18. Oktober 2018 Senatsessen zu Ehren von Prof. Dr. Harald Falckenberg aus Anlass seines 75. Geburtstags

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Senatsessen zu Ehren von Prof. Dr. Harald Falckenberg aus Anlass seines 75. Geburtstags

Sehr geehrte Frau Duden, 
meine sehr geehrten Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Hilbig, 
sehr geehrter, lieber Herr Falckenberg,

Sie haben sich bei dem Panel zu Ihren Ehren im Kunstverein zwar ausdrücklich „Lobhudelei“ verbeten. Angesichts der Tatsache, dass Sie zwar schon häufig für Ihre Verdienste als Kunstsammler und -förderer ausgezeichnet wurden, allerdings noch nicht von Ihrer Heimatstadt Hamburg, werde ich das aber nicht ganz vermeiden können: Spätestens zum 75. Geburtstag ist das mal fällig!

Wir kennen und schätzen Sie seit vielen Jahren als Sammler, Ausstellungsmacher, klugen Querdenker, Förderer, Verleger und Autor. 
Das war nicht immer so, eigentlich sind Sie ja Jurist. Bis Sie im Jahr 1994 das hatten, was Sie Ihre „wunderbare Midlifecrisis“ nennen. Sie haben sich aber nicht die Haare gefärbt oder ein Motorrad gekauft, sondern Sie haben angefangen, sich der Kunst zu widmen. Das war der Beginn der inzwischen berühmten „Sammlung Falckenberg“.

Sie haben in Ihren Anfangsjahren verschiedene Konzepte probiert: 
Erst sammelten Sie Kunstwerke, die Malerei mit Chiffren, Buchstaben und Zeichen verband; dann etablierte Künstler wie Robert Rauschenberg, Andy Warhol oder Gerhard Richter. Beides führte Sie intellektuell und künstlerisch jedoch nicht dahin, wo Sie es interessant fanden.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt:
„Die Geradewelt habe ich ja in meinem bürgerlichen Dasein, und ich wollte einfach andere Facetten in mir kennenlernen – eine Art Selbstreflektion gleichzeitig.“

Das fanden Sie dann bei den Werken einer jungen, radikalen und unangepassten Künstlergeneration, mit denen Sie der Hamburger Künstler Werner Büttner bekannt machte. Das war der richtige Weg. Ihr Interesse galt fortan also genau jener Kunst, die als widerspenstig, kritisch, sarkastisch, trashig oder frivol galt – und die gleichsam ein Akt zivilen Ungehorsams war. 

Ziviler Ungehorsam, das bedeutet für Sie: „das persönliche Recht auf vom Kanon abweichende politische und gesellschaftliche Überzeugungen“. 
Das markiert eine zentrale Idee Ihrer Sammeltätigkeit und auch Ihres Charakters und Ihrer Überzeugung. 

Die Arbeiten von Werner Büttner, Albert Oehlen, Martin Kippenberger wurden prägend für die Sammlung, ergänzt um deren dadaistische Vorbilder, amerikanische Gleichgesinnte wie Paul McCarthy oder Paul Thek und jungen Nachfolgern, darunter viele Neuentdeckungen. Heute umfasst sie rund 2.200 Werke und zählt weltweit zu den bedeutendsten Privatsammlungen der Gegenwartskunst. 

Ihr Sammlermut hat Ihre Sammlung zu etwas wirklich Außergewöhnlichem gemacht. 
Das Sympathische daran: Es ging Ihnen nicht um ein Profilierungsbedürfnis, sondern es ging Ihnen darum, etwas mit Aussage und mit Biss zu schaffen. Etwas, dass das Publikum genauso fordert wie Sie selbst.

„Sammeln ist (…) Traum und Trauma (…)“ haben Sie einmal gesagt, und es fordere intensiv zur geistigen und emotionalen Auseinandersetzung auf. 
Das trifft für die Gegenwartskunst wohl in besonderem Maße zu.

Kunst ist Grenzwanderung, Höhlenforschung, Gipfelstürmerei, Klippenspringerei – 
ihre ästhetische und inhaltliche Aussagekraft wird insbesondere dort evident, wo sie auf Widerstand stößt. Und das tut Gegenwartskunst oft. 

Sie haben sich davon nicht einschüchtern lassen. Und auch nicht von den Unwägbarkeiten des Kunstmarktes, denn:
„Wer Kunst kauft, die eine bloße Affirmation dessen ist, was sich auf dem Kunstmarkt als Trend durchsetzt, ist ein schlechter Sammler. Auch gute Sammler schaffen nichts Neues, sondern unterstützen das Neue bei seiner Durchsetzung“.

Sie kaufen fast immer bei Galeristen, die Sie als Ratgeber und Gesprächspartner schätzen. Dabei dürfte zu Ihrer Beliebtheit als Käufer und Sammler auch beitragen, dass Sie kaum handeln und schnell zahlen…

Eine wichtige Inspirationsquelle wurde für Sie der „Hamburger Kunstverein“, für den Sie von der damaligen ersten Vorsitzenden Maja Stadler-Euler im Jahr 1997 angeworben wurden – zunächst als Schatzmeister, 1999 wurden Sie dann selbst der erste Vorsitzende und prägten die Geschicke dieser wichtigen Institution bis 2017 maßgeblich mit und sind ihr weiterhin sehr verbunden. 
 
Auch mit den Deichtorhallen verbindet Sie eine enge, sehr geglückte Zusammenarbeit. 2011 wurde Ihre Sammlung als Dauerleihgabe an die Stadt Hamburg übergeben und an die Deichtorhallen angebunden, die seitdem die künstlerische Verantwortung für den Sammlungsbetrieb übernehmen. 
Gemeinsam mit Ihnen entstehen weiterhin zwei bis drei Ausstellungen pro Jahr, die die Kunstwelt begeistern und den Weg nach Harburg lohnen. 

Besonders wichtig war Ihnen z.B. die Ausstellung zu Aby Warburgs Bilderatlas (2011), die zusammen mit dem ZKM und der Reina Sofia Madrid verwandte Strategien und Praktiken in der zeitgenössischen Kunst thematisierte. Aber auch Einzelschauen zu Künstlern wie z.B. Phillip Guston, Raymond Pettibon, Peter Saul, William Burroughs oder Astrid Klein zählen zu den gefeierten Highlights in Harburg.

Die Künstlerinnen und Künstler schätzen Sie, weil Sie sich ernsthaft mit der Kunst auseinandersetzen und keine Scheu vor Neuem oder Provozierendem haben. Sie schätzen Sie außerdem, weil Sie auch sonst schwer verkäufliche Kunst, z.B. große für Biennalen gefertigte Installationen, kaufen. Und drittens, weil Sie Ihre private Sammlung schon früh der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. 

Ab 1996 unter anderem im sog. Pump Haus, das Bazon Brock mal als "Basislager für Expeditionen in die Zeitgenossenschaft" bezeichnete. Und ab 2001 dann in den uns bekannten Ausstellungsräumen in den ehemaligen Werkshallen der „Harburger Phoenix AG“ , die Ihnen die frühere Kultursenatorin Christina Weiss gemeinsam mit dem Bezirksamtsleiter Hellriegel vermittelt hatten. 

Auf 2.000 Quadratmetern konnte nun sowohl die wachsende Sammlung gezeigt als auch wechselnde Ausstellungen mit Leihgaben realisiert werden. 2007 konnten Sie das Gebäude kaufen, 2008 wurde umgebaut, seitdem können auch großflächige Installationen, wie z.B. die Videoinstallation von Jon Kessler „The Palace at 4 a.m.“, und Werkgruppen aus der Sammlung dauerhaft gezeigt werden und gleichzeitig wechselnde Ausstellungen.

Das ist Ihnen nicht etwa deshalb wichtig, weil Sie die eigene Person in Szene setzen oder den Wert der Werke steigern möchten; es ist Ihnen deshalb wichtig, weil es Ihnen ein tiefes, intrinsisches Bedürfnis ist, die Kunst und damit auch die Gesellschaft zu den brennenden Fragen unserer Zeit zu befragen. Das macht im dunklen Kämmerlein wenig Sinn, es braucht dafür die Öffentlichkeit. 

Es geht Ihnen nicht um l´art pour l´art, sondern um intelligente, gesellschaftspolitische Relevanz, die Raum für Diskurs benötigt.

Sie sind der tiefen Überzeugung, dass die Veränderung eingefahrener Sehgewohnheiten auch eine Veränderung eingefahrener Denkgewohnheiten mit sich bringen kann. 

Aus diesem Grund suchen Sie immer wieder den Raum für Diskurs – und durchaus auch den Raum für Dissens. 

Sie zeigten Ihre Sammlung mehrfach im Kontext anderer Privatsammlungen, wie der Sammlung Goetz (Goetz meets Falckenberg), der Sammlung Olbrecht (2011 Zwei Sammler in der „Halle für aktuelle Kunst“) oder der „Sammlung Haubrock“ (2012 No desaster). 

Ausstellungsprojekten wie z.B. zu Otto Mühl, Klaus Staeck, Hanne Darboven und Paul Thek finden große Beachtung und Harburg wird zum Pilgerort „von Kunstfreunden, die das Extreme und Experimentelle mögen“, wie die NZZ schrieb.

Für das konservativere Hamburger Publikum war das manches Mal schwer verdauliche Kost, die oft sogar als Zumutung empfunden wurde. 
Maximilian Probst nannte das 2010 in der ZEIT „einen Frontalangriff auf den gediegenen hanseatischen Geschmack“, der Hamburg ganz besonders schmücke.

Lieber Harald Falckenberg, Sie sind im besten Sinne streitbar.

Und auch jenseits des Sammlungsbetriebs sind Sie als kritischer Beobachter, Kommentator und Macher in der Kunstszene aktiv und ein gern gesehener Gast auf Talkpodien, Ausstellungseröffnungen und Partys. 

Sie mischen sich ein, sind gut vernetzt und daran interessiert, Ihre Ideen, Kontakte und finanziellen Spielräume zu nutzen, um Ihnen wichtige Themen voranzubringen. Ihre Rolle als Katalysator innerstädtischer Prozesse auf hohem Niveau darf nicht unterschätzt werden.

So gründeten Sie 1996 zusammen mit Ihrem Freund aus Studien- und Kindheitstagen, Hans Jochen Waitz, die F. und W. Stiftung, der die „Kunsthalle“ einige ihrer bedeutendsten Dauerleihgaben, u.a. von Nan Goldin, Mona Hatoum oder Wolfgang Tillmans verdankt.

Sie schreiben gern und publizieren zu unterschiedlichsten Themen z.B. in der FAZ, der „Financial Times“ oder der „Kunstzeitschrift Monopol“.

2002 und 2007 erschienen die Essaybände „Ziviler Ungehorsam“ und „Aus dem Maschinenraum der Kunst. Aufzeichnungen eines Sammlers“ in der Fundus-Reihe beim Verlag „Philo Fine Arts“. Als die europäische Verlagsanstalt die Reihe aufgeben wollte, kauften Sie diese 2008 kurzerhand, um dessen unabhängige Arbeit wirtschaftlich abzusichern.

2008 ernennt Sie die „Hochschule für bildende Künste Hamburg“ zum Ehrenprofessor nach § 17 HmbHG, wo Sie Vorlesungen zur Kunsttheorie halten. 

Als Jurist und Sammler engagierten Sie sich intensiv an der Debatte über das neue Kulturgutschutzgesetz und sind Co-Autor des 2018 bei C.H. Beck erschienenen Kommentars.

Für dieses vielseitige und herausragende Engagement wurden Sie vielfach gewürdigt und ausgezeichnet (2009 Art Cologne Preis des Bundesverbands Deutscher Galerien und Kunsthändler für herausragende Leistungen der Kunstvermittlung,  2011 mit dem Montblanc de la Culture Art Patronage Award als Ehrung „für langjährige beispielgebende Kulturförderung und für Motivation zur gesellschaftlichen Verantwortung“).

Wir können also mit Joachim Günther von der NZZ sagen:
„Wer sich für Gegenwartskunst abseits des Mainstreams interessiert, kommt an Harald Falckenberg nicht vorbei.“ 

Aber das wollen wir ja auch gar nicht!
Es ist gut, dass wir hier in Hamburg an Harald Falckenberg nicht vorbei kommen. 
Und es ist gut, dass es diese großartige Sammlung in unserer Stadt gibt.

Lieber Herr Falckenberg, 

Sie sind ein Kunstbotschafter unserer Stadt mit internationaler Wirkung.

Sie zeigen Sachkompetenz, Engagement und Charakter.
Solche Menschen brauchen wir. Menschen die Verantwortung übernehmen und unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten. Menschen, die unkonventionell und streitbar sind, zuverlässig und kompetent, diplomatisch und undiplomatisch. 
Immer leidenschaftlich an der Auseinandersetzung mit der Welt interessiert und mit dem passionierten Bekenntnis, dass die Kunst uns hierbei der beste Weggefährte ist.

Lieber Herr Falckenberg, 
Wir sind glücklich darüber, dass wir Sie und Ihre Sammlung in unserer Stadt haben und freuen uns auf viele zukünftige Ausstellungsprojekte aus Ihrer Sammlung.

Sie selbst haben immer darauf hingewiesen, dass das durch die subjektive Auswahl bestimmte Gepräge einer Sammlung nicht für die Ewigkeit bestimmt sei. 
Es ist eine gemeinsame Herausforderung, die Zukunft Ihrer einzigartigen, großartigen Sammlung in Hamburg zu gestalten.

Ich bin zuversichtlich, dass uns das gemeinsam mit der Kunsthalle und den Deichtorhallen in den nächsten Jahren gelingt!

Liebe Gäste,

ich möchte Sie jetzt bitten, sich zu erheben, um mit mir auf das Wohl und die Gesundheit von Herrn Falckenberg anzustoßen! 

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