31. Oktober 2018 Besonderer Gottesdienst anlässlich des Reformationstages in der Hauptkirche St. Nikolai

Rede des Senators Dr. Carsten Brosda

Besonderer Gottesdienst anlässlich des Reformationstages in der Hauptkirche St. Nikolai

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn wir anlässlich des heutigen Feiertages 500 Jahre zurückblicken auf das Zeitalter der Reformation, dann sehen wir eine Zeit voller fundamentaler Umbrüche, voller Disruptionen des Bekannten, wie wir heute sagen würden. Diese Umbrüche waren technologisch, geographisch, gesellschaftlich und kulturell von großer Tiefenwirkung.

1450 revolutionierte Johannes Gutenberg die Buchproduktion. Statt wie im Mittelalter üblich, per Hand Bücher zu verfassen oder Abschriften anzufertigen, war es nun möglich, mit Metalllettern und Druckerpresse in kurzer Zeit eine große Zahl desselben Buches herzustellen.

1492 entdeckte Christoph Kolumbus Amerika, als er auf der Suche nach einem Westweg nach Indien war. Die bis dahin im Abendland bekannte Welt wurde größer.

1509 erkannte Nikolaus Kopernikus, dass die Erde nur ein Planet unter vielen ist, deren Zentrum die Sonne ist.

1517 verfasst Martin Luther seine 95 Thesen über den Ablasshandel und brachte damit die mittelalterliche Papstkirche ins Wanken.

Wir haben es hier mit vier sehr unterschiedlichen Ereignissen zu tun, die jedoch eines gemeinsam haben: Sie zeigen, dass es möglich ist, dass ein einzelner Mensch die Welt verändern kann.

Kolumbus und Kopernikus haben unser Verständnis von der physischen Verfasstheit der Welt verändert. 
Gutenberg hat mit einer Medienrevolution die öffentliche Kommunikation radikal erweitert.
Luther stellte tradierte Ordnungen und Überzeugungen in Frage und leitete damit die Reformation ein. 

An der Schwelle des Mittelalters zur Neuzeit gelang in Europa eine gesellschaftliche und metaphysische Emanzipation von gewaltigem Ausmaß. 
Entgegen der mittelalterlichen, feudalistischen Auffassung von der „Ordnung der Welt“, an der jeder und alles seinen festen, unveränderlichen Platz im Gefüge hat, gewinnt plötzlich die individuelle Gestaltungsmacht des Einzelnen deutlich an Kraft und Bedeutung. 
Und in ihrem Zusammenwirken entsteht ein neues Zeitalter.

Speziell im Fall Luther wird deutlich, dass sein Wirken eng mit dem von Gutenberg verknüpft ist: Denn ohne die massenhafte Vervielfältigung der lutherischen Schriften und Flugblätter wäre der reformatorische Impuls womöglich verpufft. 

Historiker gehen jedenfalls heute davon aus, dass Luthers Schreiben an seine kirchlichen Vorgesetzten zunächst keine Resonanz hatten und er deshalb seine Thesen der Öffentlichkeit bekannt machte: Er verschickte sie an Fachkollegen, er schlug sie – so sagt jedenfalls die Legende – an die Wittenberger Schlosskirche an und sie wurden – vermutlich ohne Luthers Wissen – in verschiedene Druckereien getragen und dort vervielfältigt.

Das alles hatte weitreichendere Folgen, als abzusehen war.

Ich will an dieser Stelle gar nicht darüber spekulieren, wie viel von dem später in das Luthersche Handeln Hineininterpretierte auch tatsächlich intendiert war. Und noch weniger will ich auf die bisweilen durchaus blutige und grausame Geschichte der Konfessionskriege in Europa ― gipfelnd im „30jährigen Krieg“ von 1618 bis 1648 ― eingehen. 
Es dauerte noch Jahrhunderte, bis wir einen Modus Operandi für das Nebeneinander konkurrierender Wahrheitsansprüche gefunden haben.

Wir können aber festhalten, dass mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit das Individuum als Träger geschichtlicher Prozesse neu in den Blick geraten ist. 

Die Reformation war somit tatsächlich ein Katalysator für die Moderne. 
Sie wirkte sich aus auf die Wertschätzung des Individuums, auf das Rechts- und Staatsverständnis, auf die Auffassung von Autoritäten und Institutionen.
Die Menschen in Mitteleuropa haben – und das zeigen die eingangs zitierten Beispiele – bemerkt, dass sie durch ihr Handeln die Welt verändern können.

In den darauf folgenden Jahrhunderten ging es in vielen Anläufen immer wieder darum, diese faktische und empirische Gestaltungsmacht normativ einzuhegen und die Bedingungen zu beschreiben, unter denen ein friedliches und solidarisches Zusammenleben der individuell Ermächtigten in gesellschaftlicher Gemeinschaft möglich sein kann.

Es war die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, in der unter anderem Kant, Lessing und Herder die menschliche Autonomie an den Gebrauch der Vernunft knüpften und auf die Einsicht in Notwendigkeiten des Zusammenlebens setzten.

Das geistesgeschichtliche Erbe der Reformation spielte dabei eine wesentliche Rolle. 
1810 stellte Georg Wilhelm Friedrich Hegel fest:
„Der Protestantismus besteht nicht so sehr in einer besonderen Konfession als im Geiste des Nachdenkens und höherer, vernünftiger Bildung.“

Das geht zurück auf Luthers Wunsch, dass jeder selbst die Bibel lesen können soll. 1524 forderte er die Ratsherren aller deutschen Städte auf, christliche Schulen einzurichten. 

Drei Jahrhunderte später erhobene Daten zeigten die langfristigen Auswirkungen: 
In protestantischen Kreisen lag die Schulbesuchsquote bei über zwei Dritteln, in katholischen hingegen bei unter 50 Prozent. 
Die Saat für den – wie Kant es formulierte – „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ war gelegt. 

Wir können die Zeit seit der Reformation rückblickend auch als den Versuch interpretieren, die unbändigen Fähigkeiten des individuellen Wollens und Könnens durch Vernunft in einem gesellschaftlichen Kontext zu bändigen, der ein friedliches Leben ohne Angst ermöglicht.

Und wir sind weit gekommen in diesem Versuch. Wir leben in freien, offenen und demokratischen Gesellschaften, die rechtsstaatlich verfasst sind und die Macht dem Staatsvolk zuweisen.

Aber, meine Damen und Herren,

unsere Gesellschaften verändern sich. Permanent und bisweilen in rapider Geschwindigkeit.

Das mag manchmal beängstigend sein:
Wenn wir an die Globalisierung denken und daran, dass alles immer unübersichtlicher zu werden schein. Wenn wir an Migration denken und an die vielen Menschen, die voller Hoffnung bei uns eine neue Heimat suchen. Wenn wir an den besorgniserregenden Verlust demokratischer Werte denken zum Beispiel in der Türkei, in Polen, Ungarn und zuletzt in Brasilien – aber auch bei einigen Gruppierungen hierzulande. Wenn wir auf die Entwicklungen der Digitalisierung schauen und darauf, wie künstliche Intelligenz möglicherweise unser Leben verändern wird.

Das alles kann wirklich beunruhigend sein. Aber die Sorge darf uns nicht lähmen. Vielmehr verweist sie auf die Kehrseite der Erfahrungen der Reformationszeit. 

Wenn der Einzelne durch sein Handeln die Welt aus den Angeln heben kann, dann ist nichts mehr von selbstverständlicher Dauer. Alles in der Moderne ist kontingent und muss ständig neu errungen werden.

Diese Prozesse des Ringens um die richtige Ordnung vollziehen sich in der Öffentlichkeit, mithin an öffentlichen gesellschaftlichen Orten der Begegnung und der Verständigung. 
Solche Orte entstehen heutzutage nicht mehr spontan, sondern sie bedürfen unseres Schutzes und unserer gezielten Unterstützung. 
Zu solchen Orten zählen neben unseren zahlreichen Kulturinstitutionen natürlich auch unsere Gotteshäuser, seien sie Kirchen, Synagogen oder Moscheen. Sie bieten Gelegenheiten, andere Menschen zu treffen, Gelegenheiten zum spontanen Gespräch und Gelegenheiten zur Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen, kulturellen oder persönlichen Themen.

Die Stärke einer Gesellschaft beruht nicht darauf, dass alle das Gleiche glauben, denken, fühlen oder leben. Die Stärke einer Gesellschaft beruht darauf, dass sie einen guten Weg findet, diese Unterschiede zuzulassen und gleichzeitig einen Grundkonsens über die grundlegenden Werte und Regeln des Zusammenlebens etabliert.
Denn die Vernunft einer Gesellschaft liegt in der Vielheit ihrer Stimmen und in der Fähigkeit, mit dieser Vielheit umzugehen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Reformation ist auch deshalb ein andauernder Prozess – ebenso wie die politische Reform, die beständig darauf zielt, das Leben zu verbessern. 

Sie unterscheidet sich von der Revolution, die ausbricht und dann niedergeschlagen wird oder den Umsturz herbeiführt und ein neues Machtgefüge etabliert.
Reformation wirkt deshalb heute in unseren aufgeregten und bisweilen extravaganten Zeiten langweilig. Aber sie wirkt tief. 
Die Reformation ist in der Idee ein sanfter und vor allem ein andauernder Prozess der Erneuerung, der immer wieder neu auf Veränderungen reagiert. 

Ein Prozess, der mit demokratischem Ethos und in unzähligen engagierten Diskussionen einen für möglichst alle guten Kompromiss erringen kann. Ein Prozess, der auch die einzubinden vermag, die sich vielleicht vor dem Verlust von Vertrautem fürchten.

Kunst und Kultur können hier Einzigartiges leisten. 
Museen können uns über Zeit- und Kulturgeschichte informieren, Literatur kann uns einen Spiegel vorhalten, das Theater kann Utopien entwerfen und spielerisch erproben.

Der Philosoph Ernst Bloch schrieb einmal, Künstlerinnen und Künstler seien die Seismographen der Gesellschaft. Sie seien die Beobachter gesellschaftlicher Erschütterungen. Diese finden ihren Widerhall in der Kunst. 

Deswegen ist Kunst oftmals auch nicht einfach nur Unterhaltung oder einfach nur schön. Sie darf – und vielleicht: sie soll – uns aufrütteln, uns zeigen, wo es weh tut, das Bewusstsein wach halten und Veränderungen anstoßen. Reformation in einem weit verstandenen Sinne initiieren. Die Dinge neu arrangieren und ordnen. Weltsichten in Frage stellen, Wahrheiten erkennbar werden lassen, Chaos in die Ordnung bringen.

Dass unsere Kultureinrichtungen dies können, davon können Sie sich gleich heute überzeugen. Zwei Drittel der Hamburger Museen haben am heutigen „Reformationstag“ freien Eintritt. In zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen für alle Altersgruppen, in denen es um die großen Weltreligionen oder um Wohnungspolitik geht, greifen sie Themen auf, die uns heute umtreiben. In Workshops, Führungen und Diskussionsrunden bringen sie Bürgerinnen und Bürger miteinander ins Gespräch und richten sich ganz besonders an jene, die nicht regelmäßig zu Besuch kommen. 

Und das ist wichtig. Schließlich ist das Gespräch eines der zentralsten Momente unseres Menschseins. In ihm manifestiert sich jene Vernunft, auf die unsere Gesellschaft gegründet ist. 

Im Dialog tauschen wir nicht nur Information aus, sondern wir etablieren im gleichen Atemzug auch eine soziale Beziehung und knüpfen das Band, das uns zusammenhält. 
Denn nur wenn ich mein Gegenüber als Gesprächspartner akzeptiere, hat das Gespräch überhaupt seinen Sinn.

Wir sollten also alle viel mehr miteinander sprechen. Vorurteilsfrei, offen und im steten Austausch der Argumente. Das Gespräch ist der Schlüssel zum Verstehen, zur Verständigung und damit auch zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir darauf achten, wie wir miteinander sprechen – in der Politik, in der Gesellschaft, letztlich überall in der Öffentlichkeit. 

Bei aller Notwendigkeit der Wahrnehmbarkeit in unserer Aufmerksamkeitsökonomie, sind und bleiben Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit die drei essentiellen Geltungsansprüche jeden ernsten Gesprächs. Sie fordern uns auf, uns bedingungslos in die Kommunikation zu begeben und den anderen zu respektieren.

Die oft vordergründig geforderte Toleranz – darin waren sich die Philosophen Hannah Arendt und Martin Buber sehr einig – ist eigentlich viel zu billig. Toleranz beruht viel zu oft bloß auf der zähneknirschenden Duldung. 

Der Dialog hingegen erfordert, dass ich mich einlasse auf das Denken des anderen. Ich muss nicht das gleiche denken, aber ich muss mich mit seinem Denken auseinandersetzen. Ich muss zunächst mal den Gedanken zulassen, dass er oder sie Recht und ich Unrecht haben könnte. So schwer das auch manchmal fällt. 

Und ich muss die Bereitschaft besitzen und unterstellen, dass ein jeder durch ein besseres Argument auch überzeugbar wäre.

Der jüdische Philosoph Martin Buber hat einmal in einem Interview gesagt:
„Wahrheitsarroganz macht Dialog unmöglich.“

Bei Elvis Presley klingt es geschmeidiger, wenn das Lyrische Ich sein Gegenüber auffordert:
„Walk a mile in my shoes
Before you abuse, criticize and accuse
Walk a mile in my shoes.”

Bevor Du den anderen kritisierst oder beschuldigst, geh eine Meile in seinen Schuhen. Versetz Dich in seine Situation hinein und urteile erst dann. 

Diese Fähigkeit der Einfühlung und der Empathie ist selten geworden. Wir müssen sie wieder lernen, wenn wir nach einer menschlichen Gesellschaft streben.

Ich denke, das ist ein sehr christliches Anliegen. 
Ein sehr humanistisches Anliegen.

Wir reden in diesen Tagen viel über Diversität und es ist wichtig, dass wir alle ohne Angst verschieden sein können. Es gibt Wissenschaftler, die unsere Gesellschaften als eine von dem individuellen Wunsche nach Einzigartigkeit geprägte beschreiben. Und es ist eine große Errungenschaft, dass es diese Freiheiten heute gibt.

Genauso so wichtig aber ist die Erkenntnis, dass wir auch eine Grundlage der Gemeinsamkeit in Verschiedenheit brauchen und dass wir sie finden und nutzen können – in der universellen Philosophie ebenso wie in allen großen Weltreligionen.

Mich fasziniert bis heute die Erklärung des „Parlaments der Weltreligionen“ in Chicago von 1993, der zu entnehmen ist, dass mindestens eine zentrale Wertefigur, die goldene Regel, in allen großen Religionen eine wichtige Rolle spielt: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu.

Sie findet sich in abgewandelter Form auch im „Kategorischen Imperativ“ bei Immanuel Kant:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Entscheidend ist, dass wir es hier mit einer so universellen prozeduralen Norm zu tun haben, dass sie ohne weiteres überall Gültigkeit beanspruchen kann – ganz gleich, ob sie nun theologisch, moralphilosophisch oder alltagspraktisch begründet wird. In ihr liegt der Schlüssel menschlicher Vernunft.

Es gehört zum Common Sense einer offenen, freien und friedlichen Gesellschaft, dass wir diese Freiheit des Handelns, diese Gleichheit der Rechte und diese Solidarität der Gemeinschaft bewahren müssen.
In den aktuellen Zeiten mehr denn je. 

Es wird entscheidend darauf ankommen, dass wir nicht nur den vielbeschworenen sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft in den Blick nehmen, sondern zugleich auch ihren kulturellen Sinn, der nun noch einmal tiefer liegt, aber in letzter Konsequenz die Grundlage unseres Zusammenlebens ausmacht.
Wenn wir den Grundkonsens der Vielheit sichern wollen, dann müssen wir über Kultur reden. 

Der „Tag der Reformation“ ist eine gute Gelegenheit, diesem Sinn nachzuspüren – aus humanistischer Einsicht ebenso wie aus religiöser Überzeugung. 

Es führen viele Wege zum Ziel.
Entscheidend ist, dass wir uns aufmachen und ankommen.

Schönen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

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