9. November 2018 Gedenkfeier der Jüdischen Gemeinde Hamburg anlässlich des 80. Jahrestags des Novemberpogroms

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Gedenkfeier der Jüdischen Gemeinde Hamburg anlässlich des 80. Jahrestags des Novemberpogroms

Sehr geehrter Herr Effertz,
sehr geehrter Herr Strichartz,
sehr geehrter Herr Landesrabbiner,
sehr geehrte Frau Dräger,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
liebe Schülerinnen und Schüler der Joseph Carlebach Schule,
meine sehr geehrten Damen und Herren,


im Jahr 1944 schrieb Anne Frank – sie war damals 15 Jahre alt – in ihr Tagebuch:

„Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu verändern! Wie herrlich ist es, dass jeder, klein oder groß, direkt seinen Teil dazu beitragen kann, um Gerechtigkeit zu bringen und zu geben!“

Der Wunsch nach Gerechtigkeit war bei Anne Frank vor allem auch ein Wunsch nach Menschlichkeit. Nach Freundlichkeit und Güte aller im Umgang miteinander – unabhängig von Herkunft, Glaube, Hautfarbe oder Einkommen.

So war die Welt, die Anne Frank sich wünschte. 
Und so ist auch die Welt, die wir uns wünschen.

Die Schülerinnen und Schüler der Joseph-Carlebach-Schule haben sich aufgemacht, sie haben nicht gewartet, sondern sie haben angefangen, ihren Teil beizutragen, um die Welt zum Guten, zum Besseren zu verändern. 

In einem Erinnerungsprojekt haben Sie sich mit den furchtbaren Ereignissen der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 – heute vor 80 Jahren – auseinandergesetzt, während der auch in der Bornplatzsynagoge Feuer gelegt wurde.

Diese Synagoge lassen Sie, liebe Schülerinnen und Schüler in einer Installation wieder lebendig werden. Sie haben außerdem eine App entwickelt, mit der Besucherinnen und Besucher sich über die Synagoge informieren können. 
Ihr Ziel ist es, einen Dialog zwischen Schülerinnen und Schülern aller Religionen herzustellen, denn – das wissen Sie offenbar sehr gut – Vorurteile können am besten durch das gegenseitige Kennenlernen abgebaut werden.

Ihr Projekt zeigt auf diese Weise, dass wir alle die Kraft und die Möglichkeit haben, durch unser individuelles Handeln die Dinge zu verändern.

„Nur gemeinsam geht . . . Erinnern – Begegnen – Respektieren“ so lautet der Titel des Projekts, für das Sie bereits den Margot-Friedländer-Preis bekommen haben und das nun auch für den Deutschen Engagement Preis nominiert wurde. 
Herzlichen Glückwunsch! Ich drücke die Daumen, dass Sie auch diesen Preis entgegen nehmen dürfen – wohlverdient wäre er auf jeden Fall.

Meine Damen und Herren,

„Nur Menschen können erinnern“ hat die Erinnerungsforscherin Aleida Assmann einmal gesagt. Unsere Computer und das Internet speichern eine ungeheure Zahl an Daten und Informationen. Aber ihre Bewertung und vor allem ihre Bedeutung für unser Handeln – das kann uns kein Computer abnehmen. 

Wir selbst müssen die historischen Fakten interpretieren, um die Geschichte zu verstehen. Und wir selbst müssen die Erkenntnisse aus der Geschichte in die Gestaltung unserer Gegenwart und unserer Zukunft münden lassen.

Ich finde es beeindruckend und berührend, wenn junge Menschen wie Sie sich dessen so bewusst sind und so engagiert neue Wege erforschen, wie wir das alle gemeinsam immer wieder und immer besser hinbekommen.

Die App ist dafür ein sehr gelungenes Beispiel.
Eine neue Generation braucht neue Formen der Erinnerung und neue Wege der Verständigung.

Unverändert hingegen ist und bleibt das Ziel, das Anne Frank in ihrem Tagebuch notierte:

„[…] wäre die Zeit doch schon gekommen, dass die Menschen einander gut gesinnt sind, in dem Bewusstsein, dass sie alle gleich sind […]“.

Nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern, erleben wir derzeit wieder ein Erstarken der Rechten, wir erleben Abgrenzung und Ausgrenzung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder Religion und wir erleben Nationalismus und Rassismus.
Das verlangt unsere Wachsamkeit. 

Es zeigt uns sehr deutlich, dass wir die Fundamente unserer Demokratie und die Vielfalt in unseren Gesellschaften immer wieder aufs Neue vehement verteidigen müssen. Wir können in der Moderne den Fortschritt zwar erringen, wir müssen ihn aber auch immer wieder neu sichern. Wir dürfen nicht gleichgültig werden. Das haben wir aus der Geschichte gelernt.

Und noch etwas haben wir aus der Geschichte gelernt: dass Zivilcourage zu den größten Tugenden in einer Demokratie gehört. 

Mitläufertum und mangelnde Solidarität mit jenen Menschen, die verfolgt und geächtet wurden, haben dem Nationalsozialismus erst zu seiner Stärke verholfen und die nationalsozialistischen Verbrechen ermöglicht.

Der Hamburger Holocaust-Forscher Frank Bajohr schrieb – ich zitiere:
„Zwischen dem Novemberpogrom und dem späteren Judenmord verlief […] keine ungebrochene Kontinuitätslinie.“ 

Das heißt, dass zu jeder Zeit Handlungsspielräume bei Verantwortlichen, Tätern und Mitläufern bestanden, um gegen Unmenschlichkeit und staatlichen Terror einzutreten. Diese Handlungsspielräume wurden aber nicht genutzt, um das Leben von Millionen von Menschen zu retten. Darin liegt die bis heute nachhallende Schuld vieler – im Unterlassen ebenso wie im Handeln. 

In diesen Minuten stellen die Hamburger Kultureinrichtungen die „Erklärung der Vielen“ vor, die sie gemeinsam unterzeichnet haben. Sie sichern sich damit Unterstützung im Kampf gegen Rechts zu. Das ist ein Mut machendes Zeichen, dass Widerstand gegen Engstirnigkeit möglich ist. Solche Zeichen brauchen wir.

Denn es lässt aufmerken, wenn Befragungen über die Motive von Wählerinnen und Wählern rechter Parteien ergeben, dass sie dies oft einfach nur aus Ratlosigkeit tun. Die Wähler, die Journalisten und die Forscher nennen das dann „Protestwähler“. Das trifft es aber nicht so richtig.

Die „Hans-Böckler-Stiftung“ hat herausgefunden, dass die sogenannten Protestwähler meist eine generelle Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation verspüren – unabhängig von der tatsächlichen sozialen Lage. 
Und diese Unzufriedenheit scheint gepaart mit einer großen Verunsicherung.

38,7 % der Befragten stimmten der folgenden Aussage zu: „Was mit mir passiert, wird irgendwo draußen in der Welt entschieden.“
Das Gefühl, keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben, sondern irgendwelchen abstrakten Mächten ausgeliefert zu sein, scheint also zu einer Radikalisierung beizutragen. 
Was also können, ja, was müssen wir in einer Demokratie tun, um das zu verhindern?

Wir müssen dafür sorgen, dass gerade die heranwachsenden jungen Generationen zu aktiven Bürgerinnen und Bürgern unserer Gesellschaft werden.

Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Pressefreiheit, freie Wahlen – das alles gehört zu einer Demokratie. Aber es gehört noch mehr dazu.

„Das Individuum ist das wichtigste Organ der Demokratie“ schrieb der Philosoph und Publizist Christian Schüle. 

Unsere Demokratie gründet – so Schüle weiter – auf der Mündigkeit, Einsicht und Teilnahmebereitschaft ihrer Bürgerinnen und Bürger. Auf ihrer Bereitschaft, Verantwortung für sich und unsere Gesellschaft zu übernehmen.

Genau deshalb sind solche Projekte wie das Ihrige, liebe Schülerinnen und Schüler der Joseph-Carlebach-Schule, so wichtig. 

Sie bringen sich aktiv in die Gesellschaft ein, sie laden auch andere, insbesondere auch andere junge Menschen dazu ein, sich mit der Geschichte der ehemaligen Bornplatzsynagoge auseinanderzusetzen und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.

Sie erinnern an die ehemalige Hauptsynagoge Hamburgs, die während des Pogroms 1938 mutwillig verwüstet und 1939 auf Kosten der Gemeinde zwangsweise abgerissen wurde. 

Und Sie fordern uns auf, darüber nachzudenken, was diese Vergangenheit möglicherweise mit dem Heute zu tun hat und wie wir eine solidarische, menschliche, gerechte und freundliche Zukunft gestalten können.

Der 9. November ist und bleibt ein Tag der Mahnung dafür, dass eine Zukunft ohne Menschenfeindlichkeit nicht garantiert ist und dass wir uns deswegen immer wieder für Menschlichkeit stark machen müssen.

Dazu braucht es das Engagement der Bürgerinnen und Bürger. 


Im Namen der Freien und Hansestadt Hamburg bedanke ich mich sehr herzlich für die Einladung zu der heutigen Gedenkfeier. 

Es ist mir eine Ehre, hier zu sein, an diesem für das Erinnern an die Opfer des NS-Regimes so wichtigen Tag. 

Ein Tag, der uns mahnt, nie wieder gleichgültig zu sein, sondern die freie und offene Gesellschaft immer wieder aufs Neue zu erringen und mit Leben zu füllen.

Vielen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

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