27. Mai 2019 Ausstellungseröffnung „City Nord. Als Hamburg die Bürostadt der Zukunft baute.“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung „City Nord. Als Hamburg die Bürostadt der Zukunft baute.“

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sehr geehrter Herr Borkenau,

„Heimat kann ein Ort nur dann werden, wenn er die Neugier herausfordert.“ 
Das hat der Psychoanalytiker und Publizist Alexander Mitscherlich im Jahr 1971 in seinen „Thesen zur Stadt der Zukunft“ geschrieben. Beim Namen Mitscherlich rechnet man natürlich zuerst mit dem Stichwort von der „Unwirtlichkeit der Städte“. Aber die Ausstellung, die wir heute eröffnen, ist angetreten zu zeigen, dass dieses Stigma nicht auf alle Räume der Moderne zutrifft. Ihre Qualität erschließt sich mitunter allerdings erst in der näheren Beschäftigung.

Die City Nord hat jedenfalls viel Potenzial, die Neugier zu wecken und sich näher mit ihr zu befassen. Seine architektonische und städtebauliche Gestalt ist sehr charakteristisch. Das Denkmalensemble mit mehreren Einzeldenkmälern ist ein Stück Hamburger Geschichte geworden. Die City Nord gehört – nicht nur für die Menschen, die dort arbeiten und leben – zur städtischen Identität. 

Ist sie also Heimat?

Der Berliner Architekt Jörg Springer hat beschrieben, dass Identität nicht als Konzept gebaut werden kann, sondern erst dadurch entsteht, dass die Bürgerinnen und Bürger einer Stadt ein Bauwerk als etwas Eigenes annehmen. Das geschieht jedoch, gerade bei neuen, radikal ungewohnten Bauweisen, meistens nicht adhoc, sondern in einer Art Lernprozess, bei dem die gesellschaftliche Identität gleichsam gemeinsam „erarbeitet“ wird. Das zunächst Unbekannte wird erkundet und peu à peu zum Bekannten. 

Aus diesem Aneignungsprozess heraus entsteht ein Gefühl von Heimat. 

Eine radikale, fortschrittsgläubige Moderne, wie wir sie hier in Hamburg mit der City Nord haben, ist also selten spontan mit dem Begriff „Heimat“ assoziiert. 
Aber ebenso verkehrt ist es ja, Heimat nur als das Bekannte, das angeblich Ursprüngliche, Bodenständige, Heimelige zu verstehen. 

Seit geraumer Zeit beschäftigen sich Initiativen, Wissenschaftler, Künstler und Fachverbände immer wieder damit, welche Bedeutung das architektonische wie auch gesellschaftliche Erbe der Moderne für die Identität unserer Städte hat und wie wir uns die moderne – oder: immer wieder neue, sich verändernde – Stadt zur Heimat machen können.

Es ist daher auch vor diesem Hintergrund eine große Chance, dass wir es heute hier mit der individuellen Sicht eines Künstlers zu tun haben, der uns mitnimmt in die City Nord und uns seine Sicht auf die modernen Hamburger Bürobauten nahebringt. 

Lieber Herr Borkenau, 

ich erlaube mir an dieser Stelle, Sie als Künstler zu bezeichnen. Auch wenn Sie in Kooperation mit dem Denkmalschutzamt den Auftrag hatten, seit 2001 in mehreren Schritten die schutzwürdigen Einzelbauten und die Gesamtanlagen zu dokumentieren, so sind Ihre Fotos doch alles andere als schnell geknipste Arbeits- und Entscheidungshilfen für die Denkmalpfleger. 

Die Fotos, von denen wir hier eine Auswahl sehen, sind vielmehr Kompositionen, bei denen jedes Detail, jede Einstellung stimmt. Die fotografischen Kunstwerke werden damit auch dem baukünstlerischen Anspruch der Architekten gerecht.

Deutlich wird aber auf jeden Fall, dass das Ensemble der City Nord nicht nur denkmalwürdig, sondern durchaus auch heimatfähig im Sinne Mitscherlichs ist. 

Denn wenn er zu Recht konstatiert, dass „Heimat Markierungen der Identität eines Ortes verlangt“, dann hat er zwar 1965 eher nicht an die City Nord gedacht. Aber wir müssen doch festhalten, dass das Rad der Geschichte sich weiter gedreht hat. Auch die Moderne ist in der Geschichte angekommen. Moderne ist verortbar geworden.

Zwar ist die City Nord eine weitgehend funktionsgetrennte Stadt – gegen die sich Mitscherlich wandte, aber sie ist alles andere als das beklagte „wilde Durcheinander“ von Vorortsiedlungen, sondern das Ergebnis vielschichtiger stadtplanerischer Bemühungen. 
Keinesfalls kann man hier die „erschreckende starre Gleichförmigkeit“ erkennen, gegen die Mitscherlich 1965 polemisierte. Jedem den Ort prägenden Gebäude war ein hochrangig besetzter Architekturwettbewerb vorausgegangen.

Zugegeben, heimelig ist es in der City Nord nicht gerade. Das liegt vor allem am großen Maßstab der Bauten und städtebaulichen Strukturen. 
Aber dennoch: Maß und Bezüge stimmen. Die Weite erhält eine Qualität durch das üppige und gleichwohl gut gestaltete Grün, in das die Gebäude eingebettet sind und in denen die hier Arbeitenden sich in ihrer Mittagspause erholen sollten. 

Leider muss man an dieser Stelle einwenden, dass nicht alle Bereiche in der City Nord von gleich guter Qualität sind. In den Fotos der zentralen Zone und im Begleittext ist das auch thematisiert. Keinerlei Abstriche sind jedoch bei den Einzeldenkmälern zu machen. Das sind hauptsächlich frühere und ausgewählte spätere Bürobauten. Hier entdeckt man bei genauer Betrachtung raffinierte Details, hochwertige Materialien in gut ausgeklügelten Kombinationen, edle Ausstattungen und elegante Fassadenlösungen.
 
Warum hat die Edeka-Zentrale eine feine rote Linie vor den blauen Fenstern? Weil diese geschickt den Sonnenschutz kaschiert. 
Wie kann man Technikräume auf überzeugende Weise unter einer großzügigen Grünfläche verschwinden lassen? Das haben die Architekten der Claudius Peters AG vorgemacht, deren ehemalige Zentrale letztes Jahr in ein Boarding House umgewandelt wurde.

Und was es bedeutet, wenn ein Gebäude als Gesamtkunstwerk entworfen wird – von der Fassade über Bodenbeläge und Wandvertäfelungen bis hin zum Mobiliar, zur Wanduhr und zum Aschenbecher –, das zeigen die Fotos der ehemaligen HEW-Zentrale von Arne Jacobsen. 

Doch wenden wir den Blick noch einmal vom Kleinen zurück zum Großen. Wenn wir die Planung der City Nord im gesamtstädtischen historischen Kontext sehen, dann können wir sie getrost auch als indirekte „Heimatschutz-Maßnahme“ verstehen: Der Senat hatte 1959 mit der Entscheidung für ein großräumiges „Geschäftsgebiet für Kontorhäuser“ nördlich des Stadtparks nämlich vor allem auch die Entlastung des Zentrums im Sinn. 

Der schnelle wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg hatte einen zunehmenden Raumbedarf mit sich gebracht. Rund um die Außenalster drohte in der Folge eine umfassende Umwandlung von Wohnraum in Gewerbeflächen. Gleichzeitig entstanden in zentraler Lage immer höhere Bürogebäude wie das alte UNILEVER-Hochhaus, für das das letzte Gängeviertel fiel.

Dem Senatsbeschluss für die City-Nord war 1956 eine Amerikareise des damaligen Oberbaudirektors Werner Hebebrand vorausgegangen. In New York beeindruckten ihn die Bürohochhäuser am Central Park in Lower Manhattan so stark, dass er auch für Hamburg einen „Commercial-Park“ vorschlug. 

Die Ansprüche an die Qualität der neuen „Bürostadt im Grünen“ waren außengewöhnlich hoch. Selbst die Grundstücke der Konzerne sollten mit ihrer Grüngestaltung zur großen Parkanlage beitragen.

Es war also nicht das Eigene, Vertraute, sondern im Gegenteil: Es waren die Eindrücke der Fremde, die den Oberbaudirektor zur Idee für die City Nord inspiriert haben. 
Und Herr Borkenau hat mir verraten, dass er sich bei den Innenaufnahmen an die ästhetisch perfekten Filmkulissen Stanley Kubrics erinnert gefühlt hat.

Vielleicht sind ja in der City Nord vor 50 Jahren Ufos im Park gelandet, die mittlerweile für viele Hamburgerinnen und Hamburger zu Identitätsankern geworden sind, ohne dass sie es – zum Teil zumindest – selbst schon bemerkt haben. 

Ich möchte an dieser Stelle vor allem Herrn Borkenau danken, und zwar nicht nur für seine eindrücklichen Fotos, sondern auch für sein Engagement, das er in die Ausstellung gesteckt hat. Danken möchte ich außerdem den Grafikern Grischa Goedderz und Viola Matthis und Herrn Dietmar Ridder, der bis letztes Jahr als Mitarbeiter des Denkmalschutzamts die „City Nord“ betreut hat und heute im Landesdenkmalamt Berlin arbeitet, aber das Ausstellungsprojekt trotzdem noch begleitet hat sowie darüber hinaus allen, die am Gelingen der Ausstellung einen Anteil haben. 

Und ich bin sicher, mit dem Abstand von 50 Jahren ist es gerade auch das einst Paradoxe, das unsere Neugier weckt und uns die Frage stellt, was „Heimat Moderne“ uns heute bedeutet. 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien