29. Mai 2019 Szenische Lesung "Widerstand in Berlin - von der Reichsprogromnacht bis Kriegsende"

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Szenische Lesung "Widerstand in Berlin - von der Reichsprogromnacht bis Kriegsende"

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin,
sehr geehrter Herr Dr. Vetter,
sehr geehrter Herr Francke,
sehr geehrter Herr Dr. von Voss,
sehr geehrter Herr Müller,
sehr geehrte Frau Gedeck,
sehr geehrter Herr Brandt,
sehr geehrte Studierende der Ernst Busch Hochschule,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

als am 17. Juli 1932 durch Altona 7.000 Nazis marschierten, wurden zwei Polizisten erschossen, woraufhin rund 5.000 Schüsse auf Anwohner abgefeuert, weitere 16 Menschen getötet und fast 300 verletzt wurden. Die Berichte über den „Altonaer Blutsonntag“ schafften es auf die Titelseiten US-amerikanischer Tageszeitungen. 
Ein Jahr später, nach der Machtübernahme der Nazis, gab es einen Schauprozess gegen die Kommunisten Bruno Tesch, Walter Möller, Karl Wolff und August Lütgens, die damals in Altona anwesend waren. Ohne echte Beweise sprach man sie schuldig, die Schüsse auf die Polizisten abgegeben zu haben; sie wurden zum Tode verurteilt.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten belieferten Ernst Tessloff und Elisabeth Ostermeier von einer Hamburger Bäckerei aus die sozialdemokratischen Kunden nicht nur mit Brot, sondern auch mit illegalen SPD-Schriften. 
Am 18. Dezember 1936 wird Elisabeth Ostermeier, die den Brotwagen fuhr, von der Gestapo festgenommen und für mehrere Monate in das Gefängnis nach Hildesheim gebracht.

Während des Krieges schlossen sich in Hamburg etwa 50 Studierende der Münchner Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an, darunter auch Hans Leipelt, Albert Suhr und 
Hannelore Willbrandt. Sie verteilten Flugblätter, die die Verbrechen des Naziregimes thematisierten und zum Widerstand aufriefen. 
Die meisten von ihnen wurden Ende des Jahres 1943 von der Gestapo verhaftet. Hans Leipelt wurde am 29. Januar 1945 hingerichtet. Hannelore Willbrandt und Albert Suhr wurden durch die US-amerikanische Armee befreit.

Meine Damen und Herren,
diese Beispiele zeigen: Menschen, die in einem totalitären Staat ihren Überzeugungen folgen und Widerstand leisten, riskieren alles. Sie riskieren ihr Leben. Das erfordert unvorstellbaren Mut. Einen Mut, von dem wir alle heute hoffen, dass wir ihn nie werden beweisen müssen. 

Gerade deshalb sollten wir alle heute Dankbarkeit und Demut denen gegenüber empfinden, die sich in den mörderischen Jahren des NS-Regimes auf die Seite der Freiheit, der Offenheit und der Aufklärung gestellt haben. 
Die alles riskiert haben, um die Barbarei zu bekämpfen. 
Die sich radikal ihrem Gewissen und ihren ethisch-moralischen Überzeugungen verpflichtet gefühlt haben.

Wir wissen, dass es zu wenige waren, die damals den Mut dazu hatten. Wir wissen auch, dass nicht alle nur aus hehren humanen Motivationen heraus handelten. 

Umso wichtiger ist die Frage, wer diese Menschen waren, die sich das trauten? Was sie antrieb, Menschen in unmenschlicher Zeit zu bleiben.

Wir werden heute Abend Briefe und Tagebucheinträge von solchen bewundernswerten Menschen hören. Wir werden von ihren Versuchen hören, kein „Rädchen im Getriebe“ der Nationalsozialisten, sondern stattdessen der „Sand im Getriebe“ zu sein. 
Wir werden von ihren Motiven erfahren, dies zu wagen – oder vielleicht: wagen zu müssen, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. 
Wir werden aber auch von ihrem Entsetzen, ihrer Hilflosigkeit, ihren Nöten, ihren Selbstzweifeln und ihrer Scham hören. 
In dieser Gebrochenheit liegt die vielleicht zentrale Quelle ihres Mutes.

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt wagt in ihrem Essay „Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur“ einen Erklärungsversuch, wie es passieren konnte, dass im Nationalsozialismus so viele Menschen geschwiegen und mitgetan haben. Sie stellt darin die Frage, was mit der menschlichen Urteilskraft geschieht, „wenn sie auf Ereignisse trifft, die den Zusammenbruch aller gewohnten Werte vorexerzieren“, auf Ereignisse also, in denen das Moralische illegal und das Unmoralische zur Pflicht wird?

Ich möchte Ihnen die Antwort dazu vorlesen:
„(…) der totale Zusammenbruch der ehrenwerten Gesellschaft während des Hitlerregimes [kann uns] lehren, dass es sich bei denen, auf die unter solchen Umständen Verlass ist, nicht um jene handelt, denen Werte lieb und teuer sind und die an moralischen Normen und Maßstäben festhalten; man weiß jetzt, dass sich all dies über Nacht ändern kann, und was davon übrig bleibt, ist die Gewohnheit, an irgendetwas festzuhalten. 
Viel verlässlicher werden die Zweifler und Skeptiker sein, nicht weil Skeptizismus gut und Zweifel heilsam ist. Sondern weil diese Menschen es gewohnt sind, Dinge zu überprüfen und sich ihre eigene Meinung zu bilden.“

Nicht einfach dem Zeitgeist oder der Mehrheit zu folgen, sondern sich in einem permanenten Zwiegespräch mit sich selbst zu befinden, selbst zu denken, sich in der Auseinandersetzung mit anderen und den Umständen ein eigenes Urteil zu bilden und dann auch danach zu handeln – als vernunftbegabte Wesen haben wir diese Freiheit. 
Wir besitzen den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. 
Um auf dieser Grundlage leben zu können, bedarf es einer gesellschaftlichen Ordnung, die die Freiheit zur Vernunft und zur Eigenverantwortung ermöglicht und sichert. 

Meine Damen und Herren,
wie Sie wissen, bin ich weder Historiker noch Philosoph, sondern Politiker. Mir erscheint der Passus von Hannah Arendt aber so zentral für die Idee eines verantwortungsvollen Handelns zu sein, dass wir ihn mühelos auch auf das Heute übertragen können – nämlich als Voraussetzung für das Gelingen der Staatsform Demokratie, die wir vor 100 Jahren erstmals auf deutschem Boden etabliert haben und seit nunmehr 70 Jahren mit Leben füllen.

Die Idee der Demokratie ist es, eben jene Freiheitsrechte zur Vernunft, zur eigenen Meinung, zur Gestaltung des eigenen Lebens und zur gemeinsamen Vereinbarung gesellschaftlicher Normen und Werte zur Grundlage unseres Zusammenlebens zu machen.

Sie speist sich daher aus zwei gleichermaßen starken Ideen:
Zum einen muss der Staat als Rechtsstaat die Rechte seiner Bürgerinnen und Bürger zur Freiheit schützen.
Zum anderen besitzen die Bürgerinnen und Bürger als Staatsvolk die Macht, die Geschicke des Staates zu bestimmen.

Die Demokratie gründet somit auf der Bereitschaft ihrer Bürgerinnen und Bürger, Verantwortung für sich und unsere Gesellschaft zu übernehmen. Sie liefert einen Rahmen und gemeinsame Verfahren, in denen wir unsere Konflikte friedlich klären können – im Idealfall nicht durch das Recht des Stärkeren, sondern durch den zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Und sie sichert als soziale Demokratie die Voraussetzungen dafür, dass wirklich alle diese abstrakten Freiheiten nutzen können.

Die Anwendung des eigenen Urteilsvermögens, der Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und die Bereitschaft, mit anderen darüber zu sprechen und sich zu verständigen – das sind die Grundlagen einer gelingenden Demokratie. 

Es sind die gleichen ethisch-moralischen Überzeugungen, die in einer totalitären Diktatur lebensgefährlich sein können, weil sie immanent auf die offene und demokratische Gesellschaft zielen und die Formierung des Denkens demaskieren.

Unsere heutige Gesellschaft ist gegründet auf jene Überzeugungen, für die die Widerstandskämpfer gegen den nationalsozialistischen Terror ihr Leben riskiert und geopfert haben. Gerade deshalb ist es in unseren Zeiten, in denen wieder Bücher über den Tod der Demokratien erscheinen, umso wichtiger, dass wir an diese Überzeugungen erinnern.

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, hat der kürzlich verstorbene Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde in einem berühmten Ausspruch festgehalten. „Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“ Er erläuterte, dass diese Freiheit von innen heraus durch die moralische Substanz des Einzelnen sowie der Gesellschaft reguliert würde, sie aber nicht mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Geboten garantieren werden könne, ohne die Freiheitlichkeit aufzugeben. 

Wir alle sind als Bürgerinnen und Bürger in einer freiheitlichen und offenen Demokratie gefordert, gemeinsam diese wesentlichen Rahmenbedingungen zu vereinbaren, zu sichern und durch die Anwendung unserer Vernunft immer wieder aufs Neue mit Leben zu füllen. Wahrheitsansprüche sind heute nicht mehr gesetzt, sondern folgen der Verständigung in unserer Gesellschaft.

Mut ist dazu auf dem Boden des Grundgesetzes kaum nötig, wohl aber die Bereitschaft, nicht nachlässig oder bequem zu werden.

Wir haben nach Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes sogar das Recht zum Widerstand „gegen jeden, der es unternimmt, diese (d.h. die freiheitlich-demokratische) Ordnung zu beseitigen“.

Widerstand richtet sich gegen den verbrecherischen Staat oder aber den Versuch, ihn auf Kosten der Freiheit zu errichten. 
In unserer Demokratie haben wir die Chance, vorher zu verhindern, dass wir derartigen Widerstand überhaupt leisten müssen: Es geht heute vielmehr darum, gemeinsam die Errungenschaften unserer offenen, freiheitlichen und vielfältigen Gesellschaft tagtäglich mit Leben zu füllen, um sie engagiert durch Anwendung zu bewahren. 
Das sind wir nicht zuletzt jenen schuldig, die ihr Leben im Kampf um die Freiheiten ließen, die wir heute so umstandslos in Anspruch nehmen können.

Meine Damen und Herren,
die mutigen und tapferen Menschen, die im Widerstand gegen die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten in Hamburg von der Polizei und Gestapo festgenommen, verhört, gefoltert und umgebracht wurden, sind uns daher bis heute ein Beispiel. 
Sie ermahnen uns, auch in der Gegenwart – unter deutlich leichteren und gefahrloseren Bedingungen – nicht den Ausweg in die bequeme Nachlässigkeit oder aber die teilnahmslose Resignation zu gehen. 
Ihre Geschichten fordern uns dazu auf, die Möglichkeiten der Teilhabe engagiert zu nutzen, die unsere demokratische und offene Gesellschaft bietet.

Vielleicht braucht es aktuell keinen Widerstand gegen einen Staat, der sich auf die fortschrittliche Verfassung des Grundgesetzes gründet. Aber ganz sicherlich braucht es Widerstand gegen all jene Kräfte, die versuchen, die Errungenschaften dieser Verfassung zu untergraben und zurückzudrängen zugunsten einer geistig engeren und dumpferen Gesellschaft. Hier sind Demokratinnen und Demokraten gefordert, den Anfängen zu wehren.

Um auch angesichts dieser Herausforderungen die Beispiele des Widerstands gegen den Nationalsozialismus im städtischen und im demokratischen Bewusstsein zu halten, braucht es in Hamburg einen Erinnerungsort an den Widerstand. Der Geschichtsort in den Stadthöfen ist ein Ort der Erstinformation, die Tafel in Fuhlsbüttel eine Markierung – beides reicht nicht aus.

Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir im Zuge einer Fortschreibung der erinnerungspolitischen Konzeption in Hamburg einen Ort schaffen, an dem ausführlich und gebührend an den Hamburger Widerstand erinnert wird und ihm gedacht wird. 

Ich danke Klaus Francke und dem „Fördererkreis Mahnmal St. Nikolai“ für die Initiative zu dieser Gedenkveranstaltung; Hauptpastor Dr. Vetter dafür, dass diese Lesung hier in St. Nikolai stattfinden kann; der Stiftung 20. Juli 1944 und der Freya von Moltke-Stiftung für ihren unermüdlichen Einsatz, an den Widerstand zu erinnern; Pfarrer Thomas Müller für seine Mitwirkung; Dr. Rüdiger von Voss für die Inszenierung dieser Lesung sowie natürlich Martina Gedeck, Matthias Brandt und den Studierenden der Hochschule Ernst Busch für die Lesung der Texte.

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