19. März 2019 Rückgabe von zwei koreanischen Grabwächterfiguren

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Rückgabe von zwei koreanischen Grabwächterfiguren

Sehr geehrter Herr Generalkonsul Shin, 
sehr geehrter Herr Generalsekretär Kim, 
sehr geehrter Herr Kwak, 
sehr geehrter Herr Chung, 
sehr geehrter Herr Jang, 
liebe Frau Professor Plankensteiner,
sehr geehrte Damen und Herren,

das Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt gibt heute zwei aus Korea stammende Grabwächterfiguren aus dem 16. Jahrhundert an die Republik Korea – vertreten durch die Korean Overseas Cultural Foundation – zurück.

Die beiden Figuren waren seit 1987 fester Bestandteil der Sammlung des Museums am Rothenbaum. 
Nachdem sich während der Vorbereitungen der Ausstellung „Uri Korea – Ruhe in Beschleunigung“ herausstellte, dass die beiden Figuren illegal erworben wurden, hat sich das Museum sofort um die Rückgabe der Figuren an Korea bemüht. 
Die beiden Grabwächterfiguren – so viel ist uns bekannt – stellen Zivilbeamte der Joseon-Dynastie dar und wachten entsprechend der damals gängigen Traditionen über die Ruhe des Grabes einer hochgestellten Person. Sie berichten somit von dem Brauch, Steinfiguren in Gestalt von Personen als Wächter um ein Grab herum aufzustellen. 

Die Figuren und ihre Rückgabe an die Republik Korea sind deshalb so bedeutend, weil sie uns gleich mehrere Geschichten erzählen: 
Die Figuren sind nicht nur, wie geschildert, Zeugen einer anderen Zeit und der damaligen Riten und Traditionen, sondern sie erzählen auch von ihrer Herstellung und vor allem von ihrer Sammlungs- und Erwerbsgeschichte, d.h. ihrer Reise nach Europa und nun wieder zurück nach Korea. 

Die Geschichte der beiden Figuren nimmt Anfang der 1980er Jahre wieder Fahrt auf – zumindest ist sie uns ab diesem Zeitpunkt wieder genauer bekannt. 
Die beiden Grabwächterfiguren wurden Anfang der 1980er Jahre von einem deutschen Händler bei einem Antiquitätenhändler in der Nähe von Seoul erworben und später dem Museum für Völkerkunde (das heutige Museum am Rothenbaum) zum Kauf angeboten. Das Museum erwarb die beiden Figuren 1987.

Wie der Händler dem Museum auf Anfrage später bestätigte, wurden die Grabwächterfiguren bei der Ausfuhr aus Korea vor dem Zoll versteckt und unter Verstoß gegen die Ausfuhrbestimmungen des koreanischen Kulturgutschutzgesetzes (Cultural Heritage Protection Act) aus dem Land ausgeführt.

Heute schließt sich nun der Kreis und die beiden Figuren begeben sich zurück auf ihre Reise nach Korea.

Die Geschichte dieser beiden Figuren ist kein Einzelfall. 
Sie macht deutlich, wie wichtig die Provenienzforschung und der transparente Austausch über deren Ergebnisse sind. Ohne die Expertise und das Engagement der Mitarbeitenden des Museums am Rothenbaum wäre heute wenig über die Sammlungs- und Erwerbsgeschichte der beiden Figuren bekannt – und es gäbe auch keine Rückgabe nach Korea. 

Nur wer die Provenienz von Kulturgütern kennt, kann ihre unrechtmäßige Ausfuhr und den illegalen Handel damit verhindern. 

Diese Aussage gilt für alle Kulturgüter, die sich bereits in den Museen befinden. Die Museen haben sich daher der Aufklärung der Vergangenheit ihrer Objekte verschrieben. 
Lag am Anfang der Fokus dabei auf Raub- und Beutekunst aus der Zeit des Nationalsozialismus, so ist die Provenienzforschung mittlerweile breiter aufgestellt. 
Auch Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten ist zunehmend Gegenstand der Provenienzforschung. 

Ihre Ergebnisse ermöglichen es nicht nur, mehr über die Kulturgüter und deren direkte Objektgeschichte zu erfahren, sondern sie sind auch Zeitzeugen eines anderen Wertesystems, das die Unterdrückung und kulturelle Ausplünderung anderer Territorien und Bevölkerungsgruppen erst ermöglicht hat. 

Die transparente Provenienzforschung ist der erste Schritt auf dem Weg zum partnerschaftlichen Austausch über die Sammlungsobjekte und deren Geschichte, an dessen Ende die Rückgabe eines Kulturgutes in sein Herkunftsland stehen kann.

Die Provenienzforschung ist aber nicht nur für Erwerbungen der Vergangenheit, sondern auch für zukünftige Erwerbungen von Bedeutung, um unrechtmäßige Ausfuhr und illegalen Handel mit Kulturgütern zu verhindern. 

Entsprechend haben sich die Museen in den Ethischen Richtlinien für Museen von ICOM selbst verpflichtet, vor einem Erwerb jede Anstrengung zu unternehmen, um sicherzustellen, dass die zum Kauf oder zur Leihe angebotenen Objekte oder Exemplare nicht gesetzeswidrig in ihrem Ursprungsland erlangt oder aus ihm bzw. aus einem dritten Land ausgeführt wurden. 

Entsprechend ermitteln die Museen, mit aller gebotenen Sorgfalt, die vollständige Provenienz des betreffenden Objekts und zwar von seiner Entdeckung oder Herstellung an. 

So aufwendig dies auch sein mag, die detaillierte Klärung der Provenienz ist zwingend erforderlich.
Denn: Kulturgüter sind nicht nur in Kriegszeiten in ihrer Substanz bedroht – wer erinnert sich nicht an die Bilder der zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan im Jahr 2001. Kulturgüter sind auch in Friedenszeiten durch den illegalen Handel bedroht. Dieser gefährdet weniger die Substanz der Kulturgüter, jedoch ihre öffentliche Zugänglichkeit und ihre Belegenheit in ihrem ursprünglichen Kontext. 

So verlockend es auch sein mag, Kulturgüter aus allen Gegenden der Welt überall verfügbar zu haben, so sinnvoll und notwendig ist es doch, Kulturgüter vor illegaler Ausfuhr zu schützen. 

Zahlreiche Staaten haben in ihrer Geschichte bereits den Verlust von bedeutenden Kulturgütern durch Zerstörung und Kriege erlebt und schützen deshalb die noch verbliebenen Kulturgüter vor verbotener Abwanderung in das Ausland. 

Ein Kulturgut wird nicht als Kulturgut geschaffen. 
Erst die Wertschätzung, die dieses durch eine Gruppe oder Gesellschaft in künstlerischer, wissenschaftlicher oder historischer Sicht erfährt, macht es zu einem Kulturgut. Dies erklärt die Bedeutung der Präsenz von Kulturgütern in ihren Herkunftsländern. 

Aus zahlreichen Staaten der Erde dürfen Kulturgüter nicht oder zumindest nur mit offizieller Genehmigung ausgeführt werden. Ausleihen auf Zeit sind möglich und im Rahmen des kulturellen Austauschs erwünscht. Sie ermöglichen die kritische Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Geschichte sowie die Einnahme einer neuen Perspektive.

Die Geschichte der beiden Grabwächterfiguren zeigt uns, dass Kulturgutschutz in unser aller Verantwortung liegt. Kulturgüter sind nicht nur in Krisenzeiten durch Zerstörung bedroht, sondern auch in Friedenszeiten durch den illegalen Handel. 

Das Museum am Rothenbaum hat sich dieser Verantwortung in vorbildlicher Weise verschrieben und gezeigt, wie Provenienzforschung zum Schutz von Kulturgütern und damit zu ihrer Rückkehr in ihre ursprünglichen Kontexte beitragen kann. 

Dass die beiden Grabwächterfiguren nun an Korea zurückgegeben werden, ist hierfür ein herausragendes Beispiel. 

Vielen Dank. 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien