Behörde für Kultur und Medien

3. Mai 2019 Internationale Gedenkveranstaltung aus Anlass des 74. Jahrestages des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrationslager

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Internationale Gedenkveranstaltung aus Anlass des 74. Jahrestages des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrationslager

Sehr geehrter Herr Paiuk,
sehr geehrte Frau Sørensen,
sehr geehrte Frau Letterie,
lieber Herr Dr. Garbe,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

gemeinsam begehen wir heute den 74. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrationslager.

Dieser Tag ist für uns alle ein sehr wichtiger Tag. 
Er ist ein Tag der schmerzvollen Erinnerung. 
Und er ist ein Tag der Verantwortung im Hier und Jetzt.

Ich bin dankbar, dass Sie, die Überlebenden, deren Angehörigen und Nachfahren, heute hierhergekommen sind.

Ich bin auch dankbar, dass viele Schülerinnen und Schüler, unter anderem aus der Ida-Ehre-Schule, den Weg nach Neuengamme gefunden haben.

Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg begrüße ich Sie alle sehr herzlich zur zentralen städtischen Gedenkveranstaltung, die wir gemeinsam mit der Amicale Internationale KZ Neuengamme ausrichten.

Viele von Ihnen waren heute schon in Neustadt in Holstein und haben dort der Bombardierung der KZ-Schiffe in der Lübecker Bucht gedacht. 

Als Kind habe ich mit der Familie mehrmals im Jahr Urlaub im benachbarten Pelzerhaken gemacht. Der Weg zur Gedenkstätte hinter der Steilküste gehörte zu jedem Besuch an der Ostsee untrennbar hinzu – und verdeutlichte mir schon in jungen Jahren eindringlich, wie nahe das Menschliche und das Unmenschliche in unseren Taten beieinander liegen können.

Der Tod von 7.000 KZ-Häftlingen, die verbrannten, ertranken oder ermordet wurden, als sie es geschafft hatten, das rettende Ufer zu erreichen, markiert – so kurz vor dem Ende des Schreckens – ein besonders grausames von vielen grausamen Kapiteln der Verbrechensgeschichte des Zweiten Weltkriegs und Nazideutschlands.

Mit den „Kriegsendphasenverbrechen“, wie es die Justiz später nannte, eskalierte der NS-Terror in den letzten Kriegswochen und führte bis heute dazu, dass selbst die Worte Kriegsende und Befreiung, die „Anfang“ und „Freiheit“ bedeuten sollten, den bitteren Beigeschmack von Ende und Tod erhielten. 

Sie, die Überlebenden, die auch dieses Jahr mit Ihren Angehörigen aus vielen Ländern nach Hamburg gereist sind, sind mit Ihren Erinnerungen und Erzählungen für uns Nachgeborene eine unmittelbare Verbindung zu den damaligen Ereignissen. 

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Kraft und die Bereitschaft, heute hier zu sein.
Sie stellen sich Ihren eigenen Erinnerungen. 
Sie stellen sich den Fragen junger Menschen. 
Ihre Anreise und Anwesenheit 74 Jahre nach Ihrer Befreiung sind alles andere als selbstverständlich.

Ihre Erinnerungen und Erzählungen helfen uns, das Unbegreifliche greifbar zu machen und das eigentlich Unvorstellbare als real zu spüren. 
Ihr Zeugnis von den Schrecken der NS-Herrschaft ist ein wichtiger, ein unverzichtbarer Schlüssel nicht nur zum Verstehen, sondern auch zu der immensen Verantwortung, die wir heute übernehmen müssen, damit der Nachkriegskonsens der Bundesrepublik – das Versprechen „Nie wieder!“ – auch in Zukunft gelten kann. 

Der spanische Schriftsteller Jorge Semprun, selbst Überlebender des KZ Buchenwald, wies einmal darauf hin, wie wichtig das Weitervermitteln der eigenen Erfahrungen sei, weil es hinausginge „über die notwendige, aber unzureichende Arbeit der Historiker und Soziologen“.

Ihre Lebenswege, die in der Gedenkstätte zusammengetragenen Berichte und Interviews, die Biografien in den Ausstellungen gehören zu den eindringlichsten Belegen dafür, wie wichtig es ist, immer wieder über Folgen von Rassismus, übersteigertem Nationalismus oder gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aufzuklären.

Mit Blick auf die zwangsläufig zunehmende geschichtliche Distanz zu den Verbrechen und dem zunehmenden Verstummen der Augenzeugen wird es umso bedeutsamer, dass wir einer falsch verstandenen Historisierung der Shoa und der NS-Zeit allgemein vorbeugen. 
Vielmehr müssen wir gemeinsam mit den nachfolgenden Generationen und den Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen kulturellen und religiösen Gruppen unserer offenen Gesellschaft neue Wege finden, der zur Übernahme der Verantwortung für die Freiheit, Offenheit und Vielfalt unserer Gesellschaft führen.

Ich bin Ihnen dankbar, dass viele von Ihnen aus Anlass des Gedenktages hier in Neuengamme die Chance ergriffen haben, sich zu vernetzen und ganz konkret über aktuelle Formen der Zusammenarbeit und die Zukunft der Erinnerung zu sprechen.

In den letzten Tagen haben Sie intensiv diskutiert und dabei nicht nur das Unbehagen gegenüber aktuellen rechtspopulistischen, nationalistischen Tendenzen im Auge gehabt, sondern auch Widersprüche in der Erinnerungskultur bis hin zu Kontinuitäten der Marginalisierung bestimmter Verfolgtengruppen und ihrer Nachkommen thematisiert. 

Wie wichtig ein solcher Dialog ist, wie wichtig es ist, tatsächlich miteinander zu sprechen, zuzuhören, andere Biographien der Nachfolgegenerationen anzunehmen und so in eine gemeinsame Zukunft zu blicken, die mehr vom Miteinander als vom Gegeneinander geprägt ist, kann vermutlich jeder von uns aus der Kommunikation mit anderen belegen. 
Wir erleben aktuell leider viel zu häufig, dass die Selbstverständlichkeit des aufgeklärten Gesprächs miteinander eben keine Selbstverständlichkeit ist, dass Sprache wieder zur Waffe wird und durch Verächtlichmachung Ausgrenzung ermöglicht werden soll. 

Sich diesen Tendenzen couragiert entgegenzustellen, die eigene Stimme zu erheben, ist eine der zentralen Aufgaben in unserer vielfältigen Gesellschaft.

Eine lebendige Demokratie braucht Bürgerinnen und Bürger, die sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Gesellschaftliche Teilhabe heißt, sich einzumischen, neue Perspektiven einzubringen.

Die Shoa ist ohne Vergleich, ein singuläres Menschheitsverbrechen, begangen von Deutschen, das uns bis heute fordert und fordern muss. 
Wer ihre Bedeutung herunterspielt oder banalisiert, der vergeht sich an den Schicksalen der Opfer und ihrer Angehören ebenso wie an den Idealen unserer eigenen Gesellschaft.

Wenn heute der Antifaschismus zum breiten Konsens erklärt wird, so bezieht sich das auf die Feststellung der gemeinsamen Verantwortung im Kampf gegen den Rechtsextremismus. 
Aber es bedeutet nicht, dass plötzlich auch alle weiteren ideologischen Positionen der so genannten Antifa breite gesellschaftliche Resonanz erwarten dürfen.

Wer die offene Gesellschaft will, in der tagtäglich im Miteinander aufs Neue entschieden werden kann, wie wir zusammenleben wollen, dem ist jedes geschlossene Gesellschaftsbild – ob von ganz rechts oder von ganz links zuwider. Traditionelle und nicht zu hinterfragende Wahrheiten bergen die Gefahr der Unfreiheit in sich. 

Wichtiger als solche semantischen Strategien ist die praktische Aufklärung im Alltag. Es geht um das Hinsehen, das Eingreifen und das Markieren unseres Werte-Fundaments im Glauben an die Einheit der Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen.

Es gibt Beispiele, bei denen – auch dank großen zivilgesellschaftlichen Engagements – ein Dialog zwischen unterschiedlichen Perspektiven begonnen hat. 

Das erste Beispiel betrifft die Aufarbeitung der kolonialen Geschichte und die Entwicklung einer postkolonialen Erinnerungskultur. 
Jahrzehntelang war dies hier in Hamburg, wie auch andernorts, kein Thema. 
Gerade in einer Hafenstadt wie Hamburg mit ihren zahlreichen Bezügen und kolonialistischen Verwicklungen gehört dies zu den wichtigsten kulturpolitischen Aufgaben der Stadt. Hamburg stellt sich nun seiner Verantwortung. 

Und wir tun dies gemeinsam mit migrantischen Expertinnen und Experten aus den von Kolonialismus betroffenen Gesellschaften und generell mit Vertreterinnen und Vertretern zivilgesellschaftlicher Gruppen und Communities. 
Denn De-Kolonisierung kann ebenfalls nur im Dialog und mit der Gelegenheit zum Perspektivwechsel stattfinden.

Das zweite Beispiel, das ich meine, ist der Dialog mit der ganz jungen Generation. 
Viel zu oft wird über sie statt mit ihr gesprochen. Und viel zu oft wollen wir, die Älteren, ihnen etwas beibringen, ohne uns für ihre Perspektive zu interessieren. 

Ich denke aktuell an die europaweiten „Fridays-for-Future“-Demonstrationen, bei denen junge Menschen auf die Straße gehen, um sich für etwas einzusetzen, was für sie und ihre Generation wichtig ist. 
Ja, junge Menschen können von den Erfahrungen voriger Generationen lernen, aber genauso können auch ältere Generationen von der jungen Generation lernen. 

Sie fordern uns auf, dass wir uns und unsere Motive hinterfragen und vielleicht auch ändern. Der Dialog muss generationenübergreifend stattfinden – und er muss ein wirklicher Dialog sein, der unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven deutlich macht. 

Das gilt gerade auch für die erinnerungskulturelle Arbeit. 
Wir werden uns sehr anstrengen müssen, die Perspektiven jüngerer Menschen in die Arbeit systematisch einfließen zu lassen, um auf diese Weise Angebote der Aufklärung zu entwickeln, die auch genutzt werden und deshalb einen Effekt haben können.

Meine Damen und Herren,

Jan Pillipp Reemtsma hat einmal gesagt, dass es bei der Erinnerung an die NS-Verbrechen insbesondere auch um „das Bewusstsein einer Gefährdung“ ginge. 
Seit den NS-Gräueltaten wissen wir, dass wir dieses Bewusstsein immer aktuell halten müssen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir jedem Wiederholungsversuch kraftvoll entgegentreten können.

Erinnern heißt deswegen gerade heute auch, gemeinsam Strategien zu entwickeln, um die dramatische Bedeutung des Zivilisationsbruches, den dieses Land nicht nur erlebt, sondern begangen hat, im Bewusstsein zu halten und daraus Konsequenzen zu ziehen. Das ist eine Aufgabe, die nicht kleiner wird. Im Gegenteil. 

In unserer Gesellschaft gibt es immer weniger Dialog, stattdessen immer mehr Wertung und Bewertung – Daumen hoch oder Daumen runter…
Das verleitet zu raschen Urteilen und zu einfachen Schlüssen, die der Komplexität unserer Welt nicht gerecht werden. Die lauten, aber simplen Botschaften der Populisten können leider gut durchdringen, weil sie einfache Lösungen anbieten – aber um welchen Preis? 

Demokratie lebt vom Dialog und von der Debatte – auch über Themen, die uns tief und persönlich treffen. 
Als Gemeinschaft, in der Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen und Erfahrungen leben, ist dieser Dialog dringend notwendig. 
Es ist notwendig, das Bewusstsein lebendig zu halten und so einer Gefährdung zu begegnen. 
Statt auf dem Trennenden zu beharren, sollten wir etwas Gemeinsames schaffen.

Noach Flug, der 2011 verstorbene langjährige Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, hat ein Jahr vor seinem Tod gesagt: 

„Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. 
Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder für beendet zu erklären.“

Erinnerung verjährt nicht. Erinnerungsarbeit ist unverzichtbar. 
Erinnerung und Gedenken nehmen einen wichtigen Platz in unserer Gesellschaft ein, und das wird in unserer Stadt auch künftig so sein – mit Blick auf eine gemeinsame, demokratische, freie Zukunft.