28. März 2019 Eröffnung der Ausstellung „Social Design“ im Museum für Kunst und Gewerbe

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung der Ausstellung „Social Design“ im Museum für Kunst und Gewerbe

Sehr geehrte Frau Professor Beyerle, 
sehr geehrte Frau Sachs, 
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Hans Brökel Stiftung,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Alfred Toepfer Stiftung,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

„Alle Themen und Probleme können zum Gegenstand von Design-Prozessen werden.“ 

Unter dieser Überschrift hat Jesko Fezer seinen Sammelband zu Public Design gestellt. 

Alle Themen und Probleme – wir sehen: Hier wird groß gedacht. Und das ist auch schon das richtige Stichwort, denn bei Social Design geht es um nichts Geringeres als darum, die Welt besser zu machen. 

Designerinnen und Designer, Künstlerinnen, Künstler und Kreative, die sich Social Design-Projekten widmen, entscheiden sich bewusst dafür, ihren Blick auf die drängenden Herausforderungen unserer Zeit zu lenken – um nur einige Beispiele zu nennen:
•    Fragen der Ökologie, der Migration, 
•    der Digitalisierung, der Stadtplanung, 
•    des Zugangs zu Ressourcen, 
•    der gesellschaftlichen Teilhabe oder 
•    der Gestaltung unserer Arbeitswelt.

Sie entscheiden sich bewusst dafür, Verantwortung zu übernehmen und in partizipativen Prozessen Lösungen für Probleme unserer Zeit zu finden. 

Social Design – und das passt zum MKG – will nicht gemütlich sein, will keine rein ästhetisch ansprechenden Objekte entwickeln, sondern will dahin gehen, wo es unschön werden kann, manchmal auch verstörend oder schmerzhaft. 

Social Design betont das Soziale. Im Ergebnis ist die Teilhabe am Entstehungsprozess oft wichtiger als das Design des fertigen Produkts. Die Menschen selbst werden nicht nur in den Mittelpunkt gestellt, sondern aktiv und transparent am Prozess der Gestaltung beteiligt. Entscheidend für dieses offene und prozessbezogene Designverständnis ist ein reger Austausch zwischen allen Beteiligten, unabhängig von fachlichen Kenntnissen, Alter, Geschlecht, Herkunft oder institutioneller Zugehörigkeit. 

Selbstbestimmtes Handeln und Verhandeln und die eigenständige, nachhaltige Weiterführung von Projekten und Aktivitäten als Folge sind am Ende das eigentliche „Produkt“. 

Das alles ist keineswegs neu, schrieb Viktor Papanek doch schon 1971 in seinem Standardwerk „Design für die reale Welt“: 
„In einer Welt, in der es tiefste Armut gibt, ist die Konzentration darauf, nur schöne Dinge zu machen, ein Verbrechen an der Menschheit.“ 
Und weiter: „Design muss, um ökologisch und sozial verantwortlich zu sein, revolutionär und radikal sein.“

Wenn wir heute aktuelle Debatten verfolgen, ganz gleich ob lokal oder international, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Dringlichkeit weiter zunimmt. Jede Zeit braucht Antworten aus sich selbst heraus und darf sich nicht auf bereits Gedachtes und Gemachtes allein verlassen. 

Die Wahrnehmung unseres alltäglichen Lebens verändert sich. Das Bewusstsein für die großen Folgen vieler kleiner individueller Handlungen steigt. 

Deshalb stellen wir immer intensiver unsere eigene Konsumhaltung in Frage und machen uns über nachhaltige Alternativen zu To-go-Kaffeebechern Gedanken. 
Wir verabreden uns über Facebook dazu, Hilfsinitiativen für Geflüchtete zu organisieren.

Und eine junge Generation geht aktuell bei den Fridays-for-Future-Demos auf die Straße, um die Generation ihrer Eltern aufzurütteln und ihr zu zeigen, dass wir das Leben, das wir führen, hinterfragen und vielleicht auch ändern müssen.

Ganz deutlich wurde dies auch zum Beispiel am 1. August 2018. Das war der so genannte Earth Overshoot Day, der jedes Jahr anzeigt, wann die Menschheit die Ressourcen auf der Erde verbraucht hat, die sich innerhalb eines Jahres erneuern. 
Lag der Overshoot Day in den 80er-Jahren noch im Oktober, rückt er Jahr für Jahr vor und wird 2019 voraussichtlich erstmals auf einen Tag im Juli fallen. 

Social Design ist Design, das diese Realitäten nicht ignoriert, sondern ernst nimmt und die Verantwortung, die daraus resultiert, annimmt. 
Es ist Design, das nach Lösungen sucht, bevor es zu spät ist. 
Und dass sich diese Lösungen oftmals schon in den Lösungswegen finden, weil es – wie wir spätestens sein Niklas Luhmann wissen – heutzutage weniger um die Ergebnisse, als um die Verfahren geht, wenn wir nach Legitimation und Sinn in unserer Gesellschaft suchen.

Es ist deshalb Design, das zugleich Mut und Hoffnung macht. 
Es ist Design an der Schnittstelle zur Politik. 
Zahlreiche internationale wie auch hiesige Beispiele dafür versammelt die Ausstellung, die wir heute eröffnen. 

Sehr verehrte Damen und Herren,

eines dieser Projekte aus Hamburg stammt von Jesko Fezer, den ich eingangs zitierte. Mit seinen Studierenden an der HFBK bietet er die „Öffentliche Gestaltungsberatung“ auf St. Pauli an.
Die Bereiche, aus denen die Projekte kommen, sind vielfältig und zeigen, in welchem Feld wir uns hier bewegen: 
•    urbaner Raum und Landschaft, 
•    Wohnen, Bildung, Arbeit, 
•    Produktion, Migration, 
•    Netzwerke und Umwelt. 

Diese Themen bewegen auch gerade die Menschen in unserer Stadt. Die aktuellen Umbrüche und Verschiebungen in unserer Gesellschaft stellen uns vor vielfältige Fragen. 
Schon im letzten Jahrhundert konnte man beobachten, dass Social Design immer dann eine besondere Relevanz bekam, wenn sich gesellschaftlicher Wandel ankündigte oder wenn es durch politische, ökonomische und ökologische Umbrüche zu sozialen Krisen kam.
Aktuell erleben wir wieder einen gesellschaftlichen Umbruch, der auch unsere Kultureinrichtungen, darunter natürlich die Museen, nicht kalt lässt. 

Museen erfüllen bereits sehr engagiert seit vielen Jahren auch eine große Zahl gesellschaftlicher Aufgaben: Wissensvermittlung, kulturelle Bildung, Unterhaltung, erlebnisorientiertes oder lebenslanges Lernen, Begegnung, Austausch, Kontemplation und sicherlich noch einiges mehr. 

Und nun auch noch das Thema Social Design, als zivilpolitische und emanzipatorische Dimension im Aufgabenspektrum der Museen?
Ich meine, ja – Museen können das! 

Das MKG wagt auf diesem Weg einen weiteren Schritt: Mit dem Nachbarschaftsprojekt „ARGE unmittelbare Nachbarschaft“ wird es zum ersten Mal selbst zum zivilgesellschaftlichen Akteur und initiiert in Kooperation mit dem „Drob Inn“ und „Construct-Lab“ eine Auseinandersetzung mit der Frage der Gestaltung des öffentlichen Raums rund um das Museum. 

Selbstverständlich setzt das MKG dabei auf Einbeziehung von Anwohnerinnen und Anwohnern, Behörden, Universitäten, Experten und Expertinnen. 

So entsteht ein auch künstlerisch initiiertes Projekt im urbanen Raum, das auf Teilhabe an Stadtgestaltung ausgerichtet ist und damit an der Schnittstelle zu politischem Aktivismus, sozialer Arbeit und städtischer Planung operiert.

Das Museum entwickelt einen neuen Zugang zu einer Frage, die auch die Behörde für Kultur und Medien gemeinsam mit den rund um den Hauptbahnhof ansässigen Kultureinrichtungen und den Bezirk Mitte beschäftigt. 

Es geht darum, die Bedürfnisse hinsichtlich der Umfeldsituation des „Drob Inn“ und des Museums ernst zu nehmen, sie für alle Beteiligten im guten nachbarschaftlichen Miteinander zu verbessern. 

Das Museum bearbeitet all diese Themen auf einer ganz anderen, aber nicht weniger konkreten Ebene und öffnet sich mit diesem Projekt noch weiter in die Stadtgesellschaft hinein – und wird dadurch zum Thema für seine eigene Ausstellung. 

Auch wenn dieses konkrete partizipative Projekt für das MKG neu ist, so ist es die Beschäftigung mit aktuellen und gesellschaftsrelevanten Themen keineswegs. 

Deutlich wurde dies zum Beispiel in der ersten Kooperation zwischen dem MKG und dem Museum für Gestaltung Zürich in 2012/13 mit der Ausstellung „Endstation Meer? Das Plastikmeer Projekt“. 

Noch deutlicher wird es, wenn man in Ihre Biografie schaut, liebe Frau Prof. Beyerle – Sie haben Designtheorie studiert, sich das Thema Social Design zu eigen gemacht und intensiv an dieser Ausstellung mitgewirkt. 
Ihre Handschrift und ihre Haltung werden deutlich sichtbar. 

Für das MKG ging es schon immer um die Gestaltung von Räumen, auch um die Gestaltung von Räumen des sozialen Handelns. Es ging immer schon darum, zu zeigen, dass die Gestaltung der unmittelbaren Umwelt auch unser Verhalten und unseren Blickwinkel in der Welt ändert. 

Ich danke dem MKG und dem gesamten Team für den Mut, Verantwortung zu übernehmen, immer wieder auch unbequeme Fragen zu stellen und Herausforderungen der Stadtgesellschaft interdisziplinär anzugehen und zu ihrer Lösung beizutragen. 

Sie zeigen beispielhaft, welche Rolle das Museum als Ort des gesellschaftlichen Diskurses spielen kann. 
Genau das brauchen wir in unserer Stadt und in unserer Gesellschaft.

Kritikerinnen und Kritiker im Diskurs des Social Design sehen eine Gefahr darin, dass sich mit dem umfassenden zivilgesellschaftlichen Engagement eine Beruhigung der zugrunde liegenden Konflikte ohne tatsächliche gesellschaftliche Veränderung einstellt, in dem Sinne eines „Na ja, die kümmern sich ja schon“…

Die Motivation und die Notwendigkeit politischen Handelns seien aufgrund der sozialen Gestaltung häufig nicht mehr spürbar. 

Ich denke aber, dass diese kritische Perspektive die Wirkungsmacht von Social Design-Projekten verkennt. 

Es geht schließlich nicht um ansprechende Oberflächengestaltung, sondern um die Kerne sozialer Prozesse im Wandel der Zeit.

Entsprechende Projekte sollen die Gestaltung durch die Politik nicht ersetzen, denn für die Fragen, denen sich die hier gezeigten Social Design-Projekte widmen, muss auch die Politik Antworten finden. 
Sie kann das aber unter Umständen kompetenter tun, wenn sie sich die Innovationskraft des Designs zunutze macht.

Für die Kulturpolitik bedeutet es ganz konkret, die Räume dafür zu schaffen, dass sich unsere Kulturinstitutionen positionieren und engagieren können, so wie es das MKG tut. 

Ich wünsche Ihnen nun einen inspirierenden Abend.
Von Ihnen wünsche ich mir, dass Sie wieder kommen und Prozesse, die sich in Gang setzen werden, begleiten und sich sogar direkt einbringen, relevante Themen in die Stadtgesellschaft hineintragen und so nicht nur aktiv zum Erfolg dieses Projektes beitragen, sondern ein Teil davon werden.

Vielen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

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