26. Oktober 2018 Eröffnung der Ausstellung „Klassenverhältnisse – Phantoms of Perception“ im Kunstverein Hamburg

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung der Ausstellung „Klassenverhältnisse – Phantoms of Perception“ im Kunstverein Hamburg

Liebe Frau Steinbrügge,
sehr geehrter Herr Eribon,
liebe Künstlerinnen und Künstler,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

Klassenverhältnisse in den Titel einer Veranstaltung zu heben, das zeugt von einem politischen Anspruch, der heute nicht in jedem künstlerischen Diskurs selbstverständlich ist.

Angesichts der historisch vielfältigen Facetten des Begriffs zwingt diese semantisch-strategische Entscheidung aber auch zu einer Präzision in Definition und Analyse, die die praktische politische Relevanz des Vorhabens zumindest bedroht. Zumindest - diese kleine Spitze sei mir gestattet – ist die Ankündigung der heutigen Veranstaltung sicherlich nicht klassenübergreifend lesbar…

Aber wir sind ja auch noch bei der neuerlichen Begriffs- und Positionsbestimmung. Mein Grußwort wird es daher vermutlich auch nicht sein.

In Deutschland ist der Begriff der „Klasse“ seit Jahrzehnten weitgehend aus dem öffentlichen Sprachgebrauch verschwunden. Er wurde ersetzt durch das Konzept der durch Status und Bildung zu differenzierenden Schichten und dann letztlich durch eine aus der Konsumforschung stammende Milieu-Empirie, die als zusätzliche Dimension unterschiedliche Lebensästhetiken mit in den Blick genommen hat.
Auch dies sagt viel über die Entwicklung einer Gesellschaft aus. 

Fast vollständig entsorgt wurde damit jenes antagonistische Verständnis, dass dem Klassenbegriff noch bei Marx seine revolutionäre Sprengkraft verliehen hat, weil es auf gesellschaftliche Ungleichgewichte verwiesen hat, die es durch im Kollektiv erzwungene Veränderung zu überwinden galt. 

Sie erinnern sich: „Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen“ lautete das Credo der Weltanschauung des „historischen Materialismus“, der den Fortschritt in einer geschichtsphilosophisch vorherbestimmten Abfolge von Revolutionen vermutete.

Dass diese konfliktgeprägte Sicht der Welt aufgegeben wurde, war in der Zeit der vermeintlich immerwährenden Prosperität der Nachkriegsjahre durchaus plausibel.
In einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ fehlen die Extreme und damit auch die Protagonisten der Auseinandersetzung. Funktionale Vernunft und systemisches Gelingen rücken in den Fokus. 

Das umso mehr, weil die Konfliktlinien spätestens seit den 1970er Jahren immer weniger zwischen unterschiedlichen Klassen oder Schichten verliefen, sondern zunehmend zwischen systemischen Zusammenhängen von Wirtschaft und Technologie auf der einen und lebensweltlichen Solidarstrukturen auf der anderen Seite. 
Die ehemaligen Nebenwidersprüche im Klassenkampf rücken ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung. 

Wenn aber der gesellschaftliche Konflikt auf einmal lautet: Alle gegen eine strukturelle Logik, dann verlieren soziale Gruppenzugehörigkeiten plötzlich ihre orientierende Kraft.
Integrations- und Veränderungsdynamiken bewegen sich folgerichtig vom Sozialen ins Kulturelle:
Die gesetzten und festgefügten Ordnungen der „wohlgeordneten Industriegesellschaft“ (Andreas Reckwitz) verflüssigen sich im Gefolge von 68, individuelle Perspektiven und Narrative, individualistische Lebensentwürfe und -ästhetiken treten an die Stelle von größeren Gruppenzugehörigkeiten. 

Am Beginn war das eine große Befreiung. Aber wir stellen heute fest, dass das nicht immer und überall so bleiben muss.

Denn mit dem scheinbaren Auseinanderfallen unserer Gesellschaften in eine Vielzahl von Milieus verfestigte sich auch ein neoliberaler Marktfundamentalismus mit „sozialdarwinistischem Potential“ (Jürgen Habermas). Seine Folge ist wieder wachsende soziale Ungleichheit, die nicht nur die Vermögensverteilung, sondern auch die kulturellen Ressourcen der Teilhabe betrifft. 

Der Grundkonsens wird brüchig. 
Wir müssen ihn neu besichtigen und diskursiv festigen.
Letztlich stellen wir nämlich fest, dass wir – mittlerweile auch bedingt durch die elektronische und digitale Partikularisierung – zunehmend die Mechanismen aus der Hand geben, mit denen wir aus der Vielfalt eine in wichtigen grundlegenden Fragen gemeinsame Perspektive generieren konnten.

Für mich fasst sich diese bis heute in dem berühmten Adorno-Wort zusammen, dass wir alle ohne Angst verschieden sein wollen. 
Wenn das in Zweifel gezogen wird, geraten die Dinge ins Wanken – und immer mehr suchen Halt in doch wieder a priori festgefügter Ordnung.

In der Folge – und diese paradoxe Entwicklung am Ende der großen Individualisierung beginnen wir alle zu begreifen – tauchen Schichten und Klassen plötzlich wieder in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen und künstlerischen Debatte auf. 

Ganz offensichtlich hat sich die gewollte und gewünschte Durchlässigkeit einer Gesellschaft, in der es Chancengleichheit für alle und fließende Übergänge zwischen den Klassen und Schichten gibt, verändert: Die Durchlässigkeit wendet sich ins Prekäre. 

Hier setzt die heute zu eröffnende Ausstellung an. Sie sucht nach den Spuren der Klassenverhältnisse in unseren Gesellschaften mit den Mitteln der Kunst. 
Konsequenterweise beleuchten die Werke nicht einfach nur den unterschiedlichen Bildungs-, Berufs- oder Einkommensstatus verschiedener Bevölkerungsgruppen, sondern lenken den Blick auf die Ursachen dahinter.

Was hier in Erscheinung tritt, sind Phantome einer Ordnung, die – so die These der Ausstellung – lange nicht mehr deutlich beim Namen genannt wurde, aber gleichwohl auch heute noch – oder wieder – existiert: Klassenverhältnisse.

Es sind spannende Perspektiven, die dabei zutage treten. 

Mehr als ein Drittel der hier ausgestellten 18 Künstlerinnen und Künstler wurden nach 1980 geboren. Sofern sie in Deutschland sozialisiert wurden, wuchsen sie in eine Gesellschaft hinein, in der das Klassenbewusstsein – selbst von großen Teilen der Linken – ad acta gelegt worden war. 

Dennoch beschäftigen sich Künstlerinnen und Künstler wie Anna Witt (*1981) oder Andrzej Steinbach (*1983) mit der Festschreibung sozialer Rollenbilder und dem Prozess der Subjektwerdung innerhalb einer Gesellschaft mit zahlreichen binären und zum Teil antagonistischen Ordnungen – männlich oder weiblich, arm oder reich. 

In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung ergänzen sie die soziale Kategorie ‚Klasse‘ um weitere relevante Aspekte wie Geschlecht und Ethnie. Immer wieder blitzt hier die Bourdieusche Aneignung und Erweiterung des Klassenbegriffs durch die Konzepte der Werke. 

Die Kunst vermag in diesem Momenten etwas, das sonst nur schwer gelingt: Sie ermöglicht uns, aus der eigenen subjektiven Perspektive zugunsten übergeordneter Standpunkte herauszutreten. Damit wird es potentiell möglich, den Blick für etwas zu öffnen, das vorher nicht sichtbar war.

Mit welchen künstlerischen Strategien dieser neue Blick auf die Klassenverhältnisse als Strukturprinzip gelingen kann, untersucht die Ausstellung als „Phantoms of Perception“. 
Es geht um Phantome der Wahrnehmung, mithin um zu identifizierende Spurenelemente der Möglichkeit von Erkennen und Erkenntnis.

Das Phantom war schon für Marx ein prägnantes Motiv seiner Analyse. In der Ausstellung wird es zur zentralen Figur, indem sie den Möglichkeiten eines Sichtbar- und Erfahrbarmachens von existenten Phantomen der Gegenwart nachgeht: 
Es geht um die Zusammenhänge, die unsere Gesellschaft und ihre Möglichkeiten für den Einzelnen prägen, sich aber unserer Wahrnehmung zumindest auf den ersten Blick entziehen. 

Soziologisch würden wir von den Strukturen oder Stratifikationen unserer Gesellschaft sprechen, die uns als Zwänge unseres Handelns begegnen und unsere Selbstbestimmung einschränken. 

Es ist wichtig, sich dieser normierenden Phantome bewusst zu sein, wenn man sie verändern will. 

Wenn es zum Beispiel gelingt, der gläsernen Decke, die über den Chancen sozialer Mobilität schwebt, mit Hilfe der Kunst einen Anstrich zu verleihen und sie sichtbar zu machen, ist viel geschafft: Denn wenn etwas sichtbar und beschreibbar wird, können wir gesellschaftlich und politisch handeln. 
Dafür ist es gleichgültig, ob die Erkenntnis individuell mimetisch oder sozial diskursiv entsteht. Entscheidend ist, dass Umstände benennbar werden.

Das gilt umso mehr in Zeiten, in denen wir längst nicht mehr nur über ökonomische, politische oder soziale Verwerfungen reden, sondern Fragen kultureller Sinnhaftigkeit und symbolischen Kapitals zunehmend ins Zentrum der Debatte rücken.

Und zwar nicht im Sinne einer Befreiung von traditionalen sozialen Zwängen, sondern mit dem Ziel, die Freiheitspotenziale der Moderne in postmoderner Beliebigkeit und epistemologischem Relativismus so weit aufzulösen, dass ein beziehungsloses Nebeneinander von Gefühlen und Meinungen übrig bleibt.

Das Ergebnis ist die „Emotionale“, die Peter Licht neuerdings besingt – und noch ist unklar, ob „die hinterfotzigen Hintergründe der Systeme“ auch tatsächlich so ans Licht kommen, wie er hofft…

Jedenfalls kann Kunst dazu beitragen, der Beliebigkeit der Perspektiven und Narrationen immer wieder Positionierungen entgegenzustellen, die eine Arbeit am Verstehen, möglichst gemeinsam, gleichsam erfordern.

Die Kunst ist frei. Und zwar unbedingt. Doch sie kann sich den gesellschaftlichen und politischen Facetten ihres eigenen Wirkens kaum entziehen. Dieses Paradox aushalten zu dürfen, ist auch eine Errungenschaft der Moderne: Die Auseinandersetzung mit Kunst – die Lust am Denken und am Austausch mit anderen – befähigt zu einer demokratischen Haltung. 

Demokratie ist die wertvolle Basis, auf der wir als Gesellschaft in einem diskursiven Prozess mit unseren unterschiedlichen Hintergründen, Interessen und Überzeugungen zusammenkommen und uns auf einen gemeinsamen Weg verständigen. 

Für eben jene Verständigung bedarf es solcher Orte wie dem Kunstverein. Wir tun gut daran, hier nicht nur Gleichgesinnte, sondern möglichst viele Menschen ins Gespräch zu bringen. 

Und es fällt auf, dass die Klassenverhältnisse derzeit nicht nur hier im „Kunstverein“ Thema sind, sondern auf ganz unterschiedliche Weise auch im benachbarten „MKG“ in der 68er Ausstellung, im „Museum für Hamburgische Geschichte“, das einen Blick auf die Revolution 1918/19 wirft und zuletzt im „Museum der Arbeit“ mit der großen Marx Ausstellung. 
Dies zeigt, dass die Frage der sozialen Verhältnisse eine drängende ist und unterstreicht die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst und Kultur. 

An kulturellen Orten wie diesem wird einer der infamsten Sätze des letzten Jahrhunderts konterkariert. Es war Margret Thatcher, die sagte: „There’s no such thing as society.“
Solche vulgär libertären Überlegungen sprengen die solidarischen Strukturen, die es braucht, um Veränderungen herbeizuführen – ganz gleich, ob wir sie Klasse, Schicht oder Milieu nennen.

Wenn wir diese solidarischen Strukturen emanzipatorisch nutzen wollen, dann kommt es darauf an, dass sie aus der Freiheit des Handelns und der Gerechtigkeit der Verhältnisse heraus selbstbestimmt entstehen, um eine gemeinsame Sicht der Welt zu entwickeln und den Wille, sie durch Handeln zu verändern. 

Sie zielen dabei heute – im Guten wie im Problematischen – auf das, was eine Gesellschaft im Kern zusammenhält: Die gemeinsam errungenen Werte und Regeln, die für alle verbindlich gelten. Dabei sollten wir nicht den kleinesten gemeinsamen Nenner, sondern den größtmöglichen gemeinsamen Nenner anstreben.

Wie wir so eine größtmögliche Gemeinsamkeit mit gleichzeitig größtmöglichem Respekt für Differenz in Einklang bringen können – und zwar auf Grundlage übergreifender Empathie –, das wird eine zentrale Aufgabe der kommenden Zeit sein.

Ich freue mich, dass sich auch die Kunst auf die Suche nach diesen freiheitlichen Phantomen macht…

Schönen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

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