13. September 2018 solutions.hamburg 2018: „Value Creation – Wertschöpfung. Innovation. Menschen“

Keynote von Senator Dr. Carsten Brosda

solutions.hamburg 2018: „Value Creation – Wertschöpfung. Innovation. Menschen“


Lieber Patrick Postel, lieber Oliver Hammerstein,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

bei Digitalisierung geht es immer auch um Veränderungsbereitschaft. Es geht um Agilität und darum, wie wir eigentlich die technologischen Veränderungen nutzen, die vor uns liegen. Und vielleicht auch darum, den dystopischen Bedrohungsszenarien etwas entgegenzusetzen, von denen ja in Deutschland die Diskussion über technologische Veränderung immer noch geprägt ist. Franz Müntefering hat einmal den schönen Satz gesagt: „Früher glaubten wir an den Fortschritt, heute machen wir Technikfolgenabschätzung“. Das brachte ihm einen bösen Brief der Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Technikfolgenabschätzung ein. Den gab es damals nämlich. Einen Ausschuss für Fortschritt haben wir immer noch nicht. In Hamburg haben wir immerhin eine Behörde, die den Begriff „Innovation“ im Namen trägt. 

Auch in Kunst und Kultur finden wir solche Bedrohungsszenarien. Im Sommer habe ich den Roman „Qualityland“ von Marc-Uwe Kling gelesen. Es geht darin um eine vollständig von künstlichen Intelligenzen globaler Digitalmonopolisten gesteuerte, auf maximale Effizienz getrimmte Gesellschaft. Nicht nur die kümmerlichen Menschen haben damit so ihre Schwierigkeiten, sondern, und das ist die nächste Volte, auch die intelligenten Maschinen. Da gibt es Drohnen mit Flugangst, automatische Autoren mit Schreibblockaden und die digitalen Assistenten von Mann und Frau haben ihre eigenen Streitigkeiten und Eifersüchteleien und ein Androide ist Präsidentschaftskandidat. Da fragt man sich, wenn man in die USA guckt, ob das nicht eine Verbesserung wäre… Die Maschinen haben bei Kling also die gleichen Neurosen, die wir als Menschen kultiviert haben, und vielleicht macht das auch Sinn, da die Computer ja menschgemacht sind.

Das ist amüsant und durchaus kritisch, aber es fehlt angenehmerweise genau der Kassandra-Sound, der so oft die Debatten, die wir zur Digitalisierung in unserer Gesellschaft führen, prägt. Dadurch hat die Geschichte eine ironische Leichtigkeit.

Ich glaube dennoch, dass diese Diskussionen es verdienen, mit Ernsthaftigkeit aber ohne Angst geführt zu werden. Deswegen bin ich der „Solutions“ ausdrücklich dankbar, da sie eine Position einnimmt, in der nach Lösungen gesucht wird. Wir schauen hier nicht nur auf die Probleme und beschreiben wortreich und ellenlang die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, sondern wir suchen hier tatsächlich nach „solutions“, nach Lösungen in den Aufgabenfeldern, die die Digitalisierung uns stellt.

Das ist aber gar nicht so einfach und bedarf deswegen der Ernsthaftigkeit. In technologiekritischen Diskussionen finden wir häufig die Vorstellung, dass die ökonomische Basis unserer Gesellschaft, auf der wir die Veränderungen und Wandlungsprozesse vollziehen, unhinterfragbar sei. Dem ist aber gar nicht so. Denn es ist keineswegs selbstverständlich, dass wir die Quellen unserer jetzigen wirtschaftlichen Kraft potent halten können. Die sind ja, wenn Sie sich alle Rahmenbedingungen und Statistiken angucken, schon sehr stark im Moment. Nicht zuletzt deshalb sprudeln ja auch die Steuereinnahmen und der Staat freut sich, dass er Dinge tun und gestalten kann. Aber ob das so bleibt im Zuge der wirtschaftlichen Veränderung, ist durchaus eine offene Frage. 

Die Geschichte der Welt ist voll von Erzählungen von Städten, die irgendwann mal an der falschen Biegung des Flusses gelegen haben, und als dann der Hafen versandet war, ist man dann schnell in Schwierigkeiten gekommen. Deswegen sind wir ganz besonders gefordert, aus der wirtschaftlichen Kraft, die wir jetzt haben, auch die rechtzeitigen und richtigen Schlüsse jetzt zu ziehen, um die Transformationsprozesse einleiten zu können, die uns fit machen für morgen und übermorgen, um Wertschöpfung und Wohlstand in unserem Land sicherstellen zu können. Es ist nicht davon auszugehen, dass das einfach von selbst passiert, sondern es setzt rechtzeitiges Handeln voraus.

Umgekehrt sind wir aber auch nicht nur Objekt jener kreativen Zerstörungskraft, die Joseph Schumpeter beschrieben hat, sondern wir können und wir sollten das auch rechtzeitig gestalten. Wir sprechen dann immer so allfällig schnell und metaphorisch von der Disruption und tun immer so, als ob die Disruption etwas wäre, das von außen gesetzt einfach kommt. Wenn man genau nachliest, und ich gehe davon aus, das haben viele hier im Saal auch getan, dann ist die Disruption aber eine These, eine ökonomische Überlegung aus Clayton Christensens „The innovator‘s dilemma“. Er beschreibt hier, warum Unternehmen, denen es gerade jetzt so besonders gut geht, besonders anfällig dafür sind, dass es ihnen morgen besonders schlecht geht. Er vertritt die These, dass sie das Verändern von Marktumfeldern, von Marktdynamiken und Wertschöpfungsketten und -konstellationen genau aus dem Grund nicht rechtzeitig begreifen, weil im Moment alles gut läuft und die Erlöse wunderbar stimmen.

Natürlich ist für eine Stadt, eine Nation mit so vielen Weltmarktführern und so vielen erfolgreichen Unternehmen in der jetzigen wirtschaftlichen Konstellation genau diese Frage eine bedeutsame: Wie erkenne ich rechtzeitig, was sich in Marktumfeldern verändert? Wie innoviere und transformiere ich mich rechtzeitig, damit ich eben nicht Opfer einer solchen kreativen Zerstörung werde und irgendjemand anderes sich dann freut, dass er auf meinem Ruin neue Wertschöpfung aufbaut, sondern wie schaffe ich das selber aus der Stärke heraus, die ich jetzt habe? Wenn wir uns rechtzeitig in Bewegung setzen, haben wir alle Dinge miteinander in der Hand, um das hinzubekommen. 

Ich möchte auf einige zentrale Fragen ein paar Schlaglichter werfen. Die Tiefe ausloten können anschließend andere in diesem Kongress viel erfahrener, Empirie-gesättigter und mit viel mehr kreativer Leidenschaft als das so ein Behördenvertreter kann. Ich will es dennoch mal versuchen und mich dabei auf die drei folgenden Fragen konzentrieren:

Die erste Frage ist: Wie schaffen wir es, Neues zu schaffen, ohne Altes zu zerstören und stattdessen die Kraft, die wir jetzt haben, so auf die Straße zu bringen, dass die Innovationsprozesse der Zukunft vernünftig gelingen? Das halte ich für die wichtigste Frage, vor der wir als Volkswirtschaft miteinander stehen. Wie das gelingen kann, kann man ja an der einen oder anderen Stelle an der Stadt sehen. Zum Beispiel an der Transformation, für die gerade dieser Ort hier steht. Kampnagel war einmal eine Kranfabrik. Hier sind über Jahrzehnte hinweg Kräne für den Hamburger Hafen gebaut worden. Heute ist das eine der internationalsten Kulturorte nicht nur Hamburgs, sondern ganz Deutschlands, den wir haben. Ein internationales Produktionshaus, in das Kulturschaffende aus der ganzen Welt kommen und hier Dinge produzieren, die von hier auch wieder in die Welt gehen, die unsere Stadt, unser Land und die Welt bereichern.

Hier bekommen wir kreative Anregungen, wie wir anders wirtschaften, anders zusammen leben, anders Kultur schaffen und wie wir uns anders um den Sinn unserer Gesellschaft kümmern können. Aus Veränderungsprozessen heraus kann immer wieder neue Kraft und neue Leidenschaft entstehen. Dafür steht auch dieser Ort. Und Kultur ist dabei einer der Treiber, wie das gehen kann. Die Frage danach, wie wir auch kulturelles und kreativwirtschaftliches Knowhow in den Innovationsprozessen nutzen können, ist ein ganz wesentliches Anliegen hier in Hamburg.

Die zweite Frage ist: Wie gelingt es uns, in einer weitgehend digitalisierten und damit ortlosen, örtlich ungebundenen Wirtschaft, Wertschöpfung zu organisieren?

Die dritte spannende Frage ist: Was hat das dann eigentlich noch mit den Menschen zu tun – mal abgesehen von den Neurosen, die wir bei Marc-Uwe Klings Maschinen finden? Wie erreichen wir, dass die Bürgerinnen und Bürgern genau die lebenslangen Ausbildungen erhalten, die wir für die Fachkräfte brauchen in unserer Gesellschaft?

Ich möchte anfangen mit einer Überlegung zum Thema Innovation. Der Begriff ist so inflationär verwendet worden, dass er einerseits etwas abgegriffen ist und andererseits durchaus Ängste auslöst. Wenn man die Wirtschaftsteile deutscher Tageszeitungen aufblättert, dann hat man den Eindruck, dass in jeder Branche die Angst um sich greift, dass einem das nächste Startup Modell nach Predator-Logik das eigene Geschäftsmodell beiseite räumt und den zentralen Wertschöpfungsteil des eigenen Produktionsprozesses herausbricht. Oder – noch viel schlimmer – gleich einer der großen amerikanischen oder neuerdings auch chinesischen Konzerne kommt und vollständig die bisherige Wertschöpfungslogik als Plattform übernimmt und alles ganz anders macht. Dann hast du zwar keine Sorgen mehr, allerdings auch kein Geschäftsmodell mehr. Dafür gibt es mittlerweile sogar die englische Wortneuschöpfung „to amazonize“. Das ist die Angst davor, dass der analoge Einzelhändler vor Ort bald keine Chance mehr hat gegen einen Plattform-Konkurrenten aus dem Netz. Solche putzigen Wortschöpfungen finden wir vielfältig.

Dabei gibt es für eine Angststarre überhaupt keinen Anlass, wenn ich mich rechtzeitig darum kümmere, wie der Markt sich verändert, in dem ich mich bewege. Eigentlich haben wir momentan gute wirtschaftliche Aussichten und somit eine hervorragende Ausgangsbasis, selbst auf Angriff zu schalten: in Startups zu investieren oder sie zu kaufen, neue Produkte, Services und Märkte auszutesten, im großen Stil zu investieren und eigene Technologie-Kompetenz zu stärken. Wir müssen nur raus aus der Bequemlichkeitszone, in der wir auch in der dritten weiteren Ableitung immer vorher schon wissen wollen, wie die Risikopotentiale eines solchen Weges aussehen. Wir sollten stattdessen ein bisschen schneller und agiler Risiken aushalten, Fehler machen, korrigieren und dann weiter machen. 

Das wissen wir abstrakt alle seit Jahren und es wird uns auch in Konferenzen immer wieder gesagt. Einem Politiker, der das behaupten, nimmt man das womöglich nicht sofort ab. Aber das Thema betrifft mittlerweile ja auch den Staat. Wir haben auch Angebote, die längst unter dem Legitimationsdruck stehen, dass sie digital erbracht werden müssen. Wir können uns nicht darauf ausruhen, dass wir das seit 20, 30 oder 40 Jahren so und nicht anders gemacht haben.

Ich glaube, wir müssen einfach loslegen. Abwarten und weiterhin Assessment betreiben, was passieren könnte, wenn man etwas täte, ist nicht die richtige Handlungsoption angesichts der Umschlagsgeschwindigkeit der Digitalisierung. Wir müssen anfangen, ausprobieren, Fehler machen, aus den Fehlern lernen, weiter machen. Das müssen wir miteinander aushalten und uns die Fehler nicht permanent vorhalten oder lustvoll daran weiden, dass jemand anderes einen Fehler gemacht hat. Auch das gehört dazu.

Wir haben einen besonderen Vorteil in Deutschland, die von Wirtschaftshistorikern immer so schön genannte „hochdiversifizierte Qualitätsproduktion“ als Merkmal der deutschen Volkswirtschaft. Das ist der Kern unserer Volkswirtschaft. Soll heißen: Wir haben ganz viele „Hidden Champions“ in globalen Nischenmärkten. Wir sind hochspezialisiert in Nischen unterwegs und das sind Bereiche, in denen große Teile unserer Wertschöpfung stattfinden. Da kommen die digitalen Plattformen, die globale Skalierungen betreiben, überhaupt nicht ran. Die spannende Frage ist: Wie schaffen wir es, die Innovationsprozesse genau in diese hochspezialisierten Qualitätsproduktionen hineinzubringen? Wie können wir dort Schlüsseltechnologien entwickeln? Wie können wir dort Innovationsprozesse vorantreiben?

Ein Beispiel, bei dem uns das gelingen kann und bei dem wir in Deutschland auch gar nicht so schlecht dastehen – auch wenn wir nicht so viel darüber reden – ist zum Beispiel die Entwicklung der künstlichen Intelligenz und das was in der KI-Forschung passiert. Das ist momentan eine Schlüsseltechnologie, bei der wir mit der Art und Weise, wie wir in Deutschland und Europa konzentriert Forschung und Entwicklung betreiben, durchaus einiges an Impulsen setzen können und auch setzen sollten. Wir werden uns gemeinsam vornehmen müssen, dieses in die Wirtschaft und in die Unternehmen hineinzubringen.

Die Tätigkeitsfelder, die die Digitalisierung dabei ermöglicht, und die Wertschöpfungsfelder sind natürlich mannigfach. Sie wissen das aus Ihrer unternehmerischen Erfahrung besser als ich. 

Die Digitalisierung der Kommunikations- und Informationssysteme unserer Gesellschaft und auch die Digitalisierung der Produktions- und Logistikprozesse sind bereits in vollem Gange. 
Wir befinden uns jetzt in der dritten Stufe, der digitalen Durchdringung der gesamten öffentlichen Infrastrukturen und des öffentlichen Raumes und unseres öffentlichen Lebens.
In diesem Prozess rücken digitale Technologien immer näher an uns heran. Das ist eine Chance dafür, digitale Geschäftsfelder neu zu entwickeln, weil es hier unmittelbarere Zugänge zu Kundinnen und Kunden gibt.

In allen diesen Feldern – Information, Kommunikation, Logistik, Industrie und erst recht die ordentlich strukturierte Gestaltung des öffentlichen Raumes – ist Hamburg maßgeblich mit auf dem Platz. Wir haben eine der größten Medien- und Digitalindustrien in Deutschland, wenn nicht in Europa und wir haben ganz viele Unternehmen, die ihre Erfahrungen gemacht haben mit der Disruption ihres Geschäftsmodells als man noch gar nicht wusste, dass es Disruption durch die Digitalisierung gibt, weil man zu den ersten gehörte, der betroffen war. Diese Erfahrungen können wir natürlich jetzt auf die Straße bringen.

Wir haben im Bereich Logistik mit unserem Hafen sicherlich eines der größten und spezialisiertesten Projekte überhaupt, das eine volkswirtschaftliche Bedeutung für den gesamten Außenhandel der Bundesrepublik hat. Auf so einer hochverdichteten, kleinen Fläche haben wir nur die Möglichkeit, Wachstum zu organisieren, indem wir effizienter und technologischer werden, um die Ressourcen unter KI-Einsatz besser auszunutzen. Da der Hafen auf der Fläche nicht wachsen kann, muss der Abtransport der Waren so auf die Sekunde genau getaktet werden, dass niemals ein LKW rumsteht und wartet, weil wir den Platz schlicht nicht haben. Menschlich kann man das nicht steuern, technologisch schon. 

Das ist eine große Aufgabe, vor der wir stehen. Die Frage, wie wir unser gesamtes öffentliches Leben digital so umbauen, dass es funktioniert, wird uns als Gesellschaft insgesamt betreffen. Darauf komme ich noch mal zurück.

In Europa stehen wir vor der besonderen Aufgabe, einen dritten Weg der Digitalisierung zu suchen. Ein Weg, der weder dem digitalen Plattformkapitalismus mit seiner starken Erlösorientierung nach US-amerikanischem Vorbild folgt, noch der staatsgelenkten digitalen Autokratie mit seinem Belohnungs- und Bonussystem auf Basis eines nicht vorhandenen Datenschutzes und damit des Wissens über das Handeln von Kundinnen und Kunden in digitalen Umfeldern, wie es sich in China entwickelt.

Wir haben in Europa die Aufgabe, einen dritten Weg der Digitalisierung zu beschreiten. Und zwar einen, der es schafft, eine Digitalisierung im Sinne und Dienste freier offener Gesellschaften zu entwickeln und auch die Freiheitspotentiale, die in den digitalen Technologien stecken, anders zu entwickeln und in Geschäftsfelder umzusetzen. Das ist eine Aufgabe, die man nicht kleinreden sollte.

Manches von dem, was wir momentan in den Entwicklungsprozessen als Fessel begreifen, kann man auch als ein frühzeitiges Mitdenken der Akzeptanz- und Legitimationsbedingungen der eigenen Technologie und der eigenen geschäftlichen Entwicklung verstehen.

Wir hatten im Frühjahr noch eine weitere Digital-Veranstaltung hier in Hamburg – die OMR Online Marketing Rockstars. Dort gab es mit ein paar Politikern ein Panel zum Thema Regulierung. Ich dachte mir, dass sich der Saal sofort leert, dass das keinen interessiert. Interessanterweise wurde der Saal jedoch immer voller, noch bevor wir angefangen haben zu sprechen und er wurde auch nicht leerer, als wir dann darüber sprachen. Das ist auch ein gutes Zeichen.

Das hat damit zu tun, dass wir zentrale Fragen behandelt haben, wie zum Beispiel: Wie schaffen wir eine Ordnung für das, was wir digital erwirtschaften und erleben? Natürlich entsteht diese Ordnung auch – Sie alle kennen den Begriff „code is law“ durch IT-Fachleute – durch den code, durch die digitalen Technologien und die Rahmenbedingungen, die wir miteinander schaffen. Das müssen wir beim Gestalten immer mit in den Blick nehmen.

Wenn uns das auf dieser Makroebene halbwegs vernünftig gelingt, können wir uns der Frage zuwenden: Wie organisieren wir eigentlich Wertschöpfung? Hier möchte ich ein Plädoyer dafür halten, dass wir uns immer wieder ganz deutlich bewusst machen müssen: Wir haben als Gesellschaft zwei Möglichkeiten, mit den technologischen Veränderungen umzugehen. Die eine Möglichkeit ist, dass wir uns eine Wertschöpfung, so wie sie jetzt ist, angucken, und versuchen, alle rechtlichen Rahmenbedingungen so zu organisieren, dass die Wertschöpfung, so wie wir sie jetzt haben, erhalten bleibt. Das haben wir ein paar Mal versucht. Das führt dann in der Regel dazu, dass sich die technologische Innovation an anderer Stelle der Welt durchsetzt, den Markt umkrempelt und wir dann irgendwann als letzte unsere Insel räumen müssen und nicht mehr teilhaben können am Innovationswissen, am Produktionswissen, am Wertschöpfungswissen, an den neuen technologischen Optionen, die einen Markt verändert haben.

Wir stehen miteinander vor der gesellschaftlich schwierigen Aufgabe, frühzeitig in solche Innovationsprozesse hineinzugehen und frühzeitig zu sagen: Wir sind mit dabei. Um ein Beispiel zu geben: das „additive layer manufacturing“ – im allgemeinen umgangssprachlichen Gebrauch der 3D-Druck. Damit muss sich eine Handelsstadt, in der viele Waren ankommen, beschäftigen, weil vielleicht irgendwann nicht mehr Waren ankommen, sondern nur noch Daten um die Welt geschickt werden und vor Ort ausgeprintet werden. Das gilt für einfache Massenproduktionen und auch für hochspezialisierte Produktionen.

Wir müssen uns darauf vorbereiten, frühzeitig an diesen Wertschöpfungsketten beteiligt zu sein und dieses Wissen zu haben für den Fall, dass die weltweiten Handelsströme sich mal verändern und wir nicht mehr in gleicher Art und Weise über die klassische Wertschöpfungskomponente der hiesigen Wirtschaft verfügen. Das müssen wir tun und auch fördern. Deswegen ist das ein Thema, an dem wir als Stadt dran sind.

Ein weiteres Thema aus dem Alltag ist die Frage: Wie gehen wir mit dem automatisierten Fahren um und welche Konsequenz hat dieses automatisierte Fahren perspektivisch für viele Dienstleistungen im Bereich der Personenbeförderung? Denn natürlich ist für einen Taxifahrer die Idee eines irgendwann mal über eine Plattform betriebenen automatisierten Autos eine unmittelbare Bedrohung seines individuellen Arbeitsplatzes. Die Frage ist auch: Ist das schlau? Wollen wir das so automatisiert haben?

Die Frage ist außerdem auch: Wenn ein Punkt kommt, an dem wir es nicht mehr aufhalten können, weil es gefordert wird und weil die regulatorischen Rahmenbedingungen es uns nicht mehr ermöglichen, sagen wir dann: Wir verzichten vollständig auf diese Wertschöpfung und überlassen es Dritten? Oder sind wir so fit und in der Lage, dass wir das auch können? Eine Haltung, die übrigens einige Unternehmen ganz tief in ihrer DNA haben, wenn Sie sich Amazon anschauen. Die haben mal als Unternehmen angefangen, das Bücher in Umschläge gepackt und verschickt hat, nachdem man sie nur online bestellt hat. Das war das Geschäftsmodell, das wunderbar funktioniert hat. Damit ist die Firma sehr reich geworden. Das war ursprünglich auch das Geschäftsmodell von Netflix. Die haben DVDs in Umschläge verpackt und Menschen zugeschickt.

Amazon hat dann eine Online-Demand-Plattform und sogar noch ein Endgerät dazu geschaffen und gesagt: Ich biete ein Geschäft an, mit dem das Verpacken und Verschicken von Büchern, die vorher online bestellt worden sind, keine Wertschöpfung mehr erbringt, weil keiner mehr Bücher bestellt, die verpackt und verschickt werden. Das wäre wahrscheinlich für ein deutsches Unternehmen ein quasi undenkbarer Umstand gewesen, weil man ja ein Modell hatte, das wunderbar funktionierte. Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass sich die andere Wertschöpfungskette durchsetzt und wenn wir erkennen, dass sie sich durchsetzt, wollen wir sogar derjenigen sein, die sie umsetzen, damit wir auch künftig Wertschöpfung in unseren Unternehmen oder in unserer Gesellschaft, wenn wir das auf einen Standort übertragen wollen, halten können.

Wir wollen in der Lage sein, dort rechtzeitig und agil solche neuen Optionen entwickeln zu können und zwar in einer Art und Weise, die es auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ermöglicht, diese nicht als Bedrohung, sondern als berufliche Entwicklungsoption zu sehen. Das ist nicht immer ganz einfach. Es sind immer in der Weltgeschichte auch Berufe verloren gegangen, es sind aber auch immer neue Berufe entstanden.

Die Arbeit geht uns, wenn wir den Prognosen Glauben schenken, seit 150 Jahren regelmäßig immer wieder aus. Bisher ist es noch nicht passiert. Man darf zwar aus historischen Erfahrungen nicht auf die Zukunft schließen, aber ich glaube an eine gewisse empirische Plausibilität, dass sich auch in Zukunft immer wieder neue und andere Jobs bilden lassen.

Die Frage, wie wir solche Wertschöpfung organisieren, ist nicht unbedingt bedrohlich. Wir müssen uns nur fragen, ob wir in unseren Forschungs- und Entwicklungsbemühungen so aufgestellt sind, dass das gelingt, und zwar auch als Gesellschaft insgesamt. Wir geben immer noch in Deutschland – und das ist in Japan, Südkorea und vielen anderen halbwegs klassischen Industrienationen nicht anders – 85 Prozent unserer Ausgaben für Forschung und Entwicklung in unserer Volkswirtschaft aus, die auf Branchen des verarbeitenden Gewerbes entfallen und nur 15 Prozent auf andere ökonomische Zusammenhänge. In den USA ist dieser Anteil des verarbeitenden Gewerbes an F&E-Ausgaben mittlerweile auf unter 70 Prozent gesunken. Viel mehr findet im digitalen Sektor statt. Wenn Sie sich angucken, wie die Top 5 der Unternehmen aussehen, die in Forschung und Entwicklung investieren, dann haben Sie an erster Stelle Amazon, an zweiter Alphabet, den Mutterkonzern von google, an dritter Stelle Intel, an vierter Samsung und an fünfter Volkswagen. Das heißt, da verändert sich gerade, wo eigentlich investiert wird und wo künftige Wertschöpfung stattfindet.

Wir sollten uns fragen, wie wir es schaffen können, dass wir nicht eine Disruption, sondern eine Transformation erleben können. Dazu muss es uns aber auch gelingen, solche F&E-Wirkungszusammenhänge in den klassischen Branchen zu entfalten und diese viel stärker miteinander zu vernetzen.

Diese Zahlen sind immer etwas irreführend, weil ich natürlich auch digitalisierungsgetriebene F& E in klassischen verarbeitenden Branchen machen kann – ich habe am Anfang ja auch über die Hidden Champions der deutschen Volkswirtschaft gesprochen. Man kann aber zumindest aus den Zahlen noch nicht ablesen, dass das so passiert. Ich glaube, da steckt einiges an Dynamisierungspotential drin. Es gibt schöne Beispiele, wie das gelingen kann, nicht nur in der klassischen Innovationspark-Logik, bei der eine technische Fakultät integriert ist, die den Forschungs- und Entwicklungsanteil bietet. Das haben wir in den 1980er und 90er Jahren in Deutschland viel gemacht.

Mittlerweile sind wir auch bei der Frage: Wie nutzen wir agile kreativwirtschaftliche Technologien gleich mit in der nächsten Stufe und im nächsten Verständnis von Innovationsprozessen in Unternehmen? Wie holen wir da Kreativität mit rein? Ein Beispiel sind Accelator-Programme, die wir hier in Hamburg mit dem Next-Media-Accelarator und dem Next-Commerce-Accelarator ausprobiert haben. Das sind zwei elementar wichtige Bereiche in Hamburg. Unsere Kreativitätsgesellschaft kümmert sich darum, dass das kreativwirtschaftliche Innovationswissen einerseits und mit den großen Unternehmen andererseits vernetzt wird. Hier stellt sich die Frage: Wie verändere ich die Strukturen und Erneuerungsprozesse? Wie organisiere ich Change? Es gibt da Leute, die aus ihrer Prekarität heraus Change quasi zum Alltag haben und den Unternehmen durchaus etwas beibringen können, bei denen Change nicht ganz in der DNA ist.

Das sind spannende Themen, die wir miteinander bewegen können, und die es uns ermöglichen, auch künftig Wertschöpfungspotentiale in alten Branchen, die sich verändern, und in neuen Branchen, die sich entwickeln, hier am Standort heben zu können.

Das alles hat, hiermit komme ich zum dritten Punkt, viel mit der Stellung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, von den Menschen zu tun. Ich glaube ausdrücklich nicht an die These, dass die Spielräume des Menschen durch die Technologien kleiner werden müssen. Sie können es, wenn wir die Dinge frühzeitig aus der Hand geben. Aber es sind Menschen, die diese Technologien entwickeln müssen. Menschen, die die Rahmenbedingungen dieser Technologien schaffen müssen. Menschen, die Scripte bauen.

Gerade in diesen Tagen können wir in einem neu erschienenen Buch ein Plädoyer für einen digitalen Humanismus lesen. Die Frage ist: Wie schaffen wir es eigentlich, dass wir diejenigen sind, die die Rahmenbedingungen des Technologieeinsatzes prägen und die dafür sorgen, dass die Technologie eine Funktion für uns erfüllt und uns nicht zu Funktionserfüllern innerhalb der technologisch gesetzten Systeme macht. Das ist eine Aufgabe, vor der wir gerade miteinander stehen und die natürlich noch mal spannender wird, wenn wir in den Bereich KI hineingehen. Wie wird das eigentlich, wenn die Personalisierung der Maschine so weit voranschreitet, dass sie sich irgendwann ihre eigenen bitcoins selber schafft? Theoretisch könnte sie das. Zum Beispiel wenn Skripts ihre eigenen Sprachen entwickelt haben, in denen sie sich verständigen, die die Programmierer des jeweils einzelnen Skripts nicht mehr verstehen. In solchen Momenten kommen wir bereits heute in die Grenzbereiche hinein, in denen wir erst recht gefordert sind, dafür zu sorgen, dass wir noch in der Lage sind, am Ende die Autonomie und die Handlungshoheit durch unser Wissen entsprechend umzusetzen.

Wir sehen, dass das menschliche Knowhow und die menschliche Kreativität in den Unternehmen wichtiger werden. Das gilt sogar in den Innovationsprozessen, weil wir die Technologien wertschöpfend und wirtschaftlich erfolgreich zum Wohle der Gesellschaft einsetzen müssen. Dieses Thema wird massiv an Bedeutung zunehmen und wir haben aus dem Automatismus einer technologischen Zweckrationalität heraus noch keine Antwort darauf. Wir alle sind miteinander gefordert, uns hier einzubringen

Albert Wenger, ein einflussreicher Investor in New York und Autor des Buches „World after Capital“ – früher wäre das mal so ein Titel gewesen, den man in kommunistischen Kreisen hätte verbreiten können, aber ich glaube so hat er das nicht gemeint – hat geschrieben:

"Knowledge in turn has enabled us to create increasingly powerful technology.” 

Und er schreibt weiter:
“The Knowledge Loop, which consists of learning, creating and sharing, is the source of all knowledge. Producing more knowledge is essential to human progress. The history of humanity is filled with prior civilizations that failed to produce the knowledge required to overcome the challenges they faced.”

Da haben wir wieder den Kassandra-Ruf. Aber wenn wir es nicht schaffen, die Technologien zu entwickeln, die wir brauchen, um unser Leben auch morgen gut zu organisieren, dann wird es schwierig werden. Insofern sind wir gefordert, die Technologien und auch die Robotik und die künstliche Intelligenz zu entwickeln, mit denen das gelingen kann und uns dafür fit zu machen.

In unserem kleinen Staat Hamburg haben wir es über die Wissenschaftsbehörde und den Senat gemeinsam mit den Hochschulen immerhin geschafft, mit der Informatikplattform ahoi.digital 30 zusätzliche Professuren in diesem Bereich in den nächsten Jahren zu schaffen, weil wir diese Kompetenzen ausbilden wollen. Es muss uns gelingen, dass Informatik in Deutschland nicht mehr nur heißt: „Ich erkläre euch, welche Schwierigkeiten die Technologie in eurer Gesellschaft anrichtet, sondern ich kläre auch gemeinsam mit euch, welche Chancen ihr durch diese Technologie haben könnt im Bewusstsein um die gesellschaftliche Identifikation.“ Das ist eine veränderte Blickrichtung, die wesentlich ist. Da haben wir gemeinsam ein langes Stück Weg vor uns.

Ich plädiere dafür, dass wir uns nicht dem Trugschluss hingeben, dass wir nur noch Getriebene eines Prozesses sind, den wir durch die Technologien aus der Hand genommen bekommen. Wir haben alle Mittel und alle Wege in der Hand, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass wir eine dynamische, technologisch sich weiter beschleunigende Entwicklung auch so steuern können, dass sie zum gesellschaftlichen und ökonomischen Nutzen sein kann. Das setzt aber voraus, dass wir frühzeitig Lust darauf haben, Dinge zu verändern und auszuprobieren.

Ich glaube, diese Lust ist wahrscheinlich die entscheidendste Ressource in diesem ganzen Prozess und da ist es dann vielleicht auch wieder sinnvoll, dass ein Kultursenator eingeladen worden ist, weil das was mit Lust, Emotion und Expressivität in unserer Gesellschaft zu tun hat und damit kennen wir uns in der Kultur gut aus. Das machen wir gerne. Wir setzen gern über ungehemmte Expressivität Dinge in Gang, irritieren, inspirieren und verändern – immer mit dem Ziel zu orientieren und gemeinsam zu klären, was eigentlich wichtig ist. Das ist vielleicht das, was wir als kulturelle Veränderung hinbekommen müssen, und dann macht es umso mehr Sinn, die Digitalisierung in der Kulturfabrik Kampnagel zu verhandeln und sich von dem Geist dieses Ortes ein bisschen inspirieren zu lassen.

Ich wünsche Ihnen allen die Lust, die Leidenschaft und das Engagement, Dinge zu verändern, damit wir auch morgen und übermorgen in Wohlstand und gemeinsam gut leben können. Wir haben das alles in der Hand.

Vielen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien