6. November 2018 Ausstellungseröffnung im Museum der Arbeit „Out of office - Die Zukunft der Arbeit"

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung im Museum der Arbeit „Out of office - Die Zukunft der Arbeit"

Sehr geehrter Herr von Notz,
sehr geehrte Frau Prof. Müller,
sehr geehrter Herr Prof. Göring,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

in der vor einem Jahr veröffentlichen PwC-Studie „Workforce of the Future“ wurden vier verschiedene Szenarien skizziert, wie die Zukunft der Arbeit aussehen könnte. 
Das eine Extrem zeigt das Horrorszenario von entfesselten Digital-Unternehmen, bei denen Arbeitnehmerrechte nicht mehr vorkommen. Literarisch ist solch eine Dystopie in „The Circle“ bereits ausgelotet worden.
Das andere Extrem zeichnet das Bild einer Gesellschaft, der es gelingt, die digitale Innovation so zu lenken, dass wir daraus einen gesellschaftlichen Mehrwert generieren können.

Interessanterweise waren 48 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass Digitalisierung, Robotik und künstliche Intelligenz einen positiven Effekt auf den Arbeitsmarkt haben werden. 65 Prozent der Befragten waren bereit, ihr Wissen immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen und den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt angemessenes, neues Wissen zu erwerben.

Die Studie weist damit auf zwei zentrale Aspekte hin, wenn es um die Zukunft der Arbeit geht: Erstens, dass wir uns die Gestaltungsmacht erhalten müssen. Und zweitens, dass das lebenslange Lernen in Zukunft eine wesentliche Rolle spielen wird.

Welche Wege wir dabei einschlagen können, vor allem, welche Wege die besten sind, darüber herrscht gesellschaftlich und politisch noch große Uneinigkeit. Es wird immer klarer, dass wir einen dritten Weg der Digitalisierung beschreiben müssen, der zwischen dem rein marktgetriebenen Modell des „Silicon Valley“ und dem staatsgelenkten System des chinesischen Staates liegen wird.

Aber wie dieser Weg aussehen soll - und zu welchem Ziel er führen wird, ist derzeit Gegenstand der Debatte.

Auch mit Blick auf die Gestaltung der Arbeitswelt sind die Optionen mannigfach:
Wollen wir, wie John Maynard Keynes es vor 90 Jahren prophezeite, nur noch drei Stunden täglich arbeiten, weil wir von allen „drückenden wirtschaftlichen Sorgen“ durch die Maschinen befreit sind? 
Oder ist es ein Gewinn, wenn – wie Computerexperte Ray Kurzweil prognostiziert – die künstliche Intelligenz den menschlichen Geist überflügelt?

Die Perspektive auf diese und viele weitere Optionen, kann pragmatisch oder philosophisch sein. Im Zentrum der Überlegungen steht letztlich die Frage nach dem Wesen des Menschen. 

Ist der Mensch im Idealzustand ein Naturwesen, der durch zivilisatorische Errungenschaften verweichlicht wird? – Diese These vertrat Rousseau im 18. Jahrhundert. 

Oder ist der Mensch ein Mängelwesen, das er durch besondere Leistungen kompensieren muss? So finden wir es bei Rousseaus Zeitgenossen Herder:
„Es müssen statt der (tierischen) Instinkte andere verborgene Kräfte in ihm schlafen.“

Der Ausweg, so der Philosoph Arnold Gehlen, begann in mythischen Urzeiten mit der Erfindung des Feuermachens – in der Legende bringt der Gott Prometheus den Menschen das Feuer. Dass der Mensch nicht mehr von Zufall, Blitzeinschlag oder ähnliches abhängig war, sondern selber Zeitpunkt und Ort des Feuers bestimmen konnte, war sein Ausweg aus seinen natürlichen Unzulänglichkeiten. 

Statt sich seiner Umwelt anzupassen, was ihm aufgrund seiner biologischen Eigenschaften oft nicht möglich ist, verändert er seine Umwelt, so dass sie seinen Zwecken dient.
Der Mensch schuf sich eine „Ersatz-Natur“: die Kultur.

Über das Feuermachen sind wir selbstverständlich weit hinaus. Und uns allen ist bewusst, dass das Dienstbarmachen der Natur seine Grenzen haben muss. Gedanken der Nachhaltigkeit und der Ökologie sind jahrhundertealt und verweisen darauf, dass die Kultivierung nicht zur Zerstörung führen darf.
Mit wachsenden technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten wird es uns natürlich möglich, immer weiter in die Grenzbereiche einzudringen. 
Unsere Verantwortung für unser Handeln wächst mit jeder neuen Entdeckung.

Worauf ich aber hinaus will ist: Wir erleben mit den aktuellen technischen Entwicklungen keinen einzigartigen, noch nie da gewesenen Umbruch der conditio humana. Wir erleben vielmehr die nächste Etappe des Feuer-machens – dieses „Feuer“ ist in unseren Zeiten die künstliche Intelligenz.

Historisch gesehen ist es nicht neu, dass zivilisatorische Errungenschaften, insbesondere technische Entwicklungen, Unsicherheit und Euphorie in gleichem Maße hervorgerufen haben. Und wir befinden uns sehr deutlich an einem weit markanteren Wendepunkt, als dies meist in der Vergangenheit der Fall war. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen uns jedoch, dass es möglich ist, technische Neuerungen so einzusetzen, dass sie sich positiv auf unsere Gesellschaften auswirken.

Die Industrielle Revolution beispielsweise brachte zunächst zahllose Verwerfungen, bis es gelungen ist, die Steigerung der Wertschöpfung und des gesellschaftlichen Wohlstandes so zu organisieren, dass die Teilhabe aller am Haben und Sagen in unserer Gesellschaft möglich wurde. Mit sozialen Verbesserungen wie Arbeitnehmerrechten, dem Verbot der Kinderarbeit oder der Mitbestimmung der Arbeiter gelang die notwendige Humanisierung der Arbeit. Das sind Erfolge des Kampfes der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, die uns zeigen können, dass die Dinge gestaltbar sind, wenn wir sie gestalten wollen. 

Auch heute!

Die jahrhundertalten Topoi vom Wesen des Menschen im Spannungsfeld von Natur, Kultur und Technik finden wir immer wieder.

1978 warnte der SPIEGEL auf seinem Titelbild mit einem Roboter, der einen Arbeiter im Blaumann an den Hosenträgern hochhebt: „Die Computerrevolution. Fortschritt macht arbeitslos.“ In der Ausgabe von 2016 ist es der Anzug-tragende Angestellte, der von einem Roboter von seinem Schreibtisch verdrängt wird.

Dem gegenüber betont Ross Goodwin, einer der Creative KI-Entwickler bei Google, Maschinen seien eine Erweiterung unseres Selbst. Er sagt: „Die Geschichte der Technik war schon immer eine der Verbesserungen, nicht der Verdrängung.“ 

Wie wir die positiven Seiten der aktuellen Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz zum Tragen bringen können – nicht gewinnbringend für den Profit, sondern gewinnbringend für das Kulturwesen Mensch – das muss in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs verhandelt werden. 

Und vielleicht muss es auch wieder in einer Konfrontation antagonistischer Interessen erstritten werden – so wie die Arbeitnehmerrechte in der Industrialisierung. 
Auch davor sollten wir uns nicht scheuen.

Zu der dafür notwendigen Auseinandersetzung trägt diese Ausstellung in hohem Maße bei. 

In elf Stationen werden in Themenblöcken Perspektiven möglicher Veränderungen gezeigt – die Ausstellung regt dabei nicht nur zum Nachdenken und zur Diskussion an, sondern auch zur Stellungnahme auf: Die Besucherinnen und Besucher können im Verlauf der Ausstellung immer wieder ihre Meinung deutlich machen und darüber abstimmen, welche Zukunftsszenarien ihnen besonders behagen und welche nicht.

Solche Foren der Teilhabe an so wichtigen Themen, denen sich viele Menschen möglicherweise eher ausgeliefert fühlen, als dass sie aktiv gestalten könnten, ist ein wichtiger Beitrag zur konsensualen Gestaltung unseres Gemeinwesens. Denn auch ganz praktische Überlegungen, wie die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens oder die Übertragung von Unternehmensanteilen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, werden zur Diskussion gestellt.

Dass dies alles in einem Museum passiert, das ja eigentlich für die Vergangenheit, und nicht für die Zukunft zuständig ist, zeigt einen Paradigmenwechsel in der Museumslandschaft an.

Viele Häuser setzen zunehmend auf partizipative Prozesse. Statt primär als autoritative Einrichtungen des Sammelns und Bewahrens von Gegenständen und Wissen zu fungieren, öffnen sie sich zunehmend als Orte für demokratische Prozesse.

Das ist gerade beim heutigen Thema besonders wichtig: Denn der Wandel in der Arbeitswelt und der Einfluss von künstlicher Intelligenz sind Themen, die jeden Menschen betreffen. 

Wir müssen also Wege und Mittel finden, um die richtungsweisenden Entscheidungen nicht nur einzelnen Unternehmen zu überlassen.

Die Ausstellung bietet in diesem Zusammenhang Gelegenheit, darüber nachzudenken, was uns als Menschen eigentlich auszeichnet. Denn je leistungsfähiger die Maschinen werden, je mehr sie Funktionen übernehmen, die traditionell dem Menschen zustanden, desto drängender wird diese Frage. 

Wer darf über Recht und Unrecht entscheiden? 
Ist das Gemälde oder Musikstück, das durch einen Algorithmus produziert wurde, genauso wertvoll wie die künstlerische Leistung eines Menschen?
Können Roboter Menschen ersetzen, wenn sie darauf programmiert wurden, Empathie zu signalisieren? 
Was ist das überhaupt: Intelligenz?

In der griechischen Mythologie war Prometheus so weitsichtig, den Menschen nicht nur das Feuer zu bringen, und damit die Möglichkeit zur aktiven, unabhängigen Gestaltung des eigenen Lebens, sondern er hat gleichzeitig seine Freundin Athene überredet, den Menschen auch Verstand zu geben. 

Auf diese Kombination können wir uns auch heute noch verlassen.

Wir können mit Zuversicht in die Zukunft blicken. 

Es liegt in unserer Hand, welche ethischen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen wir brauchen und wie wir als Individuen und als Gesellschaft leben wollen.

Schönen Dank.

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