13. November 2018 Jahresversammlung der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Jahresversammlung der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen

Sehr geehrte Frau Professor Schulze, 
sehr geehrter Herr Dr. Kundrun,
sehr geehrter Herr Klippgen,
sehr geehrter Herr Professor Vogtherr,
meine sehr verehrten Damen und Herren, 

„More than worth it – The Social Significance of Museums“ 

So lautet der Titel – und zugleich auch das Fazit – einer Forschungsarbeit der niederländischen Museumsvereinigung aus dem Jahr 2011, die sich mit der Frage der aktuellen und auch der zukünftigen Bedeutung von Museen auseinandersetzt.

Diese Fragestellung reicht weit über die Niederlande und weit über die jüngere Geschichte hinaus.

Seit jeher versuchen Menschen, die Dinge der Welt zu ordnen und ihre Geschichte und Bedeutung – mithin also ihren Wert – zu ermitteln.

Im Mittelalter geschah dies zwar noch nicht in Museen, dafür kennen wir aus dieser Zeit beispielsweise umfangreiche Enzyklopädien, die neben Sachwissen vor allem eine moralisch-allegorische Deutung vermittelten. 

In der europäischen Renaissance gab es dann zunächst die sogenannten Wunderkammern, also überwiegend enzyklopädische Sammlungen von Kunstobjekten, Geschichtszeugnissen, naturwissenschaftlichen Objekten und vielem mehr. 

Die hieraus hervorgegangenen, meist privaten Sammlungen, waren die Grundlage für viele spätere Museen. Eine Reminiszenz so einer Wunderkammer findet sich auch hier im MKG.

Im 20. Jahrhundert entwickelten sich Museen zu zentralen Kultureinrichtungen und Wissensstandorten. In einem regelrechten Boom entstanden ca. 90 % aller Museen weltweit nach 1945 – und damit in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche und hoher Dynamik. 

Die großen Museen unserer Stadt sind älter, aber in den Beginn dieses neuerlichen Museumsbooms fällt 1956 auch die Gründung der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen. Der Zeitpunkt der Gründung verdeutlicht die Weitsicht der damaligen Gründungsväter. Denn nicht nur der Zweck der SHK, Museen zu unterstützen, sondern auch ihre gemischt privat-staatliche Struktur, verliehen der musealen Entwicklung Nachhaltigkeit und Struktur – und tun dies bis heute. 

Die SHK trägt durch Ihre gezielten Ankäufe dazu bei, dass die von ihr unterstützten Museen dem grundlegenden menschlichen Bedürfnis nach Orientierung besser nachkommen können: Wenn es unordentlich wird, wollen wir uns irgendwie festhalten – und das ist wichtiger als jemals zuvor. 

Denn die weltweiten gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen nehmen weiterhin deutlich an Fahrt auf. Deshalb ist es gut, wenn wir auch einzelne, wichtige Objekte festhalten und für die Sammlung sichern können.

Die letzten drei Jahrzehnte suchen hinsichtlich der Geschwindigkeit der Umbrüche und ihrer globalen Auswirkungen in der Geschichte der Menschheit ihresgleichen. 

Und wenn Sie das Mooresche Gesetz unterstellen, dass sich alle 10 bis 18 Monate die Rechnerleistung verdoppelt und sich diese Potenzierung noch bis in die 30er-Jahre des 21. Jahrhunderts fortsetzt, dann haben wir ungefähr eine Ahnung davon, was bis dahin noch alles passieren kann. 

Dabei bringt die Digitalisierung und – damit Hand in Hand – auch die Globalisierung nicht nur einen Innovationsschub, sondern auch einen großen Konformitäts- und Anpassungsdruck mit sich.

Dieser (scheinbar) drohende Verlust von Eigenheiten und Sicherheiten und eine darin begründete zunehmende Verunsicherung betrifft keinesfalls nur Individuen, sondern natürlich auch Kultureinrichtungen, die auf die entsprechenden Entwicklungen Antworten finden müssen.

Gerade die Museen stehen dabei vor besonderen Herausforderungen:

  • Wie gehen Kulturinstitutionen, die in der Tradition des Sammelns, Bewahrens und Erforschens entstanden sind – also einer Tradition, die langsam in der Zeit gewachsen ist – mit der innovationsgetriebenen Schnelllebigkeit unsere Zeit um? 
  • Welche neuen Formen der Vermittlung brauchen die Museen? 
  • Und wie kann die – auch in unseren Museen – über Jahrhunderte gewachsene eurozentristische Perspektive durch einen größeren Horizont geöffnet werden? 

Zugleich stehen gerade die Museen mit ihrem hohen gesellschaftlichen Ansehen und ihrem Ruf als Wissensspeicher und Konstante im Fokus vieler Menschen, die in unsicheren Zeiten umso mehr nach Orientierung und Antworten suchen. 

Es gilt also, einen Spagat zu meistern zwischen der notwendigen Modernisierung einerseits und den gesellschaftlichen Erwartungen an ein Museum als Konstante andererseits.

Benjamin Constant, ein liberaler französischer Politiker und Staatstheoretiker im frühen 19. Jahrhunderts, sagte einmal:

„Unsicherheit ist ein Element in allen menschlichen Dingen.

Wollte der Mensch sich von allen Unsicherheiten befreien, müsste er aufhören, ein denkendes Wesen zu sein.“

Das steht natürlich im Gegensatz zum persönlich empfundenen Wunsch des Einzelnen nach Gewissheiten und Sicherheit – mithin nach Ruhe und Stabilität. 

Begreifen wir Unsicherheit aber als eine aufklärerische Kraft und als Ansporn, Wissen zu erlangen, dann kann es gelingen, sie positiv zu begreifen.

Museen können so die Veränderungen aktiv gestalten – und das tun die meisten von ihnen auch. Sie sehen in den Entwicklungen eine Chance, das eigene Selbstverständnis zu überdenken und zu erweitern.

So wird es gelingen, gesellschaftliche Relevanz zu erhalten und nach Möglichkeit sogar auszubauen. 

Die Hamburger Museumsstiftungen, insbesondere die Hamburger Kunsthalle und das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg sind hier, auch dank Ihres umfassenden und weitsichtigen Engagements in der Stiftung, meine sehr verehrten Damen und Herren, auf einem sehr guten Weg. 

Maßgeblich jedoch für diese Entwicklung sind natürlich vor allem die handelnden Personen in den Museen. 

Lassen Sie mich daher aus gegebenem Anlass auf den bevorstehenden Abschied von Frau Professor Sabine Schulze als Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe eingehen.

Liebe Frau Professor Schulze, 

ohne Sie wäre das MKG nicht das, was es jetzt ist: 

Eines der bedeutendsten Kunst- und Gewerbemuseen Deutschlands, wenn nicht gar Europas, dessen Ruf weit über Hamburg hinaus reicht und dessen Ausstellungen regelmäßig Erfolge in der nationalen Presse und den Feuilletons feiern.

Unter Ihrer Leitung hat das Museum in vielerlei Hinsicht eine Vorreiterrolle eingenommen. So hat es bereits mit einigen Projekten zur Digitalisierung und digitalen Vermittlung, auch überregional, große Anerkennung erhalten. 

Vor allem aber hat sich das Museum für Kunst und Gewerbe mit vielbeachteten Ausstellungsprojekten zu aktuellen, gesellschaftlich relevanten Themen, wie zum Beispiel „Fast Fashion“ oder „Food Revolution“ als ein Haus positioniert, das auch inhaltlich neue Wege geht.

Sie haben das Risiko nicht gescheut – und das hat sich ausgezahlt. 

Ihnen ist geglückt, wonach die meisten Häuser sich sehnen: eine Verjüngung des Publikums – ohne die angestammten Besucherinnen und Besucher zu verlieren.

In den vergangenen zehn Jahren haben Sie das Haus im wahrsten Sinne umgekrempelt und neu ausgerichtet. 

In einem Interview mit der ZEIT haben Sie letztes Jahr gesagt:

„Wir sind im 19. Jahrhundert gegründet worden, um über Arbeit und Material zu sprechen, und diesen Auftrag möchte ich zeitgenössisch interpretieren und umsetzen.“

Das ist Ihnen gelungen!

Dabei hatten Sie durchaus auch mit einigen Schwierigkeiten und einigem Gegenwind zu kämpfen: die langjährige bauliche Sanierung parallel zum Betrieb, die etappenweise Wiedereröffnung, aber auch die Besonderheiten des Hamburger Publikums. 

Mit Ihrem ganz eigenen Charme haben Sie jedoch alle Hindernisse überwunden, sich durchgesetzt und sich tiefen Respekt verdient – nicht nur meinen, sondern auch den der SHK, das beweist auch das Abschiedsgeschenk, der Kronleuchter von Stuart Haygarth, und der neu erschienene Band zur „Ära Schulze“.

Ich wünsche Ihnen, liebe Frau Professor Schulze, alles Gute!

Und Ihrer Nachfolgerin, Tulga Beyerle, viel Erfolg!

Vielen Dank. 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

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