13. Januar 2019 Symposium „Raubkunst – Forschung und Öffentlichkeit“, anlässlich des 80. Geburtstags von Prof. Dr. Uwe M. Schneede

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Symposium „Raubkunst – Forschung und Öffentlichkeit“, anlässlich des 80. Geburtstags von Prof. Dr. Uwe M. Schneede

Sehr geehrte Damen und Herren, 

aus Anlass dieses Symposiums zum 80. Geburtstag von Professor Uwe Schneede, möchte ich zum einen rückblickend das bisher Erreichte würdigen, zum anderen aber auch einen Blick auf die neuen Fragestellungen werfen, die uns rund um die Themen Restitution, Provenienzforschung und Kontextualisierung von Werken beschäftigen. 

Ich möchte anfangen mit einer persönlichen Betrachtung, die mir die Bedeutung dieses Themas ganz eindrücklich vor Augen geführt hat. Wir hatten im November des vergangenen Jahres im Museum für Kunst und Gewerbe eine bewegende Restitution. Wir konnten einen Kiddusch-Becher restituieren, der zu den rund dreitausend Silberobjekten gehört, die während der NS-Zeit enteignet wurden. Diese Objekte, die vor allem Alltagsgegenstände sind, befinden sich heute im Sammlungsbestand des MKG. Es ist außerordentlich schwierig herauszufinden, wem sie damals gehörten, um sie restituieren zu können. In diesem konkreten Fall, einem Kiddusch-Becher, der dem von den Nazis ermordeten Kunstsammler Max Raphael Hahn gehörte, ist es aufgrund des immensen Engagements der Nachfahren sowie der Kolleginnen und Kollegen am MKG gelungen. So geschah es, dass wir im November den Nachfahren von Max Raphael Hahn diesen Becher überreichen konnten. 

In einer so emotionalen Zeremonie stellt man dann schnell fest, dass es um etwas geht, das eine moralische, eine ethische und eine historische Verantwortungsdimension hat. Man stellt auch fest, dass es schlicht mit menschlichem Anstand zu tun hat, dass man sich darum kümmert herauszufinden, wo die Objekte herkommen, die in unseren Museen sind. Es ist eine Möglichkeit, dem brutalen Unrecht eine symbolische Versöhnungsgeste entgegensetzen zu können, und der Versuch, eine Widergutmachung auf symbolischer Ebene zu vollziehen. Das ist einer der wesentlichen Momente der Provenienzforschung – auch in anderen Diskursen über entzogenen Kulturguts jenseits der NS-Raubkunst. 

Während der NS-Zeit ging die Enteignung vom deutschen Staat aus, und aus diesem Grund kann sich der Staat heute der Verantwortung der Wiedergutmachung nicht entziehen oder sie delegieren. Wiedergutmachung muss immer auch eine politische Dimension haben. 

Ich freue mich deshalb sehr, dass wir auf diesem Symposium zu dem wieder aktueller werdenden Thema der Provenienzforschung sprechen. Dass es sich dabei um ein Thema handelt, dass untrennbar mit Ihrer Person, lieber Herr Professor Schneede, verbunden ist, muss ich hier niemandem sagen. Sie haben die Relevanz des Themas früh erkannt und auch die entscheidende politische Unterstützung erfahren, damals durch Senatorin Christina Weiss, um es fest zu institutionalisieren. Im Jahr 2000 richteten Sie eine Wissenschaftlerstelle an der Kunsthalle Hamburg ein, damit das Thema nicht nur projektweise, sondern dauerhaft am Haus verankert werden konnte. Das ist relativ spät, wenn man es normativ betrachtet, aber relativ früh, verglichen mit anderen Kultureinrichtungen. 

Ebenfalls im Jahr 2000 haben Sie dann gemeinsam mit Frau Dr. Haug den Arbeitskreis Provenienzforschung ins Leben gerufen, mit dem Sie 2002 zum ersten Mal eine internationale Tagung an der Kunsthalle zu dem Thema „Die eigene Geschichte“ veranstalteten. 2020 wird der Arbeitskreis anlässlich seines zwanzigjährigen Bestehens erneut in Hamburg tagen. 

Im Vorwort des Tagungsbandes von 2002 haben Sie damals gemeinsam mit Reinhard Budde vom Wallraff-Richartz-Museum und mit Karin von Welck, die damals noch Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder war, festgestellt, dass es sich bei der Provenienzforschung für NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut um ein „neues Forschungsfeld“ handele. Das ist nun siebzehn Jahre her und seitdem ist einiges passiert. Es gab die ersten Ausstellungsprojekte in der Kunsthalle, die dafür gesorgt haben, dass das Thema sichtbar wurde. „Die Rücken der Bilder“ war eines dieser Projekte. Aber auch das Museum für Kunst und Gewerbe nahm sich in der Ausstellung „Raubkunst?!“ dem Thema Provenienz an, aktuell auch im Zusammenhang mit den sogenannten Benin-Bronzen. Und zu einer Ihrer letzten Amtshandlungen als Direktor der Kunsthalle gehörte die Entfristung der Stelle von Frau Dr. Haug – damit war die erste unbefristete Stelle zur Provenienzforschung an einem deutschen Museum geschaffen. Gleichzeitig haben Sie die inhaltliche Ausweitung hin zu einer systematischen Erforschung des Gesamtbestandes der Hamburger Kunsthalle vorangetrieben. 

Sie haben bereits währenddessen und auch danach auf Bundesebene gewirkt, unter anderem als Vorsitzender des Beirats der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin und als wissenschaftlicher Gründungsvorstand des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg. Was Sie dort für die Provenienzforschung geleistet und erreicht haben, ist Maßstäbe setzend und gebührt unser aller Dank und unser aller Respekt. Es ist gleichzeitig eine Aufforderung an uns, da nicht nachzulassen, sondern an diesen Stellen weiter zu arbeiten. Meinen herzlichsten Dank für Ihr Engagement! 

Wir brauchen beim Thema Provenienzforschung aber nicht nur engagierte Wissenschaftler, sondern auch politisch gesetzte Rahmenbedingungen. Das haben wir aktuell wieder festgestellt in der Diskussion über die Frage, wie wir mit Sammlungsgütern aus kolonialen Kontexten umgehen. Die erste Arbeitsgruppe in Deutschland zu diesem Thema kam aus den Reihen des Deutschen Museumsbundes, einige Mitglieder sind heute auch hier. Dort wurde darüber nachgedacht, wie man mit kolonial belastetem Sammlungsgut umgehen kann.

Wir können es aber nicht den Museen überlassen, zu entscheiden, wie sie auf hochsensiblen, politisch aufgeladenen Themenfeldern arbeiten. Das ist eine Aufgabe, die auch politische Akteure, auch staatliche Akteure betrifft. Insofern bin ich sehr froh und dankbar, dass Bund und Länder gemeinsam vereinbart haben, bis zum März dieses Jahres eine gemeinsame Positionierung zu erarbeiten, die sicherlich nicht abschließend sein wird, aber hoffentlich eine klare Haltung in diesen Diskurs hineingibt und einen Rahmen setzt, in dem dann auch die fachliche Bearbeitung solcher Themenfelder weiter laufen kann. 

Das war übrigens beim NS-Raubgut nicht anders. Wir hatten 1998 die Washingtoner Prinzipien, die einen internationalen Rahmen für dieses Themenfeld gesetzt hat. Wir haben später in Deutschland eine beratende Kommission eingesetzt, die sich mit den Streitfällen rund um Restitutionsanforderungen befasst. All das sind politische Rahmensetzungen, die es braucht, um dann fachlich angemessen an den Themen arbeiten zu können. Der Staat würde es sich zu einfach machen, wenn er sagt, dass das die Fachleute unter sich besprechen sollen. Wir haben es schließlich mit politischen, gesellschaftlichen, sozialen und moralischen Dimensionen zu tun. 

Das zeigt sich auch in dem Diskurs rund um NS-Raubgut und zuletzt in der Intervention auf Bundesebene von Monika Grütters, als sie Ende letzten Jahres bei der 20-Jahr-Feier der Washingtoner Prinzipien erklärt hat, dass sie künftig sicherstellen will, dass sich die bundesgeförderten Einrichtungen bei einseitigen Anrufungsbegehren der beratenden Kommission nicht verweigern können. Sie hat einen Weg gefunden, wie das gelingen kann. Ich finde das in der Sache richtig. Wir haben das auch vorher in den Koalitionsverhandlungen gemeinsam diskutiert, dann aber nicht in den Koalitionsvertrag aufgenommen, weil es eine Thematik ist, die ja nicht nur Bundesinstitutionen betrifft, sondern alle Kulturinstitutionen. Ich kann Ihnen aber versichern, dass jede Kulturinstitutionen zumindest dieser Stadt, die sich verweigern würde, anschließend keine fröhliche Zeit mehr hätte. Ich bin sicher, man würde einem Verfahren vor der beratenden Kommission zustimmen. 

Es darf allerdings nicht so sein, dass das Restitutionsbegehren gleich zu Anfang direkt an die Kommission gerichtet wird, denn unsere bisherige Erfahrung zeigt, dass die meisten Fälle bereits vorher mit einer großen Bereitschaft der Institutionen verhandelt und konsensual mit einem guten Ergebnis gelöst werden können, ohne dass es den Konfliktfall vor der Kommission gibt. Wenn dies aber nicht gelingt, dann kann und muss die beratende Kommission auf eine zufriedenstellende Lösung drängen. Das ist das Signal, dass wir an diejenigen senden müssen, die Restitutionsansprüche stellen: Wir kümmern uns. Wir führen eine Lösung herbei, und es kann und darf nicht sein, dass sich jemand einer Lösung verweigert. Wenn man sich nicht einigen kann, dann gibt es dafür eine Schiedsstelle. Das zeigt noch einmal, dass so ein Themenfeld ohne politische Rahmensetzung nicht funktioniert. 

Die ehemalige Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss war eine der ersten, die das Thema auch kulturpolitisch bewegt hat. Wir unterstützen in Hamburg von Anfang an als Behörde auch ganz konkret alle rechtlichen Verfahren der Prüfung. Die juristischen Themen, die unweigerlich mit den moralischen verbunden sind, werden regelhaft vom Justiziariat der Kulturbehörde mit bearbeitet, um mehr juristische Sicherheit für die Einrichtungen zu erlangen. 

Wir haben vor rund fünf Jahren einen Haushaltsbeschluss erwirkt, der Restitutionen erleichtert. Die Sammlungen der Museen gehören ja der Stadt, deswegen betreffen Restitutionen immer städtisches Vermögen. Die Hamburgische Bürgerschaft muss daher theoretisch immer zustimmen, wenn städtische Vermögenswerte aufgegeben werden, das sind teilweise sehr langwierige Verfahren. Wir haben deswegen in der Bürgerschaft beschlossen, dass die Einrichtungen im Bereich des NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts bis zu einer gewissen Grenze selber über Restitutionen entscheiden können, ohne dass wir einen Durchlauf durch die politischen Verfahren der Bürgerschaft machen müssen. Erst ab einer gewissen Größenordnung wird dann der politische Beschluss notwendig. Das ist einerseits eine Verfahrenserleichterung, andererseits aber auch ein deutliches Bekenntnis des politischen Raumes dafür, dass man Restitutionsansprüche sinnvoll und gerechtfertigt findet und dafür einfache Verfahren haben möchte. Das hat also auch eine symbolische Dimension. Ich kann mir vorstellen, dass wir in naher Zukunft beim Thema kolonial belastetes Sammlungsgut zu ähnlichen Beschlüssen kommen werden. Allerdings werden wir da noch die eine oder andere Debatte führen müssen. 

Das Wichtige und das Wesentliche, um das wir uns nun kümmern müssen, ist, dass wir die Provenienzforschung, nachdem wir sie an den Häusern institutionalisiert haben, nun noch stärker zu einer aktiven Aufgabe der Häuser machen. Es fing ja an, weil Menschen Restitutionsansprüche gestellt haben, es wird aber immer mehr auch zu einer Frage der Kontextualisierung des eigenen Sammlungsgutes und seiner Geschichte und damit wird es am Ende auch zu einer Aufgabe, die in wenigen Jahren selbstverständlicher Bestandteil der kuratorischen Arbeit werden wird. 

Kuratorinnen und Kuratoren werden zunehmend nicht einfach nur das Objekt an sich betrachten, sondern auch den Kontext seiner Entstehung, seine Genealogie, seine Provenienz, seinen Eintritt in die Sammlung und den Kontext, in dem das Objekt nun innerhalb der Sammlung steht. Diese Fragen werden sich immer stärker stellen und sie werden folgerichtig auch immer stärker in die Betreuung der jeweiligen Sammlungsgebiete hinein wirken. Da sind wir noch nicht, da sind wir auch in der kunsthistorischen Ausbildung der Kuratorinnen und Kuratoren noch nicht. Aber ich bin mir sehr sicher, dass das kommen wird. 

Das ist notwendig und sinnvoll, weil Kunst natürlich eine Kategorie an sich ist, aber eben auch einen sozialen Bezug hat. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Kunstfreiheit dadurch bedroht wird, dass die sozialen Bezüge den Wert an sich verdrängen. Da hilft es, wenn diejenigen, die für den Wert an sich verantwortlich sind, in der Betrachtung und Präsentation des Wertes an sich die sozialen Bezüge antizipieren können. Dann wird man weniger überrascht, wenn man von außen in einen Diskurs hineinkommt, in dem Freiheitspotentiale und Freiheitsräume einschränkt werden, wie es Hanno Rauterberg in seinem Buch „Wie frei ist die Kunst?“ beschrieben hat. Da liegen Themen, die prospektiv bearbeitet werden müssen. 

Das gilt ganz besonders für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Wir erleben bei diesem Thema in den letzten Jahren eine politisch sehr aufgeladene Diskussion. Das hat sicher etwas damit zu tun, dass wir in Deutschland mit dem Humboldt Forum einen Kristallisationspunkt für diese Debatte geschaffen haben. 

Ich will mich jetzt nicht aus Perspektive der bürgerlichen, anti-monarchischen Stadt Hamburg dazu auslassen, was ich davon halte, dass man im 21. Jahrhundert tatsächlich auf die Idee kommt in der Hautstadt einer freiheitlichen Demokratie ein Schloss wieder aufzubauen… Nun ist es aber so. Und da hat man sich offenbar gedacht, man könne das geschickt ausbalancieren, indem man dort die Kunst der Welt ausstellt und den Ort zu einem globalen Forum globaler Perspektiven auf Kultur und auf Künste werden lässt. Ich bin sicher, dass alle Beteiligten das mit den besten Absichten, reinen Gewissens und reinen Herzens getan haben. Aber genau zu diesem Zeitpunkt haben wir eben auch angefangen, darüber zu diskutieren, dass sehr viel Blut an diesen Objekten klebt. Und das darüber bisher kaum gesprochen wurde. Das, was bisher in Berlin-Dahlem und den dortigen Sammlungen präsentiert wurde, sollte auf einmal in das Herz der Stadt und in diese Kontextualisierung kommen, ohne dass wir uns diskursiv darauf vorbereitet haben und ohne dass wir uns ethisch-moralisch darauf vorbereitet haben und eine vernünftige Haltung dazu entwickelt haben. 

Es ist wichtig, dass wir die jahrzehntelange scheinbare Selbstverständlichkeit insbesondere unserer ethnologischen Sammlungen in Frage stellen. Das bedeutet, dass wir zu einem Diskurs kommen müssen. Wir müssen lernen, Kolonialismus als das zu markieren, was er immer schon war: ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Obwohl man auch hier in Europa immer noch Geschichten hören kann, die sich auf „the white man‘s burden“ berufen. Das war damals die Formulierung im britischen Kolonialdiskurs, wenn man erklären wollte, dass man vermeintlich Zivilisation und Aufklärung in die Kolonien bringe. Das sind aber ja ideologische Konstrukte, die lediglich dabei helfen, Verbrechen zu bemänteln. 

Wir haben, das ist empirisch belegt, brutalen Völkermord, systematische Versklavung, rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen zu beklagen, die in der Welt Strukturen, Abhängigkeitsverhältnisse und Herrschaftsverhältnisse begründet haben, deren Resultate sich bis heute widerspiegeln. Deren Geschichten können auch entlang der Provenienzen von Objekten erzählt werden, die wir hier in Deutschland und in Europa in den Museen haben. Damit müssen wir uns auseinandersetzen, zumal wenn wir diese Objekte in einem Schloss ausstellen wollen, das auf denjenigen Kaiser verweist, der unter Druck der Hamburger Kaufleute beschlossen hatte, Handelsposten zu Kolonien auszuweiten. 

Kulturgutraub war immer ein Teil der Dehumanisierungsstrategien, die zum Kolonialismus dazu gehörten. Insofern steht es außer Frage, dass Kulturgüter aus kolonialen Kontexten, den legitimen Eigentümerinnen und Eigentümern in den Herkunfts- und Urhebergesellschaften auch zur Rückgabe angeboten werden müssen. Das ist genau der Punkt, den wir gerade miteinander diskutieren. 

Frankreich geht deutlich voran. Die Rede von Macron in Ouagadougou, Burkina Faso, der Report von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy, der – wenn man ihn genau liest – sich natürlich nur auf einen schmalen Bestandteil der Depotbestände französischer Museen bezieht. Frankreich sagt nicht, dass sie alles zurückgeben, auch wenn es so wirkt und politisch so gewollt ist. Aber es geht um 90.000 Objekte. Allein bei Frau Plankensteiner am MARKK gibt es drei Mal so viele Objekte. Dennoch ist die Tatsache, dass Frankreich die Beweislast umkehrt, ein wichtiges Signal. Nun müssen nicht mehr diejenigen mit den Restitutionsansprüchen, die in der Regel wenig bis keine Ressourcen haben, dem Haus, das in der Regel gut ausgestattet ist und die Ministerien im Hintergrund hat, beweisen, dass sie die rechtmäßigen Eigentümer sind, denen bzw. deren Vorfahren es weggenommen wurde. Sondern nun müssen die Häuser belegen, dass sie rechtmäßige Besitzer sind. 

Ob das ein Weg auch für uns ist oder ob wir andere Wege gehen werden, werden wir diskutieren. Wir haben aber beschlossen, dass wir das Zentrum Kulturgutverluste so ausstatten, dass es auch für Provenienzforschung für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten gewappnet ist. Es wird gerade ein Team zusammengestellt, das nicht in Magdeburg, sondern zunächst in Berlin arbeiten wird, weil die Büroräume in Magdeburg nicht ausreichen. Damit haben wir die Möglichkeit, Provenienz zu klären. 

Aber wir müssen uns auch klar machen, dass Provenienzforschung ein zweischneidiges Schwert ist. Sie hilft einerseits sehr dabei weiter, mehr zu verstehen, deswegen ist sie unbedingt notwendig. Sie hat aber den Beigeschmack – sei es aus Kulturpolitik oder Museen – einer präventiven Schutzbehauptung gegen den Restitutionsanspruch, weil man sich halbwegs sicher sein kann, dass derjenige, der es zurück fordern könnte, selten die ausreichenden Ressourcen haben wird, um uns nachzuweisen, dass wir es unrechtmäßig besitzen. Auch weil es um Provenienzen geht, die eine andere Struktur haben. Wir haben es nicht mit über Jahrhunderte dokumentierten Beständen zu tun, bei denen dann ab 1933 eine Lücke in der Darstellung der Provenienz entsteht. Sondern wir haben in den Sammlungen Objekte, an denen hängt ein Zettel „östliches Tansania“. Und da gibt es einen Stamm, der dort lebt, der sagt, das ist eines unser sakral bedeutsamsten Kulturobjekte, das brauchen wir. Wie gehen wir damit um? 

Wenn man sich da als Westeuropäer hinstellt, die Arme verschränkt und sagt „das ist bei mir gut aufgehoben, bis Du mir beweist, dass es Deins ist“, reproduzieren wir Ungleichheiten in den Herrschaftsverhältnissen, die die letzten 150 Jahre unserer kulturellen Beziehungen geprägt haben. Das scheint mir nicht der klügste Weg zu sein. 

Es gibt aber auch Beispiel, die zeigen, wie es gehen kann. Wir hatten im letzten Mai eine interessante Tagung mit dem Auswärtigen Amt, dem Goethe Institut und anderen im heutigen MARKK, bei der wir darüber gesprochen haben, auch mit Museumsmachern aus Afrika, wie es funktionieren kann. Man kann die schnellen Möglichkeiten der Kooperation zwischen einzelnen Häusern sehr wohl nutzen. Und ich freue mich außerordentlich, dass das Auswärtige Amt mittlerweile darüber nachdenkt, eine Agentur einzurichten, die Museumskooperationen unterstützen soll. Auch da kommen wir jenseits des Staates manchmal schneller voran. Staaten reden in der Regel mit anderen Regierungen. Das führt aber – wie wir am Beispiel Namibia gesehen haben – dazu, dass sie mit den falschen reden aus der Sicht der Opfer des damaligen Genozids, weil sich die Nama und die Herero nicht von der namibischen Regierung vertreten fühlen. Das hat dazu geführt, dass wir für die Restitution von Humain Remains im letzten Jahr – die schon lange unstrittig ist, über deren Notwendigkeit sich alle international einig sind – einen nicht staatlichen Intermediär brauchten, um sie an die richtigen Akteure zu bringen. Der Intermediär war in diesem Falle kirchlich, was den einen oder anderen stutzen ließ, was die Kirche damit zu tun hätte. Aber es war die einzige Möglichkeit, eine Ebene unterhalb der staatlichen zu finden, die den Kontakt zwischen denjenigen mit dem Restitutionsanspruch und denjenigen, die im Besitz der Objekte waren, so herstellen, dass eine vernünftige Rückführung möglich war. Mit solchen Fragen werden wir uns auseinandersetzen müssen. Es öffnet sich ein gigantisches Feld. 

Ich bin sehr froh, dass die Länder im letzten Herbst als eine der ersten Aufgaben der neuen Kulturministerkonferenz beschlossen haben, gemeinsam mit der Bundesregierung – nicht nur mit der Beauftragten für Kultur und Medien, sondern auch mit dem Auswärtigen Amt und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und unter Beteiligung der Kulturstiftung der Länder und der kommunalen Spitzenverbände – darüber zu sprechen, wie ein System aussehen kann, in dem wir sinnvoll und vernünftig damit umgehen. Wie kann es uns gelingen, zu Verbesserungen zu kommen? 

In dem Zentralstaat Frankreich sagt der Präsident, wie die Kulturinstitutionen das handhaben sollen. Wir sind ein Föderalstaat. Wir müssen aber als föderaler Staat nicht langsamer sein, wenn wir das Richtige erkannt haben. Auch im Föderalismus kann man schnell handeln, man muss nur den Willen erzeugen und ich hoffe, dass uns das gemeinsam gelingt. Ich kann zumindest für Hamburg versichern, dass wir uns dieser Aufgabe stellen werden und dass wir, gerade vor dem Hintergrund der besonderen Historie Hamburgs, dem Ort, an dem die Idee von Deutschland als einer Kolonialnation geboren wurde. Insofern haben wir eine moralische, eine rechtliche und im Sinne einer zukünftigen Zusammenarbeit auch eine soziale und politische Verpflichtung, hier zu anderen Formen der Zusammenarbeit und zu anderen Formen der Verantwortungsübernahme zu kommen, die unmittelbar wieder zurück verweisen auf die hiesigen Museen – und zwar nicht nur die ethnologischen Museen, sondern auch alle anderen Museen, in denen wir koloniale Bezüge finden. Deswegen müssen sich Kuratorinnen und Kuratoren für ihre Sammlungsgebiete fragen, wie sich diese Objekte in den Bestand einfügen, wie sie kontextualisiert werden und darüber hinaus, ob sie restituiert werden können oder sollten. Ich hoffe, dass wir diese Fragen miteinander bewegen, denn nur dann können wir zu einem postkolonialen Verständnis von Kulturbeziehungen kommen. In Folge kann es uns gelingen, auch andere Fragen der transkulturellen Zusammenarbeit miteinander zu bearbeiten. Das wird nicht einfach. 

Um ein Beispiel zu nennen: In einer Diskussion am MARKK mit Achille Mmembe, dem Autor der „Kritik der schwarzen Vernunft“ und einem der großen Philosophen und Politologen Afrikas, stellte dieser die provokante Frage, ob die Tatsachen, dass Europa die afrikanischen Flüchtlinge nicht wollte und nun auch die afrikanische Kunst zurück schicken wolle, in einem Zusammenhäng stünden. Er fragte, ob das heißen würde, dass Europa eigentlich danach strebe, wieder einen homogenen nationalen Kulturraum zu schaffen? Das wäre wie eine Rückkehr zum Herderschen Kugelmodell der Kultur und der Nation. Jede Nation ist vollständig in sich geschlossen, und wenn alles in sich und auf sich bezogen ist, dann ist es schlüssig und dann liegt es ruhig da. Wenn Kulturen sich begegnen ist es nach Herder wie beim Billardspiel: Sie stoßen einander ab und dann liegen sie wieder jede für sich einzeln ruhig da. Das ist eine Kulturvorstellung, die insbesondere auch Deutschland über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. Wir haben aber mittlerweile gelernt: Das ist nicht so. Wenn wir das aber ernst nehmen, dann geht es nicht darum, kulturelle Bestände wieder zu differenzieren und jeder packt sich seinen Keller wieder mit dem voll, was die eigene Nation mal produziert hat und fühlt sich mit sich und bei sich selber wohl. 

Die spannende Frage ist: Wie stellen wir universellen Zugriff auf universelle Kulturgüter überall auf der Welt her? Und wie lösen wir die Disparitäten auf, dass wir diesen universellen Blick in europäischen und in US-amerikanischen Museen haben, aber den afrikanischen Staaten sagen, sie sollten sich ein Nationalmuseum bauen zur Darstellung ihrer eigenen Herkunftsgeschichte. Das kann nicht reichen. Eigentlich fängt die Debatte erst dann an, wenn wir uns fragen, wie Objekte weltweit zirkulieren und verfügbar gemacht werden können, um die Vernetzung von kulturellen Traditionen auch weltweit erlebbar und spürbar zu machen. Der erste notwendige Schritt ist, dass die Nationen und die Völker Afrikas und anderer Kolonialgebiete natürlich die Souveränität über ihre eigenen kulturellen Traditionen und ihr eigenes kulturelles Erbe haben müssen. 

Professor Zimmerer hat mich mal darüber aufgeklärt, dass das mit den Benin-Bronzen nicht nur ein brutaler, barbarischer Akt des Plünderns eines Palastes gewesen ist, sondern dass damit auch alle positiven Darstellungen starker Frauenbilder aus der dortigen Kultur entwendet wurden. Viele dieser Bronzen zeigen starke, mächtige herrschende Frauen und Gottheiten. Wenn Sie den gesamten symbolischen Haushalt einer Kultur einer bestimmten Traditionslinie berauben, müssen Sie sich fünfzig oder hundert Jahre später nicht wundern, dass das auch in der Alltagskultur Auswirkungen haben könnte, weil Identifikationspunkte fehlen. Das zeigt, dass die Verwundungen viel größer sind, als dass man einen Königspalast geplündert hat. Es wurden Kulturtraditionen nicht mehr rezipierbar gemacht. Darauf müssen wir Antworten finden. Das geht, indem wir das, was wir jetzt machen können, auch machen, indem wir da, wo es sinnvoll ist, die rechtlichen Rahmenbedingungen ändern und dass wir am Ende anstreben müssen, so etwas wie die Washingtoner Prinzipien auch für den Bereich kolonialer Raubkunst zu schaffen. Wir brauchen multilaterale Vereinbarungen dazu, die es uns erleichtern, Verfahren zu definieren, die für alle gelten. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingen wird, weil gerade viele darüber nachdenken. 

Museen sind diskursive Orte einer sich begegnenden und ihre Grundlagen diskutierenden Gesellschaft. Deswegen ist es wichtig, dass auch die Museen sich dieser Aufgabe annehmen, weil sie dann Kunst- und Kulturobjekte in soziale, in politische, in ökonomische Kontexte stellen können, in denen sie heute zwangsweise immer verhandelt werden, wenn sie an Öffentlichkeit herankommen. 

In diesem Sinne freue ich mich sehr, dass Sie, lieber Herr Professor Schneede, die Gelegenheit geben, mit Ihrem Geburtstag und mit diesem Symposium diese Frage in der Öffentlichkeit der Hansestadt Hamburg zu diskutieren – verbunden mit der Hoffnung, dass daraus etwas wächst, das dann in gemeinsamer Verantwortung der Häuser, der Politik und der Gesellschaft in praktische Veränderungen umgesetzt werden kann. 

Schönen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien