20. Februar 2019 Eröffnung des 16. plattform-Festivals

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung des 16. plattform-Festivals

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
liebe Isabella Vértes-Schütter,
liebe Mitglieder der Jugendclubs,
sehr geehrte Gäste!

ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe Einsteins Relativitätstheorie nie richtig verstanden…

Wie kann es zum Beispiel sein, dass Zeit manchmal schneller, manchmal langsamer und manchmal sogar rückwärts läuft. Oder: Theoretisch rückwärts laufen kann – wie die Wissenschaftler einschränkend bemerken…
Wie kann es sein, dass sich das Licht, wenn ich mit der Hälfte der Lichtgeschwindigkeit hinter ihm her rennen würde, mit der gleichen Geschwindigkeit von mir entfernt, wie wenn ich stehen würde? Wenn das so ist, dann bleibe ich doch lieber stehen und strenge mich nicht an…
Wie kann es sein, dass am Rand der Rocky Mountains 1.600 Meter über dem Meeresspiegel eine supergenaue Atomuhr steht, die fünf millionstel Sekunden schneller läuft als ihre Schwesternuhr in Braunschweig, die nur 80 Meter über dem Meeresspiegel steht? Uhren im Weltall laufen aus demselben Grund völlig anders, als Uhren hier auf der Erde…

„Die Zeit läuft“ – so das Thema des diesjährigen plattform-Festivals. 
Aber wissen wir auch wie und wohin? 

Im Alltag kennen wir alle merkwürdige Zeit-Phänomene. Manchmal vergeht sie uns wie im Flug und manchmal dehnt sie sich schier unendlich aus. Gerüche oder Fotos versetzen uns wie bei einer Zeitreise für einen Moment in unsere Vergangenheit. Und Zeitmanagement ist in unserer sich immer schneller drehenden Gegenwart ein großes Thema geworden.

Unser subjektives Zeitempfinden hat allerdings nicht viel mit der physikalische Zeit von Albert Einstein zu tun. Die Auseinandersetzung mit beidem verschafft uns jedoch zwei grundlegende Einsichten:

Erstens, dass wir uns als Gesellschaft selbst den normativen Rahmen setzen, den wir für richtig halten. Wir haben uns selbst ausgedacht, dass der Tag in 24 Stunden eingeteilt wird, die Stunde in 60 Minuten, eine Minute in 60 Sekunden. Das hätten wir auch ganz anders machen können.

Dass die Darstellerinnen und Darsteller des Festivals damit spielen, zeigt sich bereits bei der Lektüre der ungewöhnlichen Startzeiten der einzelnen Performances, die zum Beispiel um 19.01 Uhr oder 9.58 Uhr beginnen. 

Wir brauchen solche Vereinbarungen wie die normative Zeit für unser Zusammenleben. Ohne Vereinbarungen funktioniert Gesellschaft nicht. Es lohnt sich jedoch auch, sie hin und wieder in Frage oder auf den Kopf zu stellen. 

Wir lernen zweitens, dass der subjektive Betrachterstandpunkt entscheidend für die Wahrnehmung von Welt ist. Das ist wie bei der Atomuhr in Braunschweig und der in den Rocky Mountains. Und im Theater können wir erleben, dass sich zwei Stunden wie zwei Sekunden anfühlen oder anders herum.

Trotz des subjektiven Empfindens von Zeit brauchen wir sie als eine Ordnungsstruktur unseres Verstandes. Sie bildet gleichsam die Matrix unseres Erlebens, das wir in ein „vergangenes“, „gegenwärtiges“ oder „zukünftiges“ einordnen. So können wir uns zurechtfinden und unser Handeln koordinieren und steuern.

Die Digitalisierung stellt uns dabei vor ganz neue Herausforderungen, weil alles immer schneller wird und wir uns außerdem auch in virtuellen Welten bewegen können. Technologische Innovationen haben unsere Gesellschaft und das Tempo in unserer Gesellschaft zwar schon immer verändert. Mit der Digitalisierung haben wir jedoch eine komplett neue Umschlaggeschwindigkeit erreicht. 

Um ein Beispiel zu nennen: In einer Grafik des Verbandes der Zeitschriftenverleger wurde beschrieben, wie lange einzelne mediale Angebote gebraucht haben, um weltweit 50 Mio. Nutzerinnen und Nutzer zu erreichen. 
Ganz oben stand: „Print: Jahrhunderte“. Das waren ungefähr 4 Jahrhunderte, bis man 50 Mio. Nutzerinnen und Nutzer erreicht hatte. 
Beim Radio waren es 37 Jahre. 
Beim Fernsehen nur noch 13 Jahre. 
Ganz unten stand dann bei google plus, ein Netzwerk, das es heute nicht mehr gibt: „sechs Monate“.
Die Frage, die sich dann stellte, lag natürlich auf der Hand: Was braucht nur noch drei Monate, bis es eine Reichweite von 50 Mio. Nutzerinnen und Nutzern weltweit erreicht hat?

Die Geschwindigkeit, in der sich neue Angebote in unserer medialen Welt durchsetzen, ist enorm. Das bedeutet zwangsläufig Stress. Und wir müssen als Einzelne und als Gesellschaft erst noch lernen, mit diesem Tempo umzugehen. 

Auch die Anzahl der Möglichkeiten nimmt so stark zu, dass wir zunehmend unter Druck geraten. Durch die neuen Technologien ist es uns möglich, real und virtuell an verschiedenen Orten gleichzeitig zu sein. Mit ein paar Klicks tauchen wir tiefer in die Welt hinein oder holen sie näher an uns heran. Wir können gleichzeitig mit Freunden essen und schnell ein paar Emails beantworten. Wir können das Wissen der Welt im Internet abrufen. Wir können überall hinfahren. Wir können alles werden und alles sein. Jedenfalls theoretisch…

Die Freiheit ist also groß. Noch größer ist der Erwartungsdruck, an sich selbst und an andere, diese Möglichkeiten auch alle zu nutzen. Das verleitet dazu, alles immer noch schneller und noch effizienter zu machen.

George Orwell hat einmal gesagt:
„Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen schneller an ihr vorbei.“
Es liegt also an uns, ob wir zu viel oder zu wenig Zeit haben – oder genau richtig!

Das Theater ist ein sehr geeigneter Raum, um darüber nachzudenken.Es kann ein Ort der bewussten Entschleunigung, der Entkoppelung von Zeit, Raum und Realität sein. Es ist ein eigener Kosmos, in dem Alternativen ausprobiert werden können. Es bietet den Raum und die Zeit, sich intensiv und ohne Scheuklappen mit den Themen zu beschäftigen. 

Theaterpädagogische Freizeitangebote wie hier am „Ernst Deutsch Theater“ sind daher eine großartige Sache. Es ist gut, dass auch das Unterrichtsfach Theater zunehmend an Bedeutung gewinnt. Hamburg nimmt dabei bundesweit eine Pionierrolle ein: Seit 2011 hat Hamburg als erstes Bundesland das Unterrichtsfach Theater für alle Grund-, Stadtteilschulen und Gymnasien in Hamburg verbindlich eingeführt und das ist bundesweit heute noch einzigartig. 

Heute Abend bekommen wir einen Einblick in die intensive Theaterarbeit der an diesem Festival beteiligten Jugendtheatergruppen, die sich mit Mut, Neugier und viel Zeit in die Proben gestürzt haben. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse!

Ein herzlicher Dank geht an Isabella Vértes-Schütter, die Intendantin des Hauses, die dieses Festival nun seit bereits 16 Jahren ermöglicht.

Ein weiterer Dank geht an Ricarda Friedrich, die das Festival hoch engagiert leitet, stellvertretend für das ganze Theaterteam. 

Nun drehe ich mal ein bisschen an der Uhr und wünsche Ihnen schon jetzt vier abwechslungsreiche Festivaltage gehabt zu haben! Nehmen Sie sich viel Zeit dafür – ich bin sicher, es wird sich lohnen! 

Schönen Dank.

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