschrieben, der den scoop Award bekommen soll. Und die meisten werden schon ahnen, wer ihn in diesem Jahr bekommt, deswegen verrate ich es auch gleich, damit ich es anschließend in aller Ausführlichkeit begründen kann. 

Der Mensch, den wir heute auszeichnen, ist nun schon zum dritten Mal beim scoopcamp – jeweils in einer anderen Rolle, mit der man eine der drei Facetten deutlich machen kann, die die Qualifikation für den Award ausmachen:

2009 mit der technischen Faszination und dem Interesse für die Möglichkeiten des online-Journalismus als Chefredakteur von Focus online.

2011 als Gründer eines Startups für Tablet-Publishing und mit der Frage, was man als Entrepreneur daraus machen kann.

Und in diesem Jahr als Chefredakteur von ZEIT ONLINE und ganz intensiv in den Diskurs eingebunden über die Frage, welchen Sinn und Zweck Journalismus für unsere Gesellschaft hat, und welche Haltung man braucht, wenn man sich für die öffentliche Kommunikation einsetzen will.

Der Scoop Award 2018 geht an Jochen Wegner.

Das Timing für diese Auszeichnung hätte nicht besser sein können. Wir sind am letzten Wochenende Zeugen einer ganz besonderen Innnovation geworden. Alle werden es mitbekommen haben: Es gibt eine dreihundertseitige Presseauswertung über die Aktion „Deutschland spricht“. Und diese Aktion steht idealtypisch für das, was wir im Journalismus erreichen können.

Wenn wir darüber nachdenken, was Journalismus in einer Gesellschaft eigentlich leisten soll, welche Aufgaben Journalismus hat, dann kommen wir immer wieder auf die Metapher des Gesprächs zurück. Und das ist mehr als plausibel. 

Schließlich dient journalistische Berichterstattung dem gleichen Ziel wie die einstmals am Lagerfeuer erzählte Geschichte: sie informiert, sie orientiert, sie unterhält.

Journalismus verweist dabei zurück auf den Umstand, dass wir Menschen als soziale Wesen unser Zusammenleben durch Kommunikation koordinieren. Wenn das in einem kleinen sozialräumlichen Zusammenhang nicht mehr gelingt, weil unsere Gesellschaften größer und komplexer werden, brauchen wir professionelle Vermittler, brauchen wir Journalistinnen und Journalisten.

Auf diesen Umstand macht die deutsche Zeitungswissenschaft seit fast 200 Jahren aufmerksam, wenn sie von Journalismus als dem Zeitgespräch oder dem Sprechsaal einer Gesellschaft schreibt. 

Auch politisch ist diese Metapher offensichtlich attraktiv, wenn Barack Obama öffentliche Kommunikation eine „conversation of democracy“ nennt, die zu erhalten eine der Kernaufgaben sei.

Wem genau daran liegt, der kommt gar nicht umhin, sich mit der Rolle und Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten auseinanderzusetzen, die für dieses Gespräch Verantwortung übernehmen müssen.

Wer das tut, landet beinahe zwangsläufig bei einem Buch, das bereits 1969 erschienen ist: 

„Der mißachtete Leser. Zur Kritik der deutschen Presse“ von Peter Glotz und Wolfgang R. Langenbucher. Vor 50 Jahren eine epochemachende Studie, aus der man auch heute noch einiges lernen kann.

Für die beiden Autoren ist die „Betreuung, Förderung und Beförderung gesellschaftlicher Zeit-Kommunikation“ die Hauptaufgabe des Journalismus. Die „gesamte organisierte und nichtorganisierte Gesellschaft“ kontrolliere die Politik „in einem offenen Meinungsbildungsprozess“, schreiben sie. Und schlussfolgern: 

„Diesen Prozeß hat der Journalist anwaltschaftlich zu betreuen. Er soll diese Diskussion fördern, kann selbst als gleichberechtigter Gesprächspartner mitsprechen, verfehlt aber seine ‚öffentliche Aufgabe‘, wenn er gemäß seiner Gesinnung das Gespräch zu reglementieren beginnt.“ 

Journalistinnen und Journalisten als Gesprächsanwälte, als Verantwortliche für das Zustandekommen gesellschaftlicher Kommunikation. 

Unserem heutigen Preisträger dürfte diese Perspektive sehr am Herzen liegen.

Entgegen mancher polemischer Zuspitzung wird der Journalismus dadurch übrigens weder abhängig noch passiv.

 Vermittlung des Gesprächs ist vielmehr nur möglich, wenn Journalisten das zu Vermittelnde verstehen und seine Relevanz einschätzen können. 

Verstehen erfordert eine Stellungnahme zu Geltungsansprüchen. Journalisten müssen daher an Kommunikation teilnehmen, um zu verstehen. 

Sie sind keine reinen Beobachter des Diskurses. 

Als Gesprächs- oder Diskursanwälte sind Journalisten Vermittler und Teilnehmer des Diskurses. Sie versuchen, einen rationalen Diskurszusammenhang zu stimulieren, aufrechtzuerhalten und weiter zu entwickeln.

Sie übernehmen so auch gesellschaftliche Verantwortung, ohne sich in der Sache mit einem Anliegen gemeinsam zu machen. Sie blicken auf die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses.

So wie es Jay Rosen vor zwei Jahrzehnten in seinem Konzept des Public Journalism als eine journalistische Aufgabe beschrieben hat: Dort, wo gesellschaftliche Öffentlichkeit nicht mehr spontan kommunikativ entsteht und Journalistinnen und Journalisten nur darüber berichten müssen, stehen sie selbst in der Verpflichtung, diese Kommunikation zu ermöglichen.

Als Chefredakteur von ZEIT ONLINE haben Sie, lieber Jochen Wegner, gemeinsam mit Ihrem Team einen klugen Weg eingeschlagen, um dieser Verantwortung gerecht zu werden – ich zitiere Sie:

„Wir sehen, dass wir nicht nur ein Medium sind, sondern auch eine Plattform für das Selbstgespräch unserer Gesellschaft.“ 

Hier blinzelt übrigens die Münchner Zeitungswissenschaft schon wieder um die Ecke. Und Sie ergänzen diesen klassischen Gedanken mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen mit nachgerade kommunikationsökologischem Impetus:

„Achtsamkeit, Langsamkeit und Tiefe sind für uns zu einem Erfolgsrezept geworden, gegen den digitalen Mainstream.“ 

In Ihrer Aussage erkennt man eine sehr ernsthafte und produktive Auseinandersetzung mit der Kritik am Status quo des Onlinejournalismus. Das, was Sie antreibt, ist der dringliche Wunsch, besser zu werden, um die Leserinnen und Leser über Qualität (wieder) zu erreichen. Das ist in Zeiten drastischer Aufmerksamkeitsökonomien und Überzeugungsnöte des Bezahljournalismus gar nicht so leicht. Aber es ist der richtige Weg. 

Meine Damen und Herren, ein nachgerade idealtypischer Versuch dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist das Format „Deutschland spricht“.

Hier brachten Sie, lieber Jochen Wegner, erst am vergangenen Wochenende wieder zigtausende Menschen ganz unterschiedlicher Meinung miteinander ins Gespräch – jenseits der Echokammern und der Filterblasen, über die wir uns so regelmäßig beklagen. 

Das große Echo auf den ersten Durchlauf im vergangenen Jahr motivierte ZEIT ONLINE eine gemeinnützige Online-Plattform aufzubauen, damit auch anderenorts dieser Ansatz kostenlos genutzt werden kann: „My Country Talks“. 

Google hat bei der Technik unterstützt, inhaltlich sind 15 Medienpartner dabei, darunter The Globe and Mail (Kanada), Morgenbladet (Norwegen) und La Repubblica (Italien) sowie aus Deutschland ARD aktuell (Tagesschau/Tagesthemen), die Deutsche Presse-Agentur, Der Tagesspiegel, die Thüringer Allgemeine und die Südwest Presse. 

Auch die City University of New York und die Robert Bosch Stiftung begleiteten das Projekt in seiner Entstehungsphase.

„Deutschland spricht“ vertraut jener eigentümlichen Doppelfunktion unseres Sprechens: Schließlich tauschen wir ja so nicht nur Informationen aus, sondern bauen immer auch eine soziale Beziehung auf. 

Und wenn wir miteinander diskutieren, dann unterstellen wir immer auch, dass unser Gegenüber ein Interesse am Austausch hat. Täten wir das nicht, wäre ja alles fruchtlos.

Auf diese Weise sorgt die Begegnung im Gespräch immer auch für eine soziale Verbindung, die Grundlage jeder Gesellschaftlichkeit ist.

Das ist dann auch der kategoriale Unterschied zu den Möglichkeiten der sozialen Medien. Sie ermöglichen es heute, dass sich jeder ohne Hemmungen an eine weltweite Öffentlichkeit richten kann. Die Zahl individuell geäußerter Meinungen wächst so exponentiell – allerdings ohne, dass sie diskursiv zu einer gesellschaftlichen Meinung verdichtet würden. Vielmehr fokussieren die Algorithmen der Intermediäre auch in ihrer Auswahl auf das individuelle Interesse. 

Wenn so gleich doppelt die allgemeine Relevanz von individueller Relevanz verdrängt wird, droht uns eine gesellschaftliche Desintegration, die in einer schreienden Sprachlosigkeit enden kann. 

Es ist eine nachgerade geniale journalistische Idee, in solch einem Moment die diskursive Vernetzung ganz praktisch selbst zu übernehmen und so zum Thema der gesellschaftlichen Debatte zu machen.

Meine Damen und Herren, noch haben wir genügend Orte der gesellschaftlichen Begegnung und genügend Medien, die aus der Vielzahl der Informationen und Meinungen einen gemeinwohlrelevanten Diskurs herauskristallisieren.

Dennoch müssen wir uns dringend darum kümmern, wie wir – auch zukünftig – das gesellschaftliche Gespräch organisieren wollen. Jochen Wegener geht hier in die Verantwortung.

Kaum ein anderes deutsches Onlinemedium hat in den letzten Jahren derart viele neue Sachen erfolgreich ausprobiert wie ZEIT ONLINE und kann so Pionierleistung für sich beanspruchen. „Deutschland spricht“ ist da nur das jüngste Beispiel.

Aber auch die anderen innovativen Projekte, die unter Jochen Wegners Ägide bei ZEIT ONLINE entstanden sind, sind erwähnenswert:

• „Alles gesagt“ ist ein Podcast, bei dem Sie gemeinsam mit Christoph Amend Gäste so lange interviewen, bis diese glauben, dass alles gesagt sei. 

• Im Redaktionsblog „Das Glashaus“ erklärt „ZEIT ONLINE“ die eigene Arbeit: 

Warum über ein bestimmtes Thema auf diese Weise berichtet wurde oder wie die Diskussion in der Redaktion ablief. Das ist eine sinnvolle Maßnahme zur Vertrauensbildung.

• Beim Weltverbesserer-Festival „Z 2 X“ kommen jedes Jahr Tausende junger Menschen in den Zwanzigern zusammen und bewerben sich mit ihren Ideen zur Verbesserung der Welt oder ihres eigenen Lebens um Unterstützung zur Realisierung ihres Vorhabens. 

• Die Artikel des Projekts „Heimatreporter“, bei dem Reporter über die vermeintliche Provinz geschrieben haben, in der sie aufgewachsen sind, und das Projekt „Überland“, bei dem aus allen deutschen Regionen berichtet wurde, was die Menschen vor Ort umtreibt, zählten zu denen am meisten gelesenen auf „ZEIT ONLINE“.

Es ist ein gutes Signal, dass Sie auch jene Regionen unseres Landes in den Blick nehmen, die es nicht in die Spalten mit den Hauptnachrichten schaffen, die aber ebenso intensiv eines rationalen Kommunikationsraums zur Selbstbegegnung bedürfen.

Diese ideenreichen Projekte zeigen auf die allerbeste Weise, dass dem klassischen Journalismus – also der Berichterstattung und der Kommentierung – sinnvolle journalistische Formate an die Seite gestellt werden können, wenn es darum geht, neue Wege bei der Gestaltung einer digital erweiterten, demokratischen Öffentlichkeit zu gehen.

Lieber Herr Wegner,

das „Selbstgespräch der Gesellschaft“, wie Sie es nennen, ist bei „ZEIT ONLINE“ ein vielstimmiger, offener Diskurs, der alle einlädt, daran teilzuhaben. 

„Zeit“ spielt dabei nicht nur im Namen eine Rolle, sondern ist Programm.

Zeit im Sinne von ‚Zeit haben, über etwas nachzudenken‘, aber auch Zeit im Sinne der Betrachtung unserer gegenwärtigen Zeit. 

Was treibt uns um? Wo treiben wir hin? 

Und wie wollen wir das gestalten?

Dazu brauchen wir natürlich Zeit und auch ZEIT ONLINE, um zu verstehen, um daraus Schlussfolgerungen ziehen und um diese wiederum in Handlungen münden zu lassen.

Unsere Gesellschaft braucht das Gespräch, die Verständigung darüber, welche Werte, Normen und Gesetze wir für sinnvoll und verbindlich halten. Davon, dass wir gemeinsam im Diskurs herausfinden und bestimmen, was wahr, richtig und wahrhaftig ist.

Denn Demokratie lebt von jenem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“, den uns Jürgen Habermas mit Verve erklärt hat. 

Von dem Umstand, dass wir bereit sind, uns überzeugen zu lassen und andere zu überzeugen. Im Vier-Augen-Gespräch genauso wie im Netz.

Lieber Herr Wegner,

Ihre vielen tatkräftigen Ideen für einen offenen, ernsthaften und kommunikativen Journalismus sind ein wegweisender Beitrag dazu.

Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zum scoop Award!

 


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