17. Oktober 2018 Ausstellungseröffnung „68 Pop und Protest“ im Museum für Kunst und Gewerbe

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung „68 Pop und Protest“ im Museum für Kunst und Gewerbe

Sehr geehrte Frau Professor Schulze, 
sehr geehrter Herr Goerke, 
meine sehr verehrten Damen und Herren, 
liebe ´68er,

jede Generation hat ihr eigenes Thema, steht für „eine Sache“, die sie um- bzw. durchzusetzen versucht. Aber nur selten geschieht es so radikal und mit einer solchen, auch symbolischen Wirkmächtigkeit wie das, was rund um 1968 passierte.

Und das nicht bloß in Westdeutschland. 
Es schien so, als wollten in vielen Gesellschaften die lange und traditionell gewachsenen Institutionen auf ihre Flexibilität und Festigkeit geprüft werden. 

Ganz gleich ob im Summer of Love 1967 in den USA, auf den Pariser Barrikaden oder beim Prager Frühling – immer ging es darum, wie viel individuelle und gesellschaftliche Freiheit möglich sein könnte.
Und doch bedeutet 1968 für die Bundesrepublik noch einmal etwas ganz Besonderes – und bitte gestatten Sie mir, dass ich mit einer gesellschaftlichen und politischen Betrachtung beginne, bevor ich zu der eng damit verbundenen kulturellen Betrachtung gelange, über die Sabine Schulze nach mir ungleich kompetenter wird sprechen können.

Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen gemeinsam, liebe Frau Schulze, Ihre letzte große Ausstellung im MKG zu eröffnen. Noch ist ja etwas Zeit, bevor Sie Ende November in Pension gehen, und wir sehen uns ja auch nicht zum letzten Mal. Ich möchte jedoch die Gelegenheit nutzen, Ihnen heute und hier für die erfolgreiche Leitung des MKG zu danken und für die vielen Impulse, die Sie in das Haus und die gesamte Hamburger Museumslandschaft sowie darüber hinaus gegeben haben. 

Nicht nur das Vergangene zu betrachten, sondern sich mit relevanten Fragestellungen der Moderne und Gegenwart zu beschäftigen, ist unter Ihrer Leitung, liebe Frau Professor Schulze, im Museum für Kunst und Gewerbe zum hohen Standard geworden. 

Rund um 1968 ist etwas in der bundesdeutschen Gesellschaft geschehen, das bis heute nachhallt und das vielleicht gerade in so bewegten Zeiten wie jetzt wieder aktuell ist: Die politische Kultur des Landes hat sich demokratisiert und dem damaligen Zustand in vielen anderen westlichen Demokratien angenähert.

Es ist daher nur konsequent, diesem Thema 50 Jahre danach eine Ausstellung zu widmen und einen Rückblick vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen vorzunehmen. 

Wir wissen mittlerweile aus der politikwissenschaftlichen Forschung sehr genau, dass es nicht ausreicht, die Verfassungsordnung und die Institutionen einer Demokratie zu betrachten, um zu wissen, ob sie gelingt. 
Es kommt gleichermaßen auch auf die Einstellungen und Haltungen der Bürgerinnen und Bürger an, die diese Institutionen mit Leben füllen.
Wir wissen das schmerzlich aus der Geschichte der Weimarer Republik, einer Demokratie ohne Demokraten, wie Historiker heute urteilen.

Und bis 1968 war es in Westdeutschland nicht groß anders: 
Das Grundgesetz war in Kraft, die Institutionen arbeiteten, das Wirtschaftswunder sorgte für wachsenden Wohlstand – aber an den Einstellungen gegenüber individuellen und gesellschaftlichen Freiheiten hatte sich nicht viel geändert.

Das lässt sich gut nachlesen in den heute klassischen Studien von Gabriel Almond und Sidney Verba, die seit den 1950er Jahren auf die kulturellen Grundlagen der Demokratien schauten und bis Ende der 1960er Jahre doch erhebliche Unterschiede in Westdeutschland feststellten, die erst dann begannen sich aufzulösen.

Erst vor 50 Jahren also begriff die westdeutsche Gesellschaft so richtig, was es bedeutet, in einer demokratischen, freien und offenen Gesellschaft zu leben.

Deutlich wurde das vor allem darin, dass sich traditionelle Gewissheiten verflüssigten. Plötzlich galt nur noch als akzeptabel, was sich auch begründen ließ. Wahrheiten waren nicht mehr festgefügt, sondern entstanden im Wettstreit der Argumente und auf der Grundlage gemeinsamer Übereinkünfte. 

Versuch und Irrtum, Experiment und Exzess wurden Teil einer gesellschaftlichen Suche nach einer besseren Gesellschaft.

Ehemals unüberwindbare moralische und gesellschaftliche, zum Teil sogar strafbewehrte Einschränkungen und Verbote, gerieten ins Schwanken und fielen über kurz oder lang.

Neue Freiheiten entstanden, die bis tief ins Private hineinreichen:
Für heutige Jugendliche dürfte es zum Beispiel undenkbar sein, sich nachts heimlich aus der Wohnung der Freundin oder des Freundes schleichen zu müssen – es mag andere Gründe geben –, um die Eltern vor einem Strafverfahren wegen Kuppelei zu bewahren. 

Der entsprechend so genannte „Kuppeleiparagraph“, der der „Unzucht“ vorbeugen sollte, wurde 1974 abgeschafft. Bis 1994 dauerte es, bis endlich der § 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde, der homosexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte. 
Die Wirkung von 1968 zeigt sich heute deutlich in der Zahl der Verurteilungen nach diesem Paragraphen. Waren es 1964 noch über 2.900 sank die Zahl bis 1970 auf 340 und fiel stetig weiter – erst recht als der Paragraph 1973 in einem ersten Schritt auf den vermeintlichen Schutz Minderjähriger unter 18 Jahren beschränkt wurde.

Die Geschwindigkeit, mit der sich hier vorher auch ohne Gesetzesänderungen gesellschaftliches Verhalten veränderte, verdeutlicht noch einmal, wie überfällig die Anpassungen waren und wie sehr die neuen Freiheiten, die weit über die beiden genannten Beispiele hinausgehen, ersehnt wurden. 

Vor allem aber zeigen diese Beispiele die Kraft, die gesellschaftliche Haltungen und Initiativen auf die Gestaltung des Staates und seiner Ordnung haben können und müssen. Hier verabschiedete sich eine Gesellschaft von der Hegelschen Staatsidee, innerhalb einer fremdgesetzten staatlichen Ordnung leben zu müssen und begann, die Dinge selbst in die Hand nehmen zu müssen. 

Gesetze und Institutionen mussten sich bewähren oder verändern.

Diese Kraft ist einer demokratischen Gesellschaft immanent. 
Und sie sorgt dafür, dass Demokratisierungsprozesse keine einmaligen revolutionären Vorgänge sind, sondern dauerhafte Aufgaben. 
Die Demokratie strebt nach der Ausweitung der Teilhabemöglichkeiten. 
Die Freiheit nach der Erweiterung der Möglichkeitsräume und der Intensivierung ihrer Inanspruchnahme.

Das zeigt der immer noch andauernde Kampf um die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, der trotz des unzweifelhaften Machismo manchen 68ers damals einen wesentlichen Schub bekam und doch noch längst nicht vorbei ist.

Von 1949 bis heute – so habe ich vor wenigen Tagen gelesen – gab es in der Bundesregierung mehr Staatssekretäre, die Hans hießen (24) als Staatssekretärinnen (19) insgesamt. Wir haben noch viel zu tun.
 

Das hat uns in den vergangenen Monaten auch die wichtige #metoo-Debatte über alltägliche, sexualisierte Machtstrukturen gezeigt.
 
Meine Damen und Herren,

mehr als alles andere hat 68 uns gezeigt, dass es nicht reicht, auf den formalen Wegen voranzukommen, sondern dass es auch darum gehen muss, Impulse aus der Gesellschaft zur Entfaltung zu bringen. 

Manches Mal brauchen diese Impulse dann noch Jahrzehnte, bis sie den gewünschten und notwendigen Widerhall finden. 
Wir sollten also – so sagen Aleida und Jan Assmann, die in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen haben – eine Generation nicht ausschließlich auf ihre Jugendphase festlegen. 

Die 68er-Generation hat beispielsweise in den 1980er Jahren Entscheidendes für die Erinnerungskultur der Bundesrepublik geleistet.

Das Thema Dekolonisierung hat noch länger gebraucht, um sich in den Köpfen zu verankern. In Hamburg spielte es zwar bereits 1968 eine große Rolle und doch wird es erst seit wenigen Jahren in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als Aufgabe angenommen.

Bereits 1968 wurde mit dem Sturz des hier in der Ausstellung zu sehenden Wissmann-Denkmals symbolträchtig und vehement eine Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands und Hamburgs eingefordert. 

Seit 1961 forderten Studierende – zunächst erfolglos – die Demontage des Denkmals auf dem Gelände der Universität, das die deutsche Kolonialvergangenheit verherrlichte und die afrikanischen Kommilitonen beleidigte. 
Mit der zunehmenden Politisierung der Studierendenbewegung verstärkten sich die Proteste. 
Die deutsche Kolonialgeschichte wurde mit den Befreiungsbewegungen des Globalen Südens und der US-Politik in Vietnam in Verbindung gebracht. 

Nach zwei vergeblichen Versuchen im Jahr 1967 gelang in der Nacht des 31. Oktober 1968 schließlich der Denkmalsturz. Mit gelber Farbe beschmiert landete das Wissmann-Denkmal zusammen mit dem Standbild des Kolonial-Offiziers Hans Dominik, das ebenfalls vor der Hamburger Uni aufgestellt war, im Keller der Sternwarte Bergedorf.

Sein Sturz steht nicht nur paradigmatisch für den revolutionären Geist der ´68er – „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ –, sondern auch für einen langen Prozess des Umdenkens, der hier seinen Anfang genommen hat.

Seitdem wurde das Denkmal mehrmals für Kunstaktionen hervorgeholt. Zuletzt war es in der großen Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin – wie auch hier im MKG liegend – zu sehen, als Sinnbild für ein neues Bewusstsein für die Notwendigkeit einer kritischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte.

Meine Damen und Herren,

das Beispiel dieses Denkmals zeigt auch, dass Entwicklungen wie 1968 eng verknüpft sind mit den Künsten als Spiegel unserer Gesellschaft. 

Einerseits verändern sich die Künste selbst, weil sie seismographisch auf Veränderungen reagieren; andererseits geben sie ihrerseits oftmals entscheidende Impulse für diese Veränderungen. 

So war es auch 1968. 

Natürlich waren Kunst und Kultur schon vorher politisch. Im Zuge von 1968 ist das aber direkter geworden, zudem wurde sowohl die Idee des Politischen (das auch das Private umfasst) als auch die Idee der Kunst radikal weiter gedacht. 

Die Kunst wurde in den Alltag getragen, ihrer Aura beraubt und bisweilen dann im Museum aus Versehen weggeputzt wie die berühmte „Fettecke“ von Joseph Beuys.

Sein erweiterter Kunstbegriff verhandelte neue ästhetische Ausdrucksformen und stellte sie in einen mindestens impliziten gesellschaftlichen und politischen Kontext.
Schließlich verfügt Kunst durch ihre Vorstellungs- und Verstellungskraft über die Möglichkeit der spekulativen oder provokanten Prüfung gesellschaftlicher Grenzen.

Wie umstritten diese Positionierungen sind, zeigt sich erst recht im Gegenschnitt zu den damals als „Nachtclubkunst“ diffamierten Werken von Andy Warhol.

Beuys und Warhol werden heute bisweilen als Antipoden in den Entgrenzungsbemühungen nach 68 begriffen. Paolo Bianchi und Christoph Doswald betrachten sie in einem Buch als „Gegenspieler“ und schreiben:

„Beuys der ‚Idealist‘ und Warhol der ‚Materialist‘ entwickeln sich zum Sinnbild einer zerrissenen Gesellschaft, die zwischen Kapitalismus und sozialer Gerechtigkeit, zwischen grenzenlosem Konsum, globaler Kommunikation und dem Anspruch nach Lebensform schwankt.“ 

Ohne Dialektik geht es also nach 1968 nicht. 
Pop und Protest können gleichermaßen nahe beieinander liegen und meilenweit voneinander entfernt sein. Es ist – nicht erst seit den 60er Jahren – das Privileg des Pop, zunächst einmal nur hemmungslos dagegen sein zu dürfen. Aber natürlich muss man dann irgendwann zumindest gesellschaftlich auch beantworten, wogegen man denn sein möchte – ob lautstarke Kritik der Pose oder dem Protest dient. 

Gerade in Zeiten der kapitalistischen Überformung nicht nur der populären Kunst ist das einer der zentralen Debattenräume.

Und natürlich wird es auch nicht dadurch einfacher, dass man sich zur Seite des Protests bekennt. Denn in letzter Konsequenz bedeutet die Befreiung der 68er auch, dass auch die damals etablierten Gewissheiten des Protests begründungsbedürftig werden.

Schon während die Proteste in den Seminaren und auf der Straße im Gange waren, verabschiedete sich die Frankfurter Schule in ihrem intellektuellen Überbau von den letzten geschichtsphilosophischen Gewissheiten und forderte zum dauerhaften Diskurs und zur Anerkennung des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments auf.

Dieser Mühe muss sich jeder unterziehen, der die freiheitlichen Ansprüche von 68 ernst nimmt. Eine simple Vereinnahmung damals etablierter Freiheiten oder Protestmuster reicht nicht aus. 

Auch Künstlerinnen und Künstler, die 68 prägend waren und bis heute überdauert haben, versuchen sich aus dem ethischen Korsett zu befreien, dass ihnen die Politisierung ihrer Kunst verpasst hat. 

Am markantesten vielleicht Bob Dylan, der ja schon 68 sein „Blowin‘ in the Wind“ zertrümmert hatte und heute lakonisch feststellt: „I used to care but things have changed.“

Als Künstler hat er die Freiheit dazu aber nur so lange, wie wir uns als Gesellschaft immer wieder darum kümmern, dass diese Freiheit erhalten bleibt.

Denn paradoxer Weise richtet sich das damals Errungene heute nach dem abgeschlossenen „Marsch durch die Institutionen“ bisweilen gegen die Freiheit. 
Und bleibt daher nur eins: Wir müssen Debatten neu und engagiert führen.

Hanno Rauterberg führt in seinem aktuellen Buch „Wie frei ist die Kunst?“ unter anderem aus, dass die Demokratisierung der Kunstdebatten, zum Beispiel in Form der Bildung von „Affektgemeinschaften“ im Internet, einen Trend "weg von der Ästhetik hin zur Ethik" erkennen lasse. 

Diese Politisierung der Kunst gehe aber auf Kosten ihrer Freiheit. Die Folge sei eine Krise des Liberalismus, weil auf einmal 
„just jenes linksliberale Milieu, das früher für die Freiheit der Kunst auf die Barrikaden ging, … nun bereit [ist], die Freiheit der Kunst dem politischen Anliegen der Gerechtigkeit zu opfern.“ 
(Sieglinde Geisel in ihrer Buchkritik auf Deutschlandfunk Kultur). 

Es scheint, als müssten wir so manche Debatte neu führen und so manches bereits Errungene sichern oder neu begründen. 
Das gilt für die Kunst und das gilt auch für die Politik, wo wir mit der Diagnose der „Postdemokratie“ umgehen müssen, die uns darauf hinweist, dass die Institutionen stabil stehen und arbeiten, dass sich aber die dahinter stehenden Haltungen verflüssigen und neu gefestigt werden müssen.

Freiheit und Demokratie sind vielleicht noch nicht in Gefahr, aber sie können in Gefahr geraten, wenn wir sie für allzu selbstverständlich nehmen.

Das aber dürfen sie niemals sein, weil in der Moderne nichts von Dauer sein kann und sich alles immer wieder neu bewähren muss. 
Das als lustvolle und als maßgeblich kulturelle Aufgabe zu begreifen, ist etwas, das wir von den 68ern bis heute lernen können. 

Das bedeutet auch: 
Wir sind heute noch lange nicht durch mit den hinter ´68 stehenden Themen. 

Ganz im Gegenteil!

Vielen Dank. 

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