22. November 2018 40 Jahre Stiftung Denkmalpflege Hamburg

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

40 Jahre Stiftung Denkmalpflege Hamburg

Sehr geehrter Herr Hein, 
sehr geehrter Herr Haspel,
sehr geehrter Herr Rabbiner,
sehr geehrter Vorstand, sehr geehrte Kuratoriumsmitglieder,
liebe Frau von Jagow, lieber Herr Bethge, 
sehr geehrte Damen und Herren!


Die Gründung der Stiftung Denkmalpflege Hamburg im Jahr 1978 war ein Resultat des ersten europäischen Denkmalschutzjahres 1975. 

Nun, 40 Jahre später, feiern wir das Jubiläum dieser Stiftung – und zwar genau im Europäischen Kulturerbejahr, dessen Ursprungsimpuls aus der Idee eines zweiten europäischen Denkmaljahres erwachsen ist. 

Damals herrschte eine Aufbruchsstimmung, die zu einem weitreichenden Umdenken in Planung und Politik führte. 

Nach zunehmender Kritik an den radikalen Technik- und Zukunftsparadigmen der Moderne und an den mechanistischen Tabula-Rasa-Praktiken der Stadtentwicklung – ich erinnere an Mitscherlichs Schlagwort von der „Unwirtlichkeit unserer Städte“ – setzte sich erstmals wieder ein größeres Bewusstsein für den Wert unseres baukulturellen Erbes durch. 

Einige Bundesländer bekamen in dieser Zeit überhaupt erst ein Denkmalgesetz. Hamburg hatte dies schon seit 1920, doch auch hier gab es das Bedürfnis, noch mehr für das baukulturelle Erbe zu tun. 

Dieser Aufbruchsstimmung verdanken wir also die „Stiftung zur Erhaltung von Kulturdenkmälern der Freien und Hansestadt Hamburg“ – wie sie eigentlich heißt. 

Und weil es immer auch einzelner, energischer Protagonisten bedarf, die auf der Grundlage einer historischen Situation Neuerungen erreichen, möchte ich an dieser Stelle drei Personen würdigen, die sich in der Gründungs- und Anfangszeit besonders stark gemacht haben: den damaligen Landesdenkmalpfleger Prof. Dr. Manfred Frithjof Fischer, der heute in Bamberg wohnt, sowie den früheren Senatsdirektor unserer Behörde Prof. Dr. Volker Plagemann und Anke Kuhbier, die leider beide diese Feier nicht mehr erleben können. 

Gegründet wurde die Stiftung laut Satzung – ich zitiere: 

„im Bemühen, die Kulturdenkmäler Hamburgs zu erhalten und zu schützen sowie für den Wert des kulturellen Erbes in der Öffentlichkeit einzutreten, und in dem Willen, diese Kulturdenkmäler in die städtebauliche Entwicklung und Raumordnung einzubeziehen“ – also der drohenden Unwirtlichkeit unserer Städte durch einen angemessenen Umgang mit dem historischen Bestand entgegenzuwirken.

Damals rollte der Verkehr an der Ost-West-Straße seit fünfzehn Jahren in immer größeren Verkehrsströmen, damals entstand Mümmelmannsberg und nach ersten Hausbesetzungen in Eppendorf und im Karoviertel wurde um den Erhalt des Schröderstifts gerungen.

Es war also etwas los in unserer Stadt. Zeit für ein erneuertes Engagement auf erweiterter Grundlage. Das hat Maßstäbe gesetzt für ganz Deutschland. 

Die Satzung, die die Stiftung zur selbstlosen Tätigkeit verpflichtet, trat mit der Genehmigung durch den Senat am 1. August 1978 in Kraft. 

„Ausschließlicher und unmittelbarer Stiftungszweck ist die Förderung von Denkmalschutz und Denkmalpflege in Hamburg.“ Dieses Ziel scheint weit gefasst und allgemein gehalten, doch per Satzung sind hier explizit vier Aufgabenfelder eingeschlossen:

1. Mitwirkung an Öffentlichkeitsarbeit

2. Mittelbeschaffung für Denkmalschutz und Denkmalpflege

3. Erwerb, Wiederherstellung und Erhaltung von Denkmälern

4. Zuwendungen an Dritte für Denkmalerhalt und Wiederherstellung.

Die Stiftung erhielt einen Vorstand, der sich aus je einem Vertreter der Kultur-, Finanz-, Stadtentwicklungs- und Umweltbehörde sowie dem Landesdenkmalpfleger zusammensetzt.

In einem Kuratorium sind engagierte Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, Handwerk und Architektur aktiv.

Begonnen hat alles in vergleichsweise überschaubaren Dimensionen: 

Die Bürgerschaft hatte der Stiftung zunächst drei Denkmalimmobilien als wirtschaftliche Grundlage zur Erfüllung des Stiftungszwecks übereignet: 

1. das Ensemble Dragonerstall / Bäckerbreitergang, das sich als letzter Rest der Gängeviertel in der Neustadt erhalten hat,

2. den Rundbau des Landhauses Gebauer, 1806 von Christian Frederik Hansen am Philosophenweg errichtet, und

3. das Rathaus Bramfeld aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Später kam die 1905-06 errichtete Villa Laeisz dazu, in der wir uns heute hier befinden und die von 1952-2006 als britisches Generalkonsulat diente.

Nach der Sanierung der Stiftungsgebäude erfolgte Schritt für Schritt eine Erweiterung des Aufgabenfeldes. Dazu gehörten Veranstaltungen und Publikationen ebenso wie der Erwerb von besonders schwierigen Denkmälern und deren Restaurierung sowie die Begleitung weiterer Restaurierungen. 

Hierzu einige wenige Beispiele:

Das barocke, in seiner Erscheinung schlichte Kanzlerhaus in Harburg ist eines der kulturhistorisch bedeutsamen Bauten Harburgs als Münzstätte, dann Sitz des königlich-hannoverschen Verwaltungschefs und später als Amtsgericht. Die Stiftung hat das Haus, das in den 1990er Jahren als nicht mehr zu retten galt, erworben und für fast eine Million DM umfassend instandgesetzt.

Durch Übernahme der Bergedorfer Mühle, einem Galerie-Holländer von 1831, ermöglichte die Stiftung dem dortigen Verein die Erhaltung des Denkmals.

Und bei der Restaurierung der Kaiserfiguren am Hamburger Rathaus hatte die Stiftung in den 1990er Jahren die Rolle des Auftraggebers übernommen.

Möglich wurde all dies auch durch eine Reihe von Spenden, Erbschaften und Zustiftungen. Dieses vermehrte Engagement führte dazu, dass zusätzlich zum ehrenamtlich tätigen Vorstand eine hauptamtliche Geschäftsführung erforderlich wurde.

Seit Mai 1995 erfüllt Irina von Jagow unermüdlich dieses Amt. 

Hinzu kommen natürlich eine Vielzahl von Sanierungen, Restaurierungen und Instandsetzungen, zu denen die Stiftung über Jahre durch Zuwendungen in großem Umfang beigetragen hat, das heißt: Jahr für Jahr im unterschiedlich hohen, sechsstelligen Bereich.

Thematisch reicht die Bandbreite hier von Kirchendenkmälern einschließlich Glasfenstern, Gemälden, Altären, Taufsteinen über Landhäuser der Elbvororte, Bauernhöfe und Mühlen in den Vier- und Marschlanden, innerstädtische Wohnhäuser, öffentliche Bauten wie Bahnhöfe, Schulen und Museen, Kunstwerke im öffentlichen Raum wie Brunnen und Skulpturen, Gartendenkmäler, Grabmalkunst, technische Denkmäler wie Schiffe und Hafenkräne bis hin zur Unterstützung von Publikationen und Vermittlungsprojekten. 

Bei dieser Fülle ist es mir unmöglich, auf Einzelprojekte einzugehen, aber Frau von Jagow und Herr Bethge werden Ihnen gleich noch ausgewählte Beispiele vorstellen.

Erwähnen möchte ich aber unbedingt das Engagement der Stiftung für den Jüdischen Friedhof Hamburg-Altona. 

Hier wurde Unermessliches für die Erforschung und Restaurierung des Friedhofs geleistet, für den wir uns ja nach wie vor um einen transnationalen Welterbeantrag bemühen.

Der Stiftung Denkmalpflege war es gelungen, mehrere andere Stiftungen für umfängliche Förderungen zu gewinnen. Außerdem hat sie 2007 das Besucherzentrum, das Eduard-Dukesz-Haus, errichtet und ermöglicht regelmäßige Öffnungszeiten und Führungen, die jährlich von tausenden Besuchern wahrgenommen werden. 

Gewürdigt werden soll heute auch, dass die Stiftung Denkmalpflege maßgeblich in die Vorbereitung und Durchführung des Tages des offenen Denkmals in Hamburg involviert ist, den sie seit vielen Jahren in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutzamt vor Ort organisiert. Der Tag des offenen Denkmals ist wichtige und praktische Vermittlungsarbeit, bei der die Besucherinnen und Besucher den Wert von Denkmälern erfahren können.

Und zusätzlich zum Tag des offenen Denkmals im September führt die Stiftung jedes Jahr selbständig eine Veranstaltung am Internationalen Denkmaltag durch, der seit 1983 auf Anregung von ICOMOS am 18. April begangen wird. 

Ich freue mich, dass heute Professor Haspel aus Berlin hier bei uns ist, und so auch ICOMOS Deutschland mit uns feiert.

Obwohl ich hier vieles nur skizzieren kann, sehen Sie an meinen Ausführungen, dass das Engagement der Stiftung eindrucksvoll ist: 

In 40 Jahren hat sie mit über fünf Millionen Euro Sanierungs-, Restaurierungs- und Vermittlungsprojekte gefördert und rund dreieinhalb Millionen Euro in den Erhalt der stiftungseigenen Denkmäler investiert. Über acht, ja fast neun Millionen Euro für die Denkmalpflege – auch diese Zahl zeigt: Wir haben heute tatsächlich allen Grund, eine Erfolgsgeschichte zu feiern.

Vor allem auch deshalb, weil mit der Stiftung viel bewegt wurde – und auch in der Stiftung schon immer viel positive Bewegung steckt.

Weil diese vierzig Jahre nicht nur eine Summe vieler kleinerer Denkmalerfolge sind, sondern weil sie sich insgesamt zu einer Geschichte der kontinuierlichen Stärkung und Verankerung in der Hamburger Stadtgesellschaft zusammenfügen. 

Positive Bewegung, das hieß und heißt: beständige Ausweitung des Aufgabenfeldes, damit einhergehend die Etablierung eines kompetenten und engagierten Mitarbeiterteams rund um die Geschäftsführung, breite Wirkung in die Öffentlichkeit und nicht zuletzt Mehrung des Stiftungsvermögens bei stabilen Rücklagen als Herz der Stiftung und Basis für kontinuierliche Förderung zahlreicher Denkmaleigentümer.

In Bewegung ist allerdings auch das gesellschaftspolitische Umfeld des Denkmalschutzes – und das nicht nur in Hamburg. Unsere Stadt verzeichnet Jahr für Jahr den Anstieg der Zahlen von Neu-Hamburgern, der Bedarf an neuen Wohnungen ist enorm. Und parallel verändern sich die gesellschaftlichen Vorstellungen vom guten urbanen Leben.

Zum Glück wird auch deshalb überall in der Stadt gebaut – das spürt der Denkmalschutz und massiv unser Denkmalschutzamt, denn natürlich berühren Neubauprojekte wie Umnutzungsprojekte unsere zahlreichen Baudenkmale und deren Umgebung. 

Dies führt – unweigerlich – auch zu Konflikten. Viele davon sind durch kluge Verhandlungen und Planungen aufzulösen, einige wenige eskalieren, in extrem seltenen Fällen ist im Ergebnis der Verlust eines Baudenkmales zu beklagen.

Jeder dieser Prozesse wird von intensiven Diskussionen begleitet, die uns dabei helfen, Maßstäbe zu schärfen und ein gemeinsames Verständnis der Bedeutung des Denkmalschutzes in unseren hochdynamischen Städten zu entwickeln.

Diese Debatten über den Denkmalschutz finden zwischen zwei diametral gegenübergesetzten Polen statt: Auf der einen Seite ist das das Bedürfnis nach bekannten, ja heimatlichen Strukturen und Ansichten, die angesichts rasanter Veränderungen ein Gefühl der räumlichen und kulturellen Geborgenheit vermitteln.

Auf der anderen Seite verändern sich aktuell die Vorstellungen von einem guten Leben in der Stadt wieder einmal radikal, und an die Stelle funktional differenzierter Strukturen tritt der Wunsch nach einer walkable city, in der alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar ist.

Nicht jede städtebauliche Tradition – denken Sie nur an die großen freistehenden Solitäre der Ära Hebebrand – ist mit diesen Wünschen in Einklang zu bringen.

Deshalb diskutieren wir heute auch so intensiv über insbesondere dieses Prinzip der Stadtentwicklung und waren schon vor 30 Jahren gut beraten, es nicht per se für denkmalwürdig zu halten, sondern auf die jeweiligen Einzelbauten und ihre Qualität zu schauen.

Hier wird es in der Zukunft auf urbane Umnutzungen und Umgestaltungen ankommen, um diese Bauwerke auch künftig lebendig und attraktiv zu halten und neuen Nutzungen zu öffnen. Die Bedürfnisse der heutigen Bewohner sind deswegen aus guten Gründen auch ein denkmalrechtlicher Abwägungsfaktor.

Wichtig ist, dass sich die widersprechenden Meinungen nicht so eklatant verhärten, dass kein vernunftgeleitetes Gespräch über die Notwendigkeiten moderner Stadtentwicklung mehr möglich ist. 

Moderne Großstädte sind komplexe, atmende Organismen – und dazu gehören genauso der Erhalt historisch gewachsener Quartiere mit ihrem Bestand an Baudenkmalen wie auch notwendige Veränderungen. Hier zu einem vernünftigen Ausgleich unterschiedlicher Interessen zu kommen, ist eine wichtige Aufgabe.

Ich wünsche mir, dass das gegenseitige Verständnis in manchen Fällen noch ausgeprägter wäre.

Gern möchte ich die Gelegenheit nutzen, um dem Team der Stiftung für seine beständige, verdienstvolle Arbeit zu danken – allen voran natürlich Ihnen, Frau von Jagow, aber ebenso den Mitarbeiterinnen Frau Heinemann, Frau Steinhoff und Frau Schmalz. 

Gleichermaßen gilt mein Dank dem Vorsitzenden des Stiftungsvorstandes, Herrn Bethge sowie darüber hinaus all jenen Personen, die aktuell und in der Vergangenheit durch ihr ehrenamtliches Engagement in den Gremien des Vorstands und des Kuratoriums ihren Beitrag zum gemeinnützigen Wirken der Stiftung geleistet haben und dies weiterhin tun.

Ich bin überzeugt, dass die Stiftung hervorragend aufgestellt ist, um die kommenden 40 Jahre der Stiftung Denkmalpflege Hamburg anzupeilen. 

Doch zunächst lassen Sie uns heute gemeinsam das bisher Erreichte feiern!

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