11. April 2019 Ausstellungseröffnung im MARKK „Von Menschen und Wölfen“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung im MARKK „Von Menschen und Wölfen“

Sehr geehrte Frau Professor Plankensteiner, 
sehr geehrter Herr Professor Tschofen, 
sehr geehrte Frau Ertener, 
meine sehr verehrten Damen und Herren, 

vor 14 Jahren der Songwriter Rainald Grebe das Lied „Brandenburg“ veröffentlicht. Darin heißt es: 

„In Berlin bin ich einer von 3 Millionen, 
In Brandenburg kann ich bald alleine wohnen,
(…)
In Berlin kann man soviel erleben,
In Brandenburg soll es wieder Wölfe geben.“

Heute steht der Wolf vor Pinneberg.

Diese Ausstellung kommt also zur rechten Zeit. Denn kaum ein Tier hält uns öffentlich so regelmäßig in Atem wie der Wolf. 

Ausgangspunkt für dieses Projekt war die Tatsache, dass – gerade hier in Deutschland – viel über die Rückkehr des Wolfes debattiert wird. Selbst globale Probleme wie der Brexit treten mitunter in den Hintergrund, wenn in Talkshows der Wolf zum Thema wird. Und selbst in den Koalitionsverhandlungen im Bund vor einem Jahr war der Wolf ein langes Streitthema.

Der Wolf erinnert uns daran, dass die Natur nach wie vor etwas Ungezähmtes und Wildes an unsere Haustüren bringen kann.

Die Berichterstattung über diese Besuche schwanken zwischen Romantik und Panik, liefert bisweilen aber auch wertvolle Hinweise wie den, dass der Wolf auf den Fluchtreflex seiner Beute reagiere und es sich daher nicht empfehle, panisch weg zulaufen. Ebenso wenig übrigens, wie den Wolf anzugrinsen, da er dies als aggressives Zähnefletschen interpretieren würde. Sprechen und singen hingegen helfe, weil der Wolf das nicht einordnen könne und dann lieber selbst das Weite suchen würde.

Die auch solche Stilblüten produzierende mediale Aufmerksamkeit lässt sich nicht aus einigen Sichtungen und gerissenen Nutztieren erklären.

Vielmehr drängt sich die Vermutung auf, dass es um viel mehr gehen dürfte, dass der Wolf, wie bereits so oft, als Stellvertreter herhalten muss: 
•    für „das Fremde“, das bedrohliche Unbekannte, für den Menschen, der dem Menschen ein Wolf ist – wie es bei dem römischen Dichters Plautus heißt
•    oder für die Unberechenbarkeit der Natur, die wir zähmen müssen
•    oder, im Gegenschnitt, für die Herrschsucht des Menschen, der es Einhalt zu gebieten gilt. 

Jedenfalls führt die Auseinandersetzung über den Wolf weit hinein in tief verankerte kulturelle Deutungsmuster.

Selbst das Märchen von „Rotkäppchen und dem bösen Wolf“ kommt deswegen zurzeit nicht gut weg. 2013 gab es von Naturschützern eine Kampagne unter dem Motto „Rotkäppchen lügt!“. Sogenannte Wolfsmanager – das sind Menschen, die Daten zu der Verbreitung der Wölfe erheben sowie Öffentlichkeitsarbeit betreiben – lesen ihren Kindern die Geschichte vom Rotkäppchen angeblich nicht mehr vor, damit sie sich kein schlechtes Bild vom Wolf machen. 

Ich glaube jedoch, dass Kinder ganz gut verstehen, dass Tiere in Märchen und Fabeln keine Tiere sind, sondern Stellvertreter für etwas anderes, dass es sich dabei um Allegorien handelt.

Ein launiger Journalist schrieb bei der Gelegenheit einmal, er hoffe, dass nach dem Wolf auch noch andere Märchentiere zurückkehren würden – er denke dabei insbesondere an den Goldesel…

Und es gibt ja auch andere Geschichten…

Als meine beiden Töchter noch kleiner waren, haben wir häufig zusammen das Kinderbuch „Steinsuppe“ von Anaïs Vaugelades angeschaut. Darin wird das, was wir mit dem Wolf ideengeschichtlich verbinden, auf wenigen Seiten auf die Spitze getrieben und zum Schillern gebracht. 

Das Buch erzählt die Geschichte von einem alten Wolf, der im Dorf der Tiere bei der Henne anklopft und fragt, ob er Steinsuppe bei ihr kochen dürfe. Die Henne hat noch nie einen Wolf gesehen, nur Geschichten gehört, und Steinsuppe kennt sie auch nicht. Also lässt sie den Wolf herein. Die aufmerksamen Nachbarn der Henne haben den Wolf gesehen und kommen nun nacheinander alle besorgt dazu, sind auch alle neugierig und tragen ein jeder Zutaten zur Suppe bei. 
Schließlich ist es ein netter Abend, bei dem der Wolf von allen zu seinem „Wolfsein“ befragt wird. Am Ende nimmt er den Stein aus der Suppe, sticht mit einem Messer hinein, meint „noch nicht ganz durch“ und geht. Die Tiere fragen, ob er wiederkomme, worauf er aber nicht antwortet. 

Ist das nun einfach nur eine kuriose Geschichte über einen alten Wolf und ein paar Tiere? Oder steht der Wolf stellvertretend für „das Fremde“ oder auch „den Fremden“, auf den die Gemeinschaft ihre Vorurteile und Erwartungen projiziert? 

„Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.” „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist“, heißt das komplette Zitat von Plautus.

Vielleicht lässt sich das Ende von „Steinsuppe“ so interpretieren, dass die Gesellschaft noch nicht reif ist, etwas Unerwartetes zu akzeptieren: einen freundlichen Wolf, mit dem man einen netten Abend verbringen kann. 

Oder erinnert der Stein an den Ballast, mit dem der Wolf im Märchen von den sieben Geißlein im Brunnen versenkt wurde?

Vielleicht symbolisiert der Stein auch eine auf ewig „unzerkochbare“ und damit unveränderliche Kleingeistigkeit. Der Wolf wäre dann also gar nicht böse. 

Es sei denn, der Stein war gar kein Stein, und der Wolf hat den anderen Tieren Fleisch zu essen gegeben, worauf der Stich in den Stein hindeuten könnte, was ihn zu einem besonders perfiden Untier machen würde. Aber hat der Wolf nicht auch auf einem der Bilder irgendwie hinterhältig geguckt? 

Das Buch ist ergebnisoffen und spielt so geschickt mit den verschiedenen Assoziationen zum Wolf. Es öffnet den Kosmos jener unterschiedlichen Zuschreibungen, von denen das Bild des Wolfes bis heute tief geprägt ist.
 
Auf der einen Seite stehen die Wildheit und Aggressivität des Wolfes, die in den Geschichten vom Blutrausch des Tieres ebenso gerinnen wie im Mythos des Werwolfs, demzufolge der Mensch in Vollmondnächten selbst zum Wolf werden kann. 
Ganz perfide wurde dieser Mythos von den Nazis instrumentalisiert: 1944 gründete Heinrich Himmler eine paramilitärische Organisation mit dem Namen „Werwölfe“; Hitlers Hauptquartiere hießen Wolfsschanze, Wolfsschlucht und Werwolf. Noch heute finden wir ähnliche Symbole bei rechtsextremistischen Gruppierungen.

Dieses Bild vom Wolf als Gegenpol humanistischer Menschlichkeit hat seinen Ursprung vermutlich in einer Zeit, in der die Menschen sesshaft wurden, also vor etwa 10.000 Jahren. 

Der Idee einer inneren Gefährdung durch das „Wolfhafte im Menschen“ ging die äußere Bedrohung der vom Menschen geschaffen Zivilisation durch die Natur voraus: Wölfe hatten weniger Scheu als die meisten anderen Tiere, in den Lebensbereich der Menschen vorzudringen und sich dort die Nutztiere zu holen. 
Das hat ihr Image nachhaltig geschädigt.

Aber es gibt auf der anderen Seite auch das Bild des Wolfes als soziales, spontan zur Hilfsbereitschaft fähiges Wesen.
Nicht nur in Russland oder Japan oder bei den First Nations, sondern auch in der europäischen Geschichte finden sich entsprechend positiv konnotierte Beispiele, 
wie das „Muttertier“ von Romulus und Remus in der römischen Mythologie oder Kiplings Dschungelbuch, in dem Mogli behütet bei einer Wolfsfamilie aufwächst.

Das Bild von dem ausgeprägten Sozialverhalten innerhalb eines Rudels reicht bis weit in die aktuelle Popkultur hinein: 
“When the snow falls and the white winds blow, the lone wolf dies, but the pack survives.” – „Wenn der Schnee fällt und die weißen Winde wehen, stirbt der einsame Wolf, aber das Rudel überlebt“, heißt es in der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ mit Bezug auf die leidgeprüfte Familiensituation der Hauptprotagonisten.

Und Rumänien hat für seine aktuelle EU-Ratspräsidentschaft einen springenden Wolf als Logo gewählt, um Stärke und Mobilität der europäischen Staatengemeinschaft zu symbolisieren. 

Das Schillern zwischen Unberechenbarkeit und Unbezähmbarkeit auf der einen und Furchtlosigkeit und Stärke auf der anderen Seite macht bis heute die Faszination des Wolfes aus. 

Meine Damen und Herren, 

die heute zu eröffnende Ausstellung lädt dazu ein, dem oszillierenden und irritierenden Bild des Wolfes auf den Grund zu gehen, und sich zu fragen, was dieses Schillern ganz unmittelbar mit uns Menschen zu tun hat. 

Schließlich sind künstlerische Werke immer auch reflexive oder bedeutungsproduzierende Bilder von Menschen über den Menschen und seiner Stellung in der Welt. Kunst organisiert die Selbstbilder einer Gesellschaft.

Als eine Art Mängelwesen sind wir Menschen nicht nur auf schützende Ergänzungen unseres Daseins angewiesen, sondern wir besitzen darüber hinaus auch die Fähigkeit, die Natur zu erweitern um die Kraft der Kultur, zu der letztlich auch die Technik gehört. Statt uns unserer Umwelt anzupassen, was uns aufgrund unserer biologischen Eigenschaften oft nicht möglich ist, verändern wir Menschen unsere Umwelt, so dass sie unseren Zwecken dient.

Dass diese Kultivierung der Natur nicht zur Zerstörung führen darf, ist kein neuer Gedanke, aber ein zunehmend dringlicherer. Nachhaltigkeit und Ökologie sind keine Optionen, sondern Verpflichtung, wenn wir die Erde noch retten wollen.

Und an dieser Stelle taucht – ganz real – der Wolf wieder auf. Der scheinbare Counterpart des Menschen. Natur versus Kultur – das ist eine konstruierte Dichotomie, die schon Jahrtausende währt. 

Der Wolf erinnert uns Menschen daran, dass wir eine Verantwortung haben, und dass wir mit unserem ausgeprägten Gestaltungswillen die möglichen Folgen unseres Handelns immer mitdenken müssen. 

Der Wolf weckt in uns außerdem auch den uralten Wunsch nach Einheit in der Schöpfung, nach dem Einklang von Mensch und Natur, nach umfassender Harmonie.

Große aktuelle Themen. Menschheitsthemen. Kulturfragen!

Meine Damen und Herren, 

die Ausstellung „Von Wölfen und Menschen“ im Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt, im MARKK, greift all die unterschiedlichen Facetten des Themas auf. Sie schöpft dabei aus einem nahezu unbegrenzten Fundus. 

Die Aktualität des Themas und die multikulturelle und interdisziplinäre Herangehensweise, zeichnen die Ausstellung „Von Wölfen und Menschen“ aus. 

Diese mit neuem, modernem Design beworbene Ausstellung zeugt von dem großen Potential, das in diesem Haus liegt und bildet zugleich ein interessantes, sichtbares Signal für die begonnene inhaltliche Frischzellenkur und Neuausrichtung des Hauses. 

Hierfür möchte ich Frau Professor Plankensteiner und ihrem Team sowie den Unterstützerinnen und Unterstützern der Ausstellung herzlich danken und wünsche dieser so wichtigen Ausstellung viel Erfolg. 

Dass ausgerechnet die bedeutende europäische Sammlung des Hauses die Grundlage der Ausstellung bildet, zeigt außerdem, dass es bei der angestrebten Neuausrichtung um alle Kulturen und ihre Künste geht – gleichberechtigt und universell und im Bewusstsein der eigenen, notwendig zu weitenden Perspektiven: Dazu gehört auch, aber eben nicht nur, der Blick auf die kulturellen Traditionen Europas.

Und wer weiß, was als nächstes kommt. 
In der Presse war jedenfalls jüngst zu lesen, dass es im Wald aktuell viel gefährlicher sei, ein Wildschwein zu treffen, besonders wenn eine Bache ihre Frischlinge in Gefahr wähnt . . .

Die Konfrontation des kultivierten Menschen mit der Natur bietet augenscheinlich noch einiges an Möglichkeiten.

Vielen Dank!

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