25. April 2019 Einzugsfeier des Rowohlt Verlags

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Einzugsfeier des Rowohlt Verlags

Sehr verehrte Autorinnen und Autoren,
sehr verehrte Ulla Rowohlt,
sehr geehrter Herr Stefan von Holtzbrinck,
sehr geehrte Geschäftsführer Florian Illies, Peter Kraus vom Cleff und Jürgen Welte,
meine Damen und Herren,

das Deutsche Schauspielhaus hat 1.192 Plätze. Es ist das größte Sprechtheater Deutschlands. Wenn ich mich hier umschaue, ahne ich ein bisschen, wie sich Ernst Rowohlt gefühlt haben mag, als er den markanten Satz prägte: 
„Mein Verlag hat kein Gesicht, mein Verlag hat 1000 Augen.“ 

Tausend Augenpaare schauen mich nun an, weil ich Ihnen allen die Grüße des Ersten Bürgermeisters der Freien und Hansestadt Hamburg überbringen und Ihnen als erster ins Gesicht sagen darf, wie sehr wir uns freuen, dass der Rowohlt Verlag nach fast 60 Jahren von der Hamburger Straße in Reinbek an die Kirchenallee in Hamburg gezogen ist. 
„Hamburg bei Reinbek“, so wird es in den Impressen der Bücher in den nächsten Wochen stehen. Ein schöner Kommentar auch zu den aktuellen Debatten über Kultur im ländlichen Raum und in den Metropolen…

„Reinbek bei Hamburg“, das kannte jeder: Ungezählte Bücher stehen in den Regalen und werden hoffentlich auch herausgenommen – darunter Romane und Sachbücher, Anregendes und viel Hilfreiches. So mancher Student und manche Studentin hat sich mittels der Rowohlt-Monographien durch die eine oder andere Hausarbeit gerettet. Ich bilde da keine Ausnahme. Besonders hatte es mir Band 50585 angetan: „Elias Canetti“. 

Leider kein Rowohlt-Autor. Denn der legendäre Lektor Kurt Kusenberg, ab 1958 Herausgeber der rororo-Monografien, ließ an dem von mir verehrten Autor kein gutes Haar, bezeichnete eines meiner Lieblingsbücher, „Die Blendung“, als „eine Art Kopfonanie“. 

Ich zitiere aus dem Kusenberg’schen Gutachten: 
„Die Fabel: Ein spinneter Büchernarr, großer Sinologe, der seine widerliche Haushälterin heiratet, von ihr aus Haus und Besitz gedrängt wird und dann endgültig nur noch spinnt – diese allzu lineare Fabel wird genauso langstielig und quälerisch-gründlich vom Spinnrocken abgehaspelt, wie man es fürchtet – nichts bleibt einem erspart.“
Das vernichtende Fazit: 
„Canetti wäre als Autor eine unerfreuliche Last.“

Nun denn: Auch aus Gutachten kann man lernen, dass es in der Moderne unterschiedliche Meinungen zu fast jeder Frage gibt – und dass es das auszuhalten und zu diskutieren gilt.

Bei vielen, vielen anderen Manuskripten und Autorinnen haben Ernst Rowohlt, Heinrich Maria Ledig und auch Kurt Kusenberg ein hervorragendes Gespür bewiesen, auch wenn Ernst Rowohlt die Manuskripte ja angeblich nicht gelesen, sondern sie sich „gegen den Kopf geschlagen“ hat, um herauszufinden, ob sie etwas taugen. 
Eine Methode, die man den Volontären und Praktikantinnen vielleicht nicht unbedingt weitervermitteln sollte, die ich mir bei Behördenvermerken aber zu eigen machen werde.

Ein Verlag, der über 100 Jahre alt ist, der drei Mal gegründet wurde und praktisch in jeder deutschen Großstadt schon einmal angesiedelt war, besitzt zahllose Geschichten. Und ich bin schon gespannt, welche Anekdoten man sich in ein paar Jahren über Florian Illies zuraunen wird… 

Vor allem besitzt ein solch traditionsreicher Verlag aber eine Geschichte, auf deren Grundlage er sich längst von seinen Lektorinnen, Lektoren und Verlegern emanzipiert hat. Der Verlag ist mehr als die Personen und Generationen, die ihn mit Leben füllen. Er ist, wie Fritz J. Raddatz einmal sagte, „eine Idee“. Immer wieder aufs Neue Verantwortung für die Realisierung dieser Idee übernehmen zu dürfen, ist vermutlich Last und Lust zugleich.

Denn man kann nur voller Ehrfurcht auf all die großen Namen blicken, die ihre Bücher im Rowohlt Verlag veröffentlicht haben und veröffentlichen. Alleine die beeindruckende Zahl der Literatur-Nobelpreisträger und Nobelpreisträgerinnen: 
Sinclair Lewis, William Faulkner, Ernest Hemingway, Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Samuel Beckett, Toni Morrison, José Saramago, Imre Kertész, Elfriede Jelinek und Harold Pinter haben bei Rowohlt ihre verlegerische Heimat im deutschsprachigen Raum gefunden.

Auch wenn es von Ernest Hemingway durchaus mahnende Briefe an seinen Verleger gab: 
„Du solltest auch erfindungsreich genug sein, um mir ein bisschen Geld zu beschaffen. Wenn ich so feine Bücher schreibe, warum versuchst Du dann nicht, ein paar davon zu verkaufen?“, soll der Autor acht Jahre vor seiner Stockholmer Ehrung an Ernst Rowohlt geschrieben haben.

Doch ein Verlag ist ja nicht bloß ein Geldautomat für Autoren, sondern im besten Fall immer auch ein Kristallisationspunkt öffentlicher Diskurse, eine Quelle der Inspiration und Irritation, deren literarischer Strom eine Gesellschaft befruchten kann, wenn sie ihn denn nutzt.

Es ist diese Garantiefunktion für kulturelle Vielfalt, die in den aufgeregten Debatten über das Urheberrecht und die Gestaltung der digitalen Moderne bisweilen zu kurz kommt. Dabei sind es die Verlage, die dafür sorgen, dass uns die Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen begegnen kann.

Es ist eine kulturpolitische Kernaufgabe, diese verlegerische Leistung zu schützen und ihre Rahmenbedingungen sicherzustellen. Sie sichern kritisch rationale Öffentlichkeit.

Und mit Hans Fallada, Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko und vielen anderen war der Rowohlt Verlag als Wegbereiter der literarischen Moderne schon früh auch eine Heimat für kritische Stimmen. 

Ernst Rowohlt und „HMLR“ (Heinrich Maria Ledig-Rowohlt) haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die US-amerikanische Literatur in Deutschland bekannt wurde. 

Nach dem „Zweiten Weltkrieg“ dürsteten viele Menschen nach Büchern, die ihnen die verworrene, kriegserschütterte Welt begreifbar machten. Sie wollten weg von verharmlosenden, weichgespülten Texten und literarischen Durchhalteparolen. Sie wollten den Blick über den Tellerrand. 
Das passt gut nach Hamburg, in eine Stadt, die ja auch seit Jahrhunderten der eigenen Nation beim Blick in die Welt oft den Rücken zugewandt hat.

Rowohlt jedenfalls hat mit seinem Programm die Kultur- und Geistesgeschichte der Bundesrepublik wie kaum ein zweiter deutscher Verlag geprägt.

Und auch in der Verbreitung der Bücher wurden Maßstäbe der Öffnung und Demokratisierung gesetzt. „Rowohlts Rotationsromane“ haben sich für alle Zeiten als rororo in die Geschichte eingedruckt. 

Die heutigen Zeiten sind nicht minder herausfordernd. Auch in der Gegenwart kommt den Verlagen eine Herkulesaufgabe zu: 
Sie schaffen Orientierung in einem schier unermesslichen Angebot, indem sie literarische Welten öffnen und kuratieren.
Sie haben die Aufgabe, das Wichtige und Wesentliche hervorzuheben.
Sie ermöglichen uns mit klugen Übersetzungen den Zugang zur Literatur der ganzen Welt und weiten damit unseren kulturellen Blick.
Sie sind intellektuelle Knotenpunkte in einer sich regelmäßig emotional verheddernden Gesellschaft. 

Verlage markieren Positionen und stellen sich so in den Wind. 
Sie helfen uns dabei, die Welt ein bisschen besser zu verstehen. Denn wenn in unserer offenen Gesellschaft nichts mehr apriori gilt und wir ohne Geländer denken müssen, so brauchen wir doch das in Schrift geronnene Denken, das wir Literatur nennen und das uns klüger und informierter macht. Und damit auch diskurs- und demokratiefähiger!

In Hamburg erhoffen wir uns von Rowohlt neben der weiteren kulturellen Belebung eine entschiedene Stimme, die mit Büchern Position im demokratischen Gefüge unseres Landes bezieht, die zu Debatten auffordert, die die richtigen Fragen stellt – und die Antworten aushalten kann. 

Rowohlt fügt sich schon örtlich ein in ein Band der Kunst und Kultur, das vom Literaturhaus über das Bahnhofsviertel mit der Kunsthalle, dem Schauspielhaus, dem Ohnsorg-Theater, dem Hansa-Theater, dem Museum für Kunst und Gewerbe über die Zentralbibliothek, die Markthalle, das Kunsthaus, den Kunstverein, die Freie Akademie der Künste bis zu den Deichtorhallen und dem Oberhafenquartier reicht. 

Es ist diese Dichte unserer Metropolen, die sie auch kulturell zu Laboratorien unserer Moderne macht. Und doch hat sich Hamburg in Sachen Literatur bislang eher hanseatisch bescheiden gegeben. 
Auch, wenn bereits 1479 in Hamburg die erste öffentliche Bibliothek Deutschlands eingeweiht wurde und sich die ersten Hamburger bereits 1493 mit dem Buchdruck beschäftigten. 
Auch, wenn schon Klopstock, Heine und Marx hier verlegt wurden.
Auch, wenn Siegfried Lenz unser Ehrenbürger war und das hiesige Literaturhaus mit seinen 30 Jahren immerhin das zweitälteste in Deutschland ist.
Auch, wenn es seit zehn Jahren ein großes internationales Literaturfestival gibt und von Altona bis Wilhelmsburg die Lesereihen blühen: 

Als Literaturstadt hat sich Hamburg bislang nicht gefühlt.
Denkt man an Verlage, fallen einem eher die großen Medienhäuser wie Die ZEIT, Der Spiegel oder Gruner + Jahr ein. 

Doch nun, wo der Rowohlt Verlag ganz und gar in die Stadt zieht, erhoffen wir uns – gemeinsam mit den bereits länger ortsansässigen wie Hoffmann & Campe – neue Impulse auf dem Weg zur Kulturstadt Hamburg, zu der die Literatur selbstverständlich dazu gehört.

„Ein Buch ist eine Zusammenarbeit von demjenigen, der liest, und dem, was gelesen wird, und bestenfalls ist dieses Zusammentreffen eine Liebesgeschichte wie jede andere,“ schreibt Siri Hustvedt, die vor kurzem auf dieser Bühne gelesen hat, in ihrem Roman „Sommer ohne Männer“. 

Ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, dass sich hier im weltoffenen Hamburg und im trubeligen St. Georg viele Liebesgeschichten anbahnen mögen, dass sie aufregend und anregend sein mögen, und dass sie mit dabei helfen, die alte Liebe der Hansestadt zur Literatur neu zu entfalten.

Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg heiße ich Sie, 
liebe Autorinnen und Autoren, 
liebe Lektorinnen und Lektoren, 
liebe Vertreterinnen und Vertreter, 
liebe Herstellerinnen und Hersteller, 
liebe Grafikerinnen und Grafiker, 
liebe Übersetzerinnen und Übersetzer, 
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Presse-, Marketing-, Vertriebs-, Veranstaltungs- und Rechteabteilung, 
liebe Geschäftsführer und Verleger,
alle sehr herzlich willkommen in Hamburg. 

Wir freuen uns auf Sie!

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