13. Januar 2019 Neujahrsempfang der Hamburger Autorenvereinigung

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Neujahrsempfang der Hamburger Autorenvereinigung

Liebe Frau Witt,

liebe Mitglieder der Hamburgischen Bürgerschaft,

liebe Gabi Dobusch,

liebe Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung,

sehr geehrte Damen und Herren, 

zahlreiche Veranstaltungen, die das literarische Leben unserer Stadt beflügeln, zeigen immer wieder aus Neue, welche Bedeutung Literatur für unseren Alltag hat und dass Literatur in den Alltag von Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt hinein getragen wird. Ich möchte Ihnen allen meinen herzlichen Dank aussprechen, dass auch Sie daran mitwirken. Es braucht genau diese Arbeit, gerade in unseren Zeiten. 

Ich bin der Autorenvereinigung dankbar, dass sie sich darum kümmert, Kontaktpunkte für kulturelle Beschäftigung in den Alltag der Bürgerinnen und Bürger zu bringen und dass sie es ermöglicht, dass man über solche kulturellen Angebote manchmal auch dann stolpert, wenn man sie gar nicht sucht. Vielleicht ist es eine List gewesen, dass der Logensaal nicht mehr so selbstverständlich zur Verfügung stand. Denn so sind Sie auch an Orte gegangen, an denen Sie bisher nicht waren und haben dadurch Menschen getroffen, die Sie bisher nicht getroffen hatten. Manchmal birgt eine Krise eben ungeahnte Chancen, etwas zum Positiven zu verändern. 

Ein Neujahrsempfang ist immer auch die Gelegenheit, an diejenigen Autorinnen und Autoren zu denken, die nicht mehr unter uns sind. Ich will das stellvertretend für alle mit einem Zitat tun, das mich hinführt zu dem, was uns in unserem Land momentan beschäftigt. Im letzten Jahr ist auch Christine Nöstlinger gestorben, die große Kinderbuchautorin. Sie hat uns einen wunderbaren Satz hinterlassen: 

„Besser ein paar Brandblasen, als ein ganzes Leben lang kalte Finger.“ 

Manchmal sind es ja diese kleinen, unscheinbaren Sätze, die so viel Wahrheit in sich tragen. An Nöstlingers Botschaft sollten wir uns auch in den aktuellen Diskussionen in unserer Gesellschaft erinnern, in denen man sich natürlich ab und zu die Finger verbrennen kann. Ich glaube aber, dass das allemal besser ist, als schweigend zuzusehen bei dem, was gerade passiert. Deswegen wünsche ich uns den Mut, vielleicht die eine oder andere Brandblase in Kauf zu nehmen oder auch zu verursachen, weil wir Bürgerinnen und Bürgern und Künstlerinnen und Künstler brauchen, die sich an den Debatten beteiligen, die wir gerade miteinander führen. 

Das Erregungslevel in unserer Gesellschaft nimmt ja von Jahr zu Jahr zu. Ich spreche jetzt seit mehreren Jahren bei Neujahrsempfängen und jedes Jahr stelle ich fest, dass in diesem Land was los ist und denke: Vielleicht kann ich im nächsten Jahr mal sagen, dass wir ein paar Dinge gelöst haben. Dann stelle ich aber fest, dass im kommenden Jahr noch mehr los ist im Land und dass leider nichts gelöst ist. 

Wir wissen alle, dass wir in der Moderne alles immer wieder neu erringen müssen. Wir müssen alle Diskurse und alle Debatten immer wieder neu führen, weil es so gut wie nichts gibt, was wir tradiert unterstellen können. In dem Moment, in dem es in Frage gestellt worden ist, ist es kontingent und damit Gegenstand einer öffentlichen gesellschaftlichen Auseinandersetzung darüber, was wir gemeinsam für vernünftig und richtig erachten. Wir stellen fest, dass das mittlerweile auch fast alles betrifft, was uns als Gesellschaft im inneren Kern ausmacht. Immer mehr Dinge sind in Frage gestellt worden und es wird immer anstrengender, das zu sichern, was die Grundlage einer freien, offenen, vielfältigen, demokratischen Gesellschaft ist. 

Das fordert natürlich auch Künstlerinnen und Künstler in ihrer künstlerischen Arbeit heraus. Das fordert sie auch heraus in den Momenten, in denen sie über ihr eigenes Werkschaffen hinaus in der Öffentlichkeit Stellung beziehen und sich in Diskurse und Debatten einmischen, die unsere Gesellschaft als Ganzes betreffen. Sie sind in dieser Rolle öffentliche Intellektuelle. Ich würde mir wünschen, dass mehr Künstlerinnen und Künstler diese Rolle mit der Selbstverständlichkeit in Anspruch nehmen, wie wir das in vergangenen Jahrzehnten schon einmal erlebt haben. Sie sollten den öffentlichen Diskurs nicht allein den Journalisten und den Politikern überlassen, denn es braucht eine breitere Beschäftigung mit den Fragen, um die es geht. 

Eine der erbittertsten Diskussionen, die wir derzeit führen, dreht sich um eine Frage, die ganz unscheinbar daherkommt: Was ist eigentlich Wahrheit? Diese Diskussion führen wir spätestens, seit wir in den USA einen Präsidenten beobachten dürfen, der ein sehr eigenes Verständnis davon hat, was Wahrheit ist. 

Wir haben aber auch einen Doppelschlag hier in der bundesdeutschen Debatte erlebt. Kurz vor Weihnachten wurde aufgedeckt, dass der Journalist Claas Relotius in seinen Reportagen, die er unter anderem für den Spiegel schrieb, teilweise mit literarisch-fiktionalen Strategien gearbeitet hat. Seine angeblichen Reportagen handelten von Ereignisse, die so weit weg von Deutschland passierten, dass man nicht ohne weiteres nachprüfen konnte, ob das stimmt oder nicht. 

In der letzten Woche haben wir dann sehr aufgeregt über den Schriftsteller Robert Menasse diskutiert. Es ging dabei um die Frage, was Walter Hallstein wo gesagt hat und an welcher Stelle man als Autor etwas als Fakt behaupten darf, das nicht stimmt. In seinem Roman „Die Hauptstadt“, mit dem Menasse großen Erfolg hatte und unter anderem den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, schreibt er, dass Hallstein angeblich in Auschwitz die Begründung seiner Agenda als Präsident der Europäischen Kommission abgegeben hat. Wir wissen aber, dass das nicht stimmt. Diese Rede ist in Rom gehalten worden. Sie enthielt auch einige der Zitate nicht, die von Menasse unterstellt wurden – und zwar nicht nur im Roman, sondern auch anlässlich der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille durch das Land Rheinland-Pfalz. 

Die Frage, die dann in der Öffentlichkeit aufgeregt diskutiert wurde, war: Darf der Schriftsteller das? Eigentlich ist die Antwort viel einfacher als es scheint: Natürlich darf er in der literarischen Fiktion so gut wie alles. Er hat aber den Fehler gemacht, in seinen Äußerungen als öffentlicher Intellektueller offenbar an seine eigene literarische Fiktion zu glauben. Es handelt sich aber, wie Wittgenstein sagen würde, um unterschiedliche Sprachspiele. Wenn er sich innerhalb eines literarischen Raumes bewegt, in dem reale Personen auftauchen können, die fiktive Dinge tun, dann hat er mit dem Leser den Vertrag, dass das im Roman eine Fiktion ist. Wenn er sich in der Rolle als öffentlicher Intellektueller in einem Diskurs bewegt, dann unterstellt man sich natürlich wechselseitig, dass das, was der Sprecher sagt, wahr, richtig und wahrhaftig ist. 

Der Vertrag ist in diesem Falle nicht ein spekulatives „als ob“, bei dem alle Beteiligten wissen, dass es gerade um die spielerische Überlegung geht, wie die Wirklichkeit auch hätte sein können. Sondern wir erwarten in so einer Situation, dass Aussagen über objektive Wahrheiten, soziale Richtigkeiten und emotionale Wahrhaftigkeiten getroffen werden. Wenn Sie eine dieser drei Dimensionen in Frage stellen würden, müssten wir darüber sprechen und wieder klären, dass wir uns das einander unterstellen. 

Der Philosoph Jürgen Habermas hat das in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ so erklärt: Gesellschaften entstehen daraus, dass durch die wechselseitige Unterstellung beim miteinander-Sprechen nicht nur Informationen ausgetauscht, sondern auch soziale Beziehungen aufgebaut werden. Es werde wechselseitig unterstellt, an einer Verständigung über das, was wahr, richtig und wahrhaftig ist, interessiert zu sein. Teilweise übrigens kontrafaktisch. Es gibt Situationen, in denen weiß ich sehr wohl, dass das nicht so ist, ich unterstelle es aber trotzdem. Im englischen sagt man „For the sake of the argument“, im deutschen würde man das etwas umfänglicher umschreiben müssen, weil unsere Sprache häufig komplizierter ist, aber im Kern geht es darum: Wenn die Alternative nicht denkbar ist, operieren wir weiter mit der Unterstellung, dass es so sein möge. 

Menasse hat diesen Kategorienfehler begangen. Er hat es aber eingestanden, also wollen wir es ihm nicht nachtragen. Und es hilft uns vielleicht, besser zu markieren, was geht und was nicht geht. 

Jürgen Habermas hat sich intensiv mit der Rolle des öffentlichen Intellektuellen in unserer Gesellschaft befasst. Er hat zwar Bücher geschrieben, die kein Mensch versteht, der nicht selber Wissenschaftler, Soziologe oder Philosoph ist. Er hat sich aber immer auch sehr engagiert in öffentliche Debatten eingemischt. Er musste mit diesem kategorialen Unterschied einmal als Wissenschaftler nach bestimmten Kriterien von Wissenschaftlichkeit arbeiten und andererseits als öffentlicher Intellektueller auch mal zugespitzt einen „raushauen“, damit er durch die Wahrnehmungsschwellen unserer medialen Öffentlichkeit kommt. 

Mit dieser Rollenverteilung hat er sich sehr intensiv vor nunmehr 30 Jahren auseinandergesetzt, als er 1989 hier in Hamburg den Lessing-Preis an Alexander Kluge vergeben hat. Der ist auch jemand, der dieses Vexierspiel zwischen dem was ist und dem was sein könnte, zwischen der Fiktion und dem Dokumentarischen, in die Perfektion gebracht hat – und das auch noch in unterschiedlichen Kunstformen, zum Beispiel auch als Fernsehschaffender. Habermas greift quellensicher zurück auf die Hamburgische Dramaturgie von Lessing, in der dieser sich mit der Frage auseinandersetzte, wann der Dichter von der historischen Wahrheit abweichen darf. Lessing schreibt im 23. Stück seiner Dramaturgie: „(…) in allem, nur die Charaktere sind ihm heilig“. Hätte Menasse Lessing gelesen, hätte er ihm einen Hinweis geben können, wo die Schlaglöcher auf dem Weg sind, den er eingeschlagen hat. 

Habermas konkludierte in seiner Laudatio: „Weil dem Schriftsteller nur die Lebensläufe heilig sind, hat er keinen Respekt vor der Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion. Nur, wenn eine Geschichte hinreichend skurril ist, darf vermutet werden, dass sie wahr ist.“ Das war vor dreißig Jahren. Ich glaube, heute können wir das noch deutlicher unterschreiben, weil wir so viel Skurriles erleben, das wahr ist, das hätten wir uns gar nicht hätten ausmalen können. 

Diese wichtige Diskussion über die Frage, was wahr ist, darf uns nicht durch die Finger rinnen. Im letzten Sommer ist ein kleines Buch der ehemaligen Literaturkritikerin der New York Times, Mishiko Kakutani, erschienen: „The death of truth“. Sie ist eine in den USA hochumstrittene Person, Philip Roth hat sie beispielsweise einmal in einem Roman verewigt und das war keineswegs freundlich. Kakutani setzt sich in ihrem Buch mit der in den USA noch viel deutlicher erlebbaren Anfechtung der Wahrheit auseinander. 

In den USA gibt es einen Präsidenten, der es ganz offensichtlich schafft, mehrere Lügen am Tag unterzubringen – je nachdem, wer zählt, mal mehr mal weniger. In jedem Fall sind das deutlich mehr, als wir es für möglich gehalten hätten. Diese Fähigkeit zur kontrafaktischen Behauptung hält er so stoisch durch, wie man es in Zeiten der Aufklärung nicht für möglich gehalten hätte. Vor einem Tisch zu stehen, der rot ist, und zu behaupten, er sei grün und das auch dauerhaft weiter zu behaupten, ist nicht so weit weg von der Aussage, bei Trumps Amtseinführung sei die größte Zuschauermenge aller Zeiten anwesend gewesen. Wenn man allerdings die Bilder der Amtseinführungen von ihm und Obama nebeneinander legt, kann man leicht feststellen, dass das nicht stimmen kann: Auf einem Foto sind auf der National Mall Abschnitte ohne Menschen zu sehen und auf dem anderen nicht. Aber das stört nicht, das sind alternative facts, wie eine seiner Beraterinnen sagte. 

Kakutani setzt sich mit der Frage auseinander, wie es gelingen kann, im öffentlichen Diskurs damit durchzukommen. Sie stellt eine sehr instruktive Betrachtung an: Sie sagt, dass das die nächste Drehung einer von uns allen seit fünfzig Jahren als gesellschaftlich sinnvoll betrachteten Befreiung des Individuums in unseren Kulturlandschaften sei. Sie führt das zurück auf den Beginn des postmodernen Erzählens. Auf die in den 1960er und 1970er Jahren einsetzende neue Fähigkeit, gesetzte Wahrheiten und vermeintlich feststehende systemische Strukturen in Frage zu stellen, an denen man vorher nicht vorbei kam. 

Damals sagten Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstler: „Das stimmt doch gar nicht! Ich nehme die Welt aus meiner persönlichen, individuellen, emotionalen Befindlichkeit ganz anders wahr!“ Wir haben gelernt, dass es eine Belebung und Befreiung unserer öffentlichen Debatte, unseres künstlerischen und kulturellen Lebens ist, diese individuellen Perspektiven im künstlerischen Leben zuzulassen und festzustellen, dass sich Wahrheitsansprüche verflüssigen und eben nicht feststehen, sondern abhängig sind von Standort und Perspektive, von der Betrachtungsweise und der persönlichen Geschichte einzelner Erzählerinnen und Erzähler. Das hat unsere Gesellschaft unglaublich bereichert und befreit. Wir kennen das literarische Leben und die Werke, die daraus entstanden sind. Sie haben uns eine Perspektivenvielfalt von Weltwahrnehmung ermöglicht, die intellektuell, kulturell, sozial und auch politisch relevant und inspirierend waren. Allerdings, so Kukatani weiter, gibt es ein Problem, wenn das nicht mehr genutzt wird, um befreiende Perspektivenvielfalt zu erzeugen, sondern jemand den Anspruch einer allgemein akzeptierten Wahrheit, die es im Kern immer geben muss, komplett beiseiteschafft. In der Moderne müssen wir die Vielfalt der individuellen Perspektive zwar aushalten, aber wir müssen uns dennoch auch um das kümmern, was die Gesellschaft gemeinsam als wahr erachtet. Denn ansonsten kann derjenige, der bewusst, kalkuliert und strategisch die Unwahrheit sagt, nicht mehr anhand eines gemeinsam akzeptierten Maßstabs an die Kandare genommen werden. 

Das befreiende Potential des postmodernen Erzählens ist durch eine sehr geschickte Ausnutzung massenmedialer Infrastrukturen dazu benutzt worden, das Gegenteil von dem zu erreichen, was ursprünglich erreicht werden sollte. 

Wir stehen als Gesellschaft vor der Frage, ob wir wieder zwei Schritte zurückgehen müssen. Brauchen wir wieder tradierte Wahrheiten? Geht das überhaupt? Es gibt ja Akteure in unseren gesellschaftlichen Diskursen, die das verlangen. Sie rufen nach einer deutschen Nationalkultur, um dann die Menschen sanktionieren zu können, die davon abweichen. Das ist aber ein Irrweg, der uns in voraufklärerische Zeiten zurückführt. 

Die Frage ist also: Wie komme ich durch die Perspektivenvielfalt, durch die Freiheit individueller Narration hindurch zu einer Verständigung darüber, was wir alle gemeinsam richtig finden? Dieser Grundkonsens, den wir erringen müssen, wird vermutlich dürrer und nicht mehr so substanziell sein, wie vor 50 oder 100 Jahren. Aber er wird wichtig sein. 

Vielleicht wird es auch vor allem um prozedurale, verfahrensbezogene Übereinkünfte gehen, wie die, die ich vorhin schon skizziert habe. Wir müssen einander wieder unterstellen können, dass etwas wahr, wahrhaftig und richtig ist. Und wenn jemand sagt, ich finde das nicht, dann reden wir darüber und versuchen zu klären, was dahinter liegt und worauf wir uns einigen können. Der Diskurs darf nicht einfach abgebrochen werden, was heute ja häufig passiert. 

Es gab einmal jemanden, der das bezogen auf den Journalismus schön zusammengefasst hat. Er sagte: „Ich will nicht in einem Artikel lesen, dass ‚Person A sagt ‚es regnet‘ und Person B sagt ‚es scheint die Sonne‘, sondern ich will, dass der Journalist herausfindet, was stimmt.“ 

Das gilt auch für andere Bereiche unserer Gesellschaft. Wir halten uns häufig dabei auf – das ist der Stand, in dem wir bei diesem postmodernen Auflösen von Wahrheitsansprüchen stehen geblieben sind –, dass wir zufrieden damit sind, dass die Vielfalt möglicher Unterschiede dargestellt wird. Wir unterziehen uns aber noch nicht der gemeinsamen Anstrengung herauszufinden, was denn dann stimmt. Das auszudiskutieren ist eine Aufgabe, vor der wir alle miteinander stehen, wenn wir nicht wollen, dass wir solche Entgleisungen, wie wir sie in den USA gerade erleben, irgendwann auch in unserem Land erleben. 

Das führt uns direkt zu der Tätigkeit von Schriftstellerinnen und Schriftstellern und zu der Vielfalt der Perspektiven auf die Welt – zu den spekulativen Fiktionen einerseits und den intellektuellen Interventionen in unserem öffentlichen Diskurs andererseits, zu dem auch Sie alle immer wieder aus Ihrer Arbeit heraus einen Betrag leisten, den wir als Gesellschaft dringend brauchen. 

Vielleicht hat das im vergangenen Jahr ein Schriftsteller am eindringlichsten zum Ausdruck gebracht. Simon Stephens, ein britischer Dramatiker, der regelmäßig am Thalia Theater Stücke uraufführt, hielt anlässlich des 175. Geburtstages des Thalia Theaters eine sehr beeindruckende Rede. 

Der Kernsatz dieser Rede war: "We all need to tell our stories better.“ – „Wir müssen unsere Geschichten besser erzählen.“ Er hat das am Beispiel des Brexit – er selbst ist vehement dagegen – verdeutlicht. Er beschreibt eine Szene, die hochgradig instruktiv ist, weil sie ganz viel darüber aussagt, wie wir in solchen Diskussionen momentan miteinander umgehen. In einer bekannten englischen Fernsehsendung wurde einer der Hauptbefürworter des Brexit vom Moderator mit Statistiken sowie ökonomischen und volkswirtschaftlichen Betrachtungen konfrontiert, dass der Brexit dem Land schaden werde. Das würden alle Experten bestätigen. Die Antwort dieses Brexit-Befürworters war: “Don’t you think we’ve had enough of these experts?“ – „Glauben Sie nicht, wir hatten echt genug von diesen Experten?” Ein Satz, der Simon Stephens das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es kann doch nicht sein in unseren aufklärerischen Zeiten, dass wir Expertenmeinungen einfach so beiseiteschieben. Voller Emotionen geht er in die Küche und trifft dort seinen Sohn im Teenager-Alter. Stephens regt sich furchtbar darüber auf und sein Sohn sagt: „Aber Papa, der hat doch Recht.“ „Warum hat der Recht?“, fragt Stephens ihn. Sein Sohn stellt ihm daraufhin die einfache Frage: „Wenn alle Experten dir in diesem Moment vorrechnen würden, dass der Brexit eine vernünftige ökonomische, dem UK nutzende Angelegenheit wäre, wärest du dann für den Brexit?“ Simon Stephens musste einräumen, dass er auch dann nicht zu einem Brexit-Befürworter würde. Es geht also nicht nur um die vermeintlichen Fakten, sondern es geht auch um das dahinterliegende, normative, ethische, politische und soziale Bild, das wir davon haben, wie wir eigentlich leben wollen. Stephens wurde klar, dass es um die story geht und dass die Brexit-Gegner keine story haben. Sie sagen nur, dass es ökonomisch falsch sei, aber sie erzählten nicht die Geschichte dazu. Eine Geschichte, die die Emotionalität, die Leidenschaft, die Begeisterung für ein Europa, für ein Zusammenwachsen über Nationengrenzen hinweg im 21. Jahrhundert auslösen kann. Und sein Sohn sagte zu ihm: „Du bist doch Schriftsteller, du kannst doch diese Geschichte erzählen!“ 

Ich glaube, das ist ein Plädoyer, das nachhallt und über das man nachdenken muss. Denn natürlich brauche ich Fakten, aber die Fakten allein reichen eben auch nicht aus. Man sollte jetzt nicht den Kurzschluss daraus ziehen, den Menasse gezogen hat: „Ich denke mir etwas aus und behaupte Hallstein hätte das 1958 gesagt.“ Da gibt es auch noch andere Wege. Fakt aber ist: "We need to tell our stories better.“ – „Wir müssen unsere Geschichten besser erzählen“. 

Wenn wir über die Errungenschaften der Aufklärung im 21. Jahrhundert streiten, ist das eine Aufgabe, die wir ernst nehmen müssen und an die wir uns miteinander herantrauen müssen und bei der wir uns auch Brandblasen holen können. Die sind aber notwendig und erinnern uns daran, dass wir auch fühlen. 

Das Fühlen ist wichtig, weil Kunst und Literatur Erkenntnis nicht nur diskursiv, also rational ernüchtert ermöglichen, sondern auch auf dem Wege, den Adorno die Mimesis die Kunst genannt hat. Das Kunstwerk wirkt unmittelbar und eindringlich emotional auf die Leserin eines Buches oder den Leser eines Gedichtes. Es gibt gar keine Argumente dafür, warum einen das berührt, aber es berührt. Kunst kann eine transformative Kraft haben, die in dem Moment des Erlebens oft gar nicht näher zu rationalisieren ist. 

Heute Morgen habe ich mich anlässlich des Nachdenkens über die Fiktionalisierung historischer Bezüge noch einmal an eine der berührendsten Passagen des Buches „Underworld“ von Don DeLillo erinnert. In diesem ausufernden Werk geht es auf den ersten 70 Seiten nur darum, wie J. Edgar Hoover, der berühmte FBI-Chef, auf der Tribüne eines Baseballstadions in den USA sitzt. Parallel wird die Geschichte von einem kleinen Jungen und seinem Vater erzählt, die ebenfalls in diesem Stadion sitzen, wo ein großartiger world series-Gewinn einer Baseballmannschaft stattfindet. Dieser kleine Junge fängt den Baseball, und parallel bekommt auf der anderen Seite J. Edgar Hoover die Nachricht, dass die Russen gerade die erste Atomrakete getestet haben. Der Kern eines Atomsprengkopfs ist so groß wie ein Baseball und von diesen beiden Motiven ausgehend, wird ein wunderbar miteinander verwobenes Geflecht aufgefaltet. Diese beiden Leitmotive hängen über 1000 Seiten zusammen und gehen in die jetzige aktuelle Geschichte der USA hinein. 

Ob das alles so stattgefunden hat, ob Hoover da tatsächlich saß, ob er wirklich so aufgeregt war, weiß kein Mensch, jedenfalls ich nicht, aber das ist auch egal. Diese fiktionalen Überlegungen, wie die symbolisch aufgeladenen, hochindividuellen, emotionalen Erlebnisse eines Jungen und die welterschütternden Veränderungen in unser Gesellschaft miteinander zusammenhängen, kommen bei mir immer wellenhaft wieder, obwohl ich das Buch 15 Jahre nicht mehr in der Hand hatte. 

Das war ein Moment nachsimmernder kultureller Erfahrung, die gar nicht diskursiv, nicht rational, sondern hochemotional war. Das Buch hat mich sehr berührt beim erstmaligen Lesen. Ich glaube, es ist bedeutsam, diese Momente und ihre Kraft zu nutzen im Sinne der Aufklärung und im Sinne des Nicht-uns-durch-die-Finger-rinnen-lassens von Errungenschaften, die wir alle miteinander für notwendig und richtig erachten. Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der wir ohne Angst verschieden sein können und wir müssen das alle miteinander erreichen. 

In der Kulturpolitik organisieren sich die Länder ab diesem Jahr in einer neu gegründeten Ministerkonferenz der Kulturminister. Hintergrund ist, dass in der Kultusministerkonferenz die Themen Schule, Bildung und Wissenschaft im Vordergrund stehen. Diese neue Kulturministerkonferenz ist zwar unter dem Dach der KMK angesiedelt, aber als eigenständiges Gremium.

Eines der ersten Themen, das wir noch in diesem ersten Halbjahr dieses Jahres angehen wollen, ist die Lage kleinerer und mittlerer Verlage. Hier stellt sich die Frage: Wie sieht es in der Branche mit den Möglichkeiten aus, Zirkulation, Reichweite und Publikationsmöglichkeiten für Literatur sicherzustellen? Wir stellen dort derzeit einen erheblichen Druck fest und eine Konzentrationsbewegung, die wir aus vielen anderen kulturwirtschaftlichen Bereichen schon kennen.

Wir überlegen daher gerade, ob wir schon am Rande der Buchmesse in Leipzig ein Treffen mit dem Börsenverein und mit kleineren Verlagen organisieren können, um darüber zu sprechen, was es eigentlich braucht. Frau Grütters hat im letzten Herbst in Berlin gesagt, dass sie einen Preis ausloben will. Und Preise sind natürlich immer gut und helfen auch dabei, einzelnen zu helfen. Aber stimmen eigentlich die Rahmenbedingungen oder brauchen wir eigentlich was ganz anderes?

Dieser Frage und vielen anderen Fragen müssen wir uns zuwenden, wenn wir die Vielfalt von Stimmen im öffentlichen Diskurs bewahren wollen. Ich freue mich sehr, dass Hamburg den ersten Vorsitz hat – eher durch einen Zufall, weil der Vorsitz der Kultur-MK immer am Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz hängt. Insofern darf ich in diesem wichtigen ersten Jahr dabei helfen, dieses Gremium zu prägen. 

Ich möchte noch einmal auf die Brandblasen von Christine Nöstlinger zurückkommen und auf den mit dem Hamburger Lenz-Preis gewürdigten Amos Oz. Oz ist am 28. Dezember 2018, also vor wenigen Tagen, verstorben und wir können uns noch gar nicht vorstellen, wie sehr er fehlen wird – auch in Debatten, in denen wir bisher seine Stimme hatten. Amos Oz hat mal gesagt: „Es wäre ganz falsch, die Gegenwart im Namen der Vergangenheit und der Zukunft zu vergessen.“ 

Diese Gegenwart drängt gerade sehr und wir haben – je nachdem – die Neigung, uns mit dem auseinanderzusetzen, was war, oder aber zu spekulieren, was sein könnte. Letzteres ist einfacher und man kann sich damit links und rechts in die Büsche schlagen. Ich komme aus dem Ruhrgebiet und da gibt es den schönen altbekannten Satz des Dortmunder Fußballers Adi Preißler: „Grau is‘ alle Theorie, entscheidend ist auf‘m Platz!“ Und auf diesen Platz müssen wir gerade jetzt alle gehen, weil sich da in diesen Tagen, Wochen und Monaten viel entscheiden wird. 

Ich wünsche mir, dass Sie alle dabei mithelfen, das zu erhalten, was wir an Vielfalt und Freiheit von Kunst und anderen Möglichkeiten, sich auszudrücken, errungen haben. Und dass diese Vielfalt nicht dadurch diskreditiert wird, dass Herr Trumps Lügenmärchen als postmodernes Erzählen geadelt werden. Das ist analytisch zwar richtig, aber wir sollten daraus nicht den Schluss ziehen, dass wir wieder allgemein akzeptierte, normativ gefestigte tradierte Narrative mit absoluter Gültigkeit bräuchten. Das wäre der größte Fehler, den wir machen könnten. Dann hätten wir eine Wahrheit, die nicht mehr auf der Höhe der Zeit wäre. Wir brauchen eine Antwort auf der Höhe der Zeit und die heißt, dass wir uns gemeinsam hineinbegeben müssen in die Debatte darüber, was wir für wahr halten, denn – ein letztes Mal auf Habermas zurückkommend – „wahr ist immer nur das, worauf wir uns einigen können, dass es wahr ist“. 

Das ist die Konsenstheorie der Wahrheit und ich habe keine Alternative zu diesem Denken in der Moderne gefunden, als dass wir uns dieser Aufgabe jeden Tag immer wieder aufs Neue stellen müssen, herauszufinden, was wir gemeinsam für wahr halten. Dazu will ich aus der Kulturbehörde meinen bescheidenen Beitrag leisten, dazu werden Sie alle mit Ihrem literarischen Schaffen, mit Ihren intellektuellen Einwürfen in unsere Gesellschaft Ihren Beitrag leisten. Ich freue mich auf eine Debatte, die danach strebt, das was wahr und richtig ist, gemeinsam herauszufinden und auch immer wieder in Frage zu stellen. Genau das brauchen wir jetzt. Nicht gestern und nicht morgen, sondern jetzt heute auf dem Platz! 

Ich wünsche Ihnen ein schönes Jahr 2019, das anstrengend wird. Diese Anstrengung mag sich hoffentlich lohnen. 

Vielen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien