10. Mai 2019 Tagung „Hamburger und Altonaer Reformwohnungsbau der 1920er-Jahre. Vergleichende Perspektiven von Modellen der Moderne“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Tagung „Hamburger und Altonaer Reformwohnungsbau der 1920er-Jahre. Vergleichende Perspektiven von Modellen der Moderne“

Sehr geehrte Frau Dr. Hirsch,
sehr geehrter Herr Professor Michelis,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

moderne Städte sind immer in Bewegung. Gerade aktuell ganz besonders. Das zeigt auch die Ausstellung „Schöner Wohnen in Altona“ hier im Museum. Und es ist gut, dass wir im Bauhausjahr den Blick richten, auf die Ideen der modernen Stadtgestaltung. Und auch wenn die Hamburger Ansätze der Zwischenkriegszeit dazu immer ein wenig unter dem Radar geblieben sind, so zeugen die Arbeiten Fritz Schumachers und Gustav Oelsners doch in besonderer Weise davon, wie wichtig es ist, Stadtgestaltung sensibel und mit Augenmaß zu betreiben, um die Widersprüche der jeweiligen Wünsche an ein urbanes Umfeld in eine menschenbezogene steinerne Struktur zu gießen.

Das Wirken Gustav Oelsners war davon geprägt, die Lebensqualität der Menschen in Altona zu verbessern, vor allem auch derer, die wenig Ansehen oder wenig Geld hatten.

Sein Name steht bis heute für ein modernes Bauen, das gleichzeitig immer auch die Belange der Bewohnerinnen und Bewohner im Blick hatte. Seine Wohnbauten in Hamburg - Altona mit durchdachten Grundrissen, expressionistischen Klinkerfassaden, kleinen Balkonen oder Loggien und großzügigen Wohnküchen sind deshalb auch bis heute begehrt. 

Und auch seine öffentlichen Bauten, wie die 1911 gegründete Berufsschule „Haus der Jugend“ im Zentrum von Altona oder das Arbeitsamt an der Kieler Straße erfüllen bis heute ihren Zweck. 

Ein besonderes Augenmerk richtete Oelsner auch auf die Nacherholungsgebiete. Sein „Grüngürtelplan“ für Altona ergänzte seine sozialreformerische Vision von einem Wohnen mit „Licht, Luft und Sonne“.

Thema und Gegenstand Ihrer Tagung sind also gut gewählt.
Denn wir leben in Zeiten, in denen gutes und bezahlbares Wohnen zu den drängendsten Themen in unseren Städten gehören. Und in denen alle Fragen, die Oelsner beschäftigten, auch bei uns auf der Agenda stehen.

Auch für den heutigen Hamburger Senat gehört eine gute Wohnungsbaupolitik zu den politischen Kernaufgaben.
Die Entwicklung der Mieten ist zu einer sozialen Frage geworden, die heftig diskutiert wird. Es gibt viele Lösungsvorschläge, wie wir das Problem des zu knappen und zu teuren Wohnraums in den Städten lösen können. Entscheidend ist, dass es uns gelingt, genug neue Wohnungen zu bauen – in der Stadt und bisweilen auch an neuen Orten. 

Der Hamburger Senat hat sich daher das Ziel gesetzt, jedes Jahr 10.000 Wohnungen zu genehmigen, im Drittel-Mix zwischen gefördertem Wohnungsbau, regulären Mietwohnungen und Eigentum, um Wege zu bezahlbarem Wohnraum auszuloten. Damit schaffen wir die Grundlagen für ein gutes Wohnen in unserer Stadt.

Zugleich achten wir darauf, dass wir mit den Wohnungen auch die notwendige soziale Infrastruktur für eine wachsende Stadt schaffen. Und wir haben jetzt verabredet, wie diese Stadtentwicklung gelingen kann, ohne Grünflächen in der Stadt in Summe zu verdrängen.

Meine Damen und Herren,

Sie nehmen bei dieser Tagung zwei herausragende Architekten-Persönlichkeiten in den Blick. Sie befragen sie nicht nur nach ihrem historischen Vermächtnis, sondern auch auf ihre Aktualität und vielleicht sogar ihre Zukunftsfähigkeit. 

Aus der Geschichte lernen wir, dass das städtebauliche Leitbild einer Zeit einen großen Einfluss auf die konkrete Stadtplanung und Baukultur hat. Die Vorstellung, wie das ideale Wohnen zu sein habe, unterliegt dem Wandel der Gesellschaft. Denn unter dem Einfluss der jeweiligen historischen und politischen Ereignisse ändern sich immer auch die Wohnbedürfnisse der Menschen und damit die Konzepte der Stadtentwickler. 
Vice versa verändern unterschiedliche städtebaulichen Ideen nicht nur die architektonische Gestalt der Stadt, sondern beeinflussen auch das persönliche Umfeld und das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner. 

In den 1930er Jahren setzte sich Oelsner zwar für eine Trennung von Arbeiten und Wohnen ein. Aber wieder mit Augenmaß, wenn er 1951 – in einer Zeit, in der die Funktionstrennung als Nonplusultra galt – schreibt: „Chemisch reine Teile der Städte, ,reines‘ Wohngebiet, ,reines‘ Industriegebiet‘, ,reines Gewerbegebiet‘ […] gibt es nur in Lehrbüchern. Das Leben zwingt, den Weg des Möglichen zu beschreiten.“

Und er hatte deshalb auch so seine Probleme mit den Großstrukturen und Solitären der Nachkriegsmoderne, die dieses Prinzip auf die Spitze trieben.

Heute wünschen wir uns anstelle solch funktional differenzierter Strukturen das, was Stadtplaner eine walkable city nennen, also eine Stadt, in der wir alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen können. Und Gustav Oelsner kann dafür eine große Inspirationsquelle sein.

Ein zentrales Moment seines Wirkens können wir 1950 anlässlich der Verleihung des Fritz-Schumacher-Preises erkennen, wenn Oelsner zu Beginn seiner Dankesrede Ibsens „Baumeister Solness“ zitiert. Dort heißt es: 
„Heimstätten für Menschen schaffen! Wo Vater und Mutter und die ganze Kinderschar leben könnten in dem frohen und sicheren Gefühl da zu sein […]“ 

Die Bedingungen für so ein Gefühl der Freude und Sicherheit zu schaffen, darin sah Oelsner, der „kenntnisreiche Humanist“ (Max Brauer), seinen vorrangigen Auftrag. 
Er begriff Wohnungsbau und Stadtentwicklung nicht als abstrakte gestalterische Aufgaben, sondern immer als Dienst am Menschen. 

Und wenn es heute um die Aktualität Oelsners geht, dann steht dieser Anspruch des menschwürdigen Bauens zweifellos im Vordergrund. Dieser Anspruch gilt für uns heute noch immer.

Mit großer Vehemenz wandte Oelsner sich beispielsweise gegen die technizistischen und zu sehr auf Kosteneffizienz gerichteten Versuche, die „Schlichtwohnungen“ – wie er Sozialwohnungen bzw. Wohnungen für das Existenzminimum nannte – in ihren Flächen auf das absolut Notwendigste zu minimieren. 

Der Frankfurter Küche stellt er daher ganz bewusst Altonaer Wohnküchen entgegen, wo nicht die Perfektionierung der Abläufe auf kleinstem Raum im Mittelpunkt steht, sondern das Familienleben am Küchentisch. 

Andererseits war er sich sehr bewusst darüber, dass man „das Großstadtgelände nicht vergeuden“ darf. Der städtische Raum ist eine Ressource, mit der man sorgfältig umgehen muss. Diese beiden Aspekte gilt es damals wie heute in einer ausgewogenen Balance zu halten.

Bei allen städtebaulichen Herausforderungen und Schwierigkeiten, war Gustav Oelsner immer ein glühender Verfechter der Großstädte. Er hielt sie für eine der größten Kulturleistung überhaupt. Und obwohl sie zu seiner Zeit vielfach für „unheilbar krank“ erklärt wurden, wollte Oelsner immer „versuchen, Kulturparadiese aus den Großstädten zu machen.“ 

Er trat deshalb auch nur begrenzt für Auflockerung ein, weil er der Meinung war, das Hamburg „die Radikalkur der Auflösung nicht durchzumachen“ brauche. 
Denn damit, so Oelsner 1953 in „Hamburg und seine Bauten“, würden „wohl Verkehrsprobleme gelöst […] aber Werte zerstört, die dem alten Europa seinen Rang gegeben haben.“ 
Und mit emotionaler Eindringlichkeit fügt er hinzu, dass „[…] nur modesüchtige Narren […] die völlige Aufgabe der Großstadt […] vorschlagen“ könnten. 

In der Zeit des Wiederaufbaus meinte man, radikal neue Lösungen seien das Beste für die Städte. Zu einer Zeit also, als die „autogerechte Stadt“ ein Leitbild der Stadtplanung war, da denkt zwar auch Oelsner über innerstädtische Verkehrsverbindungen nach – gleichzeitig waren ihm aber auch der Erhalt stadtbildprägender Elemente und der Denkmalschutz sehr wichtig. Nach den Kriegszerstörungen mahnte er: 

„Das Wenige, das uns erhalten ist, verdient doppelte Berücksichtigung […] Die Patina ist wichtig und man sollte sie bei alten Dingen sorgfältig erhalten.“ 

So plädiert er 1951 beispielsweise dafür, den Turm von „St. Nikolai“ stehen zu lassen, auch wenn das Kirchenschiff nicht mehr zu halten sei. 
Oelsner erkannte den Wert der kulturellen Dimension. 

Und möglicherweise hat er dabei die Bedeutung der heute so interessanten subkulturellen Nischen in den raueren Ecken Hamburgs auch schon erahnt. 
So schilderte er beispielsweise das Bedauern eines Zeitgenossen – eines SPD-Bürgerschaftsabgeordneten – darüber, dass dessen Viertel nicht wieder aufgebaut werden sollte. Gemeint war Hammerbrook, ein Viertel, das erst im 19. Jahrhundert entwässert und bebaut wurde. Es entstanden dort viele Wohnungen für Umsiedler, die dem Bau der Speicherstadt weichen mussten. Also keine sehr angesagte und vermutlich auch nicht die hübscheste Wohngegend. 

Oelsner wunderte es jedoch nicht, dass der Zeitgenosse an seinem Viertel hing. Er wusste, dass sich gerade auch in Großstädten oftmals Lokalpatriotismus entwickelt. Und mehr noch: Oelsner war der Meinung, dass Lokalpatriotismus wichtig sei und wir ihn fördern sollten, „wo wir ihn irgend fördern können“. Lokalpatriotismus sei daher von der Stadtplanung immer mit zu berücksichtigen sei. 

Das ist auch heute wieder ein großes Thema. Wenn wir über Gentrifizierung sprechen, sprechen wir immer auch über Lokalpatriotismus. Es wäre daher eine interessante Frage für diese Tagung, zu erörtern, inwiefern sich beides verbinden lässt: Lokalpatriotismus und gewachsene Strukturen auf der einen und imageträchtige Bauten auf der anderen Seite. 

Die IBA hat dies mit dem Sprung über die Elbe versucht – das trägt nun auch Früchte für Stadtbild und Denkmalschutz, wie die Umwandlung der zunächst abrissbedrohten St. Maximilian Kolbe-Kirche zum Quartierszentrum zeigt. 

Diese Beispiele zeigen uns, dass Oelsner wusste, was wir uns auch heute immer wieder vergegenwärtigen müssen: Moderne Großstädte sind komplexe, atmende Organismen – und dazu gehören der Erhalt historisch gewachsener Quartiere mit ihrem Bestand an Baudenkmalen ebenso wie notwendige Veränderungen. Hier zu einem vernünftigen Ausgleich unterschiedlicher Interessen zu kommen, ist eine immerwährende wichtige Aufgabe.

Meine Damen und Herren,

ich danke den Veranstaltern, der Gustav-Oelsner-Gesellschaft und der Fritz-Schumacher-Gesellschaft , für die Initiative und Realisierung dieser Tagung.

Ihnen allen wünsche ich auch für den zweiten Tag viel Erfolg, neue Einsichten und anregende Diskussionen. Ich bin sehr gespannt auf ihre Ideen und Anregungen für die aktuelle Stadtplanung und Architektur. 

Vielen Dank. 


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