28. September 2018 Ausstellungseröffnung im Altonaer Museum „Schöner Wohnen in Altona? Stadtentwicklung im 20. und 21. Jahrhundert“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung im Altonaer Museum „Schöner Wohnen in Altona? Stadtentwicklung im 20. und 21. Jahrhundert“

Sehr geehrte Frau Professorin Dauschek,
sehr geehrte Frau Dr. Melzer,
sehr geehrter Herr von Notz,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

„Wohnst du noch oder lebst du schon?“
Dieser mittlerweile 15 Jahre alte Werbeslogan eines auch hier in Altona angesiedelten Einrichtungshauses zählte zu jenen mit dem höchsten Wiedererkennungswert (in der bundesdeutschen Bevölkerung). 

Der nachhaltige Erfolg dieser einprägsamen Phrase zeugt offenbar von einem hohen Maß an Zustimmung in unserer zunehmend hedonistisch orientierten Gesellschaft. 

Sie steht für die Assoziation, Wohnen sei der funktional-nützliche Zustand, den es zu überwinden gilt und der lediglich die Vorstufe zum Leben bildet, wie wir ihn uns – in der Wohlstandsgesellschaft angekommen – vorzustellen haben: Jenem Glücks-Zustand, der vor allem geprägt ist von Lebensfreude, Stil und Wohnkultur. 
Kurz und neudeutsch: Lifestyle. 

Andererseits hat uns der wunderbare Harry Rowohlt mit der schönen Aussage, dass er nach einer Lesereise „einfach nur wohnen“ wolle, daran erinnert, dass schon im Wohnen das behagliche Leben stecken kann.

Aber wie gehen wir damit um?

Hat Sybille Berg vielleicht Recht, wenn sie in der SPIEGEL-Kolumne „Anders Wohnen“ der Frage nachgeht, wie es sich auf die Laune der Menschen auswirkt, wenn Wohnraum immer knapper, teurer und – wie sie meint – immer hässlicher wird? Sie kommt jedenfalls zu der Feststellung, man sähe es der Mehrzahl der Gebäude, die heute entstehen, an, dass sie den Gesetzen der Effektivität und größtmöglichen Gewinnaussichten für die Bauherren folgen.

Berg beschreibt die meisten neuen Wohnhäuser als praktische Zweckbauten zur Unterbringung von Konsumenten, die den „…kontaktgestörten Menschen der Jetztzeit…“ formen, in der „…Überleben das höchste Gut und Mittelmaß der Status quo…“ seien und konstatiert: 
„Die neuen, in jeder Hinsicht effizienten Menschenverwahrungsboxen sind Ausdruck einer an Verachtung grenzenden Lieblosigkeit.“

Ich weiß nicht, ob man so hart urteilen muss, aber fest steht: Es schauen mehr Bürgerinnen und Bürger auf ein Haus als hinaus gucken…

Deshalb stellt sich spätestens an dieser Stelle die Frage: 
Wer baut denn für wen? 
Welche gesellschaftspolitischen Bedürfnisse und Interessen führen zu der Art und Weise, was, wie und wo gebaut wird? 

Welche Möglichkeiten der Einflussnahme beim Mitgestalten unseres Wohnumfelds haben wir – und nutzen wir sie eigentlich?

Neben dem Grundthema, dass Wohnen und Wohnungsbau stets auch im Spannungsfeld von Marktangebot und Marktnachfrage stehen, was u.a. von der wirtschaftlichen Potenz und den ungleich verteilten Vermögensverhältnissen der jeweiligen Akteure abhängt, spielt ebenso das städtebauliche Leitbild eine Rolle, das Stadtplanung und Baukultur prägt und nach dem eine Kommune ihre Bautätigkeit ausrichtet. 
Hier ist Hamburg, hier ist Altona bis heute immer wieder Vorreiter gewesen.

In der Ausstellung, die wir heute eröffnen, geht es auch um diese Aspekte, vor allem aber um die verschiedenen Lösungsansätze die Stadt- und Wohnraumplaner in den letzten 130 Jahren auf die Frage gefunden haben: 
„Wie können möglichst viele Menschen in Altona gesund und preiswert wohnen?“ 
Denn ein exemplarischer Blick in die Geschichte des Wohnungsbaus in Altona zeigt: Mit dem Wandel der Gesellschaft und unter dem Einfluss der jeweiligen historischen und politischen Ereignisse ändern sich immer auch die Wohnbedürfnisse der Menschen und die Konzepte der Stadtentwickler. Die unterschiedlichen städtebaulichen Ideen veränderten dabei nicht nur die architektonische Gestalt der Stadt. Sie beeinflussten auch das persönliche Umfeld und das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner. 

War die Stadt Altona um 1890 durch Wachstum und Industrialisierung noch von immenser Wohnungsnot und bedrückenden Lebensverhältnissen gekennzeichnet, 
galt sie nur 30 Jahre später zwar immer noch als eine der dicht bebautesten Städte; gleichzeitig aber nahm Altona mittlerweile durch die Trennung von Arbeiten und Wohnen und die Planung von Grüngürteln eine Vorreiterrolle in der Wohnungsbaupolitik ein: 

Das „Neue Altona“ galt deutschlandweit als vorbildlich. Jedenfalls bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 und der Zeit des Nationalsozialismus, unter dem alle Spuren der sozialen und fortschrittlichen Stadtplanung beseitigt wurden.

Von der „Gleichschaltung“ waren auch die Wohnungsbau-genossenschaften erfasst, als Vorstände sowie Aufsichtsräte linientreu ausgetauscht wurden und jüdische Mieter jeglichen Schutz verloren.

Mit dem Wiederaufbau nach 1945 wurde der Baustil aus den 1920er Jahren wieder aufgegriffen, nun galt es als Ideal, die Stadt klar strukturiert, aber auch aufgelockert und vor allem autogerecht zu gliedern – was nur mäßig gut gelang.

Die Schaffung von neuem Wohnraum mit der erforderlichen Infrastruktur konnte schließlich in den 60er Jahren nur durch den Quartiers-Ausbau am Stadtrand erreicht werden. 

Beispielgebend für die Versuche der Stadtplaner, den Wohnungssuchenden das Leben in den Vororten schmackhaft zu machen, war die Errichtung des Elbe-Einkaufszentrums als fünftes Shoppingcenter nach US-amerikanischem Vorbild in Deutschland.

Mit der Wiederentdeckung der Altbauviertel um 1970, der Bildung von Bürgerinitiativen und den Protesten der Anwohner gegen den Abriss des historischen Stadtkerns von Ottensen etablierte sich zunehmend eine Kultur kreativer und planerischer Prozesse bei der Mitbestimmung und Mitentscheidung darüber, wie Wohnquartiere entwickelt werden. 

Die Gestaltung dieser Beteiligungsprozesse entscheidet heute maßgeblich über Erfolg und Akzeptanz von Bauprojekten. 

Seit 1998 nun steht Hamburgs Wohnraumplanung auch in Altona unter dem Motto „Mehr Stadt in der Stadt“. Mit dem Ziel, durch Verdichtung mehr Wohnraum zu schaffen, werden ehemalige Gewerbeflächen und freie Hinterhöfe als Baugrund genutzt und bestehende Gebäude aufgestockt.

Der Umbau des Bahnhofs Altona zum Wohnquartier ist eines der bedeutendsten Projekte und die neue »Mitte Altona« ist nach der HafenCity das zweitgrößte Städtebauprojekt in Hamburg. Die ersten Bauten im Quartier konnten bereits Ende 2017 bezogen werden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, 

Hamburg ist niemals fertig gebaut, sondern immer im Werden.

Der Satz knüpft an die berühmte Feststellung von Karl Scheffler an: 
„Berlin ist dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein.“

Heute sehen wir in dieser Dynamik auch ein Versprechen darauf, die Chancen der Moderne in den Laboren der Stadt immer wieder neu zu erringen.

Dazu müssen die Voraussetzungen stimmen: Nicht nur in Hamburg ist der andauernde Prozess, wie wir unsere Stadt-, Wohn- und Lebensräume gestalten werden, maßgeblich bestimmt von der Entwicklung der Mieten, die zur neuen sozialen Frage geworden ist.

Entscheidend ist, dass es uns gelingt, Wohnungen zu bauen – in der Stadt und bisweilen auch an neuen Orten.

Wenn Städte zu Sehnsuchts- und Hoffnungsorten werden, dann müssen wir die Infrastrukturen so gestalten, dass Wachstum zu mehr Lebensqualität führen kann. 
Möglich ist das.

Auch deshalb hat der Senat das Ziel, jedes Jahr 10.000 Wohnungen zu genehmigen, im Drittel-Mix zwischen gefördertem Wohnungsbau, regulären Mietwohnungen und Eigentum und Wege zu bezahlbarem Wohnraum auszuloten. Auch in Altona. Damit schaffen wir die Grundlagen für ein gutes Wohnen in der Stadt.

Durch diese Ausstellung ist es dem „Altonaer Museum“ einmal mehr gelungen, sich im Stadtbezirk als den Ort zu profilieren, an dem Diskussionen um gesellschaftliche Veränderungsprozesse geführt und im Kontext persönlicher Wünsche, Bedürfnisse und Lebensentwürfe kritisch hinterfragt werden können.

Das Thema „Wohnen“ – wenn nicht sogar „Schöner Wohnen“ – eignet sich hierfür ganz besonders, handelt es sich doch um ein zentrales Anliegen, das gleichermaßen individueller Ausdruck und gesellschaftliche Aufgabe ist. 

Dem Ausstellungsteam des „Altonaer Museums“ danke ich sehr herzlich.
Mit wissenschaftlicher Sorgfalt und großer Bereitschaft zu kooperativer Vernetzung ist es Ihnen gelungen, einen Überblick über die städtebauliche Entwicklung des Wohnungsbaus im Stadtbezirk Altona und zugleich für die Bewohnerinnen und Bewohner in Altona und Hamburg anregende Angebote des Diskurses und der Reflektion zu schaffen.

Ich wünsche der Ausstellung viele interessierte Besucher und eine breite Beteiligung. 

Schönen Dank. 

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