15. November 2018 Ausstellungseröffnung „Philippe Vandenberg – Kamikaze“ in der Hamburger Kunsthalle

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung „Philippe Vandenberg – Kamikaze“ in der Hamburger Kunsthalle

Sehr geehrter Herr Professor Vogtherr, 
sehr geehrte Frau Kölle, 
sehr geehrter Herr Haverbeke,
sehr geehrte Familie Vandenberghe, 

Kamikaze.

Es gibt vermutlich wenige Worte, bei denen wir so schnell ins Assoziieren geraten wie bei diesem. Es ist kurios, wie das menschliche Denken in Frames – das Einordnen in bekannte Zusammenhänge – ein so unterschiedliches Wortverständnis bewirken kann. 

Denn während Kamikaze hierzulande zumeist mit den Selbstmordangriffen japanischer Flieger im Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht wird und entsprechend negativ konnotiert ist, wird der Begriff von Vandenberg, so habe ich mir sagen lassen, eher mit seiner ursprünglichen Bedeutung assoziiert: 
Einem Wind, der alles durcheinander bringt, der zerstört, um etwas Neues zu ermöglichen, was in der unmittelbaren Verknüpfung von Zerstörung und Schöpfung zunächst einmal neutral ist, es gibt keine klar positive oder eindeutig negative Tendenz.

Kamikaze ist im Wortsinn der „göttliche Wind“. 
Im 13. Jahrhundert nannten die Japaner so die Stürme, die sie vor den Angriffen der Mongolen von Seeseite retteten. 

Im Alltagsgebrauch heißt Kamikaze so viel wie:
Egal was passiert, ich hab’s wenigstens versucht.
Kamikaze ist der Mut der Verzweiflung.
Kamikaze ist der Mut, etwas zu versuchen, das hoffnungslos erscheint, und dabei voll ins Risiko zu gehen, einem Risiko für Leib und Seele mit potentiell zerstörerischem Ausgang.

Brigitte Kölle hat in ihrem Katalog-Beitrag umsichtig beschrieben, dass Kamikaze bei Philippe Vandenberg ein Prinzip, eine künstlerische Strategie und eine Geisteshaltung ist.

Veränderungen, Beweglichkeit, zerstören, um zu schaffen – das sind zentrale Momente in seinem Werk. Diesem Zerstörungswillen haftet jedoch nichts Aggressives an, sondern ganz im Gegenteil. 

Es scheint vielmehr so, als sei Vandenberg auf der dringlichen Suche nach einer tieferen Wahrheit gewesen: Farb-, Material- und Motivschichten werden übereinander geschichtet, abgekratzt oder übermalt, immer und immer wieder. Die Wahrheit muss dem Gegenstand immer wieder aufs Neue abgerungen werden.

Dazu passt, dass Vandenberg vehement die Beweglichkeit des Denkens einforderte. Nicht im Sinne einer flexiblen Anpassung an die Umstände, sondern in der Gewissheit, dass keine Wahrheit für sicher zu nehmen ist. Alte Gewissheiten gehören über Bord geworfen. Es geht darum, offen zu bleiben. 

Diese Offenheit zeigt sich bei Vandenberg künstlerisch in einer großen Vielfalt und auch in der Skepsis gegenüber dem Fertigen, dem Konsequenten, dem Konventionellen. Sie zeigt sich immer wieder auch am Material, mit dem er verhüllt, verwandelt, freilegt. 

Die unendliche Wiederholung derselben Schriftzüge und derselben Worte in unendlichen Varianten ist eine weitere Facette: Denn wir haben es jedes Mal mit einer leichten Verschiebung des zuvor Bekannten zu tun.

Wir erkennen bei Vandenberg aber auch den Versuch einer magischen Bannung von Dämonen durch die Kunst. 

Er sagte einmal:
„Grausamkeit darzustellen bedeutet für mich, gegen die Schrecken, die mich verschlingen, Widerstand zu leisten.“

Die Kunst verspricht eine Möglichkeit des Widerstandes, ja des Aufbegehrens – und damit letztlich auch des Trostes.

Man darf nun aber nicht dem Trugschluss unterliegen, dass wir es hier mit einer privatistischen Kunst zu tun hätten.

Vandenbergs Werk spiegelt vielmehr die grundsätzliche Erfahrung der Moderne, dass nichts gesichert und alles möglich ist. Diese Erfahrung der Moderne ist bei ihm sehr signifikant zu einer künstlerischen Strategie geworden. 
Wir entdecken bei Vandenberg, dass darin eine große Unsicherheit, aber auch eine große Kraft liegt.

Wenn wir die Bedingungen für unsere Gesellschaften und unser individuelles Sein selbst bestimmen können, da diese Bedingungen nicht mehr von Gott oder einem absoluten Herrscher definiert werden, liegt darin eine große Freiheit. Einerseits. 
Andererseits liegt darin aber auch die andauernde Sisyphos-Aufgabe, dass diese Bedingungen immer wieder aufs Neue bestimmt werden müssen, da zu jedem Zeitpunkt grundsätzlich immer alles möglich ist.

Dieses Prinzip der ewigen Veränderung findet bei Vandenberg einen Ausdruck in dem Wechselspiel von Zerstörung, Veränderung und Schöpfung ebenso wie in dem von ihm so häufig verwendeten Begriff „Kamikaze“. 
Letzteres vielleicht in seinem ursprünglichen Wortsinn: einem Wind, der die Dinge in Bewegung hält.

Die versöhnliche Idee von Werden und Vergehen im Kreislauf der Natur, ist bei Vandenberg allerdings weniger zu finden, als vielmehr eine Art Kampf mit den Erschütterungen des Lebens.

Wir befinden uns – jedenfalls hier in Europa – in einer unter historischen Gesichtspunkten zwar nur kurzen, aber doch Jahrzehnte währenden Phase des Friedens und des relativen Wohlstands. 
Dennoch ist das zerstörerische Potential durch menschengemachte Katastrophen wie Kriege, Terrorismus und Klimawandel, sowie durch den demographischen Wandel, wirtschaftliche Unsicherheit und einem erstarkenden Populismus groß.

Antworten auf diese Situation zu finden, ist natürlich nicht die Aufgabe einer Ausstellung. 

Aber die immer wieder auch politische Kunst Philippe Vandenbergs und vor allem auch die Haltung des Künstlers zeigen uns: Selbsthinterfragung, Transformation und Richtungsänderungen zeigen die Möglichkeit, ja, die Notwendigkeit auf, aus der eigenen Komfortzone heraus zu treten und aktiv an der Gestaltung unserer Welt mitzuwirken. 
In einer Zeit der Umbrüche ist Philippe Vandenberg damit ein geradezu schmerzhaft aktueller und entsprechend aufregender Künstler.

Denn unsere Zukunft ist immer ein Prozess, in dem wir – wie wir von Samuel Beckett wissen – nie nachlassen dürfen:
„Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ 

Vandenberg selbst forderte: 
„Du musst in Bewegung bleiben. Bleibe immer in Bewegung!“

Mein Dank gilt der Hamburger Kunsthalle, den Kooperationspartnern und weiteren Unterstützern – sehr geehrter Herr Professor Falckenberg, schön, dass Sie heute hier sind – sowie den Sponsoren der Ausstellung. 

Mein Dank gilt insbesondere auch der Familie Vandenberghe, und ich freue mich sehr, dass heute hier die Kinder Philippe Vandenbergs anwesend sind. 

Mit Philippe Vandenberg wird ein in Belgien schon bekannter Künstler präsentiert. 

Auf dem Wege der Kunst und Kultur mehr über ein anderes Land zu erfahren, bietet immer auch die Gelegenheit, näher zusammenzurücken, und so freue ich mich, dass Sie, sehr geehrter Herr Havebeke, heute hier den Belgischen Botschafter in Berlin vertreten.

Die Ausstellung „Philippe Vandenberg. Kamikaze“ steht in einer Tradition mit anderen Neuentdeckungen bzw. Neuinterpretationen von Gegenwartskünstlern durch die Hamburger Kunsthalle, wie zum Beispiel die großartigen Ausstellungen zu Eva Hesse und Gego oder dem Spätwerk von Louise Bourgeois. 

Vielleicht ist „Philippe Vandenberg. Kamikaze“ die mutigste, weil radikalste Entscheidung bisher in dieser Reihe. Sie bietet den Besucherinnen und Besuchern die Chance einer echten Neuentdeckung. 

Schönen Dank. 

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