21. Oktober 2018 Ausstellungseröffnung von Lili Fischer „Alles beginnt mit Zeichnen...“ in der Hamburger Kunsthalle 

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung von Lili Fischer „Alles beginnt mit Zeichnen...“ in der Hamburger Kunsthalle 

Sehr geehrter, lieber Herr Professor Vogtherr, 
sehr geehrte, liebe Lili Fischer,
liebes Ehepaar Otto,
sehr geehrte Frau Dr. Roettig, 
sehr geehrte Frau Hinrichsen,
meine sehr verehrten Damen und Herren, 

„So blickt man klar, wie selten nur, // ins innre Walten der Natur." 

Was Wilhelm Busch in seinem „Maler Klecksel“ noch ironisch kommentierte, haben Sie, liebe Frau Fischer, zu einem der Eckpfeiler Ihres Schaffens gemacht: 

Die Natur als wohl größte aller Inspirationsquellen, aber eben nicht in der tausendfach künstlerisch thematisierten Form des monumentalen Sonnenuntergangs, der endlosen Weite des Ozeans oder des gewaltigen Bergpanoramas, sondern mit Blick auf das scheinbar Gewöhnliche, Kleine und Unbedeutende. Auf das also, was wir oftmals gar nicht bemerken, was also die Strukturen und Texturen unseres Lebens ausmacht.
Deshalb ist das Alltägliche, das fast immer Unterschätzte meist eine genaue Beobachtung und Betrachtung wert.

Ein schönes Beispiel hierfür in Lili Fischers Schaffen ist die Entwicklung eines multimedialen Kunstprojekts rund um eine Schnake. Die in den dynamischen Zeichnungen aufgezeigten Formen stellen Bewegungen dar, die sie anschließend in weitere mediale Formen überträgt: Die detaillierte Beobachtung und Zeichnung bildet die Grundlage für eine ausgeformte Riesen-Schnake, ein Schnakenkostüm und einen Schnakensimulator, in dem man nachempfinden kann, wie eine Schnake ihre Flügel schlägt. 
Von September 2008 bis November 2009 zierten hier in der Kunsthalle Lili Fischers Schnaken das Altbautreppenhaus. 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, 

ich freue mich sehr, heute hier diese Ausstellung über das Werk der Hamburger Künstlerin Lili Fischer eröffnen zu können. 

1947 in Priwall bei Travemünde als jüngstes von fünf Kindern geboren, besitzt die Künstlerin schon früh Ihre ersten Zeichenhefte. 
1955 zieht sie mit Ihrer Familie nach Hamburg um und studiert an der Hochschule für bildende Künste. Sie erhält ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes und interessiert sich in ihrer Arbeit früh für das Prozesshafte, das nicht Statische, das Veränderbare, das auch uns selbst zur Veränderung einlädt.
1994 bis 2013 war sie Professorin für Feldforschung und Performance an der Kunstakademie in Münster. 
Ihren Lebensmittelpunkt aber hat sie weiterhin in Hamburg, in ihrem Wohnhaus im Hamburger Norden und dem Atelier in der Speicherstadt.

Lili Fischer hat bereits Anfang der 1970er Jahre die Methode der Feldforschung für die bildende Kunst erschlossen. Durch intensives Beobachten und Erforschen legt Sie uns Wesenszüge der von Ihr beobachteten Objekte frei. Sie nutzt die Feldforschung als Arbeitsweise, um Ihre Umwelt zu untersuchen. Sie sammelt, ordnet und präsentiert. Ihre Untersuchungsgebiete gehen von alltäglichen Tätigkeiten bis hin zu Randgebieten der Natur. 
Alles kann der Inspiration dienen. 

Dabei ist die grundlegende Methode Ihrer Arbeit das Zeichnen. Schwungvolle, impulsive Zeichnungen bilden das Grundgerüst Ihrer Kunst, wie es auch der Titel dieser Ausstellung verdeutlicht. Fischer selbst sieht Zeichnungen als Dialog mit den Dingen und mit sich selbst. 

Aus den Zeichnungen erwachsen z.B. rhythmische Performances. 1987 bei der „Waschlappendemo“ mit „Schmutzwäsche-Besprechung“, „Herrenwaschpartie“ und „Klärschlamm-Charleston“ knüpfte Lili Fischer so an Riten und Techniken in der Hausarbeit an. Weitere Aktionen wie „Nähaerobic“ und „Besentanz“ lassen sich ebenso zu dem Feld Haushalt hinzufügen, auch hier also der Blick auf das Alltägliche. 
Beispiele dieser Themen werden in den ausgestellten Zeichnungen sichtbar. Dazu gehören auch Ihre „Freiübungen“, wie die „Schlipsgymnastik“. Selbst ohne genaue Kenntnis öffnen sich schon durch den Titel spontane Assoziationen…

Der Fokus Ihres Schaffens aber liegt auf den Feinheiten der Natur: 

Sei es die „Pflanzenkonferenz“ in der Lili Fischer seit langem verbundenen Hamburger Kunsthalle, bei der nur Eintritt erhielt, wer eine Pflanze mitbrachte oder die nähere künstlerische Betrachtung und v.a. Beachtung von Zitterspinnen, Nachtfaltern und den schon erwähnten Schnaken. 

Auch ein zufällig beobachteter Igel im heimischen Garten entwickelte sich zu einem großen Forschungs- und Kunstprojekt. Bis dato war der Igel nicht eingehender in der Kunst oder der Kunstgeschichte thematisiert. 
Bei Ihnen, liebe Frau Fischer, wird das Tier schließlich mit einem „Igelzentrum“ in einer Ausstellung geehrt und gibt uns Einblicke „ins innre Walten der Natur“ – einschließlich „Igelschnaubtanz“, bei dem in einem Gruppentanz mit den Besuchern das „Schnaubverhalten des Igels“ nachempfunden wird.

Was für manchen auf den ersten Blick vielleicht „schräg“ wirken mag, macht Lili Fischers Schaffen so außergewöhnlich. Sie besitzt das Talent, die Details, die uns im Alltag, auch in der Stadt, begegnen, mit Feinheit wahrzunehmen und mit Ihrer Arbeit ins Zentrum zu rücken. 

Es ist eine Begabung und Ausdruck eines kreativen, querdenkenden Freigeistes, auf diese Art und Weise Alltägliches zu etwas Besonderem zu machen – oder vielleicht einfach auch nur das Besondere sichtbar zu machen, ganz getreu der Aussage des Dichters Johann Peter Hebels:
„In der ganzen Natur ist kein Lehrplatz, lauter Meisterstücke“.

Die Nähe zum Publikum, die Nähe zum Menschen spielt dabei immer eine große Rolle. 

Sehr geehrte Frau Fischer, 

mit Ihrer Energie und Begeisterung wirbeln Sie Ihre Umgebung auf, laden dazu ein, bei Ihren Tanzakten mitzumachen und die Kunst bzw. das Kunstwerk der Natur im wahrsten Sinne des Wortes zu „erleben“. 
Ihre Fröhlichkeit und Lebenslust sind dabei ansteckend, wie ich selbst bei dem Besuch in Ihrem Haus erleben konnte. 

Wie gut, dass Sie sich, anders als der „Maler Klecksel“, nicht haben entmutigen lassen und am Ende Schankwirtin statt Künstlerin geworden sind. Sie besitzen jene Portion Humor, die es braucht, um die Widersprüche des Lebens und der Kunst auszuhalten. In einem Milieu, dass sich bisweilen sehr an seiner Ernsthaftigkeit ergötzt, obliegt es bisweilen dem Schalk, die unbequeme Wahrheit mit einem Lächeln an- und auszusprechen.

Hamburg kann sehr froh sein, dass eine so begeisterte Künstlerin voller Energie und Schaffenskraft hier lebt und wirkt.

Vielen Dank.

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