21. November 2018 Universitätsgesellschaft Hamburg: „Digitalisierung der Kultur: Transformation und Inspiration“

Vortrag des Senators Dr. Carsten Brosda

Universitätsgesellschaft Hamburg: „Digitalisierung der Kultur: Transformation und Inspiration“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

wenn wir uns die Mediengeschichte anschauen, ist sie über Jahrhunderte hinweg maßgeblich von technologischen Innovationen geprägt worden und gar nicht so sehr von menschlichen Kommunikationsbedürfnissen. Diese haben sich dann eher in den technologischen Optionen entfaltet. 

Als 1605 in Straßburg die erste Tageszeitung in Europa gegründet wurde, geschah dies, weil ein Drucker eine nicht ausgelastete Druckmaschine im Keller hatte. Er überlegte, dass er vom Postmeister nebenan die dort durchlaufenden Avisen wunderbar abschreiben und mit seiner Druckmaschine vervielfältigen und daraus ein Geschäft machen könnte. Wir stellen es uns immer so aufklärerisch vor, wie uns Jürgen Habermas das in seinem Buch vom „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ erzählt hat, dass Bürgerinnen und Bürger sich in selbstverständigen Diskursen miteinander verbinden und das demokratische Gute besprechen wollen. Das spielte natürlich auch eine Rolle. Aber die Zeitung ist entstanden, weil jemand ein Geschäft machen wollte. Als Hamburger haben wir allerdings keine Probleme damit, wenn man mit etwas gesellschaftlich Vernünftigem auch noch Geld verdienen kann. 

Das zieht sich durch die Mediengeschichte. Dass wir eine Presse bekommen haben, die nicht mehr parteigebunden ist, sondern die Gesellschaft als Ganzes adressiert, lässt sich zurückführen auf technologische Möglichkeiten und wurde von den Menschen zugleich als Vorteil empfunden. Die Entstehung der Generalanzeiger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ein direktes Ergebnis der Tatsache, dass mit Rollen-Offsetdruck auf einmal hohe Auflagen möglich waren im Vergleich zu dem klassischen Druck. Und wenn Sie hohe Auflagen erzeugen können, limitieren Sie sich den Markt natürlich nicht künstlich, indem Sie sagen, ich spreche jetzt nur Sozialdemokraten oder nur Kommunisten oder nur Konservative an. Sondern Sie versuchen, überparteilich eine gesamte Stadt zu erreichen. 

Dieses Phänomen haben wir dann noch einmal gehabt mit den Telegraphenwellen, die uns die Nachrichtenagenturen gegeben haben. Mit den Radiowellen kamen das Radio und anschließend das Fernsehen. Die Möglichkeit des Internets, Datenpakete entbündelt zu verteilen, hat ihren Ursprung darin, dass die Amerikaner überlegt haben, wie sie verhindern können, dass bei einem atomaren Erstschlag die gesamte Infrastruktur zerstört wird. Die Rechner wurden so dezentral vernetzt, dass völlig egal ist, ob irgendein Teil kaputt geht, denn der Rest funktioniert autonom trotzdem weiter. Daraus haben wir dann die Struktur des Netzes geschaffen. 

Technologische Innovationen spielen also immer eine große Rolle und präfigurieren, wie wir uns als Gesellschaft verständigen, wie wir als Gesellschaft kommunizieren – und damit natürlich auch, wie wir als Gesellschaft Kultur rezipieren und Kultur produzieren.

Ich glaube, das lässt sich gar nicht voneinander trennen. 

Was neu ist, ist die Umschlagsgeschwindigkeit, in der das passiert. Der Verband der Zeitschriftenverleger hat mal vor ein paar Jahren bei seiner Jahrespressekonferenz eine schöne Grafik gezeigt, in der beschrieben wurde, wie lange einzelne mediale Angebote gebraucht haben, um weltweit 50 Mio. Nutzerinnen und Nutzer zu erreichen.

Ganz oben stand:  „Print:  Jahrhunderte“. Das waren ungefähr 4 Jahrhunderte, bis man 50 Mio. Nutzerinnen und Nutzer erreicht hatte.

Beim Radio waren es 37 Jahre.

Beim Fernsehen nur noch 13 Jahre.

Und das ging dann immer weiter runter, bis ganz unten bei google plus „sechs Monate“ stand. Das war dieses Netzwerk, das google mittlerweile wieder einstellt, weil es nicht funktioniert hat.

Und die Frage war dann, was braucht nur noch drei Monate, bis es eine Reichweite von 50 Mio. Nutzerinnen und Nutzern weltweit erreicht hat? 

Die Geschwindigkeit, in der sich neue Angebote durchsetzen in unserer medialen Welt, ist enorm. Damit müssen wir als Gesellschaft lernen umzugehen. Das ist etwas, das uns seit vielen Jahren erheblich unter Stress setzt, weil wir die Mechanismen dafür nicht haben. 

In der Politik ist das so, weil wir dort häufig erst dann anfangen zu diskutieren, wenn die Neuerungen entweder schon wieder verschwunden sind – das ist ein ganz beliebtes Phänomen:  Politiker diskutieren aufgeregt über Netzphänomene, von denen ihnen junge Leute sagen: „ach, das war doch letzten Sommer“ – oder wenn sie so sehr ins Alltagshandeln eingesackt sind, dass wir gar nicht mehr so richtig weiter kommen mit einer Diskussionen darüber, ob wir das sinnvoll finden. 

Um noch einmal ein Beispiel aus dem Medienbereich heranzuziehen: Bevor wir das Kabelfernsehen in Deutschland eingeführt haben, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, haben wir sogenannte Kabelpilotenprojekte gemacht. Die sind jahrelang von Kommunikationswissenschaftlern begleitet und analysiert worden. Sie wollten herausfinden, wie sich das Medienrezeptionsverhalten von Bürgerinnen und Bürgern verändert, wenn wir im Kabelfernsehen eine höhere Medienvielfalt einführen.

Da gibt es regalmeterweise Studien zu. Das war ein wunderbares Beschäftigungsprogramm der Universitäten. Und am Ende hat man entschieden:  Wir können es wagen. Wir können auch privates Fernsehen zu lassen. Das fing dann mit dem Verlegerfernsehen SAT 1 an, dann kamen irgendwann die Luxemburger mit RTL Plus dazu usw.. 

Heute passieren Dinge, bevor Wissenschaftler sie auch nur entdeckt haben. Und zwar umstürzende Dinge. Dinge, die Millionen von Menschen weltweit nutzen und

die Kommunikationsstrukturen auf den Kopf stellen. Und damit werden wir umgehen müssen. 

Aktuell sind zum Beispiel Geräte, die nur noch auf unsere Stimme reagieren, ein großes Thema. Diesen internetbasierten Assistenten, wie beispielsweise ALEXA, sagen Sie nur noch, was sie tun sollen.

Wir führen viele Diskussionen darüber, wie Dinge in den Listensortierungen auf Suchmaschinen zu finden sind. Wie sorge ich dafür, dass das Relevante in einer Liste relativ weit oben steht, damit die Nutzer es finden? Wenn Sie ein Gerät haben, das nur noch eine schwarze Säule ist, mit der Sie sprechen müssen, bei der es aber überhaupt kein Display mehr gibt, können Sie gar nicht mehr darüber diskutieren:  Ist das Wichtige auf Platz 1 oder auf Platz 100? Es geht also darum, ob der Nutzer weiß, was er hören oder rezipieren möchte. Und wenn er es nicht weiß: Nach welcher Logik präsentiert der Automat ihm das, was gerade für sie oder ihn sinnvoll ist in der Rezeptionssituation. Und wo ist eigentlich meine Referenzquelle, mit der ich nachvollziehen kann als Bürger, dass auch aus meiner Sicht relevant ist, was der Automat mir da präsentiert? Denn ich weiß ja gar nicht, was noch da wäre, weil ich es zumindest über dieses Gerät nicht herausfinden kann. Außer, ich gebe einen anderen Hinweis. Aber schon für die Ansage „Spiel mir Lied X von Künstler Y“ müsste ich ja wissen, dass es das Lied X  von Künstler Y gibt.

An dem Punkt sind wir gerade. 

Ich hatte heute Morgen eine Diskussion zu der Frage: Wie verändert sich die Musikwirtschaft? In der Branche hatten wir in der Vergangenheit viele Disruptionen. Früher hatten Sie einen Laden mit Schallplatten, in den Sie reingegangen und durch die Regal geschlendert sind. Diese Logik hat die Musikwirtschaft dann ins Netz übersetzt. Dann gab es die Listen auf Itunes, dort haben Sie sich etwas runtergeladen, später gab es diese Listen dann auch bei Spotify oder anderen, dort haben sie sich aber nichts mehr runtergeladen, sondern nur noch gestreamt.

Jetzt gibt es diese Listen gar nicht mehr. Wir haben einerseits eine Radiologik, können aber andererseits diese Radiologik vollkommen steuern, indem wir sagen: „Ich will genau das hören.“ Aber woher wissen Sie, was „das“ ist? 

Das sind Fragen, die wir uns immer dann ansehen müssen, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern.

Wir kennen bisher drei große Digitalisierungswellen.

Die erste ist die, die ich eben beschrieben habe: die Digitalisierung der Informations- und Kommunikationssysteme unserer Gesellschaft. Also die Umstellung der klassischen Informations- und Kommunikationskanäle auf digitale Technologien.

Die zweite, die auch schon voll im Gange ist, zum Beispiel hier im Hamburger Hafen, ist die Umstellung von Produktions- und Logistiketten auf digitale Steuerung. Für die Löschung einer Schiffsladung brauchten sie früher hunderte von Arbeitern, heute erledigen das in einem großen Container Terminal hocheffiziente Technik und EDV. Die Präzision in den Abläufen und Prozessketten gelingt nur, weil Computer das machen. 

Die dritte Welle, die die wir gerade erleben, ist die Durchdringung unseres Alltags mit digitaler Technologie und die Vernetzung verschiedener Systemen an letztlich jeder digitalen Schnittstelle. Das reicht dann bis zu dem Angebot von amazon, Ihnen einen Knopf an Ihre Waschmaschine zu machen, auf den sie nur drücken müssen und dann wird ein neues Paket ihres Waschmittels geliefert. So weit sind wir schon. Und von da ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis die Maschine schlicht automatisch weiß, dass Sie etwas nachbestellen müssen. 

In der algorithmischen Durchdringung unseres Alltages durch die technologischen Möglichkeiten verändern sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Wie das am Ende ausgeht und ob das eine Chance oder ein Risiko ist, das liegt in unserer Hand. 

Es gibt dafür ein schönes Beispiel des Innovationsforschers Sascha Friesike, Professor für Digitale Innovationen in Amsterdam. Er hat zwei Bereiche miteinander verglichen. Zum einen die Einführung einer Taxi-App im Iran. Vor dieser App war Taxifahren dort anscheinend eine Katastrophe. Ich war noch nie im Iran, aber ich glaube ihm jetzt mal. Das Taxi kam irgendwann oder kam auch nicht, der Taxifahrer fuhr Umwege und der Preis änderte sich beliebig. In dem Moment, in dem man eine App hatte, über die man die Leistung der Fahrer bewerten konnte, gab es auf einmal eine Transparenz über die Fähigkeit und Vertrauenswürdigkeit der Taxifahrern und binnen weniger Monate veränderte sich durch diese Einführung dieser App, die breit genutzt wurde, die Qualität des Taxifahrens im Iran erheblich. Die Informationstransparenz und Beobachtung der Serviceleistung  waren etwas ganz Besonders und Neues, das dort sehr gut funktionierte. 

Das gleiche Modell wurde, so berichtet Friesicke, in Malaysia für lokale Bed & Breakfast-Anbieter eingeführt. Über eine Buchungsplattform konnte man anschließend mitteilen, wo es schön war und wo nicht. Dort hat dieses Modell allerdings zu einem gegenteiligen Effekt geführt, weil die Kundinnen und Kunden das genutzt haben, um den Bed & Breakfast-Anbietern größere Zimmer zu billigeren Preisen abzupressen, weil sie nur dann eine gute Bewertung abgeben würden.

Wie so oft im Leben ist die Technik alleine ohne ihre kulturelle Einkleidung und ohne ihre konkrete Nutzung erst einmal agnostisch. Die Frage ist: Wie setzen wir sie ein und wie nutzen wir sie. 

Dafür gibt es viele weitere Beispiele. Denken Sie an die Demokratisierungsdiskurse.

Wir haben im „Arabischen Frühling“ vor zehn Jahren gesagt: Social media bringt uns die Befreiung und die Demokratie überall auf der Welt. Und wir sagen, seitdem wir Donald Trump kennen: Social media führt uns zurück in autoritäre Strukturen, selbst in einst gefestigten demokratischen Systemen.

Auch da ist nicht die Frage: Was macht das System, sondern wie nutzen wir es, mit welchen Regeln versehen wir es, und wie wenden wir die technologischen Optionen, die sich dort ergeben, an? 

Wir können das auch bei uns in Deutschland oder in Europa sehen. Wir hatten vor ein paar Jahren parallel die Diskussion über Uber, dieses Unternehmen, das Taxiangebote aus dem Markt drängen wollte. Das war eine Plattform, über die sich jeder anmelden konnte, um in seinem privaten Auto gegen Entgelte, die über die Plattform abgerechnet werden, Personenbeförderung zu betreiben. Das fanden wir nicht plausibel. Einmal ganz davon abgesehen, dass es auch gegen das Gesetz in Deutschland war, weil wir hierzulande ein Personenbeförderungsgesetz haben. Dieses Bundesgesetz verbietet, so etwas ohne Lizenz anzubieten. Außerdem waren wir der Meinung, dass es nicht smart ist, wenn jemand seinen 25 Jahre alten Kadett aus der Garage holt und damit durch die Stadt juckelt. Eigentlich wollen wir mit den Taxifahrern darüber reden, dass sie elektromobil durch die Stadt fahren, um Emissionen zu verringern. Dazu brauche ich aber eine feste, klare Ansprechgruppe. Es ist uns gelungen, unter Inanspruchnahme der hiesigen gesetzlichen Möglichkeiten, Uber mit diesem ursprünglichen Geschäftsmodell vom hiesigen Markt zu verdrängen. Das ging ganz einfach, weil sich Mitarbeiter der hiesigen Straßenverkehrsbehörde einfach mal über die App ein Uber-Fahrzeug bestellt haben, sich hinten rein gesetzt und ein kurzes Aufklärungsgespräch darüber mit dem Fahrer geführt haben, wie teuer das Bußgeld wäre, wenn sie jetzt Ernst machen würden. Das hat sich sehr schnell herumgesprochen. 

Für Airbnb wiederum, das sehr kontrovers diskutiert wird, weil es angeblich die Städte zerstört, haben wir eine gute Lösung gefunden, die wir jetzt im Sommer noch einmal angepasst haben. Im Prinzip ist es ja sinnvoll, wenn du im Sommer in den Urlaub fährst und drei Wochen deine Wohnung jemand anderem zur Verfügung stellen willst. Was wir nicht wollen als Stadt ist, dass Wohnraum zweckentfremdet wird und sich jemand dauerhaft drei oder vier Wohnungen hält und teuer über Airbnb untervermietet, um ein Vielfaches von der normalen Monatsmiete zu bekommen, wenn nur nächteweise vermiete wird. Das haben wir nun gesetzlich ausgeschlossen und werden auch entsprechend digitale Möglichkeiten schaffen, damit sichergestellt ist, dass man das nur als begrenzte, kurzfristige touristische Nutzung anbieten kann. 

Es geht immer wieder darum, wie wir die rechtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen schaffen, die wir brauchen, damit die digitalen Technologien  einen guten, einen vernünftigen Mehrwert für unsere Gesellschaft darstellen. 

Diese Ambivalenz, die wir in den technischen Innovationen finden, dass wir sie gut oder schlecht einsetzen können, finden Sie immer wieder auch in Kunst und Kultur reflektiert. Am letzten Sonntag erst wieder in einer Premiere  des Stückes „Frankenstein / Homo deus“ des Thalia Theaters. Die Inszenierung ist umstritten, beim Publikum wie auch bei den Theaterkritikern. Es ist der Versuch, das Buch „Frankenstein“ von Maria Shelley und das Sachbuch „Homo deus“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari auf der Bühne zu verschmelzen. Nicht alles gelingt, aber ich fand es spannend, dass das Theater, das ja den Ruf hat, sehr kritisch zu sein, daraus keine Dystopie entwickelt hat. Der Regisseur lässt ganz bewusst offen, was eigentlich durch Künstliche Intelligenz, durch Algorithmensteuerung in unseren Gesellschaften passiert. Er hat mehr Fragen gestellt, als Antworten gegeben sowie den wichtigen Hinweis, dass wir uns in unserer Gesellschaft manchmal vielleicht zu sehr mit der künstlichen und zu wenig mit der menschlichen Intelligenz und ihrer Entwicklung befassen. Weil die menschliche Intelligenz der Schlüssel dafür ist, dass wir das mit der künstlichen Intelligenz gut hinkriegen. In der griechischen Mythologie wird der Fortschritt durch den Gott Prometheus initiiert, indem er uns das Feuer gab. Sozusagen als erste Technik, die wir angewendet haben, um unser Leben zu verbessern. Gleichzeitig hat Prometheus aber seine Freundin Athene darum gebeten, uns auch die Vernunft zu geben. Das war eine wertvolle und wichtige Kombination, dass wir nicht nur das Feuer bekommen haben, sondern auch die Vernunft. Ob wir beides auch jederzeit gleichzeitig angewendet haben, da kann man unterschiedlicher Meinung sein. Aber zumindest müssen wir festhalten, dass wir das Potential dazu haben. 

Wenn ich das auf die Frage nach der Kultur herunterbreche, gibt es mehrere Aspekte, die aktuell von hoher Relevanz sind und die viel damit zu tun haben, dass sich die Strukturen und Rahmenbedingungen ändern, in denen wir gesellschaftliche Kommunikation und Diskurse gestalten. 

Zum einen geht es darum, wie wir Digitalisierung nutzen, um Kulturangebote zur Verfügung zu stellen. Wie können wir die Bestände in den Museen, das Repertoire in den Theatern, all die kulturellen Schätzen, das kulturelle Erbe, wie wir in der Kulturpolitik sagen, sichern und verfügbar machen? Das fängt bei den Archiven an und geht bis in die Museumsbestände hinein. Das ist eines der großen Themen der Digitalisierung. 

Das zweite große Thema ist, wie wir digitale Techniken einsetzen, um die Menschen darüber zu informieren, welche kulturellen Angeboten in einer Stadt oder einer Gemeinde zur Verfügung stehen. Wie wir die neuen kommunikativen Möglichkeiten für Kulturinstitutionen so nutzbar machen, dass man auch neue Besuchergruppen erreicht. 

Und das dritte Thema, das uns umtreibt, ist: Wie werden digitale Techniken selber zu einem Modus der Kunst- und Kulturproduktion? Sicherlich etwas, bei dem wir trotz unserer Erfahrungen mit der Medienkunst noch relativ weit am Anfang stehen und noch gar nicht so genau wissen, wohin das geht, und vor allem noch nicht, wo die Entgrenzungen liegen. Es glauben zum Beispiel nicht wenige, dass das, was im 20. Jahrhundert der klassische Film war mit seinen audiovisuellen Narrativen, im 21. Jahrhundert die Games-Industrie ist. Dort werden virtuelle Welten erschaffe, in der sich narrative Strukturen finden, die nicht nur technisch, sondern mittlerweile auch erzählerisch ein anspruchsvolles Niveau erreicht haben. Der ehemalige Betrachter eines Films wird plötzlich zu einem Teilnehmer innerhalb solcher audio-visuellen Welten. Noch betrachten wir das aber nur sehr eingeschränkt als Kultur, sondern glauben, dass sei nur Entertainment, das unsere Kinder dumm und asozial macht. Diese Diskussionen erledigen sich so langsam, weil wir erkennen, das auch die Games eine Kulturtechnik sind. 

Wir hatten in diesem Sommer im Oberhafenquartier eine sehr spannende kleine Ausstellung am Rande der Triennale der Photographie, die „VRHAM! Virtual Reality Hamburg“. Ein ehemaliger Dramaturg und eine ehemalige Geschäftsführerin des Thalia Theaters haben dieses Festival initiiert und Künstlerinnen und Künstler eingeladen, mit digitalen Technologien zu arbeiten und zwar insbesondere den Technologien der Virtual Reality, also des virtuellen Erschaffens begehbarer digitaler Räume mit diesen Brillen, die so schwer sind, dass man kaum länger als fünf Minuten den Kopf damit oben halten kann. Es waren unter anderem Arbeiten von Jonathan Meese und Dani Levi zu sehen, die man tatsächlich sehr dezidiert als Kunst bezeichnen kann, selbst aus Sicht der Traditionalisten. Es gab auch eine Jury mit Kunst-Experten, die am Ende die besten Werke prämiert hat. 

So etwas werden wir brauchen, um festzustellen, was die qualitativen Merkmale in der Produktion von Kunst im Digitalen sind. Das wird noch eine sehr breite Diskussion geben, wie wir sie bisher bei der Emergenz jeder neuen Kunstform hatten. Wir haben zum Beispiel Jahrzehnte darüber diskutiert, ob Photograhie Kunst ist. Mittlerweile ist das klar. Aber es gab viele Jahre lang die Einstellung, das sei keine Kunst, das werde nur in Illustrierten gedruckt und sei nur für die Warenästhetik relevant. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Und wir werden es auch im Digitalen in der gleichen Art und Weise noch zu diskutieren haben. 

Es gibt mit Blick auf die Digitalisierung bereits viele spannende Beispiele, wie das gut gelingen kann, durchaus auch einige, hier bei uns in Hamburg. In den großen Museen der Welt gibt es mittlerweile vielfach Digitalisierungsprogramme, zum Beispiel im British Museum oder den Uffizien in Florenz. Sie können die Museen jetzt zu Hause oder in der U-Bahn an ihrem Rechner besuchen, Sie können durch die Ausstellung navigieren, Sie können, als ob sie durch die Räume gehen, vor jedem Bild stehen bleiben und sich das ansehen. Und spannenderweise führt das nicht dazu, dass die Menschen dann nicht mehr ins Museum gehen. Das ist ja die große Sorge, dass die Aura des analogen Erlebnisses verloren geht und die Leute sich mit dem digitalen, virtuellen Besuch zufrieden geben. Die Erfahrung in den Häusern ist aber eine gegenteilige: Die Menschen werden durch diesen „Appetithappen“ angeregt, danach ganz bewusst das Original zu erleben. 

Wir erleben das übrigens auch in anderen Bereichen. Als Fußballübertragungen ins Fernsehen kamen, gab es eine Diskussion darüber, ob das dazu führt, dass die Stadien bald leer sein werden. De facto hat sich die Durchschnittsbesucherzahl bei einem Fußballspiel in der 1. Bundesliga seit Einführung der TV-Übertragung verdoppelt. Heute gehen im Schnitt über 40.000 ins Stadion, damals waren es knapp über 20.000 Besucher pro Spiel. Die Befürchtung hat sich also nicht bewahrheitet, sondern der zusätzliche Verbreitungsweg hat dazu geführt, dass noch mehr Menschen damit in Kontakt kommen und so quasi erst einmal die Plausibilität eines solchen Angebots für sich testen. Oft wird damit das eigene Vorurteil entkräftet, dass das nicht das richtige für einen selbst sei. 

Das Hauptproblem, wenn wir im kulturellen Sektor neue Zielgruppen anzusprechen versuchen, ist, das viele das Gefühl haben, die Angebote seien nicht für sie geeignet. Sie befürchten, dass die Angebote für Menschen mit Vorbildung gedacht seien, die bestimmte bürgerliche Codes kennen, die im besten Falle sogar Kunstgeschichte studiert haben. Wenn Sie sich zum Beispiel die Museen baulich angucken, dann unterstreichen die diesen Effekt, weil wie alle wie Kunsttempel gebaut sind: Sie müssen hohe Treppen hochgehen, danach kommen sie in einen großen Raum, der sie erstmal physisch klein macht, das suggeriert die Bedeutungslosigkeit des einzelnen Besuchers, dem jetzt die Weltdeutung präsentiert wird. Ist das ein Raumgefühl, das den Besucherinnen und Besuchern vermittelt, dass sie am richtigen Platz sind? 

Wir wissen von Nichtbesucherstudien, dass 50 Prozent der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes überhaupt keine öffentlich geförderten Kulturangebote wahrnehmen. 50 Prozent ist eine immense Zahl, wenn Sie eigentlich den Anspruch haben, mit Kunst- und Kulturangeboten gesellschaftliche Räume zur Verständigung einer Gesellschaft über sich selbst zu eröffnen. Das Kunsterlebnis wirkt natürlich auch ganz individuell, aber im Idealfall rede ich darüber auch mit Dritten. Der Prozess der Aufklärung von Gesellschaft und der Sicherung von Freiheit, von Offenheit und von Vielfalt und damit von Demokratie fängt so an: mit einem Gespräch zwischen zwei Menschen. Wenn 50 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sagen: „Das, was in den Kultureinrichtungen stattfindet, hat mit mir eigentlich gar nichts zu tun, und eigentlich wollen die mich auch gar nicht“ – dann haben wir ein Problem. Wenn jemand sagt, dass ihn oder sie das nicht interessiert, dann ist das etwas anderes. Wir wollen niemanden zwingen, in die Kunsthalle oder in die Oper zu gehen. Das wäre der falsche Ansatz. Aber das Gefühl zu haben, dass man nicht gemeint ist als potentieller Rezipient eines Angebotes, das ist etwas, worüber wir uns Gedanken machen müssen und worüber wir uns spätestens seit Hilmar Hofmann Gedanken machen in der Kulturpolitik. Sein Credo aus den 1970er Jahren lautete ja: „Kultur für alle!“. Und nun, fünfzig Jahre später sind wir immer noch an dem Punkt, an dem die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger sagt: „Für mich nicht.“ 

Deswegen spielt die Frage „Wie gehe ich mit Digitalisierung um als einer weiteren Möglichkeit, mit der Gesellschaft in Kontakt zu kommen?“ durchaus eine große Rolle.

Und das heißt dann für die Häuser auch, dass sie sich darüber Gedanken machen müssen, wie sie Social Media in ihrer Kommunikation nutzen oder welche digitalen Angebote sinnvoll sind. Wie mache ich zum Beispiel mit einem kleinen Film von den Proben aufmerksam und neugierig auf die Aufführung? Wie nutze ich die neuen Möglichkeiten, um mit meinem Publikum direkt – und nicht nur vermittelt über die Kulturredaktion eines Spartenmagazins, der regionalen Tageszeitung oder des regionalen Hörfunks – in Kontakt zu kommen? 

Das setzt aber für eine Kultureinrichtung eine neue Herangehensweise an diese Möglichkeiten voraus. Bisher wurde ja weniger direkt mit dem Publikum kommuniziert, weil die Vermittler das für die Institutionen erledigt haben. Und wenn ich die Journalisten des Abendblatts oder des NDR und noch von zwei, drei Spezialmagazinen überzeugt habe, dann war das schon die halbe Miete, denn von dort aus wurde dann darüber informiert, ob das Angebot eine interessante Option ist. Jetzt kann ich direkt ins Gespräch gehen. Das ist eine riesige Chance. Aber ich muss natürlich lernen, mit der Antwort oder der Frage des Gegenübers auch umzugehen. Denn eine Ablehnung vom Publikum kann auch eine narzisstische Kränkung sein. Aber wenn wir das hinter uns lassen, sehen wir die großartige Möglichkeit, mit denen, für die wir das machen, direkt in Kontakt zu kommen und darüber zu reden, ob das sinnvoll ist, was wir tun. Ob wir das anders machen müssen, ob wir Bedürfnisse ignorieren, ob wir vielleicht jahrelang oder jahrzehntelang vorbeiprogrammieren an bestimmten Fragen, die sich Menschen stellen. Dann steckt darin eine riesige Chance, wenn eine Kultureinrichtung das halbwegs professionell hinbekommt. 

Das gilt für Unternehmen in gleicher Art und Weise. Es gibt ein sehr lesenswertes Buch aus den USA dazu, das heißt: „Groundswell“. Also das Untergrundmurmeln. Darin wird beschrieben, dass Krebskliniken in den USA sich hinsichtlich ihrer Positionierung am Markt ausschließlich daran orientiert haben, welche Bewertungen sie in den Medical Journals bekamen. Irgendwann haben sie aber festgestellt, dass die Nachfrage überhaupt nichts mehr mit dem zu tun hatte, wie sie in den Medical Journals bewertet wurden. Kliniken, die dort sehr gut bewertet wurden, bekamen auf einmal überhaupt keine Patienten mehr. Das funktioniert ja am Krankenhausmarkt in den USA ein bisschen anders als bei uns, deutlich marktgetriebener. Sie haben dann herausgefunden, dass es Debattenforen von Patienten im Netz gibt, in denen Patienten sich darüber unterhalten, wie sie die Leistungen dieser Kliniken finden. Und einige der medizinisch am höchst geranktesten Kliniken bekamen in diesen Foren katastrophale Bewertungen. Daran orientierten sich viele potentielle Patienten stärker als an den Fachjournalen, die Sie ja als Normalmensch nicht lesen. 

Das Phänomen gibt es auch in der Computerindustrie. Selbst Dell Technologies ist da mal ganz böse auf die Nase gefallen, weil sie es nicht geschafft haben einen ordentlichen Kundenservice aufzubauen, obwohl sie eine Computerfirma sind und das eigentlich wissen müssten. Dann gab es die Kampagne „Dell is hell“. Und Dell brauchte etwas länger, um zu begreifen, dass diese Kampagne existierte. Sie haben zuerst nur ihre deutlich sinkenden Absatzzahlen gesehen. Das zeigt uns, dass die Nutzerinnen und Nutzer eine lautere Stimme bekommen haben. 

 Kultureinrichtungen sind für diese neue Situation wohl prädestiniert, weil Kommunikation ja eine ihrer größten Stärken ist. Weil es ja genau darum geht bei Kunst und Kultur: Um die Kommunikation mit einem Publikum. Künstlerinnen und Künstler machen Deutungsangebote und wollen ja gerade nicht, dass die Leute aus dem Theatersaal oder aus dem Museen raus gehen und sagen: „Das war’s und nun wieder zurück in den Alltag“. Im Idealfall soll das Erlebnis ja weiter wirken und Veränderungen in Gang setzen. 

In Hamburg arbeiten wir gerade ganz intensiv mit allen Theatern – und zwar sowohl den Staatstheatern als auch den Privattheatern – daran, gemeinsam ein Customer Relationship Management aufzubauen. Denn wenn wir über den online-Ticketkauf die Daten des Käufers haben, dann können wir auch mit ihm in Kontakt bleiben und am Tag vor der Vorstellung sagen, wo er am besten parken kann oder ob er besser mit der U-Bahn kommen soll, und am Tag danach können wir fragen, wie es ihm gefallen hat und auf ähnliche Vorstellungen hinzuweisen. Das sind alles Möglichkeiten, mit denen ich einerseits Absatzmöglichkeiten verbessere, andererseits aber natürlich auch Kunden an mein Haus binde – und vielleicht irgendwann zu Abonnenten machen kann. Einige Privattheater machen das schon sehr erfolgreich, zum Beispiel Corny Littmann mit seinen Theatern am Spielbudenplatz. 

Wir arbeiten außerdem auch intensiv daran, wie wir Kulturangebote so zusammenbündeln können, dass sie nicht mehr nur unbedingt an einer Institution hängen, sondern dass sich auch thematisch Interessierte oder Sparteninteressierte über die Institutionengrenzen hinweg ganz leicht die passenden Angeboten erschließen können. 

Dann haben wir erste Schritte gemacht mit der „Kulturpunkte-App“, die transparent macht, welche Angebote überhaupt da sind. Aber wir sind damit ehrlicherweise noch völlig am Anfang. Da haben wir die technologischen Möglichkeiten noch nicht mal annähernd ausgelotet. 

Wir haben kürzlich die Speicherstadt, die ja als Welterbe eine der Haupt-Tourismusdestinationen ist, gemeinsam mit google, dem NDR und vielen anderen Partnerinnen und Partnern digitalisiert. Sie haben nun die Möglichkeit, durch die Speicherstadt zu gehen und sich mit einer App die Informationen über den Ort, an dem Sie gerade sind, in der historischen Kontextualisierung zu besorgen. Sie können ihr Handy hochhalten und ein Foto überblenden, wie das vor 100 Jahren an dieser Stelle aussah. Google hat street view als fleet view nachgebaut, weil Sie mit Booten die Kanäle abgefahren sind in der Speicherstadt, also dort, wo Sie sonst nur mit der Barkassenrundfahrt hinkommen. Solche Projekte öffnen Räume in der Kommunikation und in dem Gespräch über das, was kulturell möglich ist. 

Hinsichtlich der Kulturproduktion im Digitalen stehen wir noch vor der Herausforderung, die richtigen Förderinstrumente zu entwickeln. Außer bei der Bildenden Kunst, bei der wir sagen, dass es sich einfach um eine andere Technik handelt, bei der statt  Steinmetzarbeit, Malerei oder Videokunst nun eben digitale Techniken angewendet werden. In den anderen Kunstsparten, gerade den darstellenden Künsten, deren Wirkung sich ja bisher auch aus der Flüchtigkeit und Besonderheit des einzigartigen, analogen Erlebnisses speiste, wird es da schon schwieriger. 

Wir haben aber viele Einzelprojekte, die auf diesem Gebiet neue Wege beschreiten. Wir machen mit John Neumeier eine Dancing Cloud, bei der wir versuchen, sein tänzerisches Werk digital im Netz zur Verfügung zu stellen. 

Wenn wir es generell schaffen können, mit einer Cloud-Lösung aus den Silos der Einzelanbieter rauszugehen und gemeinsam standardisierte Überblicke zu schaffen, wenn wir die Daten nach einer bestimmten Logik an einer zentralen Stelle ablegen, dann wäre das ein großer Gewinn für alle. Wir arbeiten deshalb an einer sogenannten eCulture-Cloud, mit der wir versuchen wollen, diese Angebote dann auch tatsächlich zentralisiert abzulegen und den einzelnen Einrichtungen zur Verfügung zu stellen, so dass alle miteinander vernetzt sind. 

Wenn sie digitale Techniken nutzen, dann öffnen sich Möglichkeiten, die Sie am Anfang noch überhaupt nicht überblickt haben. 

Wir haben in der Stadt eine inzwischen intensive Diskussion über den Umgang mit dem kolonialen Erbe. Wir haben nicht wenige Museen und andere Orte im Stadtbild, an denen relativ schnell ersichtlich wird, dass unsere Stadt eine koloniale Vergangenheit hat. Und dass ein guter Teil des Reichtums dieser Stadt auch etwas damit zu tun hat, dass in dieser Stadt, die ja eine Hafenstadt ist, über Jahrhunderte hinweg der deutsche Welthandel organisiert wurde, der in der Vergangenheit immer wieder auch Verbrechen an der Menschlichkeit geduldet oder gar begangen hat. 

Soldaten, die den Aufstand in Namibia niedergeschlagen haben, wurden hier am heutigen Baakenhöft, am Afrikaterminal, eingeschifft. Kaufleute dieser Stadt waren sogar veritable Sklavenhändler. In unseren Museen gibt es viele Stücke, bei denen sehr offensichtlich ist, dass sie mindestens in einem kolonialen Geiste und teilweise unter dubiosen, problematischen oder sogar verbrecherischen Umständen hierhergekommen sind.

Wir haben beispielsweise gerade im Museum für Kunst und Gewerbe drei Bronzen aus dem ehemaligen Königspalast in Benin in der Ausstellung „Raubkunst“. Der Palast wurde im Rahmen einer Strafaktion der britischen Armee Ende des 19. Jahrhunderts zerstört und geplündert. Justus Brinckmann, der Gründungsdirektor des Museums für Kunst und Gewerbe, war in Europa einer der Haupthändler mit diesen Bronzen, die über Hamburg eingeschifft wurden. Heute würde man das wahrscheinlich Hehlerei nennen. Damals nicht. Vor allem, weil nach damaliger Logik nicht klar war, ob es sich wirklich um ein Verbrechen handelte. Das sehen wir heute sehr viel klarer. Es gibt daher eine wichtige Diskussion darüber, dass wir diese Gegenstände in ihre Herkunftsgesellschaften zurück geben müssen. Diese Diskussion führen wir nun mit denjenigen, deren kulturelles Erbe wir im 19. Jahrhundert außer Landes geschafft haben. 

In Nigeria wurden dadurch im Prinzip sämtliche Darstellungen starker Frauenpersönlichkeiten, die eine große Rolle in dieser Kultur spielten, entwendet. Das führt dazu, dass im kulturellen Symbolhaushalt dieses Landes starke Frauen heute kaum mehr auftauchen, weil diese Plastiken irgendwo in England, in Frankreich und in Deutschland in den Museumsdepots liegen. Das verändert auch eine Gesellschaft. 

Unter Digitalisierungsgesichtspunkten ist das deswegen interessant, weil in den Herkunftsgesellschaften zum Teil nicht einmal mehr das Wissen darüber vorhanden ist, was einmal im eigenen Land war. Wir haben zwar die Inventarlisten der Museen, die oft auch online zugänglich sind, aber das reicht selten aus als Informationsquelle. Dafür braucht es Digitalisate. Wir müssen digital offen legen, um welche Objekte genau es sich handelt. Dann kann man auch eine Diskussion darüber führen, ob das etwas ist, was mit der kulturellen Tradition eines anderen Landes zu tun hat und ob das unter Umständen restituiert werden sollte oder im Rahmen einer Dauerleihgabe zurückgeführt werden muss. Möglicherweise ist es sinnvoll, die entstandene Lücke dann mit einer Kopie zu füllen, denn damit können wir das gemeinsame historische Erbe – shared heritage – darstellen. 

Diese Diskussion können wir aber nur dann führen, wenn wir dafür im Digitalen die Voraussetzungen schaffen. Solange es nur Inventarlisten gibt, ist das halbwegs müßig. Und ein Besuch im Museumsdepot kann sich ebenfalls schwierig gestalten, weil die in vielen Museen im Moment oft noch recht unzugängliche Labyrinthe sind. Aber das wird sich alles verbessern im Laufe der nächsten Zeit. 

Wir sehen also auch an diesem Beispiel, dass die Digitalisierung Möglichkeiten eröffnet, die wir manchmal erst in dem Moment entdecken, in dem wir anfangen, darüber nachzudenken, was mit solchen Datenmöglichkeiten künftig passieren kann. Das Entscheidende und Interessante für uns ist, dass wir es als Stadt schaffen müssen, dass diese Vielzahl von Möglichkeiten nicht Einzelprojekte einzelner Institutionen bleiben, die man mal für zwei, drei Jahre finanziert, denn dann finden sie für eine Weile statt und hören dann wieder auf. Sondern dass wir das richtig systematisch in die Strukturen hinein bekommen und auch in die Grundaufgabenkataloge der einzelnen Einrichtungen. 

Wir geben im Bereich der Museen, auch wenn das aus meiner Sicht zu wenig ist, immerhin etwas mehr als eine Million Euro aus, um weiter zu digitalisieren – um irgendwann in den 20er Jahren mal fertig zu sein, zumindest mit den Teilen, die wir uns vorgenommen haben. Aber wir sind bei ganz vielen Digitalisierungsprojekten, wenn sie die Deutsche Digitale Bibliothek nehmen oder Europeana nehmen, so weit, dass wir eigentlich nur die Findmittel digitalisieren. Also nur die Methoden, mit denen sie auffinden, und noch längst nicht das eigentliche Werk. Das muss aber auch passieren. Und die Frage, wie strukturiere ich meine Kommunikation als Kulturinstitution, auch da müssen wir ran und die Ressourcen und das know how zur Verfügung stellen. 

Und dann müssen sich die Einrichtungen unter Umständen fragen, ob es vielleicht andere Bereiche gibt, die ich nicht mehr so dringend brauche.

Und am wichtigsten ist natürlich, wie die Einrichtungen es hinbekommen, dass die Angebote, die sie machen, digital so zur Verfügung gestellt werden, dass sie die Attraktivität des Hauses zeigen. Die Elbphilharmonie beispielsweise hat einen eigenen Youtube-Channel, über den Sie, wenn Sie noch nicht im Großen Saal waren, einen Eindruck davon bekommen können. Sie können sich dort herausragende Konzerten angucken und anhören. Ich wette, es wird die Lust auf den Konzertsaal nur vergrößern.

Die Berliner Philharmoniker machen das mit ihrem Digital concert hall-Projekt seit einiger Zeit ebenfalls in wirklich herausragender Art und Weise. 

Wir reden gerade mit den Stadttheatern darüber, ob wir einzelne Klassikerinszenierungen so aufarbeiten können, dass sie als Digitalisat in Schulen im Unterricht genutzt werden können. Also nicht nur die live-Variante mit dem Schulbesuch im Theater, sondern auch zum detaillierten Studium einzelner Szenen, die dann besprochen und immer wieder angeguckt werden können. So können die Schülerinnen und Schüler genauer erkennen, was zum Beispiel das Regie-Theater mit einer Klassikervorlage macht. 

Das Konservatorium arbeitet an einer Möglichkeit, den Musikunterricht digital anzureichern, so dass die Möglichkeit entsteht, dort weiteres Know how von großartigen Musikerinnen und Musikern mit hinein zu nehmen. 

Es gibt also ganz viele Möglichkeiten, Kultur zugänglicher zu machen und auf der Höhe der Zeit anders zu präsentieren. 

Und insofern – um zum Anfang zurück zu kommen – glaube ich, dass eindeutig die Chancen überwiegen, wenn wir die Digitalisierung gestalten. Und ich bin der Überzeugung, dass das ein Thema ist, das uns in eine verantwortungsvolle Position bringt. Wir müssen die Möglichkeiten, die Digitalisierung uns bietet, in den Häusern und in den Strukturen so intensiv ausprobieren, dass wir selber die Hoheit darüber haben, wie wir digitale Techniken nutzen können. Wir sollten versuchen, der von Prometheus mit dem Feuer ausgestatte Mensch zu sein, der diese Technik dann eben auch mit Vernunft nutzt. Damit daraus etwas wird, das Kulturangebote zugänglicher, attraktiver und auch wiederholt nutzbarer macht. 

Schönen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien