20. Januar 2019 Lessingtage 2019

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Lessingtage 2019

Sehr geehrte Damen und Herren, 

wir feiern heute zehn Jahre Lessingtage und ich möchte gern drei Gedanken zum Thema der Veranstaltung mit Ihnen teilen. Erstens: Der Begriff der offenen Gesellschaft, mit dem diese Matinee überschrieben ist, reicht viel tiefer und ist viel radikaler, als uns das so manche allfällige feuilletonistische Beschwörung dieses Begriffes, die wir dieser Tage häufiger lesen, suggerieren mag. 

Der Begriff geht zurück auf Karl Popper, sein Buch „The Open Society and Its Enemies“ erschien 1945 in Neuseeland im Angesicht der Menschheitskatastrophe des Zweiten Weltkrieges. Es ist ein klares, vehementes und auch sprachlich geschliffenes Plädoyer, eine Absage an jegliche Form von Ideologie, Dogmatismus und jegliche Vorstellung von einer gesetzten, aus sich selbst heraus, ohne gesellschaftliche Zustimmung bestehenden Wahrheit. Das ist ein Gedanke, dem man gerade in unseren heutigen Tagen nachschmecken muss, weil uns diese Absage an das, was wir gesellschaftlich für wahr und für richtig halten, momentan auch wieder miteinander beschäftigt. 

Sein entscheidender Hinweis war, dass wir eigentlich nichts verifizieren können, er nannte dieses Konzept den kritischen Rationalismus. Wir können nur falsifizieren, wir können nur feststellen, dass etwas nicht stimmt und es dann verwerfen. Der Korpus, auf dem wir uns aneinander abarbeiten und auf dem wir unsere Gesellschaft organisieren, wird so stückweise immer kleiner und es destilliert sich ein Kern von Dingen heraus, die wir als Grundlage unseres Zusammenlebens und als Grundlage von Wahrheiten in unserer Gesellschaft akzeptieren. Das ist ein spannender Moment, denn er steht diametral zu den Anforderungen sowohl der Religion als auch der marxistischen Geschichtsphilosophie, die davon ausgehen, dass es einen Endpunkt in der Geschichte gibt, auf den wir zusteuern und alles bis dahin sich entlang dieser Wahrheit entwickelt. Dass stimmt aber nicht, sondern wir müssen radikal immer wieder miteinander in die Klärungsprozesse dessen gehen, was dann für uns in unseren Gesellschaften gilt. 

Wir sind derzeit wieder an einem Punkt, an dem wir genau diese Radikalität eines solchen Klärungsprozesses brauchen, aber auch eine Absicherung. Popper wie auch alle anderen Verfechter der offenen Gesellschaft haben mit dem Konzept nicht gemeint, dass nichts mehr gilt. Was wir momentan erleben, ist dass diese Figur des Infragestellens von Wahrheiten auf einmal auch die Dinge betrifft, auf die wir uns als Gesellschaft verständigt haben. Wir erleben momentan so ein umstandsloses, postmodernes, beliebiges „anything goes“, des Nebeneinanderher, in unserer Gesellschaft. Nach dem Motto: „Man wird das doch mal sagen dürfen.“ Wir haben in den letzten Tagen wieder so eine skurrile Debatte in den Boulevardmedien gehabt, bei der ich noch nicht einmal den Kern dessen verstanden habe, worum es da ging… 

Auch wenn wir auch keine inhaltlichen, materiellen Wahrheiten mehr haben, ein paar Grundvorstellungen davon, wie wir gemeinsam zu Übereinkünften kommen, haben wir sehr wohl. Joachim Lux hat darauf schon hingewiesen: Die Zivilität unseres Umgangs miteinander, das gegenseitige sich-Anerkennen und die Annahme, dass man gemeinsam auf der Suche nach etwas Richtigem und nach etwas Gutem ist, die dürfen wir nicht aufgeben. Denn ohne das gelingt eine offene Gesellschaft nicht. 

Das ist manchmal durchaus kontrafaktisch. Wir reden manchmal mit Menschen und ahnen, dass die eigentlich gar nicht von uns überzeugt werden wollen. Und manchmal reden wir selbst mit jemandem und ahnen, dass wir uns nicht überzeugen lassen wollen. Wir reden aber trotzdem weiter. Und durch dieses „Trotzdem-weiter-miteinander-Reden“ schaffen wir Gesellschaftlichkeit. Das ist etwas, das sehr fragil ist, das aber am Ende das Einzige ist, das unser Gesellschaften – diese Veranstaltung von 82 Mio. Menschen in Deutschland, über 500 Mio. in Europa und bald 9 Mrd. Menschen in der Welt – zusammenhält: dass wir miteinander sprechen. Das ist der normative Kern der offenen Gesellschaft. 

Das führt mich zu der zweiten Bemerkung: Es ist gut, dass wir hier in einem Theater sind und es ist gut, dass wir Journalistinnen und Journalisten haben, die gleich zu uns sprechen werden. Wer von der offenen Gesellschaft spricht, muss sich darum kümmern, dass Öffentlichkeit in unseren Gesellschaften gelingen kann. Das sagt sich so leicht. Das ist aber etwas ganz Schwieriges. Es hat etwas damit zu tun, dass wir das, was ich eben für das Private und das direkte Gespräch beschrieben habe, auch in der großen Skalierung gelingen muss. 

Im letzten Jahr ist ein spannendes Buch erschienen, es hieß „How Democracies Die“. Die zwei Harvard-Politologen Steven Lewitsky und Daniel Ziblatt beschreiben darin, wie heute Demokratien sterben. Wir haben meist die Vorstellung, die Demokratie gehe in irgendeinem Coup unter. Dann marschieren die Militärs auf, räumen eine Regierung ab und übernehmen wirksam die Macht. Das stimmt aber nicht. Demokratien fangen heute an zu erodieren, nicht weil wir militärische oder sonstige gewaltsame Übergriffe haben, und auch nicht, weil etwas in den Verfassungen nicht stimmt, sondern weil die zusätzlichen Voraussetzungen innerhalb einer Gesellschaft für das Leben von Demokratie erodieren. 

Lewitsky und Ziblatt nennen vor allem zwei Faktoren. Erstens die Fähigkeit, einander wechselseitig als gleichberechtigt anzuerkennen. Also das Anerkennen, dass jemand, der nicht meiner Meinung ist, trotzdem ein Recht hat, diese Meinung zu vertreten. Das normiert übrigens auch den Raum, in dem wir miteinander sprechen, weil natürlich derjenige, der mich nicht anerkennt, auch von mir keine Anerkennung erwarten kann. Die Unterstellung, dass jeder, der eine andere Meinung hat, auch das Recht hat, diese Meinung, so er denn eine Mehrheit erringen kann, in Politik umzusetzen. Dort muss er sich dann mit denen auseinandersetzen, die wiederum andere Meinungen als er haben. Das normiert den Raum der demokratisch legitimen Partnerinnen und Partner innerhalb einer Gesellschaft. Wer diesen Respekt wechselseitig nicht aufbringt, der verabschiedet sich aus dem Konsens, der eine offene Gesellschaft trägt. 

Der zweite Aspekt, auf den die beiden in ihrem Buch hinweisen, ist die Frage danach, inwieweit ich die Rechte in Anspruch nehme, die mir zur Verfügung stehen. Da brauchen wir das, was Aristoteles als „Ethik des Maßhaltens“ formuliert hat. Wenn ich jedes Recht bis zum Exzess in Anspruch nehme, funktioniert die Veranstaltung nicht mehr. Das ist am Ende ein bisschen so wie bei den Jugendlichen, die auf dem Hinterhof Fußball miteinander spielen. Wenn zum Beispiel einer etwas Bestimmtes besser kann, als die anderen, und das jeden Tag bis zum Exzess ausübt, spielt er irgendwann nicht mehr mit. Die Vorstellung, dass wir uns morgen zu einem neuen Spiel in der gleichen Arena wieder treffen, muss uns limitieren in der Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Diese Selbstreflexion ist elementar. 

Ohne diese beiden Voraussetzungen kann Öffentlichkeit, kann öffentlicher Diskurs und damit die Verständigung über das, was uns gemeinsam ist, nicht gelingen. Dies als ein Grundfundament unserer Gesellschaft anzuerkennen und bei den Lessingtagen den Blick darauf zu richten, ist ein wichtiges und richtiges Anliegen. 

Dieser Respekt und dieses Maßhalten drohen, uns in den neuen Foren von Öffentlichkeit verloren zu gehen. Oder scheint zumindest dort bedroht zu sein. 

Der dritte Gedanke, der mir zur heutigen Veranstaltung kam, ist, dass die Vernunftorientierung, die Lessing und Popper und auch unsere Demokratie ausmacht, nichts Lustfeindliches, Kreativitätsfeindliches oder Gefühlloses ist. Popper selbst hat ganz im Gegenteil darauf hingewiesen, dass die Idee einer kritischen Vernunft Fantasie, Kreativität und Gefühl braucht. Kritik braucht die Vorstellung von etwas anderem als dem jetzigen Zustand, sonst habe ich keinen Kritikmaßstab. Der Dogmatiker, der Ideologe braucht das nicht, weil bei ihm feststeht, was gilt, und über das Andere gar nicht spekuliert werden muss, geschweige denn gespielt, geschweige denn gefühlt. Aber die Kritik und damit auch die Vernunft brauchen die Vorstellung vom Anderen. Und die Vorstellung vom Anderen ist eine Vorstellung, die aus unserer Kreativität, Fantasie und Leidenschaft erwächst. Vernunft und Leidenschaft sind keine Gegensätze, sondern sie bedingen einander. Wir brauchen gerade heute in unserer Gesellschaft leidenschaftlich vernünftige Menschen. Und zwar viel mehr, als wir manchmal auf dem Platz haben. 

Das alles führt uns zu Fragen, die uns nicht nur hier in unserer Gesellschaft bewegen, sondern die – wie auch Joachim Lux schon sagte – längst transnational sind. Die Idee von Kulturen als in sich geschlossene Kugeln, die aus sich selbst heraus Sinn machen, gilt nicht mehr. Wir sind längst in transkulturelle Netzwerke verwoben und stellen fest, dass wahrscheinlich der Investmentbanker in Frankfurt am Main mehr gemein hat mit dem Investmentbanker in Tokio als mit der Bäckereifachverkäuferin, bei der er morgens seine Brötchen kauft. Wenn wir uns die kulturellen Bezüge anschauen, stellen wir fest, dass diese multiperspektivisch gebrochen sind. Deswegen gibt es auch schon lange keine Begründung mehr für den Eurozentrismus, den wir noch in so vielen politischen, gesellschaftlichen, globalen Debatten haben. 

An dieser Stelle möchte ich gern Ergebnissicherung betreiben: Hamburg hat – und da waren wir dann immerhin schon normativ weltoffen – 2014 im Senat beschlossen, dass wir uns ein postkoloniales Erinnerungskonzept zur Aufgabe machen, um genau das miteinander zu erarbeiten. 

Es ist diese Stadt gewesen, es waren die Kaufleute dieser Stadt, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Berlin gefahren sind, um am Vorabend der Berliner Konferenz den Politikerinnen und Politikern nahe zu bringen, dass es Kolonien brauche, damit ihre Handelsposten gesichert seien. Wir haben also eine historische Verantwortung, dafür zu sorgen, dass wir im 21. Jahrhundert endlich nicht nur auf Augenhöhe, sondern gleichberechtigt, also mit gleichen Rechten ausgestattet, in einen leidenschaftlich vernünftigen Diskurs miteinander gehen, um gemeinsam herauszufinden, was für uns global gelten muss. Das ist eine Verantwortung, der wir uns stellen werden. 

Ich freue mich auf viele inspirierende, begeisternde, vielleicht auch irritierende und verärgernde Momente bei den Lessingtagen. Denn genau das ist es, was wir brauchen: die initialen Irritationen, um gemeinsam in die notwendigen Gespräche gehen zu können, in denen wir dann das klären können, was auch künftig gilt. Nur dann wird die offene Gesellschaft gelingen. 

Schönen Dank.

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