1. November 2018 Ausstellungseröffnung „Margiana. Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan“ im Archäologischen Museum Hamburg

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung „Margiana. Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan“ im Archäologischen Museum Hamburg

Sehr geehrter Herr Botschafter,
sehr geehrte Vertreter des Konsularischen Corps,
Sehr geehrter Herr Mammetnurov,
sehr geehrte Frau Dr. Wichert,
sehr geehrter Herr Prof. Schaumburg,
lieber Herr Professor Weiss,
liebe weit angereiste Gäste,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

der französische Archäologe Alain Schnapp hat einmal gesagt:

 „Antiquities were first a matter of taste, then a status symbol, and lastly a means of gaining knowledge."

 Er beschreibt damit in wenigen Worten nicht nur ein Stück Wissenschaftsgeschichte und die Entwicklung der Archäologie. Er trifft den Kern dessen, was Archäologie leisten kann: Wir können aus der Archäologie ein Wissen schöpfen, das weit mehr ist, als eine Ansammlung von Fakten über die Vergangenheit.

Wir können aus der Archäologie ein Wissen gewinnen, das den Kern der Menschheitsgeschichte betrifft: Das Wissen darüber, woher wir kommen, wer wir waren – und auch darüber, wer wir sind.

Im Rückblick begegnen wir unserem historischen Erbe, zu dem wir im Hier und Jetzt eine Haltung entwickeln müssen, die uns in die Zukunft führt.

Die Archäologie erschließt uns nicht nur einzelne Gegenstände, die wir bestaunen können, sondern sie verschafft uns einzigartige Einblicke und Einsichten in das „merkwürdige Wesen ‚Mensch’“, wie es der Würzburger Archäologe Matthias Steinhart kürzlich nannte.

Durch die Artefakte lernen wir etwas über die Organisation von Arbeit, Gesellschaft und Staat sowie über die Auffassung von Individuum, Moral und Kunst in früheren Zeiten. Wir entdecken dabei das Besondere kultureller Traditionen, bisweilen aber auch das frappierend Gemeinsame.

So ist es auch in dieser Ausstellung über ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan. Sie zeigt uns in faszinierenden Objekten, dass es offensichtlich so etwas wie eine grenzüberschreitende, allgemeingültige Kulturgeschichte, eine universale Welt- oder Globalgeschichte gibt, ein kulturelles Erbe Aller. Die einzelnen Exponate zeigen uns gleichsam archaische Formen in spezifischer Ausführung.

Die Besucherinnen und Besucher können einzigartige Schätze aus Turkmenistan entdecken. Und sie können gleichzeitig das kulturelle „Grund-Gemeinsame“ entdecken und dadurch ein Bewusstsein für das Gemeinsame und Verbindende der Kulturen erlangen.

Wenn es uns gelänge, auch über die Archäologie dieses Bewusstsein bei allen zu wecken und zu verstetigen, wäre das ein wirklich guter Grundstein für einen weltweiten, fruchtbaren Kulturaustausch im Heute.

In diesem Sinne verstehe ich auch die Ausstellung zur Kulturgeschichte Turkmenistan, die wir heute eröffnen: Mit dem Verständnis über die Artefakte aus der Bronzezeit erkennen wir auch das heutige Turkmenistan, lernen einander kennen, verstehen und blicken gemeinsam in die Zukunft.

Die Ausstellung zeigt uns wundervolle Schätze aus Turkmenistan und entlang der Seidenstraße, aus dem Osten Turkmenistans, der vor rund 4.000 Jahren die Wiege einer faszinierenden Hochkultur der Bronzezeit war, zeitgleich mit den Zivilisationen Mesopotamiens und Ägyptens. Drei der herausragendsten Zeugnisse wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt, weitere wurden angemeldet.

Die rund 200 archäologischen Überlieferungen aus Gonur Depe werden erstmals außerhalb Turkmenistans präsentiert.

Gonur Depe ist eine einst blühende Metropole im Deltabereich des Murgab-Flusses, die heute inmitten der riesigen Wüste Karakum liegt. Dort, nur 80 km von der UNESCO-Weltkulturerbestätte Merw entfernt, lag die Stadt mit tausenden Einwohnern, Wohnarealen und einer imposanten Palastanlage im Kern – ein pulsierendes, gut vernetztes Handelszentrum mit komplexen Verwaltungsstrukturen. Die bei den Ausgrabungen freigelegten Baustrukturen lassen noch heute eine beeindruckende Meisterleistung früher Stadtplanung erkennen.

Die Glanzlichter der Ausgrabungen sind ohne Zweifel die sogenannten „Königsgräber“ – mit feinsten Mosaiken ausgeschmückte Grabhäuser, in denen die verstorbenen Würdenträger prunkvoll zur letzten Ruhe gebettet worden sind. Die reich verzierten, mitsamt den Zugtieren beigegebenen Prunkwagen, Schmuckstücke, Waffen oder Ritualgeräte sowie prachtvolle Gefäße aus Silber und Gold sind auch universell einzigartige Meisterwerke bronzezeitlicher Handwerks- und Goldschmiedekunst.

Nicht nur die Exponate aus der Zeit dieser Hochkultur, sondern ganz generell das Land, seine Bewohnerinnen und Bewohner und ihre Kultur sind in Europa und Deutschland noch wenig bekannt.

Umso erstaunlicher ist es, dass beim Gang durch die Ausstellung nicht das Gefühl entsteht, man würde in eine gänzlich fremde oder tatsächlich untergegangene Welt schauen.

Das Gegenteil ist der Fall: Wir entdecken viele Gemeinsamkeiten zu uns bekannt erscheinenden Motiven, verwendeten Materialien, Bedeutungen und Symbolen.

Hier zeigt sich ganz markant: Das Verbindende ist größer als man gemeinhin denkt!

Es ist großartig, dass Kunst und Kultur uns das – ganz entschlackt von politischen oder wirtschaftlichen Interessen – zeigen kann.

Das beweist erneut die Möglichkeiten von Kunst und Kultur, Verständnis zu befördern und Brücken zu bauen – zwischen Menschen, zwischen Völkern, zwischen Nationen.

Auch in der Ausstellung gelingt der Bogen in unser Hier und Jetzt.

Herlinde Koelbl, die bekannt wurde durch ihre empathischen Bildstudien von Menschen und Orten, verbrachte zwei Wochen in Turkmenistan und näherte sich dabei erstmals in ihrem Schaffen archäologischen Spuren an. Entstanden sind faszinierende Fotoaufnahmen eines Landes und seiner Bewohner, eindrucksvoller Naturlandschaften sowie archäologischer und historischer Denkmäler, die es in dieser Form bisher nicht gab.

Auf diese Weise bietet die Ausstellung einen ungewohnten, spannungsreichen Bogen von den Spuren einer frühen Zivilisation Zentralasiens hin zur modernen Fotografie.

Diese Verbindung schien bei diesem Ausstellungsprojekt so naheliegend wie sonst selten zu sein, denn die Archäologie ist in Turkmenistan eine geradezu populäre Wissenschaft.

Jedes Schulkind kennt die Funde und die Grabungsstätte Gonur Depe. Die Kultur ist identitätsstiftend.

Meine Damen und Herren,

das verbindende Element von Kultur zeigt sich auch in der Genese dieser Ausstellung.

Sie ist ein Kooperationsprojekt zwischen vielen Partnern.

Mein Dank geht an Herr Prof. Weiss und insbesondere Herrn Professor Dr. Hanno Schaumburg dafür, dass Sie mit viel Engagement Kontakte geknüpft, Verhandlungen geführt und für die Realisierung dieses Ausstellungsprojekts geworben haben.

Ihnen ist es zuzuschreiben, dass wir heute hier in Hamburg und zuvor in Berlin und später auch noch in Mannheim, diese Ausstellung erleben dürfen.

Denn das „Archäologische Museum“ hat im weiteren Verlauf drei Partner ins Boot geholt:

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin, die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, sowie die Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, die in der Folge in Gonur Depe mehrere erfolgreiche Grabungskampagnen durchgeführt hat.

Erst im Zusammenspiel aller genannten Partner, unter Hinzuziehung des Auswärtigen Amts, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der turkmenischen Regierung und ihres Präsidenten ist es gelungen, die Voraussetzungen zu schaffen, um die spektakulären Funde aus Gonur Depe erstmals außerhalb Turkmenistans präsentieren zu können.

Ich danke dem turkmenischen Kulturministerium dafür, dass die Schatzkammern geöffnet wurden und Sie uns teilhaben lassen an Ihrer Geschichte.

Das Projekt wurde stets engagiert und hilfreich begleitet durch das Deutsch-Turkmenische Forum, das Kulturministerium Turkmenistans, das Staatliche Museum des Staatlichen Kulturzentrums Turkmenistans, das Museum der Bildenden Künste in Aschgabat sowie das Museum für Geschichte und Heimatkunde des Welayat Mary.

Liebe Gäste,

lassen sie sich von dieser Faszination anstecken und vom Pioniergeist der Archäologinnen und Archäologen und tauchen Sie ein in Margiana.

Und vergessen Sie nicht, die anwesenden Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmer nach ihren Geschichten und Erlebnissen zu befragen.

Was bedeutet es, Ausgrabungen in der Wüste durchzuführen? Welche spannenden Erfahrungen und Erkenntnisse konnten gesammelt werden?

Was lernen wir aus dem Gestern für das Heute?


Ich bin mir sicher, dass wir beim Gang durch die Ausstellung auch die eine oder andere Geschichte über die Zeit in der Wüste Karakum hören werden, Professor Weiss und alle hier heute anwesenden Projektverantwortlichen werden sicherlich gerne darüber erzählen.

 

Vielen Dank.

 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

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