6. Juni 2019 Neueröffnung des Bucerius Kunst Forums

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Neueröffnung des Bucerius Kunst Forums

Lieber Herr Prof. Göring,
sehr geehrte Frau Prof. Lange,
sehr geehrter Herr Prof. Marg, sehr geehrter Herr Flatau,
sehr geehrter Herr Prof. Hoffmann,
sehr geehrte Frau Dr. Baumstark,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

„Here we are today“ – der Titel der Ausstellung, die wir heute eröffnen, könnte nicht passender sein für den heutigen Anlass. 
Eröffnet wird nicht nur die Ausstellung, sondern auch das ‚neue‘ Bucerius Kunst Forum, besser gesagt, das Bucerius Kunst Forum in neuen Räumen. 

„Here“ – das stellt die Frage nach dem Standort: wo stehen wir? 
Physisch: jetzt im Moment in den rund 3.400 Quadratmetern des neuen Bucerius Kunst Forums am Alten Wall, in diesen großartigen, vom Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner gestalteten Räumen.
Geographisch: in Hamburg, Deutschland, Europa, Breitengrad 53.5625, Längengrad 9.9573.
Gesellschaftlich: in einer von Globalisierung, Digitalisierung, Migration und Klimawandel verunsicherten Welt.

Wen meint das „We“, das Wir, im Titel? Zunächst einmal vielleicht das Team des Bucerius Kunst Forums selbst in den neuen Räumen; wenn wir diesen konkreten Bezug aber weglassen, umfasst es uns alle. 
Aus gutem Grund steht das Eröffnungsfestival, das in den nächsten zwei Wochen bei freiem Eintritt ein vielfältiges Programm anbietet, unter dem Motto:
„Offen. Für Kunst. Für Hamburg. Für die Welt.“ 

„Today“, das zielt auf die Verortung im Heute, in der Gegenwart. Und meint im genauen Wortsinn vielleicht sogar die Gegenwärtigkeit, die – anders als die schlichte Anwesenheit – die Geistesgegenwart einschließt: die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen, sie verstehen zu lernen und daraus ein vernünftiges Handeln erwachsen zu lassen. 

„Here we are today“ – das verspricht also eine Positionsbestimmung zu werden, ein Lagebericht, eine Bestandsaufnahme. 

Die Ausstellung versammelt zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, die in den Medien Fotografie und Video arbeiten. So unterschiedlich sie diese ästhetischen Mittel einsetzen, so breit aufgestellt das Themenfeld ist, so haben alle Positionen doch eines gemeinsam: Sie setzen sich mit zentralen Fragen unserer Gegenwart auseinander. Gegliedert sind sie in die fünf großen Kapitel „Identität, Heimat, Vergangenheit, Verbrechen und Kapital“.

Andreas Gursky, dessen Bilder in der aktuellen Ausstellung zu sehen sein werden, sagte im Interview mit dem SPIEGEL: 
„Wenn ich zu dem Ergebnis komme, ein Bild sage nichts über den Status quo dieser Welt aus, lasse ich es.“
Die Arbeiten in dieser Ausstellung verbindet, dass sie uns alle etwas über den „Status quo“ dieser Welt sagen. Sie setzen sich analysierend, sezierend, kritisch, utopisch oder dystopisch mit unserem Zeitgeschehen auseinander. 

„Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war“, hat der englische Philosoph John Locke einmal gesagt. 
Die Bildende Kunst, die Künste insgesamt, lehren uns, die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen, wachen Auges und offenen Ohres. Künstlerinnen und Künstler sind nicht klüger oder vernunftbegabter als andere Menschen. Was wir von Ihnen aber lernen können, ist genau dies: Wahrnehmungsschärfe – und die ist wiederum die Voraussetzung für Erkenntnis. 

Bildenden Künstlerinnen und Künstlern gelingt es, über das Mittel der Visualisierung den Blick hinter die vermeintlichen Realitäten zu richten, den Blickwinkel auf die Welt zu weiten und die Perspektive zu verändern. So tragen sie dazu bei, gesamtgesellschaftlich relevante Entwicklungen zur Diskussion zu stellen. 

„Here we are today“ – hier sind wir also, an einem Ort, der beste Voraussetzungen für Diskussionen über die drängenden Themen unserer Zeit bietet: dem neuen Bucerius Kunst Forum.

Die Ausstellungsfläche wurde nicht wesentlich vergrößert, das war eine sehr bewusste Entscheidung, denn das „Konzept der kompakten Ausstellungen“ kommt an. Aber andere Flächen wurden sehr wohl vergrößert, fast 1.000 qm mehr stehen zur Verfügung für Veranstaltungen sowie den Servicebereich und – ganz neu – für ein Atelier für die Vermittlungsarbeit. Hier wurde also ganz bewusst Platz geschaffen für etwas, das heute in unseren Museen und Ausstellungshäusern immer wichtiger wird: Begegnung und Dialog. 

Um das zu gewährleisten, sorgt das „Bucerius Kunst Forum“ schon seit langem mit originellen Formaten dafür, dass möglichst viele Menschen sich angesprochen fühlen, hierher zu kommen. Das Programm richtet sich – nicht nur während des Festivals, sondern auch ganz generell – tatsächlich an alle: Eltern von Kleinkindern, kunstinteressierte Partygänger, gestresste Berufstätige. Das Bucerius Kunst Forum bietet uns eine Menge unterschiedlicher Wege an, um Kunst zu erleben. So ist es nah dran am alltäglichen Leben und seinen ganz praktischen Herausforderungen hier und heute. 

Das hätte wohl auch Gerd Bucerius (1906-1995) gefallen. 
In Erinnerung geblieben ist er vor allem als Gründungsverleger der ZEIT, Verleger des STERN, Mitbegründer von Gruner + Jahr, als Jurist, Stifter und Ehrenbürger. Ohne ihn würde es das Bucerius Kunst Forum nicht geben. 

„Kunst im Herzen der Stadt“ zu zeigen, das war 2002, als das Bucerius Kunst Forum eröffnet wurde, das selbstgesetzte Ziel. 

Von Seiten der Stadt hieß es bei der Eröffnung: 
„Das Bucerius Kunst Forum ist eine Bereicherung für die Kunstszene unserer Stadt. Die ZEIT-Stiftung erweist sich damit einmal mehr als großzügiger Förderer der Hamburger Kultur. Ich hoffe, dass es mit den bestehenden, international renommierten Ausstellungshäusern auf der Kunstmeile zu einem fruchtbaren Zusammenspiel kommt, von dem alle Seiten profitieren.“ 

Daraus sprach damals durchaus eine leichte Skepsis. 
Heute ist klar, dass sich diese Hoffnungen ausnahmslos erfüllt haben.

Mit dem äußerst erfolgreichen Konzept konzentrierter Themenausstellungen und dem Wechsel zwischen monographischen, thematischen und epochenübergreifenden Ausstellungen hat sich das Bucerius Kunst Forum nicht nur in Hamburg, sondern auch weit darüber hinaus einen Namen gemacht.

Seit seiner Eröffnung hat es rund 50 hochkarätige Ausstellungen gezeigt. Das Spektrum reicht von der Antike bis zur Gegenwart. Meist werden diese Ausstellungen durch international besetzte wissenschaftliche, didaktisch ausgerichtete Begleitprogramme flankiert. Dieser hohe Grad an Kontextualisierung zeichnet das Bucerius Kunst Forum besonders aus.

So zum Beispiel im Begleitprogramm der Ausstellung „Gerhard Richter. Bilder einer Epoche“ (2011). Gezeigt wurde ein Schlüsselwerk des Künstlers, der Zyklus „Oktober 18, 1988“, der den Tod der RAF-Mitglieder im Gefängnis Stammheim im Jahr 1977 thematisiert. Dazu wurde als Zeitzeuge Gerhart Baum, ehemaliger Staatssekretär des Inneren und späterer deutscher Innenminister zur Zeit des ‚Deutschen Herbstes‘ (1977) zu diesem Kapitel deutscher Geschichte interviewt.

Gemeinsam mit den Häusern der Kunstmeile, der regen Galerieszene, der Kunsthochschule sowie den freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern leistet das Bucerius Kunst Forum einen wichtigen Beitrag zur Profilierung des Kunststandorts Hamburgs. 

Museen und andere Kunstorte sind Zentren für gesellschaftliche Auseinandersetzungen. 
Als Mediatoren und Vertreter einer ‚kulturellen Diplomatie‘ bauen sie aktiv Brücken zwischen Gemeinschaften und Kulturen.

Das Medium dabei ist und bleibt die Kunst. 
Ihr zu Geltung, Aufmerksamkeit und Relevanz zu verhelfen, ist unser gemeinsames Ziel.

In diesem Sinne wünsche ich dem Bucerius Kunst Forum und seinem engagierten Team noch mehr Aufmerksamkeit für sein herausragendes Ausstellungsprogramm, 
sehr viel Erfolg beim Aufbruch in eine neue Ära am neuen Standort, viele Besucher und Besucherinnen, anregende Begegnungen und Diskussionen. 

Sie sind nun hier, und genau hier gehören Sie hin.



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