8. November 2018 Eröffnung der 15. Hamburger Märchentage

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung der 15. Hamburger Märchentage

Liebe kleine und großen Märchenfreundinnen und Märchenfreunde,
liebe Heike Grunewald,
liebe Isabella-Vértes-Schütter,
sehr geehrter Herr Generalkonsul Toulouse,

„il était une fois ...“ – „es war einmal“ ein junges Mädchen namens Belle, das sich ganz allein in das verwunschene Schloss eines unheimlichen Monsters aufmachte, um seinen Vater vor einer grausamen Bestrafung zu bewahren. Und weil Belle ein reines Herz hatte, verzauberte sie alle, auch das Monster. Denn sie allein konnte hinter dem gruseligen Antlitz und dem furchteinflößenden Körper den schönen Prinzen erkennen. 

„La belle et la bête“, die „Schöne und das Biest“ gehört zu den faszinierendsten Erzählungen der Weltliteratur und hat schon zahllose Künstlerinnen und Künstler inspiriert. Viele von Euch kennen bestimmt den Disney-Trickfilm mit den sprechenden Haushaltsgegenständen – der mütterlichen Teekanne „Mrs. Potts“ und dem vorwitzigen Kerzenständer „Lumière“. 

Doch „La belle et la bête“ ist natürlich nur eine von vielen, vielen Geschichten aus der reichen französischen Märchenwelt, in die Euch die diesjährigen Hamburger Märchentage einladen.

Dieses Märchen hat, so vermute ich, auch die Schülerinnen und Schüler der Gyula-Trebitsch-Schule in Tonndorf zu ihrer Geschichte „Mademoiselle la Belle“ inspiriert, die wir später sehen werden.

Wir alle hier – egal, ob wir 8, 18 oder 88 Jahre alt sind – sind mit den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm aufgewachsen. 

„Dornröschen“ oder „Der gestiefelte Kater“: Denkt Ihr nicht auch, so wie ich, als ich in Eurem Alter war, dass diese Geschichten vor vielen Jahrhunderten sich so oder beinahe so hier bei uns in Deutschland zugetragen haben könnten? 
Doch tatsächlich gibt es diese oder ähnliche Erzählungen auch in anderen Ländern. 
Schon am Hof des französischen Königs Ludwig des Vierzehnten , der wegen seines großen Reichtums auch der „Sonnenkönig“ genannt wurde, haben sich die Hofdamen vor mehr als 300 Jahren zum Beispiel die Geschichte von „Le Maître Chat“ oder „Le Chat botté“, einer Katze in Stiefeln, erzählt. 

Auch dieses Märchen werdet Ihr heute hören, gelesen von der Intendantin dieses Theaters, der wunderbaren Isabella Vértes-Schütter. 

Die Brüder Grimm sind jedenfalls nicht etwa jahraus, jahrein durch die Lande gereist, um von alten Mütterchen und Väterchen die schönsten Märchen zu hören und diese dann aufzuschreiben – wie es jahrzehntelang angenommen wurde. 

Stattdessen haben sie gemütlich zu Hause in ihrem Wohnzimmer in Kassel gesessen und sich von ihrem Besuch Geschichten erzählen lassen. Meist waren das übrigens junge und sehr gebildete Damen – und oft hatten sie einen französischen Hintergrund. Das haben Literaturwissenschaftler vor einigen Jahren herausgefunden. 

Ich finde, daran sollte man denken, besonders in Zeiten, in denen manche Menschen sagen, dass es wichtig sei, die deutsche Kultur vor Einflüssen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, zu „beschützen“. Ich glaube das nicht. Denn die Märchen machen es uns vor: Grenzen zu überqueren war zu allen Zeiten wichtig. Schon immer mussten Menschen wegen Kriegen oder aus großer Not heraus ihre Heimat verlassen. Und das, was diese Menschen mit in unser Land brachten, hat unsere Kultur seit Jahrhunderten bereichert. 

Überhaupt: Respekt und Empathie – diese beiden Eigenschaften können wir uns alle auch von unserer schönen Belle aus dem Märchen abschauen. 
Und auch dafür stehen die Hamburger Märchentage. 

Seit 15 Jahren bereichern sie das kulturelle Angebot für Euch Kinder in unserer Stadt. 
Märchen sind die internationale Sprache der Kinder, ob sie nun „Le petit chaperon rouge“ oder „Rotkäppchen“, „Cendrillon“ oder „Aschenputtel“ heißen.

Ich beneide Euch ein wenig, liebe Kinder, weil Ihr in den nächsten neun Tagen Gelegenheit habt, bei den mehr als 100 Veranstaltungen der Hamburger Märchentage tief in die Welt der Märchen einzutauchen. Ihr könnt bei vielen Veranstaltungen sogar mitmachen. Ich dagegen muss gleich weitereilen zum nächsten Termin. 

Märchen sind wichtig für Kinder, aber sie sind genauso wichtig für die Erwachsenen. 
Märchen eröffnen allen, die sie lesen, sie erzählen oder ihnen zuhören, neue Welten: Das menschliche Zusammenleben wird auf magische Weise gezeichnet und auch hinterfragt, wenn zum Beispiel der jüngste Müllerssohn am Ende die Königstochter heiratet oder das sich das Ungeheuer als verzauberter Prinz zu erkennen gibt. 

Viele dieser Motive werden Euch Euer ganzes Leben lang begleiten, ob im Theater, in der Kunst oder auch einfach in Eurem Alltag. 

Daran kann man sich erfreuen, manchmal ein wenig fürchten und oft einfach nur verzaubern lassen. Immer findet man auch unsere heutige Welt in ihnen gespiegelt – und das seit vielen Jahrhunderten. 

Für viele von Euch sind die Märchen, die ihr von Euren Eltern, Euren Großeltern, Tanten, Onkeln, älteren Geschwistern vorgelesen bekommt oder über die Ihr in der Schule sprecht, der erste Kontakt mit Büchern. Wer regelmäßig Märchen hört oder liest, dem eröffnet sich die riesengroße, wunderbare Welt der Literatur. 

Und wer liest, ist auf dem richtigen Weg, um Zusammenhänge zu begreifen und die Welt zu verstehen. Wer liest, wird klüger. Und falls bei Euch zuhause nicht regelmäßig vorgelesen oder gemeinsam gelesen wird, dann schlage ich vor, dass Ihr Eure Familien einfach mal auffordert, Euch ein Märchen vorzulesen. Oder Ihr schlagt vor, dass Ihr das Märchen vorlest. Ihr werdet sehen, die Großen haben daran genauso viel Freude wie Ihr. 

Doch bevor ich nun weiterziehen muss, möchte ich mich sehr herzlich bei der Erfinderin der Hamburger Märchentage bedanken, bei Heike Grunewald. Sie hat vor mehr als 15 Jahren eine ausgezeichnete Idee gehabt: Als die Hamburger Schülerinnen und Schüler beim Lesen in der PISA-Studie nicht besonders gut abgeschnitten haben, hat Heike Grunewald beschlossen, die junge Generation durch Märchen zum Lesen zu verführen. 

Eine Idee, die seit vielen Jahren hervorragend funktioniert. 
So hat sie die Märchen vieler Länder und Regionen nach Hamburg geholt. Und Ihr könnt Euch durch den tollen Märchenschreibwettbewerb sogar selbst daran beteiligen. 

Seit drei Jahren, und das finde ich besonders großartig, gehen die Hamburger Märchentage mit Lesungen in Unterkünfte für geflüchtete Kinder und spannen somit ein beispielhaftes Netzwerk der Willkommenskultur in unserer Stadt.

Liebe Frau Grunewald, 
ich wünsche Ihnen und allen vor und hinter den Kulissen der Hamburger Märchentage ein unvergessliches Festival. 

Ich bedanke mich für Ihr langjähriges Engagement für die Leseförderung, das auch Kindern zu Gute kommt, die aus anderen Ländern flüchten mussten und nun in Hamburg zu Hause sind. Die Märchentage machen mit Lesungen, Veranstaltungen zum Mitmachen und einer Menge Märchenbücher diesen Kindern die Eingewöhnung in einem neuen Land und in unserer Stadt ein großes Stück weit leichter. 

„Wenn du intelligente Kinder willst, lies ihnen Märchen vor. Wenn du noch intelligentere Kinder willst, lies ihnen noch mehr Märchen vor.“ 
Das hat einmal ein sehr schlauer Mann gesagt, nämlich der weltberühmte Physiker Albert Einstein. Ich vermute, dass er als Kind relativ vielen Märchen begegnet sein dürfte. 

In diesem Sinne wünsche ich allen, die an den 15. Hamburger Märchentagen beteiligt sind – als Zuhörerinnen und Zuhörer oder als Vortragende – eine märchenhafte Zeit und viel Vergnügen.

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit und noch viel Spaß hier im Ernst-Deutsch-Theater! 

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