3. Dezember 2018 Verleihung der Förderpreise für Literatur und literarische Übersetzungen 2018

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Verleihung der Förderpreise für Literatur und literarische Übersetzungen 2018

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger, 
liebe Mitglieder der Jury, 
liebe Freundinnen und Freunde der Literatur,

wir reden in diesen Tagen viel darüber, dass wir kulturelle Orte verteidigen müssen. Gemeint sind die Orte, an denen kulturelle Produktion stattfindet und nicht bloß jene, die kulturell erdacht werden. 

Und natürlich gibt es solche Orte auch in der Literatur: den Frauenplan 1; die 2nd Street in Park Slope; die Avenue Matignon; den Chalcot Square in Primrose Hill. 

Es gibt augenscheinlich Adressen, die sind kreativer als andere, die haben eine literarische Aura, dort scheint es sich für Schriftstellerinnen und Schriftsteller besonders gut zu arbeiten – und nicht erst, seit Virginia Woolf „Ein Zimmer für sich allein“ forderte. 

Vielleicht haben Sie manche der Anschriften erkannt:

Johann Wolfgang von Goethes stattliches Anwesen in Weimar natürlich; Siri Hustvedts und Paul Austers Brownstone in Brooklyn; Heinrich Heines „Matratzengruft“ in Paris und das Haus, in dem Sylvia Plath und Ted Hughes einige glückliche Jahre in London verbrachten – es waren nur wenige, wie wir wissen.

Erst das Wirken der Autorinnen und Autoren ist es, dass diesen Adressen, wenn es sich mit diesen verbindet, den besonderen Klang verleiht und uns heute zur Spurensuche nach dem genius loci motiviert. Denn natürlich ist unklar, ob es der Ort ist, der die Literatur inspiriert oder ob der Literat oder die Literatin den Ort durch ihre Anwesenheit zu einem besonderen gemacht hat. Erst Wiederholung und Anhäufung geben hier klare Hinweise.

Und gerade hier in Hamburg scheint es Adressen zu geben, an denen die Literatur ganz besonders zu Hause ist. 

Hier in dieser Straße, in der Schwanenwik, wie es korrekt heißen müsste, in der sich heute das Literaturhaus befindet, hatte Günter Grass in den achtziger Jahren eine Wohnung, bevor er sich mit seiner Frau für einen guten Teil des Jahres auf der dänischen Insel Møn niederließ. 

Und auch durch die Wohlwillstraße weht ein besonders literarischer Wind: Zwei der bekanntesten Hamburger Autorinnen leben dort, sogar unter einem Dach. 

Und noch eine andere Adresse scheint offenbar aus sich heraus ein Garant für Kreativität und literarischen Erfolg zu sein: Elbtreppe 13 heißt sie so herrlich hamburgisch. Dort sind zwei unserer heutigen Förderpreisträger zu Hause.

Wie kommt es dazu – zwei Preisträger Tür an Tür? Ist es Zufall? Ist es Schicksal? Oder der – hoffentlich – unverstellte Blick auf die Elbe? Die steife Hafenbrise? Sind sie erst an diesem Ort so richtig kreativ geworden? Wir wissen es nicht.

Wir wissen nur, dass die Jury jetzt ebenso überrascht sein dürfte wie Sie, liebes Publikum. 

Es ist Ihnen ja bekannt, dass das Auswahlverfahren für die Förderpreise streng anonym ist und die Jury bis zur letzten Minute nicht weiß, wer sich hinter den Texten verbirgt, für die sie votieren. 

Fest steht, dass es an der Elbtreppe doppelt Grund zum Feiern gibt, weil zwei unserer Preisträger Nachbarn sind und heute Abend je einen „Förderpreis für Literatur“ und einen „für literarische Übersetzungen“ nach Ottensen tragen werden. 

Dazu schon jetzt einen herzlichen Glückwunsch!

Seit 35 Jahren sind die mit jeweils 6.000 Euro dotierten Förderpreise die wichtigsten Bausteine zur Autoren- und Literaturförderung durch die Behörde für Kultur und Medien unserer Stadt. 

Dabei werden sie flankiert vom „Ziegel – dem Hamburger Jahrbuch für Literatur“, dessen 16. Ausgabe gerade entsteht und im Frühjahr herauskommt, zum ersten Mal übrigens im Hamburger mairisch Verlag. 

Ich möchte alle Anwesenden, bei denen es in diesem Jahr noch nicht mit einem Förderpreis geklappt hat, ermutigen, sich unbedingt weiter am Wettbewerb zu beteiligen.

Wir wissen ja alle nicht, wie oft sich eine Karen Köhler, ein Tino Hanekamp, eine Isabel Bogdan, Jan Wagner, Mirko Bonné, Karen Duve, Michael Weins, Katrin Seddig oder Saša Stanišić möglicherweise vergeblich beworben haben, bevor sie schließlich ausgezeichnet wurden.

Das sind nur einige der Autorinnen und Autoren, die mit einem Förderpreis in der Tasche die literarische Welt erobert haben – mit großem Erfolg.

Sicher ist: Literarische Qualität setzt sich durch und die anwesenden Lektorinnen und Lektoren, Agentinnen und Agenten und andere Spürnasen wissen längst, dass sie hier auf der Suche nach neuen Talenten fündig werden können.

Ein Förderpreis kann und soll Türen öffnen.

Ich freue mich sehr, dass dies im konkreten Fall unserer Preisträgerinnen Leona Stahlmann und Marie-Alice Schultz, die beide im vergangenen Jahr einen Förderpreis gewonnen haben, bereits geschehen ist. 

Herzlichen Glückwunsch zu den kommenden Veröffentlichungen Ihrer Debütromane!

Leona Stahlmanns „Vetko“ erscheint im Herbst 2020 bei Kein&Aber. Und bereits im März 2019 kommt „Mikadowälder“ unseres Jurymitglieds Marie-Alice Schultz bei Rowohlt heraus. Sie wissen alle, was Sie zu tun haben, meine Damen und Herren.

Kommen wir aber nun zum aktuellen Jahrgang.

Dieser war mit 211 Bewerbungen, so wird die Jury bestätigen, besonders umfangreich und vor allem literarisch sehr ertragreich. Dies werden Sie erleben, wenn die Preisträger und Preisträgerinnen im Anschluss an die Urkundenübergabe ihre Arbeiten vorstellen.

Vor allem die erzählende Prosa – Romanauszüge und Erzählungen – belegen die Sprachmacht und die Originalität der Autorinnen und Autoren, haben die Aufmerksamkeit unserer Jury erregt und werden deshalb ausgezeichnet. 

Wir werden noch davon hören.

An dieser Stelle geht mein herzlicher Dank und Respekt an die Mitglieder der Jury:

an die Autorin Marie-Alice Schultz und die Übersetzerin Gabriele Haefs, die vor einem Jahr hier selbst geehrt wurden, an die Lektorin Sarah Houtermans, den Literaturkritiker Felix Bayer und den Literaturwissenschaftler Sven Meyer.

Mit Kenntnisreichtum, großem Urteilsvermögen und vor allem Begeisterung für die Literatur haben sich diese Fünf über die 211 literarischen Einsendungen hergemacht, abgewogen, gelesen, wieder gelesen, diskutiert, ein wenig oder ein bisschen mehr gestritten – und sich schließlich für das eine und viel öfter schweren Herzens gegen das andere Manuskript entschieden.

Seit Anfang der neunziger Jahre gehen jeweils drei mit 2.500 Euro dotierte Förderpreise auch an literarische Übersetzerinnen und Übersetzer. Deren Arbeit ist nicht laut genug zu preisen. Sie sind es, die für uns die Literatur aus Brasilien, aus Schweden und aus Harlem – so die preisgekrönten Projekte dieses Jahres – auf Deutsch zugänglich machen.

Dank des nimmermüden Kampfes der Literaturübersetzerinnen und -übersetzer und ihres Verbandes steigt langsam, aber sicher, auch die öffentliche Anerkennung des Berufs und damit auch in sehr kleinen Schritten ihre Vergütung. 

Es ist aber immer noch ein langer Weg, insofern begrüße ich die Aktivitäten der Übersetzerinnen und Übersetzer zur Sichtbarmachung ihres Berufs. 

Und wenn im vergangenen Monat der Bundespräsident das Europäische Übersetzer-Kollegium Straelen anlässlich seines 40. Geburtstags besucht und als „wunderbaren, wertvollen Ort“ bezeichnet hat – dann ist das ein Schritt in die richtige Richtung. 

Wir alle wissen, dass Bücher nicht mir nichts, dir nichts auf Deutsch „erscheinen“, sondern dass sie in kleinteiliger, manchmal mühevoller Arbeit übersetzt werden, von klugen und belesenen Übersetzerinnen und Übersetzern wie denjenigen, die sich um einen Hamburger Förderpreis beworben haben.

Drei wunderbare „Exemplare“ dürfen wir heute Abend kennenlernen – und darauf freue ich mich besonders.

Aber nun ist es endlich soweit: Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg gratuliere ich den Preisträgerinnen und Preisträgern des Förderpreises 2018 

sehr herzlich zu ihren Auszeichnungen.

Möge der Förderpreis für Sie Anerkennung und Ansporn für Ihr weiteres literarisches Schaffen und Ihre wichtige Arbeit als literarische Übersetzerinnen und Übersetzer sein. 

Ich bitte die Preisträgerinnen und Preisträger jetzt nach vorne:

1. Nora Gantenbrink: Sie erhält einen Förderpreis für Literatur. 

2. Ein weiterer Förderpreis für Literatur geht an Martin Halewitz.

3. Brigitte Helbling wird mit einem Förderpreis für Literatur ausgezeichnet.

4. Ein Förderpreis für literarische Übersetzung geht an Miriam Mandelkow.

5. Auch Daniel Mellem bekommt einen Förderpreis für Literatur.

6. Weiter geht es mit einem Förderpreis für Literatur für Juliane Pickel.

7. Stefan Pluschkat wird mit einem Förderpreis für literarische Übersetzung geehrt.

8. Auch Nicolai von Schweder-Schreiner erhält einen Förderpreis für literarische Übersetzung.

9. Der letzte Förderpreis für Literatur des Jahres 2018 geht an Sebastian Stuertz. 

Herzlichen Glückwunsch an alle Preisträgerinnen und Preisträger! 

Ich hoffe, dass Ihnen Ihr Förderpreis für einige Zeit die Arbeit erleichtern möge und dass diesem Abend Verlagsverträge und Veröffentlichungen in Hülle und Fülle folgen werden.

Autorinnen und Autoren sind, wie alle Künstler, auf die Wahrnehmung und Anerkennung angewiesen – und auch auf Preisgelder.

Das haben schon Generationen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern erlebt. Thomas Bernhard zum Beispiel hat einmal in Hamburg einen Preis abgeholt bzw. ein Drittel davon, was ihn „völlig unbefangen in tiefstem Herzen glücklich“ gemacht hat: 

1964 wurde der Julius-Campe-Preis zwischen Gisela Elsner, Hubert Fichte und Thomas Bernhard aufgeteilt. Sein Preisgeld von 5.000 Mark hat Bernhard gleich bei der Rückkehr nach Wien investiert: in einen schnittigen Triumph Herald, „weiß lackiert und mit rotem Leder gepolstert“, wie Sie in seinem bissigen Büchlein „Meine Preise“ nachlesen können.

Nun aber hat Sven Meyer das Wort, der kurz darüber berichten wird, was bei diesen geheimnisvollen Jurysitzungen vor sich gegangen ist. Sven Meyer ist Literaturwissenschaftler und bei der „Patriotischen Gesellschaft von 1765“ für Publikationen und Programme zuständig.

Ihnen allen wünsche ich einen vergnügten und festlichen Abend hier im Literaturhaus – feiern Sie schön!

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