24. Januar 2019 Eröffnung der Lichtinstallation „Europa“ am Kraftwerk Bille

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung der Lichtinstallation „Europa“ am Kraftwerk Bille

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Frauke Woermann,

lieber Bertram Schultze, 

es wäre natürlich sehr naheliegend, dieses Grußwort mit einem passenden Zitat wichtiger Denker der europäischen Einigung zu beginnen. Wie man am Fall des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse sehen kann, ist das Zitieren in diesem Kontext allerdings aktuell so heikel wie vielleicht noch nie. 

„Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!“ Dieses Zitat hat der Autor dem ersten Präsidenten der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft – Walter Hallstein – posthum untergeschoben. Hierüber und darüber, dass diese erste und so wichtige Rede für die europäische Einigung 1958 nicht – wie von Menasse behauptet – in Auschwitz gehalten wurde, herrschte einige Tage lang in Feuilletons von Nord nach Süd sehr große Aufregung. 

Menasse hatte die spekulative Fiktion nicht nur in seinem zu Recht ausgezeichneten Roman „Die Hauptstadt“ entwickelt, sondern auch in öffentlichen Reden als Fakt dargestellt. 

Dass die Diskussion so heftig ausfiel, hatte sicher etwas damit zu tun, dass Menasses Behauptung den Kern der Frage berührt, was eigentlich der Grundgedanke der europäischen Einigung ist – eine Frage die in Zeiten eines sich ausbreitenden und erschreckend um sich greifenden Rückzugs in nationalstaatliches Denken dringend wieder konkret beantwortet werden muss. 

Vielfalt in der Einheit lautet der kluge und mutige Anspruch Europas. Verschiedene Staaten, Sprachen, Religionen und Kulturen unter einem europäischen Dach zu vereinen – das erfordert Verbindlichkeit und Autonomie, das Bewusstsein der eigenen Kultur ebenso wie Neugier auf die Kultur der anderen. 

Die Vielfalt der Kulturen Europas in einer gemeinsamen, demokratischen, politischen Kultur nicht aufzulösen, sondern zum produktiven und aufklärerischen Miteinander zu bringen, ist die große Aufgabe unserer Zeit.

Europa ist die große nationale Frage Deutschlands. 

In der hitzigen Diskussion um den Fall Menasse ging es aber natürlich auch um das Verdrehen von Fakten. Um das Verhältnis von Kunst, Öffentlichkeit und Wahrheit. 

Die Behauptung des Zitats gewinnt in Zeiten von Fake News darum automatisch an Brisanz. Im Kontext von journalistischen und wissenschaftlichen Aussagen im öffentlichen, im intellektuellen Diskurs, ist ein solches Paraphrasieren selbstverständlich zu verurteilen. Als Stilmittel in der Kunst aber ist das Aufstellen von Behauptungen nicht nur legitim, sondern es öffnet neue Denkräume und gibt Anlass für produktive Diskussionen. 

Menasse hat hier einen Rollenwechsel nicht ausreichend beachtet, sondern die Fiktion in die öffentliche Sphäre der Fakten hineingetragen, ohne sie zu markieren. Damit geriet die Irritation unter den Verdacht der vorsätzlichen Täuschung. 

Die hier heute zu aktivierende Lichtinstallation des Berliner Architekturbüros morePlatz, ist zunächst auch eine solche Behauptung: Europa leuchtet. 

Entwicklungen wie der Brexit und der besorgniserregende Zulauf nationalistischer Populisten überall in Europa stehen hierzu im krassen Widerspruch. Es sind überhaupt leider keine strahlenden Zeiten für die europäische Union. 

Und darum ist diese Installation eine Behauptung, ein kontrafaktisches Aufbäumen, eine Mahnung und eine Motivation, den europäischen Gedanken zu verteidigen. 

Der leuchtende Schriftzug ist eine Erinnerung daran, wie wichtig die Errungenschaften der europäischen Einigung für uns alle sind. Ein strahlender Hinweis darauf, dass sie uns vielleicht inzwischen auch zu selbstverständlich geworden sind. So selbstverständlich, dass wir uns den positiven Errungenschaften, der Freiheit dem Frieden und der Sicherheit, in der wir hier in Europa leben, gar nicht mehr bewusst sind. 

Der leuchtende Schriftzug ist eine selbstbewusste Erinnerung an diese Errungenschaften, an unser Selbstverständnis als Europäer, an den großen Erfolg einer Einheit der Vielfalt auf der Basis von Demokratie.

Aber es ist auch eine Warnung, dass sie nicht selbstverständlich sind. Dass sie immer wieder aktualisiert und verteidigt werden müssen und dass es sich lohnt, sich dafür zu engagieren. 

Für die Ermöglichung dieses strahlenden Hinweises möchte ich Bertram Schultze und Frauke Woermann von MIB und Caro Baumann von morePlatz ganz nachdrücklich danken! 

Zu der Idee einer europäischen Gemeinschaft – einer trans- und supranationalen Demokratie jenseits der nationalstaatlichen Logik der Abgrenzung – trägt aber auch jeder und jede Einzelne täglich im eigenen Tun bei. Auch dieser Faktor wird hier beleuchtet, denn zum einen wandert diese Installation seit 2016 durch Deutschland und hat von Berlin bis Bochum bereits viel Strahlkraft entwickelt. Zum anderen werden die 33 Neonleuchten über Crowdfunding von 33 Paten und Patinnen finanziert und erinnern so daran, wie wichtig auch das individuelle Engagement sein kann und wie wirkmächtig jeder Einzelne in einer Demokratie ist. Das leuchtende Europa ist auch ein Anstoß, dies nicht zu vergessen und sich dafür stark zu machen. 

Dass der Schriftzug an expliziten Kulturorten – von der Jahrhunderthalle bis zur Komischen Oper – installiert wird, ist darum auch kein Zufall. Kultur funktioniert nur über Austausch. Die Möglichkeit, selbstverständlich transnational zusammenzuarbeiten, ist die große Errungenschaft der europäischen Einigung und wird gerade auch an expliziten Orten der Kultur täglich praktiziert. Denn das Lokale funktioniert auch auf europäischer Ebene, in der jede Besonderheit ihren Platz hat. Orte der Kultur stehen für eine Vernetzung von lokalen Initiativen mit transnationaler Strahlkraft. 

Ein solcher Ort ist das Kraftwerk Bille in ganz besonderem Maße. Denn es ist seit einigen Jahren auch die Heimat des Vereins Hallo: e.V., der sich ganz explizit der lokalen Vernetzung verschrieben hat. 

Das Engagement des Vereins, das wir als Behörde auch finanziell unterstützen, ist ein gelungenes Beispiel, wie es gelingen kann, einen Raum für Ankommende und Interessierte zu schaffen:

Mit einer sehr beeindruckenden Anzahl an verschiedenen Formaten – den Hallo: Festspielen, den Hallöchen und dem Café – werden die imposanten Räumlichkeiten dieses Industriedenkmals schon jetzt einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Als Versammlungsort für Anwohnende und im Umkreis Arbeitende bietet die »Schaltzentrale« als Arbeits- und Ausstellungsraum eine Plattform des Austausches über alternative Formen von Stadtentwicklung – insbesondere über die Entwicklungen des sogenannten Hamburger Ostens, der im Fokus des städtebaulichen Masterplans »Stromaufwärts an Elbe und Bille« steht. 

Dass die MIB Coloured Fields GmbH nicht nur in Leipzig und Nürnberg spannende Orte entwickelt, sondern auch hier in Hamburg bereits so starke Verbündete hat, um hier ein lebendiges Kultur- und Kreativquartier zu entwickeln, freut mich sehr. Ich wünsche diesem Projekt und dieser Kooperation auch für die Zukunft leuchtende Zeiten. 

Dass diese Zusammenarbeit in einem alten Kraftwerk stattfindet, ist ein wunderbares Bild. Denn dieser Ort, der als Baudenkmal paradigmatisch für die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft steht und in früheren Zeiten für die Grundversorgung der Bevölkerung in Sachen Energie zuständig war, kann gerade als Kulturort zu einer treibenden Kraft in der Entwicklung dieses Stadtteils werden, in dem sich in den nächsten Jahren sehr viel verändern wird. Die „kulturelle Grundversorgung“ ist damit jedenfalls auf gutem Wege. 

Dass sich hier und heute mit der Inbetriebnahme der Installation auch der europäische Gedanke sichtbar auf das ganze Umfeld auswirken wird, das wünsche ich uns allen. 

Denn gerade jetzt ist es wichtiger denn je zu zeigen, dass der europäische Gedanke viel mehr ist als ein behördlich verwaltender. Es geht hier um nicht weniger als darum, ein demokratisches Europa aufzubauen, zu stärken und zu sichern. Ein Europa übrigens, dass auch der Ort ist, an dem die Kunstfreiheit in ihrer notwendigen, aufgeklärten Unbedingtheit vor allen Gefahren zu sichern ist. 

Wie wichtig dabei die Stimme jedes Einzelnen ist, haben die Populisten in Europa strategisch sehr gut verstanden. Ihnen dürfen wir nicht das Feld überlassen – auch weil sie ja nicht mehr, sondern weniger individuelle Freiheit anbieten. Vielleicht ist die Europawahl im Mai eine der wichtigsten Wahlen der Geschichte, jede Stimme wird hier zählen, um unser Selbstverständnis als Europäer in einer Einheit der Vielfalt zu erhalten – letztlich wie jede einzelne Lampe auch, wie diese Installation uns so eindrücklich zeigt. 

Lassen Sie uns Europa darum jetzt und im Mai und auf Dauer gemeinsam zum Leuchten bringen. Es umfasst alle Ideen, die unsere Gesellschaft frei, offen und lebenswert machen. 

Schönen Dank.

 

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