6. Mai 2019 Theaterempfang der Landesvertretung Hamburg in Berlin

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Theaterempfang der Landesvertretung Hamburg in Berlin


Sehr geehrte Damen und Herren,

das Theater ist eine Kunstform, in dessen Zentrum der Mensch steht: Schauspieler und Schauspielerinnen agieren „live und in Farbe“ auf der Bühne während das Publikum ihnen zur exakt gleichen Zeit und im exakt gleichen Raum dabei zusieht. 

Das unterscheidet das Theater von den anderen Künsten. 
Im Kino sehen wir alles vermittelt durch die Kamera und wiedergegeben durch Projektion. Literatur findet in der Regel den Weg über das Buch oder das E-Book zu uns. Bildende Kunst hat viele Medien (Fotografie, Malerei, Videokunst etc.) aber nur bei der Performance, wo die Bildende also in die darstellende Kunst hineinreicht, braucht sie unabdingbar den Menschen als Träger der Kunst und als Vermittler für die Begegnung mit dem Publikum. 
Das Theater ist also ein zutiefst unmittelbares und analoges Erlebnis. 

Dies darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Theater seit Anbeginn an immer alle ihm zur Verfügung stehenden technischen Mittel genutzt hat, um unsere Welt abzubilden oder neu zusammenzusetzen. Schon in der Antike wurden Bühnenbilder mittels Winden und Flaschenzügen innerhalb kürzester Zeit verwandelt. Der „Deus ex machina“ wurde tatsächlich mit Maschinen, zum Beispiel. mit Kränen, auf die Bühne befördert. 

Windmaschinen, Bühnenregen, barocke Kulissenschieberei – das alles sind aus heutiger Sicht natürlich rührend altmodische Bühnentricks. Die Drehbühne, die 1903 in einer Inszenierung von Max Reinhardt noch wahre Begeisterungsstürme hervorrief, ist heutzutage Standard. 
Der Einsatz von Mikrophonen, die eine andere Stimmarbeit ermöglichen, sowie der Einsatz von Video, sowohl als Filmprojektion als auch mit der Live-Kamera, sind schon seit vielen Jahren gang und gäbe. 
Interaktive Formate mit Smartphone sind allerdings noch die Ausnahme. 
Hologramme oder Roboter auf der Bühne oder Theater mit Virtual Reality-Brillen – das alles wird gerade erst Thema.

Wären wir hier schon weiter, hätte man die Inszenierung „Das Internat“ von Ersan Mondtag vielleicht doch beim Theatertreffen zeigen können: Mit Augmented Realitity wäre das komplexe, doppelstöckige, auf einer Schräge befindliche und sich drehende Bühnenbild sehr leicht von Dortmund nach Berlin zu versetzen gewesen. Aber die Frage sei erlaubt: Würde so etwas den Kern des Theaters verändern?

Wie immer, wenn das Theater neue Mittel erprobt, gibt es auch jetzt wieder Diskussionen, ob dies der Kunstform Theater gut tue oder eher schade. 
In der einen Waagschale liegen Aura und Authentizität, 
in der anderen Anschlussfähigkeit und Gegenwartsbezug.

Theater ist ein Spiegel unserer Gegenwart. Das kann es aber nur sein, wenn es auch mit den Mitteln der Gegenwart arbeitet.

Wir erleben mit der Digitalisierung tiefgreifende Veränderungen unserer Gesellschaft. Mittlerweile durchdringt die Digitalisierung unseren gesamten Alltag. Ob selbstfahrende Autos, Waschmaschinen, die Waschpulver nachbestellen, wenn es alle ist, oder intelligente Löschroboter bei gefährlichen Großbränden – das Internet der Dinge, also die zunehmende Vernetzung von Geräten, Sensoren und Produkten wird unser Leben gravierend verändern. Es gibt Statistiken, die besagen, dass es schon jetzt mehr Geräte online als Zahnbürsten auf der Welt gibt… 

„Enchanted objects“ – „verzauberte Dinge“ hat David Rose, Unternehmer und Forscher am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT), das einmal genannt. So eine geradezu lyrisch anmutende Bezeichnung darf uns aber nicht davon ablenken, dass hier eine Mammutaufgabe auf uns wartet: die technologische Entwicklung, die einen so noch nie dagewesenen Umbruch der conditio humana mit sich bringt, ganz bewusst zu gestalten. Und zwar so, dass sie gewinnbringend für den Menschen und unsere Welt und nicht gewinnbringend für den Profit einzelner Unternehmen ist.
Dazu müssen wir das Verhältnis von Mensch und Maschine neu ausloten.

Es ist gut, dass sich das Theater hier einmischt und auf dieser Welle der Digitalisierung surft. Das ist deswegen gut, weil Theater bzw. die Künste im Allgemeinen nicht nur die „Chronisten ihrer Gesellschaft“ (Manfred Brauneck) oder „Seismographen ihrer Zeit“ (Ernst Bloch) sind, sondern weil Theater umgekehrt auch auf die Gesellschaft einwirkt. Weil es inspirieren und irritieren und damit reichlich Denkanstöße geben kann, weil es Zukunftsszenarien ausprobieren und im Spiel neue Formen von Kommunikation und Gesellschaft entwickeln kann.

Neben den ästhetischen und inhaltlichen Aspekten sind aber noch weitere Veränderungen durch die Digitalisierung zu nennen, dem sich die Theater intensiver werden zuwenden müssen. Das sind: 
1) die veränderten Gewohnheiten und Erwartungen in der Kommunikation mit dem Publikum (wo früher der Flyer reichte, sollte man heute über die verschiedensten Möglichkeiten zielgruppengerechter Kommunikation nachdenken),
2) die Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung im Bereich der Betriebsabläufe und der Produktion (Lichttechnik ist heute vermutlich schon weitgehend digital gesteuert; aber ein Bühnenbild in Augmented Reality ausprobieren oder Masken mit dem 3D-Drucker herstellen noch Zukunftsträume) und
3) die Herausforderung, partizipative Angebote und Formate zu entwickeln.

Die Digitalisierung hat uns so vielfältige Teilhabemöglichkeiten verschafft, dass diese zu einem Schlüsselfaktor geworden ist. Jeder kann jederzeit alles kommentieren, teilen, liken, tweeten, instagrammen oder bloggen. Jeder kann ohne große Hürden etwas produzieren und im Netz veröffentlichen. Wir sind ständig online, mittendrin und stets dabei, indem wir unterstützen, kommentieren, voten. Die Multimedialisierung der Kommunikation und die Allgegenwart von Social Media sind Teil unseres gesellschaftlichen Lebens geworden.

Damit setzen sich zunehmend auch die Kultureinrichtungen und die Künstlerinnen und Künstler auseinander. Theater will zunehmend sein Publikum herausfordern und direkt einbeziehen. Mittels Einsatz von Smartphones oder Tablets können Theatervorstellung zu einem dialogischen Akt werden. Grenzen zwischen Produzierenden und Konsumierenden verschwimmen und die scheinbar unüberwindbare Kluft zwischen Darstellerinnen und Zuschauern kann sich auflösen. Diese Auflösung der Grenzen kann als geradezu paradigmatisch für heutige gesellschaftliche Entwicklungen gesehen werden: Ein- und Zuteilungen und eindeutige Rollenzuschreibungen werden hinterfragt und umgedreht. 

Die Interaktion zwischen Publikum und Darstellerinnen und Darstellern öffnen neue Spielräume und Möglichkeiten und fordert eine neue Reflektion, was Theater ist und was Theater sein kann. Theater stellt sich damit als öffentliche Institution immer wieder neuen Aufgaben, für die es keine Gebrauchsanweisung gibt, wie sie erfolgreich zu bewältigen wären. 

Für diese Aufgaben benötigen Theater nicht nur die finanziellen Möglichkeiten, Theater benötigen insbesondere auch die Menschen, vor, hinter und auf der Bühne, die sich diesen Aufgaben mit Engagement und Know how widmen können und wollen. 

Wenn Theater das wollen – und ich setze voraus, dass sie das wollen – müssen sie also bei der Ausbildung anfangen. 
Dortmund ist hier mit seiner „Akademie für Digitalität und Theater“ noch ein Vorreiter und Pionier – ich bin sicher, andere werden folgen. In Essen ist bereits ein Masterstudiengang „Digitalität und Theater“ im Gespräch.

Die immer vielfältigeren technischen Möglichkeiten sollten das Theater allerdings nicht dazu verleiten, den Inhalt zugunsten vielfältiger technischer Möglichkeiten aus dem Blick zu verlieren. 
„Form follows function“ heißt ein Glaubenssatz von Designern und Architekten, der besagt, dass sich die Form, die Ästhetik aus dem Nutzen ableiten soll. 
„More matter, with less art!“ – „Mehr Inhalt, weniger Kunst!“ ruft die Königin in Shakespeares “Hamlet” ( 2. Akt, 2. Szene), weil sie nicht versteht, was Polonius ihr höchst „kunstvoll“ – also sehr umständlich – mitteilen möchte. 

Auf weniger Kunst soll mein Plädoyer nun sicherlich nicht lauten, aber am überzeugendsten ist Theater mit Sicherheit dann, wenn technologische Möglichkeiten, Ästhetik und Inhalt zu einer überzeugenden Einheit zusammenfinden. 

Die nachfolgende Diskussion wird sich damit auseinandersetzen, wie wir die Ausbildung in den Theaterberufen vernünftig und zukunftsgewandt gestalten können – was gibt es, was braucht es, was fehlt noch. 

Damit verknüpft sind auch die Fragen, wie wir das Theater und die Arbeitsplätze für die Zukunft gestalten wollen und wie wir die Möglichkeiten von digitalen Innovationen und genresprengenden ästhetischen Wegen bereits in der Ausbildung nutzen können.

Eine Aufgabe dabei ist, das Wissen um digitale Möglichkeiten strukturiert zu vermitteln und nicht bloß darauf zu vertrauen, dass jüngere Mitarbeiter das schon mitbringen werden. Zurzeit ist die Schere zwischen der Ausbildung an den Regie- und Schauspielschulen und den Erfordernissen der Praxis noch recht groß. Hier besteht also noch Luft – die wir aber nur dann mit Initiativen werden füllen können, wenn wir uns dem Faszinosum Digitalität angstfrei und fröhlich nähern, um seine Chancen zu nutzen.

Gerade in der Freien Szene, die nicht so einen großen Apparat bewegen müssen wie die Stadt- und Staatstheater, die kurzfristiger planen und riskanter agieren können, weil sie kein Haus mit tausend Plätzen füllen müssen, ist der Wagemut oft groß.

Die großen Häuser wiederum haben mehr Mittel und Möglichkeiten, um digitale Technologien in ihren Häusern zu erproben. Die festen Strukturen erlauben zudem nachhaltigere Implementierungen als in der Freien Szene.

Die Schulen wiederum haben den großartigen Vorteil, dass sie mit offenen, jungen Menschen arbeiten und in einem künstlerischen Schonraum experimentieren können. Die Herausforderung liegt hier sicherlich in der Implementierungsphase, da die Schülerinnen und Schüler nicht nur eine vielfältige Ausbildung auf der Höhe der Zeit erwarten, sondern auch eine solide, fachkundige Vermittlung, die sie fit macht für den Arbeitsmarkt.

Ich wünsche mir, dass alle Akteurinnen und Akteure mit Neugier und Wagemut an die neuen Herausforderungen heran gehen. Wenn es klappt, können sich die Ausbildungsstätten, die Freie Szene und die großen Institutionen gegenseitig befruchten.

Ich freue mich jetzt auf eine spannende Debatte, die uns hoffentlich viele Anregungen und Erkenntnisse geben wird, wie wir im Theater mit oder ohne VR-Brille neue Arbeitsmethoden und Ästhetiken im Theater entwickeln können. 

Vielen Dank. 

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