9. Dezember 2018 Verleihung des Boy-Gobert-Preises an Paul Behren

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Verleihung des Boy-Gobert-Preises an Paul Behren

Lieber Joachim Lux, 
sehr geehrter Herr Dittmer, 
sehr geehrter Herr Klaußner, 
sehr geehrter Herr Behren,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bin bei Veranstaltungen wie diesen am Anfang immer darin gefangen, dass wir hier einen performativen Selbstwiderspruch begehen. Wir wollen Schauspiel feiern, wir wollen Schauspieler feiern, wir wollen das Theater feiern. Und erstmal stellen wir Männer auf die Bühne, die Reden halten.
Das gehört offensichtlich zu den Ritualen dazu, ist aber eigentlich etwas, das gar nicht passt. Und das hat auch etwas damit zu tun, dass ich mir auf dieser Bühne immer selbst ein bisschen komisch vorkomme und mich frage: Gehöre ich hier eigentlich hin? Das frage ich mich, obwohl wir in heutigen Zeiten – und das habe ich von diesem Platz aus schon häufig gemacht – die Kategorien Politik und Theater oft in eins schieben. Wer gerade aktuell die Berichte vom CDU-Parteitag, der gestern hier in Hamburg zu Ende gegangen ist, liest, der findet die Kategorien Inszenierung, Schauspiel, Dramaturgie ganz häufig in den Rezensionen dessen, was dort passiert ist. Teilweise auch die freie Improvisation, da sie, anders als bei anderen Parteitagen nicht wussten, wie es ausgeht. 

Aber am Ende sind Theater und Politik eben doch etwas kategorial Unterschiedliches, obwohl wir manchmal dazu neigen, das eine durch die Augen des anderen zu sehen. Denn natürlich hantiert die Politik bisweilen auch mit dem „als ob“ und tut so, als ob sie sich um etwas kümmert. Aber sie muss das verschleiern. Es darf niemals offensichtlich werden als Moment, dass Politik nur so tut als ob. Während im Theater der unausgesprochene Vertrag gilt, dass hier auf der Bühne nur so getan wird, als ob. Das könnte ein Politiker niemals machen. Aber auf einmal tauchen Politiker auf, die nicht mehr verschleiern. Nehmen Sie den US-amerikanischen Präsidenten. Und vielleicht auch nur, weil er den Text nicht lernen kann und deswegen nicht in der Lage ist, das „als ob“ tatsächlich durchzuhalten. Auf einmal wird er von manchen als besonders authentisch wahrgenommen, als ein Vertreter der Politik, wie sie denn sein sollte. 

Ich finde, das sollte meiner Berufszunft ganz gehörig zu denken geben. Und es sollte uns dazu bringen, dass wir das Theater denen überlassen, die es können. Wir selber sollten uns darauf konzentrieren, was wir können. Und das ist Politik, das ist das Verhandeln der gleichen Fragen, aber mit anderen Mitteln und Mechanismen und Instrumenten. Dann stellen wir uns auch auf andere Bühnen und dann müssen wir nicht mehr so tun, als ob. 

Das bedeutet aber nicht, dass man nicht auch das nicht-spielerische Politisieren leidenschaftlich tun kann. Das ist das, was häufig in der Darstellung suggeriert wird. Und das Problem ist, in der Darstellung der Leidenschaft durch die Politik wird das dann besonders häufig kalkuliert und auch wiederum besonders auffällig. Insofern sind wir auch da wieder gut beraten, das sein zu lassen.

Simon Stevens hat uns hier bei der 175-Jahr-Feier des Thalia-Theaters eine sehr eindringliche Rede gehalten. Das Hamburger Abendblatt sprach von der „Rede des Jahres“. Und ich glaube, dem kann man nicht widersprechen. Der Kernsatz war: “We all need to tell our stories better.” Wir müssen unsere Geschichten besser erzählen. Und das gilt für das Theater und für die Politik mit dem kleinen Problem, dass die Politik nicht so tun darf, als ob, sondern nur wahre Geschichten erzählen kann. Aber erzählen sollte sie sie trotzdem, in der Hoffnung, dass sie Mehrheiten findet und dass sie überzeugen kann. 

Das Wichtige dabei ist, dass es uns gelingt, auch in der Politik nicht immer nur nach dem Zweck zu fragen, sondern auch nach dem Sinn, nach dem Warum. Und da haben wir ganz viele Fragen gerade auf der Tagesordnung, die uns auch gar nicht das Wegdrücken auf die Bühne erlauben sollten. Warum eigentlich glauben wir, dass Europa scheitert? Warum bauen wir eigentlich wieder Grenzen auf? Warum finden sich Menschen in einer immer reicher werdenden Gesellschaft eigentlich ausgegrenzt? Warum achten wir so sehr darauf, dass wir selber gut vorankommen, verlieren darüber aber das Gemeinsame aus dem Blick? Und warum eigentlich meinen Leute, dass sie die Freiheit der Kunst in diesen Tagen wieder in Frage stellen dürfen? 

Diese und ganz, ganz viele weitere Fragen nach dem Warum sind Fragen, die wir miteinander bewegen müssen. Das sind Fragen, mit denen die Politik genug zu tun hat. Dafür braucht sie keine Inszenierung. Dafür braucht sie leidenschaftliche Vernunft, die ja übrigens auch an der Wiege der Demokratie in Griechenland gestanden hat. Teilweise auch in den gleichen Räumen, die dann aber doch sehr unterschiedlich gefüllt worden sind. Dazu braucht sie Wort, dazu braucht sie Tat, dazu braucht sie Mut. Und dazu braucht sie die Inspiration und die Leidenschaft derjenigen, die aus der Kunst heraus dann die paradoxe Intervention in unseren Alltag organisieren. Aber sie muss nicht selber paradox intervenieren.

Politik sind ja nicht nur die Politiker, sondern Politik ist das Politische und ist die Gesellschaft insgesamt. Denn das Politische ist das, was im Gespräch zwischen uns allen immer wieder und jeden Tag aufs Neue entsteht, wenn wir darüber sprechen, wie wir das eigentlich miteinander anstellen wollen. 

Heute aber ehren wir jemanden, der sich auf das Spiel, auf das „als ob“, auf das Erzeugen des Scheins im Sinne und Wirken der Aufklärung konzentrieren möchte. Und das Theater hat ganz viele, ganz unterschiedliche Spielarten, die uns dabei alle in den Bann ziehen können. Die intellektuelle Hochseilakrobatik, die sinnliche Theaterartistik, die clowneske Lachnummer oder die melancholische Poesie eines Harlekins. Und wir ehren jemanden, der genau dieses gesamte Spektrum auch beherrscht. Jemand, der die Manege des Theaters immer wieder aufs Neue füllen kann. Sie merken an diesen etwas gezwungenen Allegorien, die ich in den Redetext hinein bringe, dass unser heutiger Preisträger eine große Passion für den Zirkus hat. 

In einem Interview, lieber Paul Behren, habe ich gelesen, dass Sie diese Passion tatsächlich ganz praktisch beim Popcornverkauf während der Vorstellung Ihres großen Bruders entdeckt haben. Schnell sind Sie Ihrem Bruder gefolgt und haben im Kinder- und Jugendzirkus „Zambaioni“ als Clown erste Bühnenerfahrungen gesammelt und sind der Liebe zum Zirkus treu geblieben. Und dabei stört Sie bis heute nicht im geringsten, das finde ich sehr sympathisch, dass das Zirzensische von manchen naserümpfend nur als bloße Unterhaltung oder vermeintlich „niedere“ Kunst betrachtet wird, das  mehr durch Spektakel als durch subtile Darstellung zu beeindrucken versucht. 

Sie wissen, dass das nicht stimmt. Theodor Adorno, den ich andauernd in diesem Jahr zitiere – das muss an 50 Jahre „68“ liegen –, hat einmal geschrieben:  
„Das Kunststück ist keine Vorform von Kunst und keine Abberation oder Entartung, sondern ihr Geheimnis, das sie verschweigt, um es am Ende preiszugeben. Auf dem obersten Formniveau wiederholt sich (in der Kunst) der verachtete Zirkusakt: die Schwerkraft zu besiegen.“
Die Schwerkraft zu besiegen, das meint im Theater nicht in erster Linie – aber natürlich immer auch – die physikalische Schwerkraft der Körper. Sondern das meint auch die Schwerkraft des menschlichen Geistes, der sich ja am liebsten ganz bequem in bereits bekannten Bahnen bewegt, anstatt neues gedankliches Terrain zu erobern oder sich gar ans Trapez zu schwingen. 

Thomas Mann hat angeblich gesagt, dass die Kunst auch nur ein „höherer Jux“ sei. Aber die offene Absurdität des Zirkus wird im Theater in etwas rätselhaft Sublimes überführt. Es geht also im Theater wie auch im Zirkus immer um die Frage nach dem Sinn der menschlichen Anstrengung. Diese wird zwar auf der formalen Ebene geleugnet, auf der inhaltlichen Ebene aber umso stärker ausformuliert. Es soll ja nicht auffallen, wie anstrengend das alles ist. Es soll ja leicht wirken. 

Und, lieber Herr Behren, Sie erinnern uns immer wieder daran, dass wir uns mit der manchmal so leichtfertigen Unterscheidung zwischen der sogenannten Hochkultur auf der einen Seite und der – tja, wie nennen wir Sie eigentlich? – der „Kultur der Ebene“ auf der anderen Seite etwas zurückhalten sollten. Zumal ja die Mühsal der Ebenen – Sie alle kennen den Begriff – ja das ist, was eigentlich unseren Alltag ausmacht.
Die Theatergeschichte zeigt uns jedenfalls immer wieder eindringlich, dass auch populäre Elemente immer wieder Eingang in die Bühnenästhetik gefunden haben und dort Wirkung entfaltet haben. 

Paul Behren gelingt es als Schauspieler ganz besonders gut, uns Deutungsangebote zu machen, auch wortlose Deutungsangebote, die uns inspirieren und irritieren und zum darüber Sprechen animieren. 

Dafür erhalten Sie heute den „Boy-Gobert-Preis“ der Kurt-Körber-Stiftung. 
Herzlichen Glückwunsch!

Mit choreographisch akribischem Geschick und rastlosem Ehrgeiz erforschen Sie energetisch, reflektiert und kraftvoll Ihre zu interpretierenden Figuren und nutzen Ihre facettenreiche, körperliche Spielweise zur Darstellung von tragisch-clownesken Gestalten. Sei es in Castorffs „Der Haarige Affe“, sei es in „Der zerbrochene Krug“ von Thalheimer oder auch in „Junk“ von Ayad Akhtar. Überall Darstellungen, die nachhallen und nachwirken. 

Als jemand, der vom Zirkus kommt, sind Sie aber auch ganz offen für ganz andere Formen als das klassische Sprechtheater. Und so ist es keine Überraschung, dass Sie Teil des Tanzstückes „Assembl’âge“ waren. Das Stück wurde unter der künstlerischen Leitung des burkinischen Choreografen Syouba Sigué von der Compagnie Teguerer auf dem Festival „Solipolis“ im Herbst auf der Veddel aufgeführt. Das Ensemble beschäftigte sich darin choreographisch mit der menschlichen Begegnung zwischen dem Anderen und dem Selbst und ebnete mit Tanz, Musik und Theater den Weg zu einem gelungenen Miteinander. 

Die Begegnung zwischen verschiedenen Menschen in unserer Gesellschaft erfordert solch eine spielerische Aufmerksamkeit. Denn unsere ja kulturell geprägten Codizes, in denen wir uns miteinander verhandeln, haben ein schier unerschöpfliches Reservoir gestischer Zeichen, Verhaltensweisen und Denkmuster. Und auch ein unerschöpfliches Reservoir für Missverständnisse in diesen gestischen Zeichen und Mustern. Meine Lieblingsgeschichte ist immer die, dass irgendwann einmal eine Brüstung eines Country-Clubs in Mexico-City um einen Meter erhöht werden musste, weil der Sprechabstand in Europa und Nordamerika eine Armlänge beträgt. Das können Sie ausprobieren. Wenn Sie sich mit jemandem unterhalten, können Sie immer den Arm so rausstrecken – Sie treffen ihn nie. Aber in Mexiko ist der normale Sprechabstand deutlich kleiner. Das heißt, Sie rücken deutlich näher aufeinander. Das führte zu interessanten Ballettchoreographien auf der Terrasse dieses Country-Clubs, die mehrmals dazu führten, dass nordamerikanische oder europäische Geschäftsleute hinten über die Brüstung kippten. Bis man die Brüstung erhöht hatte. Das ist jetzt ein ganz banales Beispiel, es gibt viel komplexere und kompliziertere, die jetzt zu weit führen würden.

Jedenfalls geht es immer auch darum, was wir eigentlich jenseits des Wortes an Verständigungsmöglichkeiten haben und wie wir sie ausloten. Auch dabei kann Kunst uns helfen. Das bei uns selbst und beim anderen zu erkennen, zu interpretieren und zu hinterfragen ist eine soziale Kunst, die wir im Alltag und im Theater immer wieder üben sollten. 

Und Paul Behren geht jetzt den ganzen Weg. Er hat gesagt, er will diese Potentiale, die sich gerade in dem dann ja kulturell letztlich verbindenden Nichtsprachlichen ausdrücken lassen – vielleicht weil ich eine Barriere weniger habe – in den nächsten Jahren expressiv ausloten. Er will sich insbesondere dem Tanz stärker widmen und hat deswegen das Ensemble des Schauspielhauses im Herbst als festes Mitglied verlassen, um diesen Bereich in der Freiheit stärker erforschen zu können. Dabei wünsche ich Ihnen viel Glück, viel Erfolg und hoffentlich spannende Erkenntnisse, die Sie uns dann in dem Sinne, wie es auch Joachim Lux eben beschrieben hat, auch wieder auf der Bühne vor Augen führen können. 

Meine Damen und Herren, 
ich danke der Körber-Stiftung ausdrücklich, dass sie diesen wichtigen Preis für herausragende Nachwuchsschauspielerinnen und Nachwuchsschauspieler an Hamburger Bühnen bereits seit 1981 verleiht. Mit hohem Engagement, einem großen Interesse, Gesellschaft zu reflektieren und mitzuprägen und einer breiten Palette an kulturellen und diskursiven Veranstaltungen, ist die Körber-Stiftung eine der inspirierenden Institutionen nicht nur unserer Stadtgesellschaft. 

Der Boy-Gobert-Preis und das Körber-Festival „Junge Regie“ sind nur zwei Beispiele, mit denen die Stiftung ganz explizit den Theaternachwuchs stärkt und viel dazu beiträgt, dass junge Theatermacherinnen und Theatermacher die Freie und Hansestadt als Schaffensort zu schätzen wissen und ihre Zelte gerne hier aufschlagen. Dazu meinen herzlichen Dank. Genau das brauchen wir, dieses junge Talent brauchen wir auf den Bühnen unserer Stadt.

Ihnen, lieber Herr Behren, gratuliere ich aber ganz besonders herzlich zu diesem ganz besonders schönen Preis und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch künftig weiter – wie sagen die Amerikaner immer so schön – „all in“ gehen, also nichts zurück lassen, sondern sich hineinwerfen in die Aufgabe, die gerade vor Ihnen liegt und mit jeder Faser Ihres Körpers das verkörpern, was Sie auf die Bühne bringen wollen. 

Ich glaube, wenn das alle in unserer Gesellschaft täten, dann wären wir ein gutes Stück weiter als wir das in diesen manchmal etwas strategisch verbrämten Wie-könnten-wir-denn-Durchkommen-Debatten haben, die wir miteinander führen. 

Wir sollten alle „all in“ gehen. 

In diesem Sinne herzlichen Glückwunsch zum Boy-Gobert-Preis 2018, lieber Paul Behren!



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