18. März 2019 Senatsempfang 100 Jahre Volksbühne Hamburg und Überreichung der „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Silber“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Senatsempfang 100 Jahre Volksbühne Hamburg und Überreichung der „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Silber“

Sehr geehrter Herr Vizepräsident der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter Herr Rickert, 
sehr geehrte Damen und Herren des Vorstandes der Hamburgischen Volksbühne, 
liebe Mitglieder und Freunde der Volksbühnen aus dem ganzen Bundesgebiet, 

Kultur für alle! 
So lautet das Motto des Bundes Deutscher Volksbühnen.
Das ist Forderung und Selbstverpflichtung zugleich.

Die Forderung, dass alle Menschen Zugang zu Kunst und Kultur haben sollten, greift historisch weit zurück. Sie stand schon in den Anfangszeiten der Volksbühnenvereinigung Pate, die 1919 mit dem Ziel gegründet wurde, Arbeiterinnen und Arbeitern Theaterbesuche zu ermöglichen. 

Die Selbstverpflichtung erwächst aus unserer Gegenwart und der Gewissheit, dass wir uns noch sehr anstrengen müssen, damit auch wirklich alle den Wunsch verspüren, Kultureinrichtungen zu besuchen – und dazu Zugang finden.

Kulturinteressierte können sich ja immer kaum vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die sich nicht für Theater, Musik oder Literatur interessieren. Zwingen wollen wir natürlich niemanden. Wir müssen uns aber darum kümmern, dass niemand nur deswegen kulturellen Angeboten fernbleibt, weil er oder sie denkt, dort nicht gewollt oder gemeint zu sein.

„Wer keine Sprache, Erfahrung oder Vermutung von den Möglichkeiten der Künste und der Kulturellen Bildung besitzt“, schreibt der Professor für kulturelle Bildung Eckhardt Liebau, „wird auch keinen Bedarf nach ästhetischen Erfahrungen in diesen Bereichen entwickeln.“
An diesem Dilemma müssen wir arbeiten. Und das tut die Volksbühne Hamburg seit 100 Jahren.

Die Distinktionsmechanismen im Kulturbetrieb sind oft größer, als wir – die Kulturbegeisterten und die Kulturschaffenden – es wahrhaben wollen. In unserer offenen, vielfältigen Gesellschaft sind wir daher umso stärker aufgefordert, Offenheit und Vielfalt auf möglichst vielen Ebenen zu gewährleisten. 

Wir sind aufgefordert, immer wieder zu reflektieren, wo wir auch ganz pragmatisch Dinge verändern und – im Falle der Volksbühne – Menschen für Kunst und Kultur begeistern können.

Kulturelle Teilhabe befriedigt nicht einfach nur das Bedürfnis nach Schönheit und Unterhaltung. Kulturelle Bildung kann mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. 

Entsprechend hat das Recht auf kulturelle Teilhabe Eingang in internationale Vereinbarungen, Landesverfassungen, Schulgesetze und manche spezialgesetzliche Regelung gefunden.

Die Saat dieser Entwicklung lag unter anderem in der Gründung der Volksbühne.
Denn hier liegt der Ursprung für dieses „Menschenrecht auf kulturelle Bildung“ (Max Fuchs), das wir heute so selbstverständlich finden.

Die Zeiten der damaligen Gründung waren bewegt. Die Gesellschaft war im Umbruch. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und des Kaiserreichs im Zuge der Novemberrevolution stand Deutschland 1918/19 vor dem ersten Aufbruch in die Demokratie. 

Zentrale Anliegen waren neben der Einrichtung eines neuen politischen Systems die Ermächtigung aller Menschen zu mündigen Bürgerinnen und Bürger. Denn eine gute Verfassung alleine bewirkt nichts, wenn sie nicht von engagierten und leidenschaftlichen Demokratinnen und Demokraten mit Leben gefüllt wird. Demokratische politische Institutionen brauchen eine demokratische politische Kultur.

Die Einführung der Schulpflicht für alle, die Festschreibung der Meinungsfreiheit, freie Wahlen – das waren damals im wahrsten Sinne revolutionäre Erneuerungen der Gesellschaft, die bis heute von essentieller Bedeutung sind. 

Wir feiern in diesem Jahr also nicht nur den 100. Geburtstag der Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung, sondern auch die Gründungen zahlreicher Institutionen und Gruppierungen, die Ausdruck einer viel breiteren gesellschaftlichen Emanzipation sind. 

Die Gründung der Hamburger Volksbühne – oder inKultur, wie sie heute heißt – ist ein prominentes Beispiel für diesen gesellschaftlichen Demokratisierungs- und Emanzipationsprozess. 

Aber es war noch einiges mehr los: In der Rathausdiele ist aktuell eine spannende Ausstellung zu diesem Thema zu sehen - vielleicht haben Sie sie schon angeschaut. Unter dem Titel „Die Zeit war reif…“ können Sie dort etwas zur Geschichte der Universität, der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen, der Volkshochschule, der Volksbühne und der Elbkinder GmbH erfahren – alles Gründungen dieser jungen ersten Demokratie in Hamburg.
 
Die Geschichte nach 1918/19 hat gezeigt: Demokratie zu erkämpfen, ist eine riesige Aufgabe – sie zu erhalten eine nicht minder große Herausforderung. 
Demokratie bedeutet, sich einzubringen und Stellung zu beziehen, aber auch scheinbare Gewissheiten in Frage zu stellen und offen zu bleiben für neue Argumente. 

Demokratie bedeutet, dass wir alle gemeinsam immer wieder aufs Neue einen grundlegenden Konsens über die gemeinsamen Werte und Regeln erringen müssen. 

Das unterscheidet die Demokratie von den meisten anderen Staatsformen: ihre Fähigkeit zum Konsens oder mindestens zum Kompromiss, der sich aus den Interessen seiner Mitglieder zusammensetzt und nicht nur aus den Interessen derer, die am meisten Einfluss haben. 
Diese Übereinkünfte immer wieder herzustellen, ist eine wahrhafte Sisyphos-Aufgabe – der wir uns mit Freude stellen sollten. Denn es lohnt sich! 

Kunst und Kultur sind uns dabei lustvolle Partner. In der Rezeption von und dem Gespräch über Musik, Literatur, Kunst und insbesondere auch Theater gelingt uns außerdem ganz spielerisch gleich dreierlei: 

  • Erstens: Wir kommen in unseren Theatern als eine Art temporäre Gesellschaft zusammen.
  • Wir üben zweitens in unseren anschließenden Gesprächen über das Gesehene den demokratischen Prozess des Austauschens von Argumenten.
  • Und Kunst und Kultur machen uns drittens neugierig auf andere Sichtweisen. Denn wenn ich im Theater nur das sehen würde, was ich von zu Hause kenne, würde ich mich vermutlich langweilen…

Die Mitglieder der Volksbühne Hamburg sind neugierige Menschen. Das Spektrum der Angebote ist riesig. Die Anzahl an gehaltvollen Stücken, die auch provozieren, hinterfragen oder anspruchsvolle Gesellschaftsanalysen zeigen, beweisen, dass das Publikum danach sucht. Die Bereitschaft und die Hinwendung zur Auseinandersetzung sind groß. 

Natürlich kommt auch die gehobene Unterhaltung nicht zu kurz – und das soll sie auch nicht! Aber ein großer Teil des Publikums sucht mehr und versteht die Plattform Volksbühne als eine Chance dafür.

Herr Rickert nutzt die Editorials der Mitgliederzeitschrift regelmäßig dazu, um auf engagierte Produktionen hinzuweisen. Ob er hier auf die Forderung seiner Mitglieder reagiert oder einer Selbstverpflichtung nachkommt, habe ich nicht geprüft – das Ergebnis ist ja, was zählt!

Jedenfalls könnte man die Volksbühne auch als eine Art praktischer „Kunstschule“ begreifen: Sie fördert und sie schult die „Zuschauerkunst“ ihrer Mitglieder. 

Die Mitglieder sehen die unterschiedlichsten Stücke auf den unterschiedlichsten Bühnen und entwickeln so einen differenzierten Blick auf Form und Inhalt. Das abwechslungsreiche Rahmenprogramm ergänzt das Theaterangebot, Tipps für kulturelle Highlights anderer Sparten sind gang und gäbe. Denkanstöße sind immer inklusive!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

auch wenn 100 Jahre nach Gründung der Volksbühne in Hamburg und 40 Jahre nach Hilmar Hoffmanns Schlachtruf „Kultur für Alle!“ dieses Programm gesamtgesellschaftlich betrachtet noch immer Utopie statt Retrospektive ist, können wir und können Sie doch Erfolge verbuchen: 

Das Publikum der Volksbühne ist, gerade in den vergangenen Jahren, bunter und diverser geworden. 
Und es wird vermehrt darauf geachtet, wer eigentlich bei einer kulturellen Veranstaltung erreicht werden soll und kann. Möglichst viele Menschen sollen sich angesprochen fühlen.

Umgekehrt wirkt das Publikum der Volksbühne auch auf das Programm der Theater zurück. Denn durch die An- oder Abwesenheit der Mitglieder in bestimmten Häusern, bei bestimmten Genres oder Regiehandschriften, durch ihre Aussagen und Urteile über Inszenierungen, prägen sie die Kulturlandschaft mit. 
Dieses Wechselspiel schult ebenfalls und es ist wichtig.

Meine Damen und Herren,

große Vielfalt gibt es nicht nur auf den Bühnen, sondern auch bei den Volksbühnen selbst: Bundesweit gibt es 54 Vereine. Viele Vertreter anderer Regionen und Städte sind heute hier. 

Mit rund 23.000 Mitgliedern ist die hiesige Volksbühne die größte unter allen. 
1919 in Hamburg ins Leben gerufen, erlebte sie ihre Blütezeit in den 1950er Jahren, als sie sogar einen Aufnahme-Stop für Neumitglieder erlassen musste, weil die Abonnementzahlen die Platzkapazitäten der Spielstätten sprengten. 

Heute hat sich die Volksbühne zu einer modernen Besucherorganisation entwickelt, die unterschiedliche Abo-Systeme anbietet und immer auch den Blick über den Theatertellerrand hinauswagt.

Die Mitglieder der Volksbühne standen seit ihrer Gründung im Fokus und hatten immer Möglichkeiten zur Mitbestimmung. Einerseits dadurch, dass sie frei entscheiden können, welche Vorstellungen in Hamburgs Spielstätten sie besuchen wollen. Andererseits auch durch die Möglichkeit, besonders herausragende schauspielerische Leistung anhand eines Preises zu honorieren. „Die silberne Maske“ wurde während der Jahre 1969-1992 jeweils zweimal im Jahr verliehen (einmal von einer fachkundigen Jury, und einmal vom Publikum).

Lieber Herr Rickert, 
wenn Sie bitte zu mir nach vorn kommen würden?

Eine „silberne Maske“ bekommen Sie heute nicht verliehen, aber ich möchte mich in anderer Form bei Ihnen bedanken – und wir bleiben beim gleichen Metall. 

Die „Medaille für die treue Arbeit im Dienste des deutschen Volkes in Silber“ wurde 1926 vom Hamburger Senat erstmals für besonderes ehrenamtliches und freiwilliges Engagement verliehen und honoriert Menschen, die Ihre Arbeit dem Gemeinwohl zur Verfügung stellen. 

Umrahmt von dem Lorbeerkranz ist auf der silbernen Medaille zu lesen:

„Das Gemeinwohl ist das höchste Gesetz“. 

Dieser etwas ehern und altmodisch klingende Satz entfaltet in Zeiten, in denen ein falsch verstandener, weil ökonomisch verkürzter Liberalismus die Suche nach einem neuen solidarischen Sinn freigelegt hat, eine besondere Kraft.

Wir brauchen Menschen, die sich ehrenamtlich für die Gesellschaft einsetzen und das Gemeinwohl stärken. 

Der Autor und Kabarettist Oliver Hasselcamp hat einmal gesagt: 
„Tun Sie gelegentlich etwas, womit Sie weniger oder gar nichts verdienen. Es zahlt sich aus.“

Seit 50 Jahren beweisen Sie mit Ihrem beeindruckenden Einsatz, dass Sie mehr als nur gelegentlich etwas tun, womit Sie auf den ersten Blick nichts verdienen: 

Sie engagieren sich in unterschiedlichen Funktionen für die Hamburger Volksbühne: Von 1994 - bis 2008 waren Sie Vorsitzender der Vertreterversammlung und seit 2008 führen Sie leidenschaftlich und motiviert das Amt des Vorstandvorsitzenden aus. 

Heute soll Ihre Arbeit mit dieser „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Silber“ ausgezeichnet werden. 

Ihre Leidenschaft für die darstellende Kunst spürt man besonders in den Editorials, in denen Sie regelmäßig aktuelle Geschehnisse des Hamburger Theaterlebens und Inszenierungen in einen gesellschaftlichen Kontext setzen. 

Sie überzeugen in diesen persönlichen Vorworten mit einem breiten Wissen zur vielfältigen Hamburger Theaterlandschaft und erzeugen bei Ihrer Leserinnen und Lesern Lust, neue Vorstellungen für sich zu entdecken. 

Dabei lassen Sie die aktuellen Highlights aus dem Bereich bildende Kunst und Musik nicht außer Acht, sondern glänzen auch hier durch eine sehr genaue Kenntnis der Materie. 

Beachtlich ist dabei besonders, dass man sofort spürt, dass es Ihnen um die Sache geht: Sie stellen sich in Ihren Texten nicht selber ins Rampenlicht, sondern überlassen die Bühne dem Kulturprogramm. 

Ihr Engagement reicht über die Stadtgrenzen hinaus: Seit 2017 sind Sie als Kassenwart des „Bundesverbandes der deutschen Volksbühnen“ im Einsatz. 
Es ist mir eine besondere Ehre, Ihnen diese Medaille heute überreichen zu dürfen. 

Im Namen der Freien und Hansestadt Hamburg bedanke ich mich für Ihren Elan als Vorsitzender der Volksbühne. 

Die Volksbühne ist mit Ihrem Vermittlungsprogramm und dem Interesse, kulturelle Teilhabe für alle zu fördern und zu ermöglichen, eine essentielle Partnerin für die Stadt. Ich hoffe, dass die Stadt Hamburg und der Verein noch lange auf Ihren unermüdlichen Einsatz zählen dürfen. 

Der Hamburger Volksbühne wünsche ich für die nächsten 100 Jahre viel Originalität und Kreativität, das Interesse für Kultur bei der Bevölkerung zu wecken und Hamburgs Kultur immer wieder neu in Szene zu setzen. 

Ich freue mich, wenn Sie die Möglichkeiten noch weiter ausloten, die kulturelle Teilhabe an einer offenen und freien Stadt erlebbar zu machen, einer Stadt, in der jeder Mensch ungehindert seine Fähigkeiten und Kräfte entfalten kann – im Idealfall zum Besseren des Ganzen. 

Schönen Dank.



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